Die „Tragik der Allmende“. Möglichkeiten und Grenzen bei der Selbstverwaltung von Allmenderessourcen


Bachelorarbeit, 2013

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Allmenderessource und die Probleme einer Selbstverwaltung
2.1. Die Eigenschaften der Allmende und die Arten der Verwaltung
2.2. Grundlegende Probleme bei der Selbstverwaltung von Allmenderessourcen - „Nicht-Ausschließbarkeit“, „Trittbrettfahren“ und „Rivalität“
2.3. Die „Tragik der Allmende“ als Gefangenendilemma
2.4. Das Gefangenendilemma - Ein Modell mit restriktiven Annahmen

3. Reziprozität, Vertrauen und Reputation als Basis für kooperatives Verhalten

4. Die Rolle von face-to-face Kommunikation bei der Überwindung kollektiver Dilemmasituationen
4.1. Erkenntnisse aus experimentellen Studien - Der „communication-effect“
4.2. Der „communication-effect“ - Eine Erklärung
4.3. Kommunikation und die Bewältigung von Allmendeproblemen - Ein teurer Mechanismus

5. Niedrige Diskontierungsraten als Anreiz für kooperatives Handeln

6. Klar definierte Grenzen zur Lösung des Problems der „Nicht-Ausschließbarkeit“

7. „Quasi-freiwillige Regelkonformität“ durch gegenseitige Überwachung und abgestufte Sanktionen
7.1. Reputation, Vertrauen, reziprokes Handeln - Ein für Kooperation hinreichendes System?
7.2. Gegenseitige Überwachung
7.3. Abgestufte Sanktionen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Garret Hardins provozierendem Artikel in der Zeitschrift „Science“ 1968, wird der Terminus „Tragik der Allmende“ für Umweltverschlechterungen benutzt, die nach Har- din immer dann zu erwarten seien, wenn viele Individuen gemeinsam eine knappe Res- source (Allmende) nutzen (Ostrom 1999: 2). Um seinen Gedanken zu illustrieren, be- diente er sich eines Gedankenspiels: Ein frei zugängliches Weideland wird von zwei ra- tionalen Hirten bewirtschaftet. Jeder Hirte profitiert unmittelbar von dem Grasen seiner Rinder auf dem Weideland, erleidet aber auch die aufgeschobenen Kosten durch die All- mendeverschlechterung, wenn sie von seinem Vieh und dem der anderen überweidet wird. Jeder Hirte hat einen Anreiz, so viele Rinder wie möglich auf die Weide zu trei- ben, denn wenn er dies nicht tun würde, die anderen seinen potentiellen Nutzen einstrei- chen würden (Hardin 1968: 1244).

„Therein is the tragedy. Each man is locked into a system that compels him to increase his herd without limit - in a world that is limited. Ruin is the destination towards which all men rush, each persuing his own best interest in a society that believes in the freedom of the commons. Freedom in a commons brings ruin to all“ (Hardin 1968: 1244).

Das Verderben, welches Hardin meint, besteht darin, dass das Weideland schon bald so ausgebeutet ist, dass keiner der beiden Hirten mehr einen Nutzen daraus ziehen kann.

