Neologismen in der deutschen Publizistik an der Wende zum 21. Jahrhundert (1990-2010)

Untersucht an ausgewählten deutschen Tages- und Wochenzeitungen


Magisterarbeit, 2014

158 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zum Forschungsstand der Wortschatzerweiterung
1.1 Begriffserklärung „Neologismus“
1.2 Historische Entwicklung des Begriffs Neologismus
1.3 Typen von Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache
1.3.1 Neulexem
1.3.2 Neubedeutung
1.4 Abgrenzung von Neologismen und Ad-hoc-Bildungen
1.5 Möglichkeiten zur Bildung von Neologismen
1.5.1 Neologismenbildung durch Wortbildung
1.5.1.1 Neologismenbildung durch Komposition
1.5.1.2 Neologismenbildung durch Derivation und Konversion
1.5.1.3 Neologismenbildung durch Partikelverbbildung
1.5.1.4 Neologismenbildung durch Kurzwortbildung
1.5.1.5 Neologismenbildung durch Wortgruppenlexeme
1.5.1.6 Neologismenbildung durch Kontamination
1.5.2 Neologismenbildung durch Entlehnung
1.5.3 Neologismenbildung durch Bedeutungsveränderung

2. Überblick über Fachliteratur und Neologismen-Lexikographie
2.1 Einschlägige Arbeiten
2.2 Neologismen-Wörterbücher im Deutschen
2.2.1 Das Neologismen-Wörterbuch vom IDS-Mannheim (2004)
2.2.2 Auswahlkriterien im IDS-Neologismen-Wörterbuch

3. Empirische Untersuchungen
3.1 Überblick
3.1.1 Ziele der empirischen Untersuchungen
3.1.2 Forschungskorpus: Vorstellung und Auswahlkriterien
3.1.3 Methodisches Vorgehen
3.1.4 Aufbau des Belegmaterials
3.1.5 Präsentation und Analyse des Belegmaterials
3.2 Das Sachgebiet: Politik
3.3 Das Sachgebiet: Gesellschaft und Soziales
3.4 Das Sachgebiet: Wirtschaft
3.5 Das Sachgebiet: Technologie und Forschung
3.6 Das Sachgebiet: Sport
3.7 Das Sachgebiet: Medien
3.8 Ergebnisse der empirischen Untersuchungen
3.8.1 Verwendungsfrequenz
3.8.2 Erstbelege im Erfassungszeitraum
3.8.3 Lexikalisierung in Standardwörterbüchern
3.8.4 Lexikalisierungszeit
3.8.5 Verteilung der Neologismen auf die Sachgebiete
3.8.6 Bildungsmöglichkeiten der ausgewählten Neologismen
3.8.6.1 Neologismenbildung durch Wortbildung
3.8.6.1.1 Neologismenbildung durch Komposition
3.8.6.1.2 Neologismenbildung durch Derivation und Konversion
3.8.6.1.3 Neologismenbildung durch Partikelverbbildung
3.8.6.1.4 Neologismenbildung durch Kuzwortbildung
3.8.6.1.5 Neologismenbildung durch Wortgruppenlexeme
3.8.6.1.6 Neologismenbildung durch Kontamination
3.8.6.2 Neologismenbildung durch Entlehnung
3.8.6.3 Neologismenbildung durch Bedeutungsveränderung

4. Zusammenfassung und Ausblick
Literaturverzeichnis
Anhang
Stichwortregister

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Verwendungsfrequenz der Stichwörter im Zeitraum 1990-2010

Abbildung 2: Neologismen-Zahl nach Erstbelegen im Kontrollkorpus

Abbildung 3: Lexikalisierung in Standardwörterbüchern

Abbildung 4: Zeitunterschied zwischen Erstbeleg und Wörterbuchaufnahme

Abbildung 5: Verteilung der Neologismen auf die Sachgebiete

Abbildung 6: Möglichkeiten zur Bildung von Neologismen

Abbildung 7: Wortbildungstechniken zur Bildung von Neologismen

Tabellenverzeichnis

Tabelle: Lehnwörter, Lehnübersetzungen und Lehnübertragungen in der Stichwortliste

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Danksagung

Meinem Betreuer, Herrn Dr. Ahcéne Abdelfettah, der mir vom allerersten Anfang bis zum Abschluss dieser Magisterarbeit mit Rat und Tat beigestanden hat, möchte ich an dieser Stelle meinen besten Dank aussprechen.

Mein herzlicher Dank gilt auch meinen Lehrkräften während des Magisterstudiums an der Universität Algier II, Frau Dr. Nadjia Hami, Frau Dr. Aicha Ouaret, Frau Dr. Rachida Benattou, Frau Samia Abderrezzak und Herrn Ali Aberkane, die mir den Mut gegeben haben, das Magisterstudium zum Abschluss zu bringen.

Zu danken habe ich auch Frau Dr. Doris Steffens, der Leiterin des Projekts „Lexikalische Innovationen“ im IDS-Mannheim, für ihre Unterstützung mit Fachliteratur und die Beantwortung einiger Fragen zum Thema meiner Magisterarbeit.

Widmung

Meinen Eltern, meiner Ehefrau „Ryma“ und meinen Kindern „Fadi“ und „Chahd“

Einleitung

”Kommunikationsbedürfnisse schaffen ständigen Sprachwandel. Neues tritt auf, verdrängt ältere Zeichen“ (Schippan 2002: 78). Wörter wie Alarmismus, abspacen und Sozialbetrug werden unter den Mitgliedern der deutschen Sprachgemeinschaft seit ihrem Erstgebrauch in den 90er Jahren bis dato als neu empfunden. Dazu kommen noch Phraseologismen wie den Ball flach halten und bis der Arzt kommt. Die Sprache ist ständig im Wandel, wie wenig wir es auch noch spüren. Mit dem Aufkommen neuer Wörter wird unser Lexikon an die neuen Gegebenheiten angepasst, denn bestehende Wortschatzeinheiten, über die wir bisher verfügt haben, den Bedarf an Kommunikation nicht decken. Aus den Umwälzungen in der Gesellschaft und dem Erscheinen neuer technischer Gegenstände entsteht ein Bedarf an neuen Benennungsmöglichkeiten, der nur mit neuen Wörtern befriedigt werden kann. Neue Benennungen sind entweder Wortbildungsprodukte, Entlehnungen aus einer anderen Sprache, unter deren Angehörigen der neue Sachverhalt oder Gegenstand ans Tageslicht kam, oder auch die Neubedeutung einer bestehenden lexikalischen Einheit. In den letzten Jahren wird in der deutschen Presse auf Wortneubildungen zurückgegriffen, um bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte zu bezeichnen, die einen Grad an Neuheit aufweisen. Solche neuen Wörter sind entweder Neologismen oder Ad- hoc-Bildungen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, neue Wörter in der funktionalen Varietät der Publizistik, die unter den Mitgliedern der deutschsprachigen Gemeinschaft als Neologismen verbreitet und akzeptiert sind, darzulegen, nach Sachgebiet (Politik, Soziales, Wirtschaft, Technologie und Forschung, Sport und Medien) zu sortieren und deren Verwendungsfrequenz, Entstehungs,- bzw. Bildungsmöglichkeiten und Lexikalisierung zu untersuchen. Es wird dabei auf rein umgangssprachliche Neologismen verzichtet und nur mit einem Sprachregister aus der in der Soziolinguistik als high Variety bekannten Sprachvarietät gearbeitet, in der die zu untersuchenden Neologismen anzusiedeln sind, obwohl die jeweiligen Sachgebiete sich mit dem umgangssprachlichen Gebrauch mancher Neologismen überschneiden. Die vorliegende Arbeit untersucht Neologismen der 90er Jahre nach der Stichwortliste des ersten Neologismen-Wörterbuchs des Instituts für Deutsche Sprache IDS-Mannheim (2004) im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und deren Belegung im Zeitraum 1990-2010 anhand von einem aus sechs Pressetiteln bestehenden Korpus. Die Untersuchung im zweiten Jahrzehnt 2001- 2010 verfolgt das Ziel, deren Entwicklung im Hinblick auf Verwendungsfrequenz und Lexikalisierung zu untersuchen und herauszufinden, inwiefern ihre Gebrauchshäufigkeit von der Präsenz des jeweiligen Denotats abhängt, sei es ein Gegenstand oder ein Sachverhalt. Die Fragestellung lautet:

- Welche Verwendungsfrequenz weisen die ausgewählten Neologismen im Zeitraum 1990-2010 in den Sachgebieten Politik, Soziales, Wirtschaft, Technologie und Forschung, Sport und Medien auf?
- Wie sind diese Neologismen gebildet bzw. wie sind sie entstanden?
- Zu welchem Anteil und nach welchen Kriterien haben sich die zu untersuchenden Neologismen im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch etabliert bzw. welchen Anteil an Lexikalisierung weisen sie in Standardwörterbüchern auf?
- Steht das im Zusammenhang mit deren Verwendungsfrequenz?
- Welchen Zeitabstand weisen Neologismen zwischen dem Erstbeleg und der Aufnahme in Standardwörterbücher auf bzw. wie sieht die «Lexikalisierungszeit» der Neologismen aus?

Die vorliegende Arbeit ist in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen präsentiert. Dabei geht es um den Forschungsstand zur Wortschatzerweiterung. Dieses Kapitel versucht, den Begriff Neologismus zu definieren und ihn von der Wortneubildung durch Ad-hoc-Bildungen abzugrenzen. Zu diesem Kapitel gehören auch die Erkenntnisse der theoretischen Grundlagen über die Möglichkeiten zur Bildung von Neologismen.

Im zweiten Kapitel geht es um einen Forschungsüberblick über Neologismen- Forschung und Neologismen-Lexikographie der 90er Jahre. In diesem Kapitel wird der Forschungsüberblick sowohl mit einschlägigen Arbeiten als auch mit theoretischen Erkenntnissen zur Neologismen-Forschung und zu NeologismenWörterbüchern vorgestellt.

