Für das eigene Erleben von Schulkindern sind Selbstkonzepte von wesentlicher Bedeutung. Jeder Aspekt der eigenen Person kann seinen Niederschlag in Selbstkonzepten finden und Einfluss auf diese haben. Die Einstellung einer Person zu ihrem eigenen Selbst kann sich auf mehrere Bereiche beziehen. So geht Dagmar Baldering davon aus, dass Selbstkonzepte multidimensional zu fassen sind. Einstellungen der Person zum eigenen Körper, verschiedene Fähig- und Fertigkeiten, Interessen, Gefühle, Wünsche und Verhalten sind eine Auswahl relevanter Aspekte (vgl. Baldering 1993, S. 2).
Die Frage danach, wer man ist oder was man ist, ist für jeden Menschen eine existenzielle. Der Mensch hat die einzigartige Fähigkeit, sich selbst als Objekt zu reflektieren und zu betrachten (vgl. Baldering 1993, S. 3). Er macht sich ein Bild von seinen Fähigkeiten, Eigenschaften, Gefühlen, Wünschen und Einstellungen. Insbesondere gelangt er zu diesem Bild durch den Vergleich mit anderen. Was unterscheidet mich von anderen? Was macht mich einzigartig?
Verschiedene Ansätze aus der Psychoanalyse, Psychologie und der Sozialen Arbeit versuchen die Entwicklung von Selbstkonzepten zu ergründen. Auf die verschiedenen theoretischen Auffassungen zur Entstehung von Selbstkonzepten bei Schulkindern wird in dieser Arbeit eingegangen. Ebenso sollen disziplinübergreifende Aspekte herausgearbeitet und auf deren Bedeutung für eine psychoanalytische Soziale Arbeit geprüft werden.
Es wird insbesondere der Frage nachgegangen, wo der Ursprung der Selbstentwicklung zu verorten ist und ob es so etwas wie ein wahres Selbst gibt. So geht Alice Miller davon aus, dass es zur Verdrängung von Gefühlen des Kindes und zum Verlust des wahren Selbst kommt, wenn narzisstische Bedürfnisse nicht genügend Beachtung finden (vgl. Miller 2014, S. 21 f.). Inwieweit können Schulkinder im schulischen Kontext ihr eigenes Selbst zeigen und ausleben? Wo werden eigene Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen angepasst, verändert oder verdrängt, um sich, beispielsweise, bei Schulkameraden beliebt zu machen oder vermeintlich gewünschten Leistungen oder Erwartungen zu entsprechen?
In einer eigenen qualitativen Studie mit ästhetischen Forschungsmethoden wurde sich der Frage angenähert, ob Schulkinder durch den Einfluss ihrer Schulkameraden an ihrem eigenen Selbst scheitern. Die Studie und deren Ergebnisse werden hier aufgezeigt und ein Ausblick auf noch zu erforschende Fragen geworfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bedeutung psychoanalytischer Einflüsse auf die Soziale Arbeit
2.1 Psychoanalytische Soziale Arbeit
2.2 Einfluss der Psychoanalyse auf das Arbeitsbündnis in der Sozialen Arbeit
2.3 Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Psychoanalyse
2.4 Praxisbeispiel: „Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit e.V.“
3. Entwicklung der Selbstkonzeptforschung und Forschungsstand
3.1 Weitere Akteure in der Selbstkonzeptforschung
3.2 Aktuelle Perspektiven zur Selbstkonzeptforschung
4. Begriffsannäherungen und Definitionen in der Selbstkonzeptforschung
4.1 Identität und Subjekt
4.2 Perspektiven zum Ich-Begriff
4.3 Perspektiven zum Selbst-Begriff
4.4 Selbstkonzept
4.5 Schul- und Fähigkeitsselbstkonzept
5. Entwicklung von Selbstkonzepten bei Kindern bis zum Grundschulalter
5.1 Anfänge der Selbstkonzeptentwicklung
5.2 Aufnahme von Informationen für Selbstkonzepte
5.3 Informationsquellen für Selbstkonzepte
5.4 Bedeutung von sozialen Beziehungen auf die Selbstkonzeptentwicklung
5.5 Plötzliche Entdeckung des Selbst
5.6 Identität und Selbstdarstellung
5.7 Bedeutung von Gleichaltrigenbeziehungen für die Selbstkonzeptentwicklung
5.8 Entwicklung des schulischen Selbstkonzeptes
