Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Lyrik aus dem deutschen Mittelalter, genauer gesagt mit dem Minnesang um 1200. Minnesang ist als ein Experimentieren mit der deutschen literarischen Sprache und mit ‚höfischen‘ Liebesauffassungen und höfischem Benehmen aufzufassen.
Die Minnesangtexte, die uns heute zugänglich sind, sind alle handschriftlich überliefert. Leider sind keine Handschriften aus der Liederproduktionszeit um 1200 bewahrt, und alle überlieferten Handschriften sind mindestens 100-150 Jahre jünger als die ursprünglichen Lieder. Das bedeutet, dass die Schreiber, die die Lieder niedergeschrieben haben, den Dichtern nicht begegnet sind, und dass die uns überlieferten Texte keine Originaltexte sind. Texte, die in mehreren Handschriften überliefert sind, weisen deswegen kleinere oder größere Abweichungen auf. Manchmal sind die Abweichungen sogar so groß, dass man sich überlegen muss, ob die Handschriften dieselbe Fassung eines Liedes wiedergeben oder ob es ursprünglich mehrere Fassungen von einem Lied gab (d.h. ob der Dichter mehrere Variationen über ein Lied geschrieben hat).
Die Minnesangtexte sind von einer Reihe von Äußerungen/Aussagen bestimmter Personen aufgebaut. In den meisten Fällen ist die sprechende Person ein Mann,aber es gibt auch Strophen oder Aussagen (ja sogar ganze Lieder), wo man sich Frauenaussagen vorstellen muss. Es wird aber im Text normalerweise nicht markiert, wer spricht, und als Leser muss man manchmal raten, um die Sprecherstimme zu identifizieren. In den meisten Strophen gibt es Wörter oder Wendungen, die auf eine Sprecherstimme hinweisen können, aber es gibt auch eine Reihe von unmarkierten Strophen, in denen sich der Liedsinn radikal ändern würde, wenn man eine Frauenstrophe statt einer Männerstrophe annimmt.
Anhand von Reinmars Oeuvre werde ich die oben erwähnten Problemstellungen diskutieren. Der Minnesang um 1200 wird normalerweise als Lieder der ‚hohen Minne‘ bezeichnet, und Reinmar gehört zu einem der bekanntesten Vertreter dieser Stilrichtung. Desweiteren ist sein Werk so breit überliefert, dass die oben besprochenen Überlieferungsprobleme bei ihm deutlich werden. Deswegen wurden Reinmar und zwei seiner Lieder für diese Arbeit ausgewählt. Man muss sich vorstellen, dass Reinmars Lieder, wenn sie vorgetragen wurden, durch die Performanzsituation gelebt haben, und dass der ‚performative Selbstwiderspruch‘, wo sich das Gesagte und das Gezeigte widersprachen, für das Publikum offensichtlich und unterhaltsam war.
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
EINLEITUNG
DER FORSCHUNGSSTAND ZU ÜBERLIEFERUNGS- UND VARIANZPROBLEMEN
GENERELL ZUR ÜBERLIEFERUNG DES MINNESANGS
ZUR REKONSTRUKTION EINES ÜBERLIEFERUNGSSTAMMBAUMS
VARIANZ IN DER ÜBERLIEFERUNG
EDITIONSPRINZIPIEN
Albrecht Hausmanns Editionsprinzip: ‚historischer Relevanz‘ und ‚Rezeptionsästhetik‘
ZUSAMMENFASSEND ZU DEN TEXTÜBERLIEFERUNGS- UND VARIANZDISKUSSIONEN
PERFORMANZ, KOMMUNIKATION UND FIKTIONALITÄT
PERFORMANZ
EINE INTENDIERTE WIRKUNG DES MINNESANGS?
MINNESANG ALS KOMMUNIKATIONSORT: PERFORMATIVITÄT, RHETORIK, ROLLENLYRIK UND FIKTIONALITÄT
ZUSAMMENFASSEND ZU DEN PERFORMANZ-, KOMMUNIKATIONS- UND FIKTIONALITÄTSDISKUSSIONEN
TEXTANALYSEN
ANALYSE VON REINMAR VI (SÔ EZ IENER NÂHET DEME TAGE, MF 154,32)
Texte und Übersetzungen
Überlieferung
Form
Erläuterungen zu den verschiedenen Fassungen mit Ausgangspunkt in der C-Fassung
Gedankenverlauf in den vier Fassungen
Beurteilung der Strophenkombinationen in den vier Fassungen und dem hypothetischen Wechsel
Zusammenfassende Konklusion für alle Fassungen
ANALYSE VON REINMAR XII (EIN WÎSER MAN SOL NIHT ZE VIL, MF 162,7)
Texte und Übersetzungen
Überlieferung
Form
Erläuterungen zu den verschiedenen Fassungen mit Ausgangspunkt in der E-Fassung
Gedankenverlauf in den fünf Fassungen
Zusammenfassende Konklusion für alle Fassungen
GESAMTKONKLUSION
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Werks von Reinmar von Hagenau die komplexen Problemstellungen von Überlieferung, Varianz und Performanz im mittelhochdeutschen Minnesang um 1200, mit dem Ziel, durch eine isolierte Analyse einzelner Liedfassungen und deren Sprecherrollen neue Interpretationsansätze für diese Texte zu gewinnen.