Im dritten Kapitel sind die empirischen Untersuchungen enthalten. Dieses Kapitel befasst sich mit der Datenerhebung durch Beleg-Materialien zu den ausgewählten Neologismen zwecks Überprüfung auf Entstehungsmöglichkeiten, Wortbildung, Verwendungsfrequenz, Lexikalisierung und Sachgebiet und wird mit den Ergebnissen abgeschlossen. Der letzte Punkt enthält die Zusammenfassung und den Ausblick.

Die Untersuchungsmethode, die im dritten Kapitel näher präsentiert wird, besteht darin, 120 Neologismen der 90er Jahre nach Sachgebiet mit Bedeutung und Erstbeleg aus dem Forschungskorpus alphabetisch mit Angaben zu Verwendungsfrequenz, Wortart und Neologismentyp anzuführen.

Als Materialgrundlage dieser Analyse dienen uns Zeitungsartikel von sechs Tages-und Wochenzeitungen bzw. Nachrichtenmagazinen, die einen Internetzugang auf deren Archivmaterialien an der Wende zum 21. Jahrhundert anbieten. Für die Wahl dieses Korpus, das im empirischen Teil ausführlich vorgestellt wird, spricht die Tatsache, dass die Pressesprache in Zeitungen einen reichhaltigen Gegenstand mit Neuigkeiten auf sprachlicher Ebene bietet, weil sie viele unkonventionelle Wortneubildungen aufweist. Obwohl die Zeitspanne für den empirischen Teil sich über zwanzig Jahre erstreckt, ist es aufgrund der beschränkten zu untersuchenden Neologismen-Einträge von 120 Stichwörtern nicht zu umfangreich.

1. Zum Forschungsstand der Wortschatzerweiterung

1.1 Begriffserklärung - Neologismus

Aus etymologischer Sicht handelt es sich beim Wort Neologismus um eine neoklassische Lehnwortbildung, die sich aus den griechischen Konstituenten (néos) neu und (logos) Wort oder Lehre zusammensetzt. Der Begriff Neologismus wurde im 18. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt. Der französische Begriff n é ologisme ist zum ersten Mal im Trésor de la Langue Française des Jahres 1734 erschienen (Kinne 1998: 68). Der Begriff Neologismus wurde erst 1978 als linguistischer Fachbegriff in die vierte Auflage des großen Wörterbuchs der Deutschen Sprache aufgenommen. Laut Duden (2000) handelt es sich dabei um eine „in den allgemeinen Gebrauch übergegangene sprachliche Neuprägung (2) (Neuwort od. Neubedeutung). Was aber an dieser Definition nach Kinne (1998: 73) zu beanstanden ist, sei die Tatsache, dass Neuwort und Neubedeutung als Subkategorien der Neuprägung aufgefasst werden können, was aber falsch ist, wie später genau erklärt wird. Eine genauere Begriffsdefinition entstand aus dem Bedarf an einer einheitlichen terminologischen Orientierung, die sich im Vorfeld neologismen- lexikographischer Arbeiten am Institut für Deutsche Sprache sich zu etablieren begann. Die Autoren des ersten Neologismen-Wörterbuchs vom IDS definieren den Begriff Neologismus folgendermaßen:

Ein Neologismus ist eine neue lexikalische Einheit bzw. die neue Bedeutung einer etablierten lexikalischen Einheit, die in einem bestimmten Abschnitt der Sprachentwicklung in einer Kommunikationsgemeinschaft aufkommt, sich ausbreitet und als sprachliche Norm allgemein akzeptiert wird (Steffens 2012: 2).

Ein Neologismus zeichnet sich dadurch aus, dass er in seiner Form und Bedeutung oder nur seiner Bedeutung gegenüber vorhandenem Wortgut neu ist. Er ist Teil des Sprachgebrauchs und wird von den Angehörigen einer Sprachgemeinschaft über eine bestimmte Zeit hinweg als neu empfunden (Herberg 2005: 294). Da viele Arbeiten zu Neologismen von Lexikographen veröffentlicht worden sind, legten diese ihre Kriterien für die Begriffsbildung fest. Ein Lexikograph muss ein neues Wort von einer Ad-hoc-Bildung unterscheiden können, um dieses als Neologismus bezeichnen zu dürfen (Elsen 2011: 4). Im Gegensatz zu Ad-hoc-Bildungen, die kontextgebunden und auf eine bestimmte Situation beschränkt eingesetzt werden, gelten Neologismen als Teil des mentalen Lexikons einer Sprachgemeinschaft und können von deren Mitgliedern ohne Kontextgebundenheit einheitlich verstanden werden. Sagt man einem deutschen durchschnittlichen Muttersprachler das Wort Gelbsperre, so wird es sehr wahrscheinlich als die Sperre verstanden, mit der ein Fußballspieler wegen einer bestimmten Anzahl von aufeinanderfolgenden gelben Karten belegt wird und die zu seinem Ausfall im nächsten Spiel führt. Das Neulexem Gelbsperre war im Moment seiner Ersterscheinung in keinem deutschen Wörterbuch verzeichnet und in keinem oder in ganz wenigen Pressetexten belegt. Es kann kontextunabhängig verwendet werden und ist im mentalen Lexikon so gut verankert, dass die meisten deutschen Muttersprachler es verstehen. Seine Verwendung wird seit einiger Zeit als neu empfunden. So gilt Gelbsperre als Neologismus, der später in Standardwörterbücher aufgenommen worden ist und sich lexikalisiert hat. Ob die Verwendungsfrequenz und die Akzeptanz eines Neologismus unbedingt zu dessen Lexikalisierung führt, soll nach den empirischen Untersuchungen herausgefunden werden. Nach Kinne (1998: 86) durchläuft jeder Neologismus fünf Phasen bis er zu einer festen lexikalischen Einheit wird: Entstehung - Usualisierung - Akzeptierung - Lexikalisierung/Integration. Mit Integration meint Kinne die „Speicherung als Bestandteil des allgemeinen Wortschatzes“

1.2 Historische Entwicklung des Begriffs Neologismus

Wie bereits nach Kinne (1998: 68-69) erwähnt, stammt der Begriff Neologismus aus dem Französischen und wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts in den deutschen Wortschatz aufgenommen. N é ologisme auf Französisch wurde in der Linguistik mit der Bedeutung Neuwort in Verbindung gesetzt. Motiviert wurde diese Bezeichnung durch die Auseinandersetzung der Befürworter und Gegner in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit über die Aufnahme neuer Wörter in den französischen Wortschatz. Diese Polemik ging bis ins 19. Jahrhundert hinein, nachdem eine sprachpuristische Einstellung, die sprachliche Neuerungen jeder Art verweigerte, sich der Aufnahme neuer Wörter widersetzt hatte. Die Gegner von Sprachneuerungen begründeten ihre Stellung mit ihrer Angst vor dem nationalen und kulturellen Verfall. Hingegen traten die Befürworter für die Neuerung des Wortgutes und die natürliche Sprachentwicklung ein. Zu den Vertretern dieser Richtung zählen vor allem Aufklärungsanhänger und französische Revolutionäre. Zunächst gab es eine Unterscheidung ”zwischen n é ologie als Bezeichnung für die berechtigte, sinnvolle sprachliche Innovation und n é ologisme für die missbräuchliche, abzulehnende sprachliche Neuerung (Kinne 1998: 69) Blickt man in die Sprachgeschichte zurück, so stellt man fest, dass die Einstellung der Deutschen zu fremdem Wortgut ”durch Konflikte bestimmt zwischen leidenschaftlicher Abwehr alles sprachlich Fremden und anhaltender unbekümmerter Übernahme fremdsprachlicher Ausdrücke und Bedeutungen“ (Stickel 2001: 2). In der deutschen Sprache erscheint der Eintrag Neologismus zum ersten Mal in Oertels Wörterbuch des Jahres 1816 mit der Bedeutung ’Neuerungssucht‘ (Kinne 1998: 71-72). So ging im Gegensatz zum Französischen der Begriff Neologismus über das Sprachliche hinaus und schloss somit Neuerungssucht in Glaubenssachen und Lehre mitein. Man muss die Tatsache hervorheben, dass der Begriff Neologismus, wie bereits erklärt, als Neigung zur Neuerung einer relativ negativen Konnotation ausgesetzt war, ”vor allem auch durch die Andeutung der Normabweichung bei der Bezugnahme auf sprachliche Erscheinungen“ (Kinne 1998: 72).

1.3 Typen von Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache

In der Neologismen-Lexikographie wird zwischen Neulexem und Neubedeutung unterschieden.

1.3.1 Neulexem

Nach Kinne (1998: 83) geht es beim Neulexem um eine native oder entlehnte lexikalische Einheit, die sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Bedeutung neu ist. Bei der neuen lexikalischen Einheit geht es um ein Einwortlexem, ein Wortgruppenlexem, einen Phraseologismus oder ein Kurzwort. Mit Neulexemen werden neu etablierte Gegenstände oder Sachverhalte benannt, z.B. Atomausstieg, Schwarzkonto oder feste Wortverbindungen (in trockenen Tüchern, mit allem Zipp und Zapp), sowie Lehnwörter wie Onlineshop, Piercing. Ein Neulexem ist entweder ein Wortbildungsprodukt (Börsengang, gelbgesperrt) oder ein Lehnwort (E-Commerce, Hyperlink). Bei den Entlehnungen ist jedoch zwischen vollständig assimilierten Lehnwörtern und wenig assimilierten Lehnwörtern zu unterscheiden. Bei der vollständigen Assimilation wird das neugebildete Wort in seiner Schreibung an das Deutsche angepasst, z.B. verlinken (Engl. to link), so dass es in der Allgemeinsprache nicht als Lehnwort auffällt. Hingegen treten bei den weniger assimilierten übernommenen Fremdwörtern keine Schreibänderungen auf und sie erhalten die fremdsprachliche Orthographie, z.B. Onlineshop. Ein Fremdwort wie Onlineshop wird zum deutschen Wortgut hinzugetan und gilt als entlehnter Neologismus, wobei ein deutscher Begriff dieselbe Bedeutung trägt (InternetgeschÄft).