5.9 Zusammenfassung - Entwicklung von Selbstkonzepten
6. Einflussfaktoren – Gene und Umwelt
6.1 Dialektische Bezogenheit von Genen und Umwelt
6.2 Einflussfaktoren auf schulische Selbstkonzepte
7. Der Ursprung des Selbst und seine Gefährdungen
7.1 Verteidigung des Selbst
7.2 Das Selbst im Widerspruch zu sich und der Umwelt
7.3 Gefährdungen durch Gleichaltrigenbeziehungen
7.4 Zusammenfassung – Ursprung des Selbst und seine Gefährdungen
8. Forschungsentwurf
8.1 Subjektivität durch Ästhetik gewinnen
8.2 Von der Frage zur Methode
8.3 Der Rahmen des Forschungsentwurfs
8.3.1 Kontaktaufnahme zur Grundschule
8.3.2 Erhebung und Organisation des Forschungsprozesses
8.3.3 Ansprechpartner gesucht
8.3.4 Auswertung der Ergebnisse
9. Darstellung und Diskussion der Ergebnisse
9.1 Ergebnisse von 60 jungen Selbst-Forschern/innen
9.2 Eingrenzung und Diskussion von ausgewählten Teilaspekten in Bezugnahme zu den Ausgangsthesen
9.2.1 Der Einfluss von Schulkameraden/innen auf Gefühle und Statussymbole
9.2.2 Fußball, Markenbewusstsein und Schönheitssymbole als starke Prestigeträger
10. Reflexion des Forschungsprojektes
11. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Masterarbeit untersucht die Entwicklung von Selbstkonzepten bei Kindern bis zum Grundschulalter, mit einem besonderen Fokus auf den Einfluss von Schulkameraden und dem schulischen Umfeld. Ziel ist es, unter Einbeziehung psychoanalytischer und entwicklungspsychologischer Theorien zu ergründen, wie soziale Beziehungen und externe Bewertungen das Selbstbild von Schulkindern beeinflussen und ob ein "wahres Selbst" in diesem Kontext bestehen bleiben kann.
- Psychoanalytische Perspektiven in der Sozialen Arbeit
- Entwicklung und Definition von Selbstkonzepten im Kindesalter
- Einfluss von sozialen Beziehungen und Gleichaltrigen auf das Selbstbild
- Ästhetische Forschungsmethoden in der qualitativen Arbeit mit Kindern
Auszug aus dem Buch
Der Ursprung des Selbst und seine Gefährdungen
Eine Infragestellung oder Beeinträchtigung der eigenen Person bzw. des eigenen Selbst, kann als existenzbedrohend erlebt werden. Im Laufe des Lebens entwickelt das Individuum ein mehr oder weniger konsistentes System von Annahmen über sich selbst, dass das eigene Denken, Fühlen und Handeln in künftigen Situationen vorhersehbar und erwartbar macht. Vor allem in Bezug auf Erfolge und Misserfolge sollen möglichst präzise Vorhersagen in bestimmten Situationen das Selbst vor Angriffen bewahren. Eine sichere Vorhersage ist jedoch nur in spezifischen Situationen möglich. So braucht es eine Theorie über sich selbst und zusätzlich ein möglichst präzises Umweltkonzept. Das Selbst- und das Umweltkonzept müssen hierbei im Einklang zueinander stehen, da sonst Beeinträchtigungen, beispielsweise beim Selbstbewusstsein, zu erwarten sind. So kann sich eine Person mit einem negativ konnotierten Selbstbild einem starken Weltbild unterlegen fühlen.
Jeder Mensch versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, eine günstige Bewertung der eigenen Person zu erhalten. Mit einer Reihe von Techniken, wie Wahrnehmungsabwehr, selektive Interaktion, Abwertung von unstimmigen Informationen, versucht das Individuum eine positive Selbstwertschätzung zu behalten. Je unzureichender der Selbstwert subjektiv gesehen wird, desto wichtiger ist die Verteidigung des Selbst. Das kann sich wiederum negativ auf die Lernleistung auswirken. Eine positive Selbstwertschätzung ist ein Grundbedürfnis und stellt eine wichtige Orientierungsbasis für individuelles Verhalten dar. Ebenso hilft es, schwierige Situationen ohne Angst zu bewältigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Selbstkonzeptentwicklung von Kindern und Vorstellung der Forschungsabsicht.