Hardins Gedankenspiel lässt sich leicht auf reale Phänomene übertragen. Viele Umwelt- probleme resultieren daraus, dass natürliche Ressourcen, die jedermann offen stehen, wie Fischgründe, Wälder oder Flüsse, von dem Problem der Übernutzung betroffen sind. Fischgründe werden überfischt, Wälder unkontrolliert abgeholzt und Flüsse ver- schmutzt (Feeny et. al. 1990: 2). Zu lösen seien solche Probleme laut Hardin nur, wenn man die Nutzung in irgendeiner Form beschränken könne. Hardin schlug dafür zwei Re- zepte vor. Zum einen könne man private Nutzungsrechte vergeben, die Allmende also unter den Individuen aufteilen, um die Übernutzung zu verhindern. Zum anderen schlug er eine Verstaatlichung der Ressourcen vor. Der Staat könne die Rechte an der Ressour- ce erwerben, die Nutzung beschränken und bei Missachtung der Regeln sanktionierend eingreifen. Hardin schlussfolgerte, dass wenn keiner dieser beiden Wege eingeschlagen werde, eine Zerstörung der Allmendegüter die Folge wäre (Hardin 1968: 1245). Viele Wissenschaftler übernahmen in der Folge Hardins Gedanken und argumentierten ähn- lich. So schreibt Ophuls (1973) beispielsweise: „[…] because of the tragedy of the com- mons, environmental problems cannot be solved through cooperation […] and the ratio- nale for government with major coercive power is overwhelming“ (Ophuls: 1973: 228). Kaum jemand traute den Beteiligten zu, ihre Ressourcen selbstständig, als Gemeinschaft zu verwalten, um so aus der „Tragik der Allmende“ auszubrechen. Es wurden entweder staatliche oder privatrechtliche Lösungen der Allmendeprobleme propagiert. Die Alter- native einer gemeinschaftlichen Lösung von kollektiven Handlungsproblemen, wurde mit dem Verweis auf Hardins Gedankenspiel und Olsons Theorie des kollektiven Han- delns als nicht oder nur sehr schwer realisierbar abgetan. Viele empirische Beispiele zei- gen jedoch das Gegenteil. Auf der ganzen Welt ist es Gruppen von Individuen gelungen, die Nutzung ihrer Ressource durch selbst geschaffene Regeln nachhaltig zu gestalten. So verwalten beispielsweise die Einwohner des Schweizer Alpendorfes Törbel ihre Res- sourcen gemeinschaftlich. Urkunden belegen die gemeinschaftliche Nutzung seit dem Spätmittelalter (siehe dazu: Netting: 1981).

Empirische Gegenbeweise, die die bisher angesprochenen Theorien widerlegen, werfen die Frage auf: Unter welchen Bedingungen sind Individuen in der Lage, Regeln auszu- handeln, die die Nutzung der Ressource einschränken und unter welchen Bedingungen können sie es schaffen, sich regelkonform zu verhalten, sprich, wie können sie, ohne Hilfe durch eine externe Instanz, miteinander kooperieren und der „Tragik der Allmen- de“ entkommen?

Die Fragestellung soll in den folgenden Schritten beantwortet werden: In Kapitel zwei wird zunächst definiert, was unter einer Allmenderessource zu verstehen ist und welche Arten der Verwaltung existieren. Anschließend wird noch einmal auf die Probleme ein- gegangen, die einer Selbstverwaltung von Allmenden im Weg stehen. Hier wird zum einen auf die Logik des kollektiven Handelns nach Olson und die damit verbundene Trittbrettfahrerproblematik eingegangen. Zum anderen soll der Konflikt zwischen indi- viduell-rationalem und kollektiv-rationalem Handeln anhand des Gefangenendilemmas aufgezeigt werden. In diesem Zusammenhang wird allerdings auch auf die restriktiven Annahmen dieses Modells verwiesen.

In Kapitel drei soll argumentiert werden, dass sich in einer Gruppe von Individuen ge- nügend konditionelle Kooperierer befinden und diese ein System aus Vertrauen und Re- putation aufbauen müssen, um Kooperation in Dilemmasituationen zu ermöglichen. Ka- pitel vier widmet sich dem großen Einfluss von face-to-face Kommunikation auf den Kreislauf von Vertrauen, Reputation und reziprokem Handeln. Dieser wird beispielhaft anhand der experimentellen Studie von Isaac und Walker (1988) dargestellt. Neben dem vertrauensstiftenden Einfluss von Kommunikation, soll zudem argumentiert werden, dass Akteure durch direkte Kommunikation überhaupt erst in der Lage sind, Probleme zu erörtern und Regeln zu etablieren. Zudem fokussiert Kommunikation Individuen auf die Norm, Versprechen einzuhalten. Da Kommunikation jedoch ein teurer Mechanismus ist, wird anschließend gefragt, wie diese trotzdem bereitgestellt werden kann.

Kapitel fünf beschäftigt sich mit der Bedeutung der Zukunft. Es soll gefragt werden, inwiefern die Zukunft einen Einfluss auf die Etablierung und Befolgung von Regeln hat. Anschließend wird darauf aufbauend gefragt, wie klar definierte Grenzen zur Lösung des Trittbrettfahrerproblems beitragen.

Abschließend wird sich der Frage zugewendet, ob die bis dato angeführten Variablen eine Selbstverwaltung hinreichend erklären können bzw. wie ein langfristig regelkonfor- mes Verhalten und somit ein dauerhafter Erhalt einer Ressource in gemeinschaftlicher Verwaltung gelingen kann. In diesem Zusammenhang soll vor allem auf die empirischen Erkenntnisse aus Feldstudien eingegangen werden. Es soll argumentiert werden, dass erst durch Überwachungs- und Sanktionsmechanismen ein vollkommen regelkonformes Verhalten erzielt werden kann.

Ein zentraler Bezugspunkt für die Beantwortung dieser Fragestellung, waren die Arbeiten von Elinor Ostrom. Für ihre wegweisenden Forschungen auf dem Gebiet der selbstverwalteten Allmenderessourcen erhielt sie 2009 als erste Frau den Ökonomie-Nobel- preis (nobelprize.org).

2. Die Allmenderessource und die Probleme einer Selbstverwaltung

In der Einleitung wurde bereits der Begriff der Allmende verwendet. In diesem Ab- schnitt soll der Begriff nun definiert werden. Außerdem werden die Arten der Verwal- tung von Allmenderessourcen kurz besprochen. Danach sollen die Probleme erörtert werden, die einer gemeinschaftlichen Verwaltung im Weg stehen, wenn der Zustand des „open access“ bzw. die „Tragik der Allmende“ überwunden werden soll. Zunächst wird dies anhand Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ geschehen. Danach wird auf das Gefangenendilemma eingegangen. Hier wird der Konflikt zwischen individuell-rationa- lem und kollektiv-rationalem Handeln herausgestellt, der bereits in Hardins Gedanken- spiel angedeutet wurde.

2.1. Die Eigenschaften der Allmende und die Arten der Verwaltung

Der Terminus Allmenderessource bezeichnet zunächst ein „natürliches oder von Men- schen geschaffenes Ressourcensystem, das hinlänglich groß ist, so daß es kostspielig (aber nicht unmöglich) ist potentielle Aneigner von der Nutzung auszuschließen“ (Ostrom 1999: 38). Beispiele für Allmenderessourcen sind z.B. Fischgründe, Grundwas- serbecken oder Weideland. Ressourceneinheiten hingegen sind das, was sich die Aneig- ner aus der Allmenderessource aneignen. Typische Ressourceneinheiten sind die in ei- nem Fischgrund gefangenen Fische oder die aus einem Grundwasserbecken entnomme- nen Kubikmeter Wasser. Aneigner sind die Personen, die Ressourceneinheiten aus einer Ressource entnehmen (Ostrom 1999: 39).

In der Literatur werden vier Arten der Verwaltung von Allmenderessourcen genannt (Feeny et. al. 1990: 4-5): Die Verwaltung in privatem Besitz („private property“), die in staatlichem Besitz („state property“), in gemeinschaftlichem Besitz („communal proper- ty“) und die unter „open access“ Bedingungen. Die beiden Erstgenannten wurden be- reits in der Einleitung angesprochen, deshalb sollen im Folgenden nun die beiden Letzt- genannten noch näher erläutert werden.