1.3.2 Neubedeutung

„Die Neubedeutung ist ein Produkt des semantischen Wandels“ (Kinne 1998: 84). Es handelt sich dabei um eine neue Bedeutung, die zu einem bereits existierenden Lexem hinzukommt (Alphatier, Maus). Nach Steffens (2007: 148) ist es bei der Neubedeutung schwieriger, den Neologismus zu erkennen, weil er mit vorhandenem und schon seit längerer Zeit bekanntem Lautkörper gebildet ist. Eine Neubedeutung kann sowohl mit deutschem Wortmaterial (abgezockt) oder durch Entlehnungen (surfen) gebildet werden. Schippan (2002: 252) vertritt die Meinung, dass die Neubedeutung nur diachronisch empfunden werden kann und erst nach einem bestimmten zeitlichen Abstand erkennbar ist, wenn ein neuer Denotatsbereich mit dem Lexem in Verbindung gebracht wird. Dieser Hypothese stimmt auch Kinne (1998: 84) zu, der meint, dass Neubedeutungen einen langen und weniger erkennbaren Entstehungsprozess im Vergleich zu Neulexemen durchlaufen. Die Neubedeutung kann parallel zur älteren Bedeutung verwendet werden oder diese verdrängen, so dass die ältere Bedeutung im Laufe ihrer diachronischen Entwertung zu einem hohen Grad aus dem mentalen Lexikon verschwindet (ebd.). Ein Beispiel zur parallelen Verwendung neuer und älterer Bedeutung ist das Verb abklatschen. Steffens gibt im Sprachdienst 4 (2007: 149) das Beispiel vom Verb abklatschen mit der Bedeutung „durch Klatschen in die Hände jmdn., der gerade mit einem anderen tanzt, für sich als Tanzpartner[in] erbitten u. Erhalten“ (Duden 2007: 88), das aber in den 90er Jahren eine neue Bedeutung dazubekommen hat „zur Aufmunterung, als Zeichen der Anerkennung o. Ä.) die Handflächen gegen die eines Mitspielers, Mannschaftskameraden o.Äschlagen: jmdn. a.“ (ebd.). Die neue Bedeutung kommt in einem Belegtext aus dem IDS-Korpus vor: ” Völlig erschöpft humpelte sie nach dem TV-Interview eine halbe Ehrendrunde durch die brodelnde Halle, klatschte die HÄnde Hunderter Fans ab.” (Mannheimer Morgen, 21.11.1998)

Es kann aber vorkommen, dass Neulexeme mit verschiedenen Bedeutungen in verschiedenen Korpora belegt sind, so dass der Eindruck entsteht, dass es sich um eine Neubedeutung handelt, während das Neulexem mit beiden Bedeutungen als Neologismus betrachtet wird. Dies kann an verschiedenen Belegen nach Steffens aus dem Sprachdienst 4 (2007: 149) anschaulich gemacht werden. Der Neologismus Elchtest erscheint in manchen Belegen mit der Bedeutung „Bewährungsprobe“ wie in Beispiel 1 und in anderen Belegen mit der engeren Bedeutung „Manöver-Sicherheitstest für Autos“ wie in Beispiel 2: 1. „ Für Angela Merkel war der Marsch durch die Reihen der CSU-Delegierten ein Elchtest” (Die Berliner Zeitung, 18.11.2000). 2. ” [die A-Klasse von Mercedes] habe aber bei dem inzwischen als Elchtest bezeichneten Slalommanöver eines schwedischen Motorjournalisten offensichtlich eine SchwÄche (Die Frankfurter Rundschau, 30.10.1997).

1.4 Abgrenzung von Neologismen und Ad-hoc-Bildungen

In der Wortneubildung geht es lediglich entweder um ein etabliertes Neuwort, wie bereits ausführlich erklärt oder um ein augenblicklich und kontextbezogen gebildetes neues Wort. Solche okkasionellen neuen Wörter werden in der Sprachwissenschaft als Ad-hoc-Bildungen bezeichnet, weil sie nur zum Zweck einer Situations- oder Sachverhaltsdarstellung in einem bestimmten Kontext gebildet werden und nicht als etablierte lexikalische Einheiten gelten, so dass sie außerhalb des Kontextes kaum als sinntragende lexikalische Einheiten zu klassifizieren sind. Diese Ad-hoc-Bildungen, die auch als Okkasionalismen oder Eintagsfliegen bekannt sind, werden ausschließlich mit Mitteln der Wortbildung gebildet. Es geht also nur um die Entstehung einer Textbedeutung durch die Kombination bekannter Sprachzeichen. Zum Zeitpunkt ihrer Bildung können Wortneubildungen nur als Ad-hoc-Bildungen bezeichnet werden und nur auf der Textebene eine Bedeutung tragen. Dabei geht es hauptsächlich um deren kontextsensitive Verwendung. Solche Ad-hoc-Bildungen könnten sich, jedoch mit einer geringen Wahrscheinlichkeit, im Zeitverlauf zu Neologismen entwickeln, also unabhängig von der Textebene verstanden werden und ins Lexikon der Sprachgemeinschaft aufgenommen werden (Matussek 1994: 34). In diesem Zusammenhang ist Kinne (1998: 86) der Ansicht, dass jeder Neologismus zunächst als Okkasionalismus bzw. Ad-hoc-Bildung entsteht, bevor er über die Usualisierung und Akzeptierung und zuletzt mit der Lexikalisierung seinen Integrationsprozess zum Abschluss bringt. Eine Tatsache ist aber, dass die meisten Okkasionalismen sehr unwahrscheinlich zu Neologismen werden, weil es auf Faktoren wie den kommunikativen Wert des jeweiligen Denotats im öffentlichen Diskurs ankommt. Aus textlinguistischer Perspektive erfüllen Ad-hoc-Bildungen textrelevante Funktionen. Die Aufgabenbereiche von Ad-hoc-Bildungen im Text werden nach Elsen (2004: 89) versuchsweise im Folgenden herausgearbeitet: Ad-hoc-Komposita erfüllen eine referentielle, eine textuelle und eine stilistische Funktion. Okkasionalismen mit einer referentiellen Funktion können ohne Textzusammenhang verstanden werden und dienen zur Benennung von Gegenständen und Sachverhalten. Für die Textkohärenz leisten sie strenggenommen nichts. Dabei ergibt sich die Bedeutung des ad-hoc gebildeten neuen Wortes aus der Bedeutung und der Reihenfolge der einzelnen Bestandteile wie z.B. Schokoladenfabrikbesitzer, Autofarbrikbrand. Bei der textuellen Funktion geht es um die Bindung der Wortneubildung an die Textebene bzw. an einen bestimmten Zusammenhang, in dem sie zu verstehen sind wie z.B. Mega-Transfer wie es im folgenden Bild- Artikel steht: ” Beim Spiel Brasiliens gegen Australien (2:0) saßMadrids Mijatovic auf der Tribüne. Der Sportdirektor soll vor Anpfiff bereits mit Kak á s Vater Bosco, der auch sein Berater ist, verhandelt haben. Kommt es zum Mega- Transfer ? (Die Bildzeitung, 19.06.2006) Auf formaler Ebene übernehmen Ad- hoc-Bildungen eine sprachökonomische Rolle zur Vermeidung komplexerer Phrasen und Wiederholungen wie z.B. UN-GeneralsekretÄr statt GeneralsekrÄter der Vereinten Nationen. Auf inhaltlicher Ebene werden der Wissensstand ausgebaut, die Informationen differenziert und das Verständnis erleichtert. Auf thematischer Ebene wird mit Okkasionalismen ein Thema konstituiert und variiert. Auf der Textebene werden Texte konstituiert bzw. Textteile verflochten, so dass ein Zusammenhang entsteht wie bei UN- Waffeninspektor im Anschluss an Waffeninspektionen und UN-GeneralsekretÄr, wobei ein Zusammenhang zwischen drei verschiedenen Sätzen entsteht (Elsen 2004: 89). Okkasionelle Wortneubildungen erfüllen eine stilistische Funktion, wenn kein oder kaum Benennungsbedarf besteht. Hierbei werden bestimmte Effekte auf den Leser erzielt (ebd). Für die Stilfärbung bzw. zur Auslösung bestimmter Effekte wird in der Pressesprache sehr oft auf okkasionelle Wortneubildungen zurückgegriffen, weil sonst einfache lexikalisierte Einheiten diese Funktion nicht erfüllen. Kennzeichnend für eine Ad-hoc-Bildung ist, wie bereits angedeutet, ihre Kontextgebundenheit, wenn es um die textuelle und die stilistische Funktion geht. Diese Kontextgebundenheit fällt jedoch bei der referentiellen Funktion aus. Sollten wir Ad-hoc-Bildungen den Neologismen gegenüberstellen, dann müssten wir sowohl den Kontext-Begriff als auch die Verwendungsfrequenz ins Zentrum rücken. Ein Neologismus braucht nicht in einen Kontext bzw. einen Textzusammenhang eingebettet zu sein, um richtig und einheitlich interpretierbar zu sein. Er ist schon in speziell dafür konzipierten, den sogenannten Neologismen-Wörterbüchern, oder in allgemeinsprachlichen Wörterbüchern verzeichnet. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal besteht in der Verwendungsfrequenz von Neologismen, die sich über eine bestimmte Zeitspanne, in der Regel über zehn Jahre, ausreichend erstrecken. Hingegen fehlen diese zwei Kriterien bei den Ad- hoc-Bildungen. Die in der deutschen Publizistik meist gebrauchten Ad-hoc- Bildungen sind kontextgebunden und weisen eine sehr kleine Verwendungsfrequenz auf, die es, gemessen an den lexikographischen Maßstäben, nicht erlaubt, sie zu den Neologismen zu zählen. Die Ad-hoc- Bildung Offshore-Datenleck stellt ein gutes Beispiel zur Veranschaulichung dieses Merkmals dar. Dieser Okkasionalismus wurde von der Süddeutschen Zeitung als Überschrift eines Artikels über die Steuerhinterziehungsaffäre verwendet, die im Mai 2013 ganz Europa erschüttert hatte. Sollte man die bloße Ad-hoc-Bildung betrachten, könnte sie kaum einheitlich interpretiert werden. Wenn man aber den Kontext miteinbezieht und die ganze Überschrift bzw. den ganzen Artikel liest ” Steuerbehörden werten Offshore-Datenleck aus. “ (Süddeutsche Zeitung, 10.05.2013) dann wird sich herausstellen, dass es sich um den Steuerbehörden heimlich zugespielte Daten über Bankkonten von Geschäftsleuten und Politikern in Steueroasen handelt, die hätten versteuert werden müssen. Eine andere Ad-hoc-Bildung zum selben Thema (Offshore- Leaks-Enthüllungen), deren Bedeutung sich erst im Textzusammenhang eschließt.

