Ist die Zerstörung einer Skiloipe strafbar? Oder: Warum Wittgensteins Verständnis von Sprache im juristischen Diskurs an Grenzen stößt


Essay, 2016

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Problemstellung

2 Wittgensteins Sprachverständnis im Tractatus

3 Hilft das Sprachverständnis des Tractatus bei der Frage, ob eine Skiloipe eine Sache ist?

4 Wittgensteins Sprachverständnis in den Philosophischen Untersuchungen

5 Hilft das Sprachverständnis der Philosophischen Untersuchungen bei der Frage, ob eine Skiloipe eine Sache ist?

6 Resumé

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Im Jahr 1978 wurde die Frage virulent: Ist es strafbar, wenn ein Reiter hoch zu Ross mit seinem Tier auf einer Langlaufloipe galoppiert und so die Spur für Skisportler unbrauchbar macht? Immerhin hatte die Kommune mit Personal und Spurgerät die Wintersportanlage aufwändig hergestellt[1].

Die Gerichte mussten sich mit der Frage auseinandersetzen, ob eine Langlaufloipe eine ,Sache‘ im Sinne von § 303 des deutschen Strafgesetzbuches ist. Der lautet:

„Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit

Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Problematisch war der Sachbegriff; kann man eine Spur im Schnee als ,Sache‘ bezeichnen? Normalerweise sind Sachen abgegrenzte Gegenstände wie zum Beispiel ein Auto oder ein Tisch. Keine Sachen sind dagegen zum Beispiel die Luft oder das Meer. Im Strafrecht gilt das sogenannte ,Analogieverbot‘; das heißt, zu bestrafen ist nur ein Täter, der exakt die im Gesetzeswortlaut vorgegebenen Begriffe verwirklicht[2]. In unserem Beispiel genügt es zur Bestrafung also nicht, dass eine Loipe so etwas Ähnliches wie eine Sache ist, sondern die Skiloipe muss vom ,Sach‘-Begriff tatsächlich eindeutig erfasst werden. Die Schwierigkeit besteht konkret also darin zu entscheiden, ob sich das Wort ,Skiloipe‘ noch innerhalb der Grenzen des Begriffsparadigmas ,Sache‘ bewegt oder ob es schon außerhalb dieser Grenzen liegt.

Aus philosophischer Sicht stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob Wittgensteins Verständnis von Sprache bei der Lösung des genannten juristischen Problems hilfreich ist, oder es sich im Gegenteil eher als nutzlos erweist. Das ist Gegenstand der folgenden Überlegungen. Dabei werde ich zeigen, dass weder die Position Wittgensteins im Tractatus Logico-Philosophicus [3] noch die in den Philosophischen Untersuchungen [4] bei strafrechtlichen Fragen der vorliegenden Art wirklich weiterhilft.

Dazu will ich mich mit Wittgensteins Sprachverständnis im Tractatus und in den Philosophischen Untersuchungen auseinandersetzen und jeweils prüfen, welche Auswirkungen die dortige Sprachauffassung auf die Lösung des geschilderten strafrechtlichen Falls hat. Inwieweit das hinreichend gelingt, muss sich erweisen; spricht doch Wittgenstein selbst von der Sprache als einem „Labyrinth“, in dem man sich gegebenenfalls nicht mehr auskennt (PU 203).

2 Wittgensteins Sprachverständnis im Tractatus

Unter Hinweis auf die Hieroglyphen bildet nach Wittgenstein ein Satz diejenigen Tatsachen ab, die er beschreibt (Abbildtheorie) (TLP 4.016). Dabei repräsentieren die ,Namen‘ der Sprache die Gegenstände der realen Welt, während die ,Sprachzeichen‘ die Relationen dieser Gegenstände zueinander repräsentieren (TLP 4.0312). Der Zusammenhang zwischen dem Satz und der außersprachlichen Wirklichkeit lässt sich klar sagen (Vorwort zum TLP, Seite 9), deshalb soll die Sprache ein exaktes Ebenbild der Wirklichkeit sein. Noch deutlicher spricht das Russel in seiner Einleitung zum Tractatus aus:

„The first requisite of an ideal language would be that there should be one name for every simple, and never the same name for two different simples." [5]

Die Beziehungen der Gegenstände untereinander sind in der Wittgensteinschen Terminologie „Sachverhalte“ (TLP 2.01). Zudem ist die logische Form des Satzes, also seine innere Struktur, und die der Sachverhalte die gleiche[6] und damit Grundlage der Abbildtheorie. Diese Isomorphie nennt Wittgenstein „Projektion“ (TLP 3.11): Die Sätze und die durch sie bezeichnete Wirklichkeit haben Gemeinsamkeiten, die in derselben logischen Form bestehen[7]. Wittgenstein schreibt: „Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.“ (TLP 2.2). Allerdings darf man sich die Abbildung nicht als objektiv optisches Abphotographieren der Wirklichkeit vorstellen, sondern es geht um ein Bild „…der Wirklichkeit so wie wir sie uns denken.“ (TLP 3.11).

Damit liegt zwischen dem (sprachlichen) Abbild und der Wirklichkeit der Gedanke: „Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes.“

(TLP 3.11). Das erinnert an das von Frege entwickelte Schema, wie er es in seinem Brief an Edmund Husserl vom 24. Mai 1891 verdeutlicht hat [8]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allerdings unterscheidet sich die Terminologie Wittgensteins von der Freges: Was Frege den Wahrheitswert oder die Bedeutung des Satzes nennt, heißt bei Wittgenstein ,der Sinn‘ (TLP 4.022). Daraus folgt, dass nur Sätze mit Wahrheitswert einen Sinn haben; andere Sätze sind demnach unsinnig.