Die erste Art der Verwaltung ist die des „open access“. In diesem Fall besitzt niemand ein Recht an der Ressource. Der Zugang zu der Ressource ist nicht reguliert, das heißt, jeder potentielle Aneigner darf so oft und so viele Ressourceneinheiten er will entneh- men (Feeny et. al. 1990: 4). In diesem Fall bestehen keine Regeln, die den Konsum so beschränken, dass die Ressource nachhaltig genutzt werden kann. Gibt es in diesem Fall viele Aneigner, die einen hohen Bedarf an Ressourceneinheiten haben, ist die Ressource stark gefährdet, ausgebeutet zu werden. Es kommt zu der von Hardin beschriebenen „Tragik der Allmende“. In diesem Kapitel wird später gezeigt, dass, wenn man der Lo- gik des kollektiven Handelns und der des Gefangenendilemmas folgt, vermeintlich nie- mand einen Anreiz hat, aus „der Tragik der Allmende“ auszubrechen und die Aneigner sich in einer ausweglosen Falle befinden, aus der sie aus eigener Kraft nicht entkommen können.

Unter gemeinschaftlicher Verwaltung von Allmenderessourcen versteht man hingegen die Verwaltung durch eine festgelegte Gruppe, in der die Aneigner in einem zueinander abhängigen Verhältnis stehen. Die Gemeinschaft schließt Außenstehende von der Nut- zung der Ressource aus, während sie für Mitglieder Nutzungsrechte zuteilt. Oft sind die Nutzungsrechte so verteilt, dass jeder Aneigner einen gleich großen Ertrag pro Zeitein- heit entnehmen darf (Feeny et. al.1990: 4). Später soll gezeigt werden, welche Bedin- gungen gegeben sein müssen, damit eine Selbstverwaltung entstehen kann und der Zu- stand des „open access“, der vermeintlich unüberwindbar ist, überwunden werden kann.

2.2. Grundlegende Probleme bei der Selbstverwaltung von Allmenderessour- cen - „Nicht-Ausschließbarkeit“, „Trittbrettfahren“ und „Rivalität“

Allmenderessourcen sind zudem Güter, die durch ein hohes Maß an „Rivalität“ gekenn- zeichnet sind. „[…] a good is rival to the extent that the consumption of a unit of the good by one individual decreases the benefits to others who consume that same unit“ (Taylor 1987: 7). Ein Gut ist also zu dem Grad durch Rivalität gekennzeichnet, zu dem der Konsum einer Einheit des Gutes durch ein Individuum, den Nutzen, den ein anderes Individuum aus derselben Einheit ziehen kann, sinken lässt. Wird eine Ressourceneinheit einer Allmenderessource konsumiert, ist sie nicht mehr für einen anderen verfügbar. Das bedeutet: Allmenderessourcen weisen einen sehr hohen Grad an „Rivalität“ auf (Taylor 1987: 7). Die Fangmenge, die beispielsweise auf einem Boot gefangen wird, ist nicht für ein anderes Boot verfügbar. In dieser Charaktereigenschaft liegt das erste Problem von Allmenderessourcen, denn mit jeder Ressourceneinheit, die entnommen wird, nähert man sich der zahlenmäßigen Grenze einer Allmenderessource an. Wenn man die Nutzung nicht beschränkt, sind irgendwann keine Ressourceneinheiten (z.B. Fische) mehr vorhanden. Aneigner von Allmenderessourcen haben deshalb mit chronischen Übernutzungsproblemen zu kämpfen (Ostrom 1999: 41).

Das zweite Problem liegt darin, dass es kostspielig ist, potentielle Aneigner von der Nutzung auszuschließen (Ostrom 1999: 38). Allmenderessourcen sind folglich mit dem Problem der „Nicht-Ausschließbarkeit“ behaftet. Überträgt man die „Logik des kollekti- ven Handelns“ nach Olson (1968: 12-20) auf die Allmendeproblematik, ist folgendes Szenario wahrscheinlich: Wenn ein rationaler Aneigner nicht von der Nutzung einer All- menderessource ausgeschlossen werden kann, hat er keinen Anreiz freiwillig zur Aus- handlung irgendwelcher Regeln beizutragen, die die Nutzung aller beschränken. Selbst wenn es einigen gelingen sollte, ihre Nutzung durch Regeln zu beschränken, um die Ressource zu erhalten, ist es für einen einzelnen Aneigner rational, das beschränkte Nut- zungsverhalten der anderen auszunutzen und mehr Ressourceneinheiten zu verbrauchen. Der Einzelne ist nicht bereit zum Erhalt des kollektiven Gutes (in diesem Fall die All- mende) beizutragen, denn es besteht ein latenter Anreiz, sich in die Position des Tritt- brettfahrers zu begeben. Wenn jedoch alle Aneigner so handeln, wird es nicht zur Aus- handlung von Regeln kommen und die Allmenderessource schnell ausgebeutet sein. Der kollektive Nutzen kann nicht realisiert werden und alle stehen schlechter da, als eigent- lich beabsichtigt.

Eine Möglichkeit wäre es nun, das Handeln der Einzelnen untereinander überwachen zu lassen und Trittbrettfahrer zu sanktionieren. Doch müssten auch hier gemeinsame An- strengungen unternommen werden. Die Aneigner müssten Ressourcen aufwenden, wie zum Beispiel Zeit zur Überwachung der Tätigkeiten anderer. Kurzum, die Überwachung und Sanktionierung stellen wiederum ein kollektives Gut dar. Wieder wäre es rationaler, anderen die Anstrengungen der Überwachung und Sanktionierung zu überlassen und sich selbst in die Position des Trittbrettfahrers zu begeben. Würden alle so denken, wür- de das kollektive Gut nicht bereitgestellt. Die Einführung eines Überwachungs- und Sanktionssystems stellt somit ein Kollektivgutproblem zweiter Ordnung dar, das nicht gelöst werden kann. Wenn das Kollektivgutproblem zweiter Ordnung nicht gelöst wer- den kann, ist es auch nicht möglich, die Struktur des eigentlichen Dilemmas (die Aus- nutzung der Allmende) zu ändern. Es muss jedoch auch angemerkt werden, dass Olson die Möglichkeiten zu kollektivem Handeln nicht ganz so negativ sieht, wie häufig dar- gestellt. Wenn es sich um eine kleine Gruppe handle, könne kollektives Handeln gelin- gen. In intermediären Gruppen sieht Olson die Chancen auf die Bereitstellung eines kol- lektiven Gutes als ungewiss aber möglich. Allerdings hat jede Gruppe, die kollektiv Handeln will, mit dem Problem des Trittbrettfahrens zu kämpfen. (Elster: 1989: S. 41; Ostrom 1999: 54-58; Olson 1968: 12-20 ).

2.3. Die „Tragik der Allmende“ als Gefangenendilemma

Häufig werden Allmendeprobleme unter „open access“ Bedingungen auch in der Struktur eines Gefangenendilemmas abgebildet. Auch hier wird die Möglichkeit der Kooperation der Aneigner als nicht möglich betrachtet.

Dabei handelt es sich um folgende Konstellation: Angenommen, die beiden Akteure in einem Spiel sind zwei Hirten, die ihr Weideland gemeinsam nutzen. Für dieses Weide- land existiert eine Obergrenze der Belastbarkeit an Tieren, die darauf weiden können, ohne sie zu überlasten. Nehmen wir an, die Obergrenze liegt bei 5 Rindern pro Hirte. Beide Hirten haben nun zwei Möglichkeiten: Sie können kooperieren, indem sie jeweils 5 Rinder auf die Weide schicken oder defektieren, also mehr als 5 Rinder grasen lassen. In jeder Runde wählen die Spieler ein Strategiepaar (z.B. Spieler 1: Kooperation, Spieler 2: Defektion) (Taylor 1987: 14). Mit jedem Strategiepaar ist eine gewisse Auszahlung für die jeweiligen Spieler verbunden. Die Auszahlungen werden in Tabelle 1, in Form einer Auszahlungsmatrix dargestellt:

Tabelle 1: Die Auszahlungsmatrix des Gefangenendilemmas

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Axelrod (2005: 8)

Wobei gilt: T=5 > R=3 > P=1 > S=0. Beide Hirten treffen nur einmal aufeinander (One- Shot-Game) und müssen ihre Entscheidung treffen, ohne die des anderen Spielers zu kennen. Außerdem besitzen sie volle Informationen. Ihnen ist beispielsweise die Aus- zahlungsmatrix bekannt. Unabhängig vom Verhalten des anderen führt nun Defektion zu einer höheren Auszahlung als Kooperation. Das Dilemma liegt darin, dass es für je- den Spieler, unabhängig vom Verhalten des jeweils anderen, rationaler ist zu defektie- ren. Jedoch ist beiderseitige Defektion ungünstiger, als wechselseitige Kooperation. Doch wie ist das möglich? Beide Spieler, Hirte A und Hirte B, wählen zur selben Zeit entweder Defektion oder Kooperation. Beide Entscheidungen zusammen ergeben eines der vier Strategiepaare. Wenn beide Hirten kooperieren, (jeder hat 5 Rinder auf der Wei- de) stehen sie recht gut da. Beide erhalten 3 Punkte, die Belohnung für gegenseitige Ko- operation. Wenn ein Hirte kooperiert und der andere defektiert, erhält der defektierende Hirte T=5, während der Kooperierende die Auszahlung S=0 (für Sucker = Verlierer) des gutgläubigen Opfers erhält. Wenn beide defektieren, erhalten beide P=1, die Strafe für wechselseitige Defektion (Axelrod 2005: 7). Wie würde sich nun ein rationaler Spieler verhalten? Angenommen wir sind Hirte A und wir glauben, Hirte B wird kooperieren. Dann haben wir die Wahl entweder selbst zu kooperieren, (5 Rinder auf die Weide zu schicken) um 3 Punkte zu erhalten oder zu defektieren, (so viele Rinder wie möglich auf die Weide zu treiben) um 5 Punkte zu erhalten. Also lohnt es sich zu defektieren, wenn wir annehmen das Hirte B kooperiert. Nimmt man nun an, Hirte B wird defektieren, würde es wohl kaum Sinn machen zu kooperieren. Dies würde uns in die Lage des gut- gläubigen Opfers hineinversetzen, was mit der Auszahlung S=0 quittiert werden würde. Besser wäre es also, seinerseits auch zu defektieren, um wenigstens die Auszahlung 1 zu erhalten. Es lohnt sich also zu defektieren, wenn man annimmt der andere Spieler werde auch defektieren.

Das bedeutet, dass es besser ist zu defektieren, wenn man annimmt, der andere werde defektieren und dass es besser ist zu defektieren, wenn man annimmt, der andere ko- operiert. Also lohnt es sich immer zu defektieren, egal was der andere macht. Da für den Gegenüber die gleiche Logik gilt, erhalten in unserem Beispiel beide Spieler zwangsläufig die Auszahlung P=1. Ein schlechteres Ergebnis also, als die wechselseitige Kooperation erzielen würde (jeweils R=3). Das nichtkooperative Strategiepaar (D, D) bildet somit ein Nash-Gleichgewicht. Ein Nash-Gleichgewicht besagt, dass keiner der Spieler einen Anreiz hat, von der gefundenen Gleichgewichtskombination - in unserem Fall also der nicht-kooperativen (D, D) abzuweichen (Axelrod 2005: 8).

Wir haben es bei einem Gefangenendilemma bzw. bei einem Allmendeproblem mit ei- nem kollektiven Dilemma zu tun. Ein kollektives Dilemma bzw. ein kollektives Hand- lungsproblem liegt nach Taylor (1990) immer dann vor, wenn individuelles rationales Handeln zu einem pareto-inferioren Resultat führt: „[…] an outcome that is strictly less preferred by every individual than at least one other outcome.“ (Taylor 1987: 19).

2.4. Das Gefangenendilemma - Ein Modell mit restriktiven Annahmen

Zunächst sind jedoch spieltheoretische Darstellungen, wie das Gefangenendilemma nur Modelle der Wirklichkeit. Sie haben das Ziel, anhand weniger methodischer Annahmen zu sparsamen Erklärungen und Prognosen zu kommen. „Das Ziel der Spieltheorie ist die Reduktion der Vielfalt an möglichen Interaktionssituationen auf eine begrenzte Anzahl von Basiskonfigurationen“ (Braun 1999: 196). Es liegt also in der Natur der Spieltheo- rie, von der Realität zu abstrahieren. Sparsame Modelle haben deshalb immer mit der Schwierigkeit zu kämpfen, einerseits hinreichend abstrakt zu sein, um zu generalisie- rungsfähigen Aussagen kommen zu können, andererseits dabei aber nicht den Anschluss an die Realität zu verlieren. Wichtig ist also, zu fragen, welche Brückenannahmen beim Gefangenendilemma zwischen Modell und Realität gemacht werden (Braun 1999: 197).

Die wohl wichtigste Annahme des Gefangenendilemmas ist die, dass sich, wie in unse- rem Beispiel, die Hirten nur ein einziges Mal treffen. Es handelt sich um ein „One-Shot- Game“, bei dem die Akteure ihr Handeln auf die Einmaligkeit der Situation gründen. Die Hirten können also nicht abwarten was der andere tut und ihr Handeln danach aus- richten. Sobald das Spiel nur einmal wiederholt wird und die Hirten gleichzeitig ent- scheiden, welche Strategie sie wählen, sind beide aus reiner Selbsterhaltung dazu ge- zwungen, die nicht-kooperative Strategie zu wählen. Denn beide müssen immer damit rechnen, dass der andere seine dominante Strategie verfolgt und nicht kooperiert. In der Realität müssen die Hirten meist öfter entscheiden, wie viele Tiere sie auf die Weide treiben. Außerdem haben sie die Möglichkeit auf das Verhalten des anderen zu reagieren und so reziproke Strategien zu entwickeln (Braun 1999: 197).

Auch Kommunikation spielte in den Modellen der nicht-kooperativen Spieltheorie keine Rolle. Selbst wenn Kommunikation erlaubt wäre und die Beteiligten sich auf eine kooperative Strategie verständigen könnten, sagen wir, nur so viele Rinder auf der Weide grasen zu lassen, dass sie weiterhin nutzbar ist, würde dieses Abkommen nichts an der nicht-kooperativen Strategie ändern. Beide Parteien müssten sich im Fall einer Absprache trotzdem hinterfragen, ob der andere bereit ist, sich an die Absprache zu halten und nicht seine beste Strategie wählt (Ostrom 1998: 29).

Die angeführten Modelle nehmen auch eine Reduktion der Entscheidungssituation an sich vor und minimieren diese auf lediglich zwei Spieler. Die Mehrzahl der Entschei- dungssituationen ist allerdings wesentlich komplexer. Meist sind mehrere Aneigner (An- eigner sind alle Personen, die auf die Allmenderessource zugreifen wollen) involviert. An einer Küste gibt es mehrere Fischer, die die Fanggründe befischen, mehrere Hirten eines Dorfes treiben ihre Rinder auf die Gemeindewiese und mehrere Bewässerer ent- nehmen Wasser für die Bewässerung ihrer Pflanzen (Braun 1999: 197) .

Es soll aber auch betont werden, dass das Gefangenendilemma, durchaus einen Aussa- gewert hat. Das zeigen nicht zuletzt die vielen ungelösten Dilemmasituationen, wie die Überfischung der Weltmeere oder die Abholzung des Regenwaldes. Das Gefangenendi- lemma ist deshalb, so Rieck, „nicht lediglich ein Kunstprodukt der Spieltheorie, sondern [es beschreibt] einen der wichtigsten Sachverhalte des sozialen Lebens überhaupt, näm- lich den Konflikt zwischen individueller und kollektiver Rationalität“ (Rieck: 1993: 41).

Die bisher angeführten Modelle und Theorien vermitteln, welchen grundlegenden Pro- blemen sich Aneigner gegenübergestellt sehen, wenn sie eine Ressource gemeinschaft- lich verwalten wollen: Individuell-rationales Handeln führt zu einem Ausgang, der kol- lektiv gesehen nicht wünschenswert ist (kollektives Dilemma). Auf der ganzen Welt schaffen es Individuen jedoch, genau dieses Dilemma zu überwinden. Sie verwalten ihre Allmenderessourcen nachhaltig und können so langfristig ihren Nutzen steigern. So haben z.B. die Fischer im türkischen Alanya ein Rotationssystem entwickelt, dass ge- nau festlegt, welcher Fischer wann und wo fischen darf. Sie haben Überwachungs- und Sanktionsmechanismen geschaffen. Kurzum, es ist ihnen gelungen miteinander zu ko- operieren, sich auf Regeln zu einigen, diese einzuhalten und so aus der unvermeidbar scheinenden „Tragik der Allmende“ auszubrechen (Ostrom 1999: 26-27). Die bisher an- geführten Modelle, die die Möglichkeit der Selbstorganisation als unmöglich betrachtet haben, können also die Realität nicht hinreichend erklären (Ostrom 2009: 21). Im Fol- genden soll nun untersucht werden, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Aneigner in der Lage sind, ihr Handlungsdilemma zu überwinden.

3. Reziprozität, Vertrauen und Reputation als Basis für kooperatives Verhalten

Kooperation in Allmendesituationen lässt sich nach Ostrom (2003) besser verstehen, wenn man nicht davon ausgeht, dass Individuen grundsätzlich in kurzfristigen Kos- ten-Nutzen Kategorien denken und immer volle Informationen über die Struktur der Si- tuation haben. In vielen Lebenslagen sind sie mit komplexen Situationen konfrontiert, die sie nicht überblicken können (Ostrom 1999: 43). Dies trifft ganz besonders auf All- mendeprobleme zu. Die Unsicherheit bzw. das Fehlen von Informationen haben ver- schiedene Gründe. Die Aneigner können nie genau wissen, wie sich eine ergriffene Maßnahme auswirken wird, ob sie mit ihren Entscheidungen richtig oder falsch liegen. Wird der Damm, den sie gebaut haben, um eine bessere Wasserversorgung zu generie- ren halten oder wird er nach kurzer Zeit wieder weggespült. Häufig rührt die Unsicher- heit auch von äußeren Bedingungen her, wie Niederschlag, Temperatur oder Sonnenein- strahlung. Die Aneigner wissen in den zu lösenden Dilemmata häufig nicht, wie sich ihre Investitionen auszahlen werden und ob andere Akteure uneingeschränkt die Regeln befolgen.

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Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die „Tragik der Allmende“. Möglichkeiten und Grenzen bei der Selbstverwaltung von Allmenderessourcen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
44
Katalognummer
V351442
ISBN (eBook)
9783668378742
ISBN (Buch)
9783668378759
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Allmenderessourcen, Trittbrettfahrer, Kooperation
Arbeit zitieren
Christian Hüsch (Autor), 2013, Die „Tragik der Allmende“. Möglichkeiten und Grenzen bei der Selbstverwaltung von Allmenderessourcen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351442

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