„ Nach den Offshore-Leaks-Enthüllungen hat die EU den Kampf gegen Steuerhinterziehung verstÄrkt. Luxemburg hat angekündigt, sein Bankgeheimnis aufzugeben. Mehrere EU-LÄnder wollen in Zukunft viele Informationenüber Kontoinhaber mit den FinanzÄmtern in den europÄischen Partnerstaaten automatisch austauschen. “ (Süddeutsche Zeitung, 10.05.2013)

1.5 Möglichkeiten zur Bildung von Neologismen

Das Deutsche ist eine dynamische Sprache, deren Wortschatzumfang auf etwa 300 000 bis 500 000 Wörter und Phraseologismen geschätzt wird. Zu den Schwankungen tragen fachliche und regionale Wortschätze, neue und veraltete Wörter sowie Gruppenwortschätze bei. Dabei liegt der aktive Wortschatz eines Durchschnittssprechers zwischen 10.000 und 20.000 Wörtern (Duden 2009: 639). Zum lexikalisierten Wortschatz kommen aber jede Menge Wortneubildungen bzw. Neologismen hinzu, die auf unterschiedliche Weisen gebildet werden. Zur Bildung von Neologismen im Deutschen stehen einem drei Möglichkeiten zur Verfügung. Erstens greift man auf die Wortbildung zurück, indem man bereits existierendes Wortgut des Deutschen gebraucht und es zusammensetzt, so dass ein neues Wort mit einer neuen Bedeutung entsteht, z.B. Gewinnwarnung, anklicken. Hierzu werden verschiedene Wortbildungstechniken für Wortneubildungen herangezogen, auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Die zweite Möglichkeit zur Bildung von Neologismen im Deutschen stellt die Entlehnung dar, die besonders an der Wende zum 21. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen hat, so dass sie hinter der Wortbildung den zweiten Platz belegt. Hierbei wird zwischen Lehnwort, Lehnübersetzung, Lehnübertragung und Lehnbedeutung unterschieden, die weiter unten näher erläutert werden. Am wenigsten bedient man sich der Bedeutungsveränderung, um Neologismen zu bilden. Dabei wird einem bereits bestehenden und längst lexikalisierten Lexem eine neue Bedeutung (hinzu)gegeben, so dass es als Neologismus betrachtet wird. Eine nähere und ausführliche Darstellung der Bedeutungsveränderung befindet sich unter 2.5.3

1.5.1 Neologismenbildung durch Wortbildung

Aus dem Forschungsstand geht hervor, dass die Wortbildung die erste Möglichkeit zur Wortschatzerweiterung bzw. Neologismen-Bildung darstellt. Dies geht aus dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1961-1977) hervor, das in seinem Stichwortverzeichnis den Anteil von Wortbildungen an den Neologismen mit 83% veranschlagt (Duden 2009: 639). Die Wortbildung, wie von Fleischer, Barz und Schröder (2012: 1) definiert „umfasst sowohl die Verfahren, die den Sprechern zur Bildung von Lexemen zur Verfügung stehen, als auch den Bestand an wortgebildeten Lexemen und deren kommunikativen Potenzen.“ In der Wortbildung selbst unterscheidet man „verschiedene Wortbildungsarten, die sich in den Sprachen in Auftretenshäufigkeit und Produktivität unterscheiden“ (Elsen 2004: 23). Es werden in der vorliegenden Arbeit Wortbildungstechniken behandelt, denen bei der Bildung von Neologismen viel Bedeutung beigemessen wird. Dabei geht es um die Komposition, die Derivation, die Konversion, die Verbpartikelbildung, die Kurzwortbildung und die Wortgruppenlexeme.

1.5.1.1 Neologismenbildung durch Komposition

Der Komposition kommt bei der Bildung von Neologismen die größte Bedeutung zu. Mit der Komposition werden zwei Wurzeln zu einem Wort zusammengefügt. Die am meisten aus der Komposition hervorgehende Wortart ist das Substantiv, das aufgrund seiner großen Auftretenshäufigkeit im Mittelpunkt der theoretischen Forschungsarbeiten steht. Das typische substantivische Kompositum kennzeichnet sich prinzipiell durch die Stabilität der Wortstruktur. Für seine Konstituenten gilt die Zusammenschreibung und sie sind morphologisch und syntaktisch untrennbar. Aber es ist darauf hinzuweisen, dass die Zusammenschreibung bei Komposita nicht für alle Kompositionsarten obligatorisch ist (vgl. z.B. Entlehnungen aus dem Englischen wie Soft Drink, Hot Pants. Fleischer, Barz, Schröder 2012: 127). Dies trifft vollkommen auf entlehnte Neologismen aus dem Englischen zu, die im IDS-Neologismen- Wörterbuch verzeichnet sind (Factory Outlet, Global Player), wobei Erstgliedbetonung sowie Unflektiertheit des Adjektivs als dominante Kompositionsmerkmale diese Bildungen als ein Wort wahrnehmen lassen (Fleischer, Barz, Schröder 2012: 127). So gelten z.B. die Genitivformen (des Factory Outlets, des Global Players). Man unterscheidet auf semantischer Ebene Determinativ- und Kopulativkomposita (vgl. Duden 2009: 718-721). Determinativkomposita bestehen aus einem Bestimmungswort (Determinans) und einem Grundwort (Determinatum). Sie ”gehören zur Klasse der modifizierenden Wortbildungen. Das Zweitglied wird durch das Erstglied nach verschiedenen Gesichtspunkten in seinem Bedeutungsumfang eingeschränkt“ (Duden 2009: 718). Hierzu sind einige Neologismen aus der IDS-Liste zu nennen: Gelbsperre, Induktionsherd. Possessivkomposita bilden einen Subtyp von Determinativkomposita. Dabei geht es um den Determinativkomposita ähnliche Zusammensetzungen, die den Besitz oder die Eigenschaft von Personen, Tieren oder Pflanzen angegeben, die nicht im Ausdruck erwähnt sind wie z.B. Großmaul: jemand, der ein großes Maul hat bzw. Angeber, Dickkopf: starrköpfige Person. Nach Duden (2009: 721) verbinden Kopulativkomposita zwei gleichwertige Elemente, die meist dem gleichen semantischen Feld zugeordnet werden, wobei keine Konstituente als Bestimmungs- oder Grundwort betrachtet werden kann (Spieler-Trainer, jemand ist gleichzeitig Spieler und Trainer). Fleischer, Barz und Schröder (2012: 149) definieren sie als Komposita deren „Konstituenten in einem koordinierenden Verhältnis stehen“ Sie fügen hinzu, dass die beiden Konstituenten ohne prinzipielle semantische Veränderung, ohne jedoch sprachüblich zu sein, umgestellt werden können (Pulloverjacke - Jackenpullover, Strumpfhose, Hosenstrumpf). Charakteristisch bei den Kopulativkomposita ist die Tatsache, dass sie keiner anderen semantischen Gruppe zugeordnet werden als die beiden Konstituenten (Neuß, 1981: 43 ff. zit. nach Fleischer, Barz, Schröder 2012: 149). Es ist jedoch möglich, dass bei manchen Kopulativkomposita eine doppelte Interpretation zugelassen wird wie Mannweib, worunter man in der älteren Sprache Mann und Weib verstand. In der Gegenwartssprache hat es in der Regel eine determinative Funktion, eine männlich wirkende Frau (Fleischer, Barz, Schröder 2012: 150). Dieselben Autoren setzen fort, dass diese Merkmale auf zwei Gruppen der Kopulativkomposita zutreffen. Die erste Gruppe bilden exozentrische Kopulativkomposita (Ortner/Ortner 1984: 66 zit. nach ebd.), die weder nach dem Erst- noch nach dem Zweitglied semantisch repräsentiert werden können wie Strumpfhose, die weder eine Hose noch ein Strumpf ist. Zur zweiten Gruppe gehören die endozentrischen oder konjunktiven Kopulativkomposita, ”deren unmittelbare Konstituenten in einem additiven Verhältnis stehen und zwei Seiten eines Denotats bezeichnen“ (ebd.). Dabei handelt es sich meistens um Personenbezeichnungen, die in der deutschen Gegenwartssprache neue Wortneubildungen insbesondere als Okkasionalismen hervorbringen wie Spielertrainer: zugleich Trainer und Spieler oder SÄnger-Darsteller: zugleich Sänger und Darsteller. Nach Fleischer, Barz und Schröder (2012: 151) gibt es einen Übergangsbereich von Determinativ- und Kopulativkomposita. Selbst wenn das Erstglied eine Personenbezeichnung ist, könnte das Kompositum eine determinative Funktion übernehmen (Schwesterstadt, Tochtergesellschaft). Kopulativkomposita mit zwei Personenbezeichnungen könnten sich auch als Determinativkomposita auffassen lassen. Ein Mördergeneral ist zugleich Mörder und General, was eine kopulative Funktion darstellt, ist aber auch determinativ aufzufassen (General, der einen Mord begangen hat). Neben den Substantiven entstehen auch Wortneubildungen als Adjektive mittels der Komposition. Adjektivische Komposita sind ähnlich den substantivischen auch stabile, wortintern nicht flektierbare Wörter. Dafür gilt die Zusammenschreibung oder der Bindestrich bei Kopulativkomposita (Duden 2009: 743). Ähnlich wie bei den substantivischen Komposita unterscheidet man bei den adjektivischen auf semantischer Ebene Determinativ- und Kopulativkomposita. Bei den adjektivischen Determinativkomposita ist die Wortbildungsbedeutung entweder frei interpretierbar oder von der Valenz des Zweitgliedes abhängig. Im ersten Fall geht es um Nicht-Rektionskomposita, im zweiten um Rektionskomposita. Nicht-Rektionskomposita treten mit vergleichender (himmelblau, lammfromm), und graduierender Wortbildungsbedeutung (brandaktuell, riesengroß) auf. Den Nicht- Rektionskomposita ist der Neologismus stutenbissig mit vergleichender Wortbildungsbedeutung zuzuordnen, der im Online-Neologismen-Wörterbuch (www.owid.de) mit der folgenden Bedeutung verzeichnet ist: „sich als Frau gegenüber einer anderen (mit ihr besonders beruflich in Konkurrenz stehenden) Frau aggressiv, zickig verhaltend“. Als Erstglieder können Substantive (brandaktuell), Adjektive (topaktuell), Funktionswörter (ü bervorsichtig) oder Verben (stinklangweilig) fungieren (Duden 2009: 745f.). Die zweite Kategorie der adjektivischen Determinativkomposita bilden die Rektionskomposita, deren Wortbildungsbedeutung syntaktisch-semantisch vorgeprägt ist und sich aus der Valenz der Zweitglieder ergibt. Dabei eröffnen die Zweitglieder Leerstellen, die durch eine syntaktische Fügung auszufüllen ist. Wie die Autoren der Duden- Grammatik (2009: 747) klarmachen, „ist die Valenzstelle wortextern durch eine Nominalphrase in einem obliquen Kasus oder durch eine Präpositionalphrase ausgefüllt.“ Hierzu können unter Anlehnung an die Beispiele der Duden- Redaktion die folgenden Beispiele angeführt werden: ein kompromissbereiter Gesprächspartner ist ein zum Kompromiss bereiter Gesprächspartner (Präpositionalphrase), ein ä nderungsbedürftiger Bauplan ist ein der Änderung bedürftiger Bauplan (Nominalphrase im Genitiv). Bezogen auf die Wortneubildung im Deutschen wird vor allem auf adjektivische Komposita mit substantivischem Erstglied zur Wortschatzerweiterung zurückgegriffen. Hierzu werden einige Beispiele aus der Duden-Grammatik (ebd.) genannt, bei denen es um feste (altersbedingt, ideologiegebunden, konsumorientiert) oder eher um weniger lexikalisierte Komposita handelt (webbasiert, aufgabenbezogen, lernerzentriert) geht . Auffallend ist aber bei den ad-hoc gebildeten Wortneubildungen mit substantivischem Erstglied und manchen Zweitgliedern wie (-bezogen, -basiert, -orientiert), trotz ihrer Nicht-Lexikalisiertheit aufgrund von korpusbasierten Untersuchungen, die Tatsache, dass sie eine sehr hohe Verwendungsfrequenz in der deutschen Gegenwartssprache in den jeweiligen Wortschätzen aufweisen, z.B. In der Fremdsprachendidaktik (aufgabenorientiert mitüber 31000 Ergebnissen bei Google), im EDV-Bereich browserbasiert mitüber 43000 Ergebnissen bei Google). Kopulativkomposita sind die zweite semantische Gruppe im adjektivischen Kompositum, die auch reichlich für die Wortschatzerweiterung herangezogen werden. ”Adjektivische Kopulativkomposita bestehen aus zwei oder (selten) drei adjektivischen Konstituenten, die semantisch nebengeordnet sind“ (Duden 2009: 749), (deutsch-französische Beziehungen, warm-feuchtes Wetter). Hierzu lassen sich viele Okkasionalismen bilden (schwarz-gelbe Koalition: Koalition zwischen der CDU und der FDP), (rot-grüne Koalition: Koalition zwischen der SPD und der Partei Bündnis 90/Die Grünen), die in der deutschen Presse mehrfach belegt sind.