Der einfachste Satz ist der Elementarsatz, der das Bestehen eines Sachverhalts behauptet(TLP 4.21) beziehungsweise ihn abbildet; er ist „ein Zusammenhang, eine Verkettung von Namen“ (TLP 4.22). Er ist von komplexen Sätzen zu unterscheiden, die ihrerseits durch logische Analyse in Elementarsätzen zerlegt werden können (TLP 2.0201). Elementar-sätze sind entweder wahr oder falsch – tertium non datur. Es handelt sich demnach um einfache Prädikate.

Zum wittgensteinschen Sprachverständnis gehören schließlich die Eigenschaftsbegriffe. Wittgenstein unterscheidet „interne“ und „externe“ Eigenschaften. Mit den „internen“ meint er sämtliche – von vorneherein feststehende - Möglichkeiten eines Gegenstandes, in Sachverhalten vorzukommen (TLP 2.0123). Interne Eigenschaften können nicht hinweggedacht werden, ohne dass der bezeichnete Gegenstand seine Identität verliert; interne Eigenschaften sind deshalb konstitutiv. Sie sind nicht mittels sinnvoller Sätze darstellbar, sondern eher wie eine innere Grammatik des Gegenstandes zu verstehen.

Demgegenüber bezeichnen externe Eigenschaften die konkreten Beziehungen eines Gegenstandes mit anderen Gegenständen, die so - aber eben auch anders möglich sind. Wahrscheinlich gibt es beliebig viele externe Eigenschaften eines Gegenstandes, weil man sich beliebig viele tatsächlich vorkommende Konstellationen eines Gegenstandes in Beziehung mit anderen Gegenständen vorstellen kann.

3 Hilft das Sprachverständnis des Tractatus bei der Frage, ob eine Skiloipe eine Sache ist?

Die klassische Methodenlehre der Juristen liefert bei der aufgeworfenen – und bei vielen anderen Fragen keine zweifelsfreien Antworten. Oft streiten Juristen deshalb über die Auslegung von Gesetzestexten. Nicht selten kommen unterschiedliche Gerichte national wie international jeweils mit guten Gründen zu sich widersprechenden Urteilen über denselben Sachverhalt. Da hilft die juristische Methodenlehre nur begrenzt weiter. Ohne im Detail hierauf eingehen zu wollen, wird in der Jurisprudenz unterschieden[9]:

- die ,grammatische Auslegungsmethode‘ nach dem Wortlaut der Rechtsnorm,
- die ,systematische Auslegungsmethode‘ nach dem Zusammenhang der Rechtsnorm,
- die ,historische Auslegungsmethode‘ nach den Gesetzesmaterialien und der Entstehungsgeschichte der Rechtsnorm,
- die ,teleologische Auslegungsmethode‘ nach dem objektivierten Zweck der Rechtsnorm.

[...]


[1] Vergleiche Heghmanns, Michael: Strafrecht für alle Semester Besonderer Teil|Grund- und Examenswissen kritisch vertieft. Berlin Heidelberg 2009. Seite 244.

[2] Grundsätze des ,nullum crimen sine lege‘ beziehungsweise ,nulla poena sine lege certa‘. Vergleiche dazu Schulz, Lorenz: Der nulla-poena-Grundsatz - ein Fundament des Rechtsstaats? in „Referate der Tagung der Deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie vom 28. bis zum 30. September 1994 in Mannheim“. Herausgegeben von Hans-Martin Pawlowski und Gerd Roellecke. Stuttgart 1996. Seite 176f.

[3] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus Logico-Philosophicus|Logisch-philosophische Abhandlung. London 2015. (TLP)

[4] Wittgenstein, Ludwig: Philosophischen Untersuchungen. Oxford und Malden,
Massachusetts 1999. (PU)

[5] Russell, Bertrand: Introduction of May 1922 to Tractatus Logico-Philosophicus. London 2015. Seite 1.

[6] Vergleiche zum Beispiel Scherer, Fernando: Subjekt und Person bei Wittgenstein. Berlin 2014. Seite 22.

[7] Scherer, Fernando: ibidem.

[8] Frege, Gottlob: Gottlob Freges Briefwechsel mit D. Hilbert, E. Husserl, B. Russell, sowie ausgewählte Einzelbriefe Freges. Herausgegeben von Gottfried Gabriel, Friedrich Kambartel, Christian Thiel. Hamburg 1980. Seite 35.

[9] Vergleiche an Stelle vieler Wienbracke, Mike: Juristische Methodenlehrer. Heidelberg, München, Landsberg, Frechen, Hamburg 2013. Seite 48.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist die Zerstörung einer Skiloipe strafbar? Oder: Warum Wittgensteins Verständnis von Sprache im juristischen Diskurs an Grenzen stößt
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Pholosophie)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V345438
ISBN (eBook)
9783668354807
ISBN (Buch)
9783668354814
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Wittgenstein, Sprachphilosophie, Rechtswissenschaften, Tractatus Logico-Philosophicus, Philosophische Untersuchungen, Sachbeschädigung, Skiloipe, Loipe, Langlaufloipe
Arbeit zitieren
Götz-Ulrich Luttenberger (Autor), 2016, Ist die Zerstörung einer Skiloipe strafbar? Oder: Warum Wittgensteins Verständnis von Sprache im juristischen Diskurs an Grenzen stößt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345438

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ist die Zerstörung einer Skiloipe strafbar? 
Oder: Warum Wittgensteins Verständnis von Sprache im juristischen Diskurs an Grenzen stößt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden