Bourdieus Konzeption von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Soziales Kapital

3. Die Kapital-Theorie von Pierre Bourdieu
3.1. Kulturelles Kapital
3.1.1. Inkorporiertes Kapital
3.1.2. Objektiviertes Kapital
3.1.3. Institutionalisiertes Kulturkapital
3.2. Soziales Kapital
3.3. Beziehungsnetz und Beziehungsarbeit
3.4. Kapitalumwandlung

4. Kritik und Ergänzung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wissen hat eine immer größere Bedeutung, denn es ist ein Wettbewerbsvorteil. Die Zukunft wird die Verbindung von Wissen- und Beziehungsentwicklung verlangen, um den Wettbewerbsvorteil zu sichern.[1] Auf den ersten Blick wird eventuell nicht deutlich, was Wissen mit Beziehungen zu tun hat. Diese Wechselbeziehung wird offensichtlicher, wenn man sich folgende Frage vergegenwärtigt. Wie kann man Humankapital in Aufstiegschancen umsetzen? In der Theorie des sozialen Kapitals, beeinflusst das soziale Kapital den Ertrag des finanziellen Kapitals (ökonomisches Kapital) und des Humankapitals (Kulturkapital). Dies bedeutet, dass Menschen aus ihrem finanziellen und ihrem Humankapital nur das Optimum an Erträgen erzielen können, wenn sie genügend soziales Kapital besitzen. Aber was sind soziales und kulturelles Kapital und wie können sie effektiv akquiriert bzw. angewendet werden?

Um diese Fragen und die Bedeutung der Beziehungen für das Wissen zu klären, möchte ich in meiner Arbeit die Kapital-Theorie von Pierre Bourdieu darlegen. Dabei werde ich hauptsächlich auf Bourdieus Text „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“ eingehen, welches im Sonderband „Soziale Ungleichheiten“ (Hg. Reinhard Kreckel) veröffentlicht wurde. Bourdieu möchte in seiner Arbeit alle Erscheinungsformen von Kapital und Profit beschreiben und Gesetze bestimmen, wie die Transformation zwischen den Kapitalsorten verläuft.[2] Im laufe der Arbeit werde ich anhand von Beispielen verdeutlichen, was die einzelnen Kapitalsorten sind. Dabei wird u.a. veranschaulicht, warum es nicht so ist, dass alle Kinder die gleichen Bildungs- und Aufstiegschancen haben, obwohl das deutsche Schulsystem diese Chancengleichheit oberflächlich suggeriert.

Um diese Punkte zu klären, werde ich zunächst ausführen, was soziales Kapital ist und dann die Boudieuschen Kapitalsorten erläutern. Anschließend werde ich auf die Arbeit in Beziehungsnetzen und auf die Kapitalumwandlung eingehen. Zum Schluss werde ich kurz auf Kritikpunkte an der Theorie von Bourdieu und eine Ergänzung anbringen.

2. Soziales Kapital

Zunächst möchte ich allgemein klären, was soziales Kapital überhaupt ist. Littmann-Wernli und Scheidegger definieren soziales Kapital als „die Summe der durch ein Individuum erreichbaren Ressourcen aufgrund seiner Position in einer Struktur sozialer Beziehungen.“[3] Weil soziales Kapital den Zugang zu Informationen, Macht- und Einflussgewinnung ermöglicht, ist es eine wertvolle Ressource für den Menschen. Die anderen Kapitalsorten ökonomisches Kapital und kulturelles Kapital sind finanzielle Mittel über die der Einzelne verfügen kann und sie können somit eindeutig zugeordnet werden. Soziales Kapital kann man jedoch nicht eindeutig zuordnen, weil es nicht greifbar ist. Es existiert nur in Beziehungen zu anderen Akteuren und beinhaltet kein definiertes Eigentumsrecht.

Viele Beziehungen zu anderen Menschen ergeben ein Netzwerk von Beziehungen. Je nach Größe des sozialen Kapitals hat der Einzelne eine bestimmte Position im Netzwerk dieser Beziehungen. Diese Position eröffnet der Person eine bestimmte Anzahl von Möglichkeiten, die sich in potenziellen Informationen, die das Individuum aus den Beziehungen heraus ziehen kann, ausdrücken.[4] Es verursacht allerdings auch Einschränkungen, da soziale Beziehungen Zeit und Geld kosten und eine neue Person im Netzwerk mit normativen Erwartungen und Gruppendruck verbunden werden kann. Es ist daher z.B. keine vernünftige Ausgangsbasis, einen Kontakt zu einer Person zu knüpften, weil man sich von dieser Person bestimmte Vorteile erhofft, obwohl man sie gar nicht leiden kann. Dadurch werden in diese Beziehung normative Erwartungen gesteckt, die sie eventuell nicht erfüllen kann.

3. Die Kapital-Theorie von Pierre Bourdieu

Bourdieu verwendet die Begriffe soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital seit Ende der 70er Jahre. 1983 erklärte er seine „Theorie der Kapitalsorten“ genauer. Der französische Soziologe grenzt die drei Kapitalsorten voneinander ab und bezeichnet sie als „Konstruktionsprinzip des sozialen Raums“[5]. Jeder Mensch nimmt demnach aufgrund seiner Kapitalstruktur eine bestimmte soziale Stellung ein. Diese Stellung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, da jedes Individuum mit unterschiedlichen Kapitalien ausgestattet ist. Das heißt, dass der einzelne Mensch zum Einen unterschiedlich viel Kapital von einer Sorte besitzen kann und zum Anderen dass die einzelnen Sorten von Kapital unterschiedlich gewichtet sind. Die Zusammensetzung der Kapitalsorten bestimmt demnach, wie groß die Chancen sind, Erträge zu erwirtschaften. Je größer das individuelle Kapital ist, desto größer sind die Profitchancen des Akteurs.

Nun möchte ich die einzelnen Kapitalsorten differenzieren. Zunächst erkläre ich kurz, was Bourdieu unter ökonomischem Kapital versteht. Es ist das Geld, Aktien und Schmuck, welches dem Einzelnen zur Verfügung steht.[6] Das ökonomische Kapital ist direkt konvertierbar.[7] Ein Jugendlicher aus einem reichen Elternhaus kann zum Beispiel mehr Geld in die Ausbildung investieren als Kinder ärmerer Familien, weil seine Familie mehr ökonomisches Kapital hat.

Das ökonomische Kapital ist Grundlage für das Modell der Kapitalsorten. Die Dominanz des ökonomischen Kapitals bedeutet aber nicht, dass die anderen Kapitalsorten ein Ausdruck des ökonomischen Kapitals sind. Sie sind zwar bis zu einem bestimmten Grad in ökonomisches Kapital konvertierbar, wozu aber Transformationsarbeit benötigt wird.[8] Da das ökonomische Kapital eine bewegliche Ressource ist, ist die Gefahr eines Verlustes nur bei außergewöhnlichen Fällen wie Krieg, Revolution oder einer schweren Wirtschaftskrise gegeben.

3.1. Kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital ist dagegen verinnerlichtes Wissen, welches durch Schultitel oder andere Abschlüsse verdeutlicht wird. Bourdieu entwickelte den Begriff des kulturellen Kapitals aus einer Hypothese innerhalb seiner Forschungsarbeit. Er konnte mit dem kulturellen Kapital die unterschiedlichen Leistungen der Schüler aus verschiedenen Klassen erklären. In dieser Hypothese wurde der Erfolg der einzelnen Schüler aus den unterschiedlichen Schichten direkt auf die ungleiche Verteilung des kulturellen Kapitals zwischen den Klassen bezogen.[9] Diese Betrachtung der schulischen Leistungen bedeutete einen Bruch mit den bisherigen Vorstellungen. Vor Bourdieu wurde immer davon ausgegangen, dass die schulischen Leistungen ausschließlich auf individuelle Fähigkeiten beruhen. Diese Einschätzung ist möglich gewesen, weil „die am besten verborgende und sozial wirksamste Erziehungsinvestition“[10] unberücksichtigt blieb. Die Investition von der Bourdieu sprach, ist die Transmission kulturellen Kapitals in der Familie, denn die Fähigkeiten und Begabungen der Schüler sind das Produkt einer Investition von Zeit und kulturellen Kapital. Dies bedeutet, dass die Eltern in ihr Kind investieren, damit sich kulturelles Kapital aufbauen kann und dieses Kapital bestimmt den schulischen Ertrag des Kindes mit. Der ökonomische und soziale Ertrag des schulischen Titels hängt auch vom ererbten sozialen Kapital ab, denn es kann das Kind in der Schule u.a. durch Tipps unterstützen. Neue Erkenntnisse über die Wechselbedingungen in Deutschland von der Grundschule zum Gymnasium stärken diese Annahme. So ist es erwiesen, dass Kinder aus reichen Familien bei gleichen Leistungen auf das Gymnasium geschickt werden und Kinder aus unteren Schichten dagegen nicht.[11] Die Ursache des Problems beruht auf dem größeren potenziellen Kapital der reichen Familien. Auf die Ursachen werde ich später genauer eingehen.

[...]


[1] Vgl.: Heyse, Volker; Erpenbeck, John; Kompetenztraining; Stuttgart 2004; S.318

[2] Vgl.: Müller, Hans-Peter; Sozialstruktur und Lebensstile: der neue theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit; Frankfurt am Main 1992; S.267

[3] Littmann-Wernli, Sabine; Scheidegger, Nicoline; Mit sozialem Kapital durch die „gläserne Decke“; in: Peters, Sibylle; Schmicker, Sonja; Weinert, Sybille (Hrsg.); Flankierende Personalentwicklung durch Mentoring; München 2004; S. 50

[4] Vgl.: Littmann-Wernli; Scheidegger; Mit sozialem Kapital durch die „gläserne Decke“; S. 51

[5] Runia, Peter; Das soziale Kapital auf dem Arbeitsmarkt; Frankfurt am Main 2002; S. 45

[6] Vgl.: Runia; Das soziale Kapital auf dem Arbeitsmarkt; S. 46

[7] Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96konomisches_Kapital

[8] Vgl.: Müller; Sozialstruktur und Lebensstile; S.268

[9] Vgl.: Bourdieu, Pierre; Ökonomische Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital; in: Kreckel, R. (Hrsg.); Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt; Sonderband 2; Göttingen 1983; S. 185

[10] Bourdieu; Ökonomische Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital; S. 186

[11] Vgl.: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,329034,00.html

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bourdieus Konzeption von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Bildungs- und Arbeitssozialisation
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V34906
ISBN (eBook)
9783638349888
ISBN (Buch)
9783638786850
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bourdieus, Konzeption, Kapital, Bildungs-, Arbeitssozialisation
Arbeit zitieren
René Sternberg (Autor), 2004, Bourdieus Konzeption von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34906

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