1.5.1.2 Neologismenbildung durch Derivation und Konversion

Die zweite Möglichkeit zur Wortschatzerweiterung durch Wortbildung im Deutschen ist die Derivation. Hierzu wird zwischen expliziter und impliziter Derivation unterschieden. Nach Elsen (2004: 29) geht es bei der expliziten Derivation um das Anhängen eines Derivationsaffixes (Suffix oder Präfix) (Reich tum , Miss ernte). Nach Fleischer, Barz und Schröder (2012: 86) bestehen Derivate aus Derivationsbasis und Derivationsaffix. Die Derivationsbasis tritt oft als Wortstamm auf (Un glück , Wissen schaft). Derivationsaffixe kommen vor als: 1. Präfixe (ver stehen, Miss glück, un klar) 2. Suffixe (Mann schaft) 3. Zirkumfixe (Ge lach e , ge rÄum ig , un glaub lich). Aus der Derivationsbasis (Erfolg) lässt sich durch das Anhängen eines Affixes (Miss) das Derivat (Misserfolg) bilden. Als Derivate unterscheidet man substantivische Derivate (Urwald), adjektivische Derivate (unglaublich), verbale Derivate (ü bergehen) und adverbiale Derivate (neuerdings). Charakteristisch bei der Derivation gegenüber der Konversion ist die Tatsache, dass im Derivationsprozess ein Wortartwechsel nicht zwangsweise auftritt. Klugheit aus Klug (Wortartwechsel), Misserfolg aus Erfolg (kein Wortartwechsel). Bei der Konversion geht es lediglich um die Bildung eines Substantivs, eines Adjektivs oder eines Verbs aus einer anderen Wortart oder einer syntaktischen Fügung ohne Affigierung. Nach Duden (2009: 667) gehören zur Konversion folgende Typen: 1. Bildung von Substantiven: A. Adjektiv zu Substantiv: krank > ein Kranker / der Kranke. B. Partizip zu Substantiv: ein Reisender, der Angestellte. C. Verb zu Substantiv: das Essen, das Spiel, die Reise. D. Syntaktische Fügungen zu Substantiv: das So-tun-als-ob. E. Andere Wortarten zu Sustantiv: kein wenn und aber 2. Bildung von Verben: A. Adjektiv zu Verb: weichen. B. Substantiv zu Verb: salzen 3. Bildung von Adjektiven: A. Substantiv zu Adjektiv: klasse. B. Partizip zu Adjektiv: aufregend, geschlossen. In der Wortneubildung durch Neologismen kommt der Derivation keine große Bedeutung zu. Eine längere Auseinandersetzung mit dem Thema Derivation würde über den Arbeitsumfang der theoretischen Arbeit hinausschießen. Von daher wird dieser Teil an das Thema „Neologismen“ geknüpft, weil es hier um kein reines Wortbildungsthema handelt. Da das Neologismen-Wörterbuch vom IDS das Referenzwörterbuch für die Auswahl und Definition der Stichwörter darstellt, werden in diesem Zusammenhang einige Derivationsbeispiele aus dieser Quelle angeführt 1. Verbale Derivate: verlinken, verosten, entschleunigen 2. Substantivische Derivate: Ichling, Schübling, Silberling, Stuttenbissigkeit, Verostung, Verspargelung, VirtualitÄt 3. Adjektivische Derivate: kultig, ostig, prollig, stuttenbissig, stylisch, unkaputtbar. Eine Affixübersicht der substantivischen, adjektivischen und verbalen Derivation wurde zur Veranschaulichung des theoretischen Rahmens der Derivation und zum Zweck der Nichtstörung des Textflusses als Anhang beigelegt (Siehe Anhang S. 147- 149). In den Tabellen konnten aus Platzgründen nicht alle Einträge der Stichwortliste im IDS-Neologismen-Wörterbuch angeführt werden. Die ausgewählten Neologismen sollen als Beispiel für die Wortneubildung durch Derivation dienen. Dabei haben wir uns auf die Stichwortliste des IDS mit 953 Einträgen beschränkt. Da Substantive den größten Anteil an Neologismen in der IDS-Stichwortliste ausmachen, ist es besonders auffallend, dass sie nicht nur bei der Komposition sondern auch bei der Derivation am meisten vertreten sind. Verbalderivate belegen den zweiten Platz an den meistvertretenen Derivationswortarten, gefolgt von den Adjektiven, von denen man etwa nur neun Einträge zählt. Bei der Bildung von Substantiven tendiert man zu den fremdsprachlichen Affixen (Anti-, Hyper-, Ko-, -ismus, -ment, -ie, -ing, -ur , ent, -Ät). Dagegen haben die nativen Affixe einen kleinen Anteil daran. Bei den adjektivischen Derivaten kommt den nativen Affixen trotz der kleineren Anzahl der Derivate eine größere Bedeutung zu, wobei ein einziges Derivat mit einem fremdsprachlichen Affix verzeichnet ist (kollateral in Kollateralschaden). Verbale Derivate entstehen oft durch den Einsatz von nativen Affixen. Im theoretischen Teil wird absichtlich auf statistische Angaben verzichtet, damit die theoretische Arbeit und die detaillierte korpusbasierte Analyse der ausgewählten Stichwörter mit ihren klaren überschaubaren Ergebnissen im empirischen Teil nicht ineinander übergehen und zu Redundanzen führen.

1.5.1.3 Neologismenbildung durch Partikelverbbildung

Nach Duden (2009: 696f.) sind darunter komplexe Verben mit einem morphologisch und syntaktisch trennbaren Erstglied zu verstehen. Im Folgenden wird der Begriff trennbares Präfix (Fleischer, Barz, Schröder 2012: 396) gebraucht, um das Erstglied der Partikelverbbildung zu bezeichnen, obwohl dieser Terminus in der Wortbildung nicht einheitlich verwendet wird. Während verbale Präfixderivate untrennbar sind und keine Satzklammer bilden (besuchen, entkommen, verstehen), sind die Erstglieder bei der Partikelverbbildung immer trennbare Präfixe (ankommen, ausrufen, aufstehen), die zusammen mit einfachen Verben als Basis die Partikelverben bilden. Duden-Grammatik (2009: 697) unterteilt die Verbpartikeln als Wortbildungsmittel nach der ihnen zugrundeliegenden Wortart in: a. Präpositionale Verbpartikel (abnehmen, anziehen, aufsteigen, auskommen, beibringen, durchgehen, mitfahren, nachgeben,übergehen, umkommen, unterbringen, vorstellen, wiedersagen, zustimmen, einatmen: nach der PrÄposition in) b. Adverbiale Verbpartikel (herkommen, hingehen, herunterlaufen, hinuntergehen, dahinfahren) c. Adjektivische (festhalten, freihaben, hochkommen) und d. Substantivische Verbpartikel (preisgeben, standhalten, teilnehmen). Entgegen der Präfixderivation sind Verbpartikel immer betont (’ aufstehen, ’ hinfallen, hin ’ eingehen, ’ leidtun). Die Verbpartikeln (durch,über, um, unter, hinter, wider) kommen auch als Präfixe bei Derivationen vor und sind entweder untrennbare Präfixverben oder trennbare Partikelverben. Ein Beispiel mit umfahren: Ich habe ein Schild umgefahren (Parikelverb), der Autofahrer umfÄhrt den Bauernhof (Präfixverb). Im Zusammenhang mit Neologismen ist die Verbpartikelbildung sehr produktiv und hat statistisch gesehen sogar die verbale Präfixderivation in der Wortneubildung verdrängt. Zu den Neologismen der 90er Jahre zählen beispielsweise die folgenden Stichwörter (anmailen, anklicken, einklicken, auschillen, herumzappen, zutexten).

1.5.1.4 Neologismenbildung durch Kurzwortbildung

In der Wortneubildung greift man sehr oft aus sprachökonomischen Gründen auf die Kurzwortbildung zurück. Nach Fleischer, Barz und Schröder (2012: 277) ist die Kurzwortbildung eine Wortbildungsart, deren Ausgangseinheiten bzw. die Vollformen entgegen der Komposition, der Derivation und der Konversion semantisch mit ihren Wortbildungen, den Kurzwörtern, übereinstimmen. Durch die Kurzwortbildung entstehen weder semantische Subklassen noch eine veränderte Bedeutungsklasse (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme > ABM, Schiedsrichter > Schiri). Duden-Grammatik (2009: 733) definiert Kurzörter als Substantive, und zwar Appellative (Gattungsbezeichnungen) und Eigennamen, die aus der Kürzung von komplexeren Wörtern oder syntaktischen Fügungen entstehen (Kriminalpolizei > Kripo, Sozialdemokratische Partei Deutschlands > SPD). Die Kurzwortbildung bringt somit Kurzwörter, die den Wortschatz erweitern und in manchen Fällen anstelle der vollen Wortformen verwendet werden. So sagt man heutzutage z.B. CDU statt Christliche Demokratische Union und BMW statt Bayerische Motorenwerke. Bei der Auseinandersetzung mit Pressetexten hat sich herausgestellt, dass besonders bei Eigennamen auf Kurzwörter zurückgegriffen wird, die aus fremdsprachlichem Wortgut zusammengesetzt sind (UNO für die Vereinten Nationen, UNESCO, HIV). Kurzwörter lassen sich nach der Anzahl der Segmente der Vollform und ihrer Aussprache klassifizieren (Duden 2009: 734):

a) Nach der Anzahl der Segmente: Nach Fleischer, Barz und Schröder (2012: 277) unterscheidet man auf dieser Ebene Ebene drei Kuzworttypen. Die erste Gruppe bilden die multisegmentalen Kurzwörter, die mehrere Segmente enthalten (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club > ADAC). Die zweite Gruppe bilden die unisegmentalen Kurzwörter, die aus einem einzigen Segment der Vollformen bestehen (Satellitenfernsehen > Sat). Als dritte Gruppe bezeichnet man „partielle Kurzörter“ (Bellmann 1980: 372, zit. nach Fleischer, Barz und Schröder 2012: 277), die aus einem gekürzten Teil und einem unveränderten Teil der Vollform zusammengesetzt sind (Untergrundbahn > U-Bahn, Untersuchungshaft > U-Haft).

b) Nach ihrer Aussprache: Nach Duden (2009: 734) werden drei Typen unterschieden: 1. Phonetisch gebundene Kurzwörter werden zusammenhängend ausgesprochen wie ein Wort (DAX > Deutscher Aktienindex) 2. Phonetisch ungebundene Kurzwörter werden nach den Anfangsbuchstaben ausgesprochen (ZDF, BRD) 3. Mit beiden Aussprachevarianten (FAZ). In der Wortbildung weisen Kurzwörter eine besonders große Produktivität auf, indem sie mit anderen Wortstämmen oder Affixen kombiniert werden. Sowohl in usuellen als auch in okkasionellen Wortbildungen sind Kurzwörter als Kompositionsglieder sehr verbreitet und fallen gegenüber anderen Kompositionsgliedern kaum auf wie TüV-Test, SPD-Fraktionschef, UNO-Beschluss (Fleischer, Barz und Schröder 2012: 283). Dieselben Autoren (ebd. 283f) führen die hohe Frequenz von Komposita mit Kurzwörtern darauf zurück, dass sie trotz ihrer mehrfachen Komplexität eine einfachere syntaktische Struktur anbieten als die jeweiligen Vollformen. Nach denselben Autoren in derselben Publikation beträgt der Anteil der Initialkurzwörter 90% des Gesamtbestandes bei Namen von ‚Staaten, Parteien, Vereinen, Verbänden, Organisation, Institutionen, Publikationsorganen und Wirtschaftsunternehmen‘ (Starke 1997: 93, zit. nach Fleischer, Barz, Schröder 2012: 278). Die hohe Verwendungsfrequenz gilt besonders für Ad- hoc-Bildungen in der Politik (EU-Gipfeltreffen, NSA-Spionageskandal)NSA- Spionageskandal : Snowden-Partner Greenwald kündigt neue Enthüllungen an “ (Der Spiegel Online, 19.07.2013) . Kurzwörter werden zur Wortschatzerweiterung sehr oft herangezogen, so dass viele ins Lexikon aufgenommen werden. Fleischer, Barz und Schröder (2012: 284f.) erklären dies unter Anlehnung an Eroms (2002b: 22) mit ‚eine[r] Antwort auf die immer größer werdende Komplexität, unserer modernen Welt‘. Sie fügen hinzu, dass Kurzwörter einen schnellen Zugriff auf komplexe Bezeichnungen von Dingen, Sachverhalten oder Personen ermöglichen und ein ‚Eigenleben gewinnen‘ (ARD > Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands oder ver.di > Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft) (Fleischer, Barz und Schröder 2012: 284f.), so dass dafür lexikografische Inventare auch online erstellt werden, um sie den Sprachbenutzern durchschaubar zu machen. In der Kurzwort- Neubildung unterscheidet man nach Fleischer, Barz und Schröder (2012: 285f) drei Typen von Kurzwörtern 1. Appellativa im Allgemeinwortschatz: AG > Aktiengesellschaft, ICE > Intercityexpress 2. Eigennamen im Allgemeinwortschatz: Firmennamen DB > Deutsche Bahn, Parteien SPD > Sozialistische Partei Deutschlands, Vereine FCB > Fußballclub Bayern München, Veranstaltungen EM > EuropÄische Fußballmeisterschaft. 3. Fachwörter: Sie bestehen zum größten Teil aus Buchstaben- oder Initialkurzwörtern und gehen größtenteils auf fremdsprachliche Vollformen zurück: HIV > human immunodeficiency virus, HTML > Hypertext Markup Language. Neben den usuellen Neuaufnahmen an Kurwörtern in Standardwörterbüchern weist die Pressesprache eine sehr große Verwendungsfrequenz von als Ad-hoc-Bildungen bezeichneten Wortneubildungen auf, die über eine längere Zeit mehrfach belegt sind aber nicht zu den lexikalisierten Neuaufnahmen gehören (SPD-Parteichef, UNO- Beauftragter). Als Neologismen geltende Kurzwörter aus der IDS-Stichwortliste weisen eben eine hohe Verwendungsfrequenz auf und sind zum Teil lexikalisierte Neuaufnahmen in Standardwörterbüchern (E-Banking > electronic Banking, E-Cash, Mc-Job > niedrig bezahlter Job als Anspielung auf solche Jobs bei McDonalds, MP3-Player, Meck-Pom > Mecklemburg-Vorpommern, Mechtronik > Mechanik und Elektronik: interdisziplinÄres Fachgebiet der Ingenieurwissenschaften, TFT-Bildschirm). Auffallend dabei ist die Tatsache, dass sowohl Okkasionalismen als auch Neologismen sehr oft als Erstglied in Komposita mit anderen Vollformen auftreten, wie in den bereits genannten Beispielen veranschaulicht.