2. Bedeutung psychoanalytischer Einflüsse auf die Soziale Arbeit: Analyse des Nutzens psychoanalytischer Perspektiven für die professionelle Arbeit und das Arbeitsbündnis.
3. Entwicklung der Selbstkonzeptforschung und Forschungsstand: Historischer Abriss über wichtige Akteure und Modelle in der Selbstkonzeptforschung.
4. Begriffsannäherungen und Definitionen in der Selbstkonzeptforschung: Theoretische Klärung zentraler Begriffe wie Identität, Ich, Selbst und Selbstkonzept.
5. Entwicklung von Selbstkonzepten bei Kindern bis zum Grundschulalter: Detaillierte Betrachtung der kindlichen Entwicklung vom vorgeburtlichen Stadium bis zum Grundschulalter.
6. Einflussfaktoren – Gene und Umwelt: Untersuchung der dialektischen Bezogenheit von Anlage und Umwelt auf die Selbstbildung.
7. Der Ursprung des Selbst und seine Gefährdungen: Diskussion über Gefahren für das Selbst durch äußere Anforderungen und notwendige Verteidigungsstrategien.
8. Forschungsentwurf: Beschreibung der methodischen Vorgehensweise und der ästhetischen Forschungsmethoden des Projekts.
9. Darstellung und Diskussion der Ergebnisse: Auswertung und Interpretation der empirischen Erhebung bei den Schulkindern.
10. Reflexion des Forschungsprojektes: Kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Forschungsprozess und methodischen Ansätzen.
11. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfragen und Ausblick auf künftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Selbstkonzept, Soziale Arbeit, Psychoanalyse, Grundschulalter, Identitätsentwicklung, Schulkameraden, Selbstbild, Sozialisation, Ästhetische Forschung, wahres Selbst, falsches Selbst, soziale Beziehungen, Kindheit, Persönlichkeitsentwicklung, Gruppendruck
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des Selbstkonzepts bei Kindern und analysiert, wie äußere Einflüsse, insbesondere durch Schulkameraden, das Selbstbild von Grundschulkindern prägen oder gefährden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Studie verknüpft psychoanalytische Theorien mit entwicklungspsychologischen Ansätzen und untersucht, wie Kinder ihre Identität im Spannungsfeld zwischen innerem Bedürfnis und gesellschaftlicher Erwartung konstruieren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Schulkinder im schulischen Kontext ihr wahres Selbst bewahren können oder ob sie durch Erwartungsdruck und soziale Vergleiche zu Anpassungen gezwungen werden, die ihr Selbstbild beeinträchtigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die empirische Erhebung verwendet?
Die Arbeit nutzt ästhetische Forschungsmethoden, darunter Gruppengespräche und das Anfertigen von Ich-Bildern, um subjektive Sinnstrukturen von Schulkindern in ihrer authentischen Wahrnehmung zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über die Entstehung des Selbst und eine empirische Analyse, die Ergebnisse einer eigenen qualitativen Studie mit 60 Schulkindern darstellt und diskutiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Selbstkonzept, Psychoanalyse in der Sozialen Arbeit, Identitätsentwicklung, Sozialisation und ästhetische Forschungsmethoden.
Welche Rolle spielen "wahres" und "falsches" Selbst in der Arbeit?
In Anlehnung an Donald Winnicott wird das "wahre Selbst" als Quelle der Kreativität definiert, während das "falsche Selbst" als notwendige, aber potenziell einengende Anpassungsleistung an die Umwelt beschrieben wird.
Welche Rolle spielt die Schule für das Selbstkonzept?
Die Schule wird als ein Ort beschrieben, der durch standardisierte Leistungsanforderungen und soziale Vergleichsprozesse (wie den Big-Fish-Little-Pond-Effekt) das Selbstkonzept maßgeblich beeinflusst und oft zu einem Leistungs- oder Erwartungsdruck führt.
- Citation du texte
- Bachelor of Arts Norman Ruland (Auteur), 2006, Entwicklung des Selbstbildes von Kindern bis zum Grundschulalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345706