- Analyse der Überlieferungsgeschichte von Reinmars Liedern in den Haupthandschriften
- Kritische Auseinandersetzung mit der "Autor-Theorie" vs. der "Schreiber-Theorie" (Mouvance)
- Untersuchung der Performanzbedingungen und ihrer Bedeutung für die Textrekonstruktion
- Diskussion von Fiktionalität, Rollenlyrik und Sprecherstimmen
- Detaillierte Textanalyse der Lieder MF 154,32 und MF 162,7
Auszug aus dem Buch
Analyse von Reinmar VI (Sô ez iener nâhet deme tage, MF 154,32)
Sô ez iender nâhet gegen dem tage, sô getar ich niht gevrâgen: ist ez tac? das ku(met) von so grosser clage, das es mir niht ze helfe komen mac. Doch gedenke ich wol, das ich sîn anders pflac hie vor, dô mir diu sorge/ niht sô ze herzen lag. iemer an dem morgen troeste ich mich der vogel sanc. mir enkome ir helfe an der zît, mir ist beide sumer und winter alze lanc.
Ime ist wol, der mac gesagen, daz er sîn liep in senenden sorgen lie. nu muoz aber ich ein anderz klagen: ich gesach ein wîp nâch mir getrûren nie. Swie lange si was, sô tet si doch daz ie. diu nôt mir underwîlent/ rehte an mîn herze gie. und wer ich ander iemen alse unmaere manigen tac, dem het ich gelâzen den strît. diz ist ein dinc, des ich mich niht getroesten mac.
Diu liebe hât ir varnde guot also getailet, daz ich den schaden hân. der nam ich mêre in mînen muot, danne ich von rehte solte haben getân. Doch waene ich sist von mir vil unverlân, swie lützel ich der triuwen/ mich anderthalp verstân. sî was ie mit vröiden ich muos in sorgen sîn. alsô vergie mich diu zît. ez taget mir leider selten nâch dem willen mîn.
Zusammenfassung der Kapitel
VORWORT: Einführung in die Problematik des Minnesangs um 1200, insbesondere der handschriftlichen Überlieferung und der Notwendigkeit einer medienbewussten Textbetrachtung.
EINLEITUNG: Darstellung der Forschungsfrage zur Überlieferung und Varianz bei Reinmar von Hagenau und Vorstellung der methodischen Vorgehensweise anhand zweier exemplarischer Lieder.
DER FORSCHUNGSSTAND ZU ÜBERLIEFERUNGS- UND VARIANZPROBLEMEN: Überblick über die zentralen Handschriften, die Rekonstruktion von Überlieferungsstammbäumen und die Diskussionen um Autorschaft und Schreibertätigkeit (Mouvance).
PERFORMANZ, KOMMUNIKATION UND FIKTIONALITÄT: Erörterung der Bedeutung von mündlicher Vortragspraxis, Sprecherstimmen und der Frage nach Fiktion und Realität in den Minnesangtexten.
TEXTANALYSEN: Konkrete, philologische Untersuchung der Lieder Reinmar VI und Reinmar XII unter Berücksichtigung verschiedener Handschriftenfassungen und Stimmverteilungen.
GESAMTKONKLUSION: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Plädoyer für eine methodische Einzelfallbetrachtung bei der Untersuchung von Minnesang-Texten.
Schlüsselwörter
Minnesang, Reinmar von Hagenau, Überlieferungsgeschichte, Varianz, Mouvance, Handschriftenanalyse, Performanz, Rollenlyrik, Fiktionalität, Sprecherstimme, Textkritik, Philologie, Mittelhochdeutsch, Des Minnesangs Frühling, Manessische Handschrift.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Diplomarbeit widmet sich den textkritischen und interpretatorischen Problemen, die durch die handschriftliche Überlieferung der Lieder Reinmars von Hagenau entstehen, insbesondere im Hinblick auf Variabilität und die performative Natur des Minnesangs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf Überlieferungsstammbäume, die Rolle der Schreiber gegenüber den Autoren, die Notwendigkeit von Performanzaspekten bei der Textinterpretation und die Analyse von Sprecheridentitäten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, von einer autorzentrierten Interpretation abzurücken und durch die isolierte Analyse der verschiedenen überlieferten Textfassungen und Sprecherkonstellationen ein tieferes Verständnis für die "Vielheit" in der Minnesang-Überlieferung zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die methodischen Ansätze der "new philology", wobei der Schwerpunkt auf der philologischen Detailanalyse der Überlieferungslage (Handschriftenvergleich) und der kontextuellen Einbettung in performative Bedingungen liegt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben dem theoretischen Forschungsstand zu Varianz und Performanz nimmt die detaillierte Textanalyse der Reinmar-Lieder MF 154,32 und MF 162,7 den größten Raum ein, inklusive Rekonstruktion und Übersetzung der verschiedenen Fassungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Reinmar, Minnesang, Überlieferungsgeschichte, Varianz, Mouvance, Performanz, Rollenlyrik, Fiktionalität, Sprecherstimme und Editionswissenschaft.
Wie geht die Arbeit mit dem Problem der unmarkierten Sprecherstimmen um?
Die Arbeit schlägt vor, bei unmarkierten Strophen – statt diese pauschal als Männerstrophen zu interpretieren – durch hypothetische Experimente zu untersuchen, wie sich die Bedeutung des Liedes verändern würde, wenn man eine weibliche Sprecherstimme annimmt.
Welches Fazit zieht der Autor zur "Schreiber-Theorie"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die "Schreiber-Theorie" zwar wichtige Impulse liefert, aber das Problem der Varianz nicht vollständig ohne die Berücksichtigung von Autoreninteressen oder komplexeren Entwicklungsstufen erklären kann. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen den Extrempositionen.
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- Claus Sölvsteen (Author), 2014, Überlieferungs-, Varianz- und Vortragsprobleme bei Reinmar, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346500