1.5.1.5 Neologismenbildung durch Wortgruppenlexeme

Nach Möhn (1986: 120), wie von Elsen (2004: 27) zitiert, geht es bei den Wortgruppenlexemen, die auch unter dem Begriff „Mehrworttermini“ bekannt sind, um lexikalisierte feste Fügungen, die aus mindestens zwei getrennt geschriebenen Wörtern zusammengesetzt sind. Von den Komposita unterscheiden sie sich durch ihre getrennte Schreibung. Mehrwortlexeme bleiben somit beieinander und sind nicht austauschbar. Sie bezeichnen eine begriffliche Einheit, die eine spezialisierte Bedeutung innehat. Elsen (ebd.) fügt hinzu, dass die Bedeutung von Mehrwortlexemen entgegen den Phraseologismen aus den Einzelwörtern erschlossen werden kann (Allgemeine Sprachwissenschaft, der Eiserne Vorhang, die EuropÄische Gemeinschaft). Nach Elsen (ebd.) können aus Mehrwortlexemen ähnlich wie aus Einzellexemen Kurzwörter entstehen (ZDF). Aus persönlichen Beobachtungen gilt das besonders bei Eigennamen (ZDF: Zweites Deutsches Fernsehen, DFB: Deutscher Fußballbund). Da Mehrwortgruppenlexeme besonders in Fachsprachen zum Einsatz kommen, charakterisieren sie sich gegenüber Komposita dadurch, dass sie keine Konnotationen oder pragmatischen Interpretationen offenlassen, indem sie neue spezielle Referenten schnell und exakt bezeichnen. Dies geschieht auch durch den Gebrauch von definitorischen durch den fachlichen und theoretischen Hintergrund fixierten Lexemen. Diese theoretische Hypothese bedarf eines konkreten Beispiels. Hört man das Kompositum Gerechtigkeitslücke, so lässt das mehrere Interpretationen offen (eine Lücke im Justizwesen, eine Lücke in einem Gerichtsurteil, eine Lücke in der Gleichbehandlung verschiedener Personen). Hingegen erschließt sich die Bedeutung aus einem Mehrwortlexem wie Globales Dorf viel einfacher und ohne weitere Konnotationen. In der Neologismen-Forschung zählt die Bildung von Wortgruppenlexemen zu den Wortbildungstechniken, die in den 90er Jahren einige Neologismen hervorgebracht haben (goldener Handschlag, Globales Dorf) . Im Online-Wörterbuch des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim sind solche Stichwörter wie goldener Handschlag und robustes Mandat als Phraseologismen verzeichnet ähnlich wie den Ball flach halten und bis der Arzt kommt, die eine komplexere syntaktische Struktur aufweisen. Nach einem Schriftwechsel per E-Mail mit Frau Dr. Doris Steffens, der Leiterin des Projekts lexikalische Innovationen im IDS Mannheim, über die Zuordnung der Einheiten goldener Handschlag und robustes Mandat zu den Phraseologismen, meinte sie:

Im Bereich der Phraseologismen gibt es eine großen [sic!] terminologische Uneinheitlichkeit. Wir nennen diese Einheiten Phraseologismen, andere nennen sie Phraseme, Wortgruppenlexeme oder Mehrwortlexeme, feste Wortverbindungen usw. Wir verstehen unter Phraseologismen neue feste Wortverbindungen, die im Deutschen entstanden sind (Steffens 22.11.2013).

1.5.1.6 Neologismenbildung durch Kontamination

Laut Duden ”Deutsches Universalwörterbuch“ (2007: 995) handelt es sich bei der Kontamination in der Sprachwissenschaft um die Vermengung von Wörtern oder Wendungen, die eine Kontaminationsform ergibt. Hierzu gibt es zahlreiche usuelle meist nichtlexikalisierte Beispiele (Denglisch: Mischung aus Deutsch und Englisch , Schiege: Kreuzung aus Schaf und Ziege ). In der Wortneubildung bzw. bei Neologismen wird der Kontamination keine große Bedeutung beigemessen, nichtsdestoweniger hat diese Wortbildungstechnik einige Neologismen hervorgebracht, die später zu festen lexikalischen Einheiten geworden sind. Einige Beispiele aus der IDS-Stichwortliste sind (Mechatronik: Mischung aus Mechanik und Elektronik, Besserwessi: aus Besserwisser und Wessi). Nach Elsen (2004: 36), die Grésillon (1984: 169-170) zitiert, unterscheidet man zwei Kontaminationslexeme: Erstens Lexeme, die sich in ihren Laut- bzw. Buchstabenwerten überschneiden wie Feierabendstern aus Feierabend und Abendstern. Zweitens Ursprungswörter, aus deren Fragmenten der neue Ausdruck entsteht und die am meisten Kontaminationslexeme hervorbringen wie Frenglisch (aus Französisch und Englisch), klaufen (in der Jugendsprache aus kaufen und klauen). Unter Anlehnung an Duden (61998, 438), Steinhauer (2000, 110ff) und Hansen (1963, 125) geht Elsen (2004: 36f) davon aus, dass es sich bei den Kontaminationen fast nur um Okkasionalismen oder fachsprachliche Termini handelt, die zur stilistischen Färbung gebildet und eingesetzt werden. Eine Aufnahme in Standardwörterbücher bleibt bei den meisten Kontaminationen ausgeschlossen. Bei der Suche nach lexikalisierten Kontaminationen konnten die folgenden Beispiele herausgefunden werden: Kurlaub, Mechatronik, Besserwessi.

1.5.2 Neologismenbildung durch Entlehnung

Aus der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Neologismen hat sich ergeben, dass der Entlehnung eine erhebliche Bedeutung in der Wortschatzerweiterung beigemessen wird. Dabei geht es um die Übernahme fremdsprachlichen Wortgutes und dessen Anpassung an das deutsche Sprachsystem zur Schließung einer lexikalisch-semantischen Lücke bzw. zur Benennung eines neu aufgekommenen Gegenstandes (Satellit, Toaster) oder eines neuen Sachverhaltes (Alarmismus, Bürokratie, McDonaldisierung) (vgl. Schippan 2002: 263) . Nach Schippan (2002: 261) kommt es zu „sprachlichen Annäherungen, Sprachkontakten“ und somit zur Entlehnung durch die vielfältigen Beziehungen zwischen den Sprachträgern, die kulturellen Verbindungen und die internationale Zusammenarbeit. In der heutigen immer auf Globalisierung angewiesenen Gesellschaft scheint dieser Prozess in vollem Gang zu sein, weil der Sprachkontakt durch die Annäherung zwischen den verschiedenen Sprachen in ungeheurem Ausmaß beschleunigt wurde (neue Medien, multinationale Unternehmen, grenzübergreifende wirtschaftliche Zusammenarbeit, transnationale politische Interessen). Nach Schippan (2002: 263) versteht man unter Lehnwort ͈fremdes Wortgut, das dem deutschen Sprachsystem völlig inkorporiert und angeglichen ist, von den Sprachteilnehmern nicht mehr als fremd erkannt wird und somit als deutsch gilt.

"In der Forschungsliteratur wird von vielen Autoren zwischen Fremdwort und Lehnwort unterschieden, obwohl die beiden Begriffe nicht selbstverständlich voneinander abzugrenzen sind und manchmal ineinander übergehen. Richard Glahn (2002: 36) ist der Ansicht, dass das Fremdwort vom Lehnwort durch seine mitübernommenen Orthographie und Aussprache abzugrenzen ist. Ein Fremdwort wird also sowohl mit seiner Form als auch mit seinem Inhalt ohne jegliche Anpassung an das Sprachsystem der Zielsprache, Bedeutungsverengung- oder erweiterung übernommen und als solches verwendet, wie es in der Ausgangssprache existiert hat (Freeclimbing, Softdrink, Smartphone). Lehnwörter weisen einen ungleichen Grad an Inkorporation im deutschen Sprachsystem auf, so dass manche aufgrund von morphologischen und phonetischen Merkmalen einheimisch klingen, andere hingegen fremd (vgl. Schippan 2002: 263f.). Das Lehnwort auschillen nach Englisch to chill out fällt wegen seiner an das Deutsche angepassten Form mit der Verbpartikel aus kaum als Wort fremden Ursprungs auf. Hingegen erweckt ein Lehnwort wie Alarmismus wegen des fremdsprachlichen Affixes (-mus) den Eindruck, dass es sich dabei um ein Wort fremden Ursprungs handelt. Der Wortschatz des Deutschen wurde im Laufe seiner Entwicklung von anderen Sprachen bereichert und verändert. Viele der heute als einheimisch deutsch geltenden lexikalischen Einheiten finden ihren Ursprung im Latein oder im Griechischen, die als Wissenschaftssprachen galten. Auch der durch die Französische Revolution hervorgebrachte Wortschatz zu Politik, Wirtschaft und Verwaltung fand im Deutschen des ausgehenden 18. Jahrhunderts einen so raschen Eingang, dass revolutionäres Wortgut bis dato einen Teil des deutschen Wortschatzes macht (Bürokratie nach bureaucratie, finanziell nach financier, Abgeordneter nach deput é) . Bei der Entlehnung aus dem Latein oder dem Französischen” traten Wortbildungsmittel in entsprechenden integrierten Formen auf, lat. -ia dt. -ie, franz. -ie dt. -ei, franz. -ier d. ieren. “ (Schippan 2002: 261) Seit Ende des Zweiten Weltrieges 1945 stellt das Englische die Hauptentlehnungsquelle für das Deutsche dar. Dabei geht es um Lehnwörter, die größtenteils aus dem amerikanischen Englisch übernommen wurden. Aus diesem Grund verbindet man in der deutschen Gegenwartssprache den Begriff „Lehnwort“ als Neuwort oft mit Anglizismen bzw. Amerikanismen, obwohl auch aus anderen Sprachen besonders im kulinarischen Bereich entlehnt wird (Latte Machiatto, Gnocchi, Cappuccino aus dem Italienischen, Dessert, Haute Cuisine aus dem Französischen), die aber wegen der erhalten gebliebenen Aussprache und Schreibung eher als Fremdwörter gelten. Da Anglizismen mit über 99% den allergrößten Anteil an Lehnwörtern in der IDS-Stichwortliste der Neologismen der 90er Jahre haben, liegt der Fokus dieser Arbeit auf Entlehnungen aus dem Englischen. In Duden, Richtiges und gutes Deutsch (2011: 67f) werden direkte (äußere) Entlehnungen und innere Entlehnungen unterschieden. Bei der direkten Entlehnung geht es um die Übernahme einer Wortform mit deren Inhalt bzw. Bedeutung. In der Politik und Wirtschaft: Onlinebanking, Outsourcing, Update; In der Technologie und Forschung: Beamer, Update, upgraden, GPS; Im Sport: Inlineskaten, Jogging, Workout. Diese Neologismen wurden form- und bedeutungsgetreu mit der englischen Aussprache übernommen. Sie dienen zur Schließung einer lexikalischen Lücke, die sich mit dem Eingang des jeweiligen Sachverhalts oder Gegenstandes aufgemacht hat. Hingegen kommen andere Entlehnungen zu bereits existierenden heimischen Wörtern hinzu. Dabei werden manche deutsche Wörter entweder verdrängt wie die folgenden Beispiele aus dem elektronischen Großen Wörterbuch der deutschen Sprache (Duden 2000): „ Teenager: Jugendliche[r] im Alter etwa zwischen 13 u. 19 Jahren“ statt „ Backfisch: (veraltend) junges Mädchen (von etwa 14-17 Jahren).“ Oder es wird das jeweilige Wortfeld um eine erweiterte Bedeutung bereichert. Als Beispiel dafür eignet sich das aus dem amerikanischen Englisch entlehnte Neulexem Anchorman, das für einen ständigen Moderator eines Nachrichtenmagazins o.Ä. im Fernsehen, Rundfunk steht, der die betreffende Sendung prägt, so dass diese besonders bei amerikanischen Fernsehsendern wie CNN, ABC, oder FOX News nach ihrem Moderator benannt wird (Amman Pour , Larry King). Aus einem Bedeutungsvergleich mit dem heimischen deutschen Wort Moderator (jemand, der eine Sendung moderiert) ergibt sich der erweiterte Inhalt des Lehnwortes gegenüber dem heimischen Wort, so dass Anchorman in einem anderen Kontext mit einer nuancierten Bedeutung verwendet wird. So hielt parallel zur Wortübernahme der Sachverhalt Einzug. Heutzutage werden bestimmte Fernsehmoderatoren deutscher Sender Anchorman oder Anchorwoman bezeichnet, weil sie nach dem amerikanischen Modell die moderierte Sendung prägen (Sabine Christiansen ARD, Maybritt Ilner ZDF). Der folgende Beleg aus dem Spiegel Online (02.08.2010) bringt das etwas näher: „ Aus einem mach zwei: Für die Nachfolge von "heute"- Anchorman Steffen Seibert hat das ZDF eine prominente interne Lösung gefunden. Maybritt Illner steigt beim "heute-journal" ein: Die PopularitÄt der gebürtigen Berlinerin, die sich selbst als "Polit Junkie" bezeichnet, brachte den Sender dazu, die Sendung 2007 von "Berlin Mitte" in "Maybrit Illner" umzubenennen. Die zweite Hauptkategorie bilden nach Duden (2011: 67) die inneren Entlehnungen. Dazu gehören Lehnübersetzungen, bei denen zusammengesetzte Wörter ins Deutsche übersetzt werden. Dabei wird auf deutsches und bei Komposita eventuell auf deutsches und englisches Wortgut zurückgegriffen, so dass derartige Entlehnungen gar nicht als solche auffallen (Bezahlfernsehen nach Pay-TV), (Digitalfernsehen nach Digital-TV), (politische Korrektheit nach political correctness). Charakteristisch bei den Lehnübersetzungen ist die Tatsache, dass in manchen Fällen sowohl das Lehnwort als auch die Lehnübersetzung parallel verwendet werden wie bei Digital-TV und Digitalfernsehen. Die zweite Gruppe der inneren Entlehnungen bilden Lehnübertragungen, bei denen Wörter der Ausgangssprache nicht wortgetreu übersetzt werden (Luftbrücke für airlift, Titelgeschichte für cover story, Urknalltheorie für big gang theory). Weiter entfernt von der Wortform des Ausgangssprache greift man auf Lehnschöpfungen zurück, die von den Originalbezeichnungen des jeweiligen Gegenstandes oder Sachverhaltes motiviert sind (Nietenhose für blue jeans, Blockfreiheit für non-alignement, Konterschlag für backlash, Liftkissenboot für hovercraft). Die Lehnschöpfung unterscheidet sich von der Lehnübertragung dadurch, dass kein einziger Wortbestandteil übernommen wird sondern es werden ganz andere Wörter bei der Entlehnung verwendet (Duden 2011: 68). Duden (ebd.) erwähnt die Lehnwendungen als Unterkategorie zur Lehnübersetzung bzw.

Lehnübertragung, bei denen es um die Entlehnung einer ganzen Redewendung geht (im gleichen Boot sitzen für be in the same boot, jemandem die Schau stehlen für steal the show, das Licht am Ende des Tunnels sehen für see the light at the end oft the tunnel). Ähnlich wie Lehnübersetzungen und Lehnübertragungen werden Lehnwendungen aufgrund ihrer vollen Assimilation von den Sprachbenutzern oft nicht als Entlehnungen erkannt. Zu den inneren Entlehnungen kommt auch die Lehnbedeutung hinzu, bei der manche Wörter eine zusätzliche Bedeutung hinzubekommen. Das Verb realisieren im Sinne von verwirklichen bekam durch den Einfluss des Englischen die Bedeutung ”(in einem Prozess der Bewusstmachung) erkennen, einsehen, begreifen.“ (Duden 2000) Im Zusammenhang mit dem Thema Neologismen sind Anglizismen nach dem IDS-Mannheim mit einem Anteil von etwa 40% in der gesamten Stichwortliste der Neologismen vertreten. Weitere 20% entfallen auf Hybridbildungen, d.h. Zusammensetzungen mit deutschen und englischen Konstituenten (all-inclusive-Reise, Kassenhopping). Das Ausmaß angloamerikanischer Lehnwörter unter den Neologismen ist daran zu erkennen, dass zu Beginn des IDS-Projektes „Neologismen der 90er Jahren im Deutschen“ 6000 Neologismen-Kandidaten mit 50% Prozent Amerikanismen aus Belegen der deutschen Allgemeinsprache ermittelt wurden. Angloamerikanische Lehnwörter schafften es dann in die endgültige Stichwortliste mit einem Anteil von 40% (Steffens 2007: 155). Dabei entfällt ein großer Teil der Anglizismen- Neologismen auf die Varietäten Umgangssprache (abspacen, McJob), Wirtschaftssprache (E-Banking, Shareholder) , Sportsprache (Snowboarden, Inliner) und Technik (downloaden, upgraden, Audioguide) . Nach Duden (2011: 68) lassen sich Anglizismen weitgehend in die deutsche Grammatik integrieren. Unter morphologischem Aspekt geschieht das auf verschiedenen Ebenen.

Entlehnte englische Wörter bekommen ”in der Regel das Genus eines bedeutungsähnlichen heimischen Wortes“ (Duden 2001: 68): die First Lady (die Dame), das Baby (das SÄugling), das Assessmentcenter (das Zentrum). Im Allgemeinen richtet man sich beim Genus an das Deutsche, selbst wenn Anglizismen den gleichen Wortausgang aufweisen wie die Community (die Gemeinschaft) aber der Penalty (der Elfmeter). Die Deklination richtet sich auch an deutsche Regeln (Genitiv: des Boys, Plural: die Hobbys - Englisch: hobbies). Auf der Ebene der Verbflexion werden Anglizismen an deutsche Regeln angepasst, so dass deutsche Präteritums- und Partizipformen anwendbar sind (mailen, mailte, hat gemailt). In der Konjugation werden englische Verben mit einem Verbzusatz als einfache Verben angesehen (downloaden, ich downloade, ich habe gedownloadet) und nicht nach (ich lade herunter, ich habe heruntergeladen). Dennoch werden umgangssprachlich auch solche Verben als trennbare Verben verwendet (downzuladen, hat upgegradet). Auf manche Anglizismen werden sogar deutsche Grammatikregeln angewendet wie beim Neologismus outsourcen (die Produktion auslagern), das im Neologismen- Korpus nur mit zwischengeschobenem ge- im Partizip II belegt ist (Zifonun 2002: 5). Zifonun (ebd.) verdeutlicht dies am Beispiel: Die Firma hat outgesourct nach: Die Firma hat ausgelagert. So wird der Verbzusatz aus bei auslagern auf das gleichbedeutende Verb outsourcen übertragen . Nach Zifonun (2002: 5) müssen auch attributive Neologismen-Adjektive im Deutschen flektiert werden ein cooler Abgang, die wirklichen hippen Parties, den unfitten Mehmet (Die Zeit, 02.05.2002). Adjektive, die auf einen langen Vokal enden, bleiben beim Substantiv unflektiert (eine happy Familie) , was sich mit deutschen heimischen Adjektiven vergleichen lässt (eine rosa Jacke, ein lila Pullover).

[...]

Ende der Leseprobe aus 158 Seiten

Details

Titel
Neologismen in der deutschen Publizistik an der Wende zum 21. Jahrhundert (1990-2010)
Untertitel
Untersucht an ausgewählten deutschen Tages- und Wochenzeitungen
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
158
Katalognummer
V346680
ISBN (eBook)
9783668363236
ISBN (Buch)
9783668363243
Dateigröße
1084 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neologismen, Okkasionalismen, Lehnwörter, Entlehnung, Ad-hoc-Bildungen
Arbeit zitieren
Aimen Hamreras (Autor), 2014, Neologismen in der deutschen Publizistik an der Wende zum 21. Jahrhundert (1990-2010), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346680

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Neologismen in der deutschen Publizistik an der Wende zum 21. Jahrhundert (1990-2010)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden