Die Bildung ist in unserer Gesellschaft eine wichtige Determinante für individuelle Lebenschancen und soziale, politische und kulturelle Teilnahme. Jedoch verwehrt die Bildungsungleichheit, welche in unserer Gesellschaft ebenfalls einen hohen Rang erlangt, den Menschen die gleichen Partizipationschancen. Seitdem die Individuen in verschiedene Sektionen unterteilt werden, wie zum Beispiel die soziale Schicht, das Geschlecht, das Alter oder gar regionale Herkunftsunterschiede, und diese Kategorien ungerechter Maßen am Bildungssystem teilnehmen, ist die Frage nach dem Grad und den Bedingungen der Bildungsungleichheit in Deutschland immer wieder ein stark diskutiertes Thema, welches die Bildungspolitik beschäftigt.
Es steht außer Fragen, dass die Ganztagsschule eine Lösung für viele der bildungs- und sozialpolitischen Herausforderungen ist. Fraglich bleibt dennoch, ob die Formen der Ganztagsschul-Angebote einen positiven Einfluss auf die Bereiche der Bildung, Betreuung und für diese Ausarbeitung am relevantesten, die Verringerung der sozialen Ungleichheit haben. Dabei wird in dieser Hausarbeit der Frage nachgegangen inwiefern und in welchem Ausmaß die soziale Herkunft, im Kontext von Schule, Bildungschancen beeinflusst. Vorrangig soll überprüft werden, ob die Ganztagsschule, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik ebenfalls fortwährender Gegenstand von Diskussionen ist und seit den 1990er Jahren ein Feld für zahlreiche empirische Studien darlegt, die Bildungsungleichheit verringert und somit die Chancengleichheit der Schülerinnen und Schüler fördert.
Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen zunächst die Entwicklung der Ganztagsschule in Deutschland von den Anfängen bis heute und mit den verschiedenen Ganztagsangeboten von der voll gebundenen bis zur offenen Organisationsform vorgestellt werden und dann die Theorien von Bourdieu und Goldthorpe verglichen werden.
Anschließend soll der Bezug der Ganztagsschule auf die mögliche Verringerung der Bildungsungleichheit dargelegt und abschließend die elementaren Erkenntnisse zusammengetragen werden, bezüglich der Fragestellung überprüft und kritisch betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ganztagsschule
2.1. Definition und Formen der Ganztagsschule
2.2. Ziele der Ganztagsschule
3. Bildungsungleichheit
4. Theoretische Ansätze
4.1. Bourdieu
4.2. Boudon und Goldthorpe
5. Verringerung der Bildungsungleichheit durch die Ganztagsschule
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Forschungsfrage, inwiefern die Ganztagsschule einen wirksamen Beitrag zur Verringerung der sozialen Bildungsungleichheit in Deutschland leisten kann und ob sie somit die Chancengleichheit von Schülerinnen und Schülern effektiv fördert.
- Entwicklung und Organisationsformen der Ganztagsschule in Deutschland
- Analyse der sozialen Bildungsungleichheit im aktuellen Schulsystem
- Theoretische Perspektiven nach Bourdieu sowie Boudon und Goldthorpe
- Ansätze zur individuellen Förderung und sozialen Integration im Ganztagsschulkontext
- Kritische Reflexion über die Wirksamkeit von Ganztagsangeboten zur Kompensation sozioökonomischer Nachteile
Auszug aus dem Buch
4.1 Bourdieu
Dass Bildung in einem engen Zusammenhang mit den Chancen im Arbeitsmarkt steht [vgl. Mayerhofer, S.144] und die Beteiligung der Individuen an der Gesellschaft und deren Stellung darin beeinflusst wird ist weithin bekannt. [vgl. Opielka, S.7] Obwohl die Menschen von Natur aus gleichberechtigt sein sollen, ist die wohl offensichtlich ungerechte Verteilung der Bildungschancen kaum zu rechtfertigen. [vgl. Wenzel, S.7] Bourdieu eröffnet in seinem Aufsatz „die konservative Schule“ dass er „eine vollständig soziologische Erklärung“ für die Bildungs(miss)erfolge habe. [vgl. Bourdieu 2001b, S.15]
Bourdieu führte den Begriff des Kapitals ein, um damit die soziale Bildungsungleichheit erklären zu können Er unterscheidet prinzipiell unter drei Hauptformen des Kapitals: Dem ökonomischen Kapital, welches die finanziellen Ressourcen und materiellen Besitztümer darlegt, dem sozialen Kapital, das die Menge der Kontakte und Beziehungen der Individuen in Ihrem Umfeld beschreibt, und dem körpergebundenen von der Familie an die Kinder weitergegebenen kulturellen Kapital, das sich in drei weitere Kapitale unterteilen lässt:
1. inkorporierte kulturelle Kapital
Dieses entspricht der von den Individuen verinnerlichten Bildung, die sie aus dem familiären Umfeld erhalten und die einen Teil des individuellen Habitus beschreibt. Bourdieu definiert den Begriff des Habitus als ein Schema, das die eigenen Handlungen des Menschen individuell und unbewusst strukturiert. Dabei kann man jedes Individuum durch seine soziale Stellung und die Art des Lebens charakterisieren. Dadurch, dass alle Schülerinnen und Schüler von der Familie unterschiedlich vorgeprägt sind, ist diese Kapitalform von Beginn an von sozialer Ungleichheit gekennzeichnet. [vgl. Georg 2006, S.124]
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Bildungsungleichheit in Deutschland ein und formuliert die zentrale Fragestellung bezüglich des Beitrags der Ganztagsschule zur Chancengleichheit.
2. Ganztagsschule: Das Kapitel definiert den Begriff der Ganztagsschule, erläutert ihre verschiedenen Organisationsformen und beschreibt die zentralen bildungspolitischen Ziele.
3. Bildungsungleichheit: Hier werden Definitionen von Bildungsungleichheit und Chancengleichheit erarbeitet und der bestehende Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischem Erfolg beleuchtet.
4. Theoretische Ansätze: Dieses Kapitel vergleicht soziologische Erklärungsmodelle, insbesondere die Kapitaltheorie von Bourdieu sowie die Herkunftseffekte nach Boudon und Goldthorpe.
5. Verringerung der Bildungsungleichheit durch die Ganztagsschule: Der Fokus liegt hier auf der praktischen Umsetzung von Fördermaßnahmen und Angeboten im Ganztagsbetrieb zur Unterstützung benachteiligter Schülerinnen und Schüler.
6. Fazit: Die abschließende Betrachtung bewertet die Ganztagsschule als Maßnahme zur Kompensation von Bildungsbenachteiligung und reflektiert über ihre Grenzen.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Bildungsungleichheit, Chancengleichheit, soziale Herkunft, Bourdieu, kulturelles Kapital, Habitus, Boudon, Goldthorpe, Herkunftseffekte, individuelle Förderung, Bildungssystem, Sozialisation, Schulerfolg, Bildungsreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob das Modell der Ganztagsschule einen wirksamen Ausweg aus der sozial bedingten Bildungsungleichheit bietet und inwieweit sie zur Förderung der Chancengleichheit beiträgt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Ganztagsschulformen in Deutschland, der Analyse soziologischer Theorien zur Bildung und der empirischen Betrachtung von Fördermaßnahmen im Schulalltag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Wirksamkeit der Ganztagsschule im Hinblick auf die Verringerung herkunftsbedingter Startnachteile von Schülern zu überprüfen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und dem Vergleich etablierter soziologischer Theorien zur Bildungsungleichheit, ergänzt durch aktuelle bildungspolitische Definitionen und Studien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Bourdieu sowie Boudon und Goldthorpe und die anschließende Analyse konkreter pädagogischer Handlungsfelder wie individuelle Förderung und Integration.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die wesentlichen Begriffe umfassen Ganztagsschule, Bildungsungleichheit, soziales/kulturelles Kapital, Habitus und Chancengleichheit.
Wie unterscheidet sich die theoretische Sichtweise von Bourdieu von der von Boudon und Goldthorpe?
Während Bourdieu stark auf den kulturell geprägten Habitus und das kulturelle Erbe fokussiert, legen Boudon und Goldthorpe einen größeren Schwerpunkt auf rationale Bildungsentscheidungen der Eltern und die daraus resultierenden finanziellen sowie erfolgsbasierten Herkunftseffekte.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Ganztagsschule?
Die Autorin stellt fest, dass die Ganztagsschule zwar wichtige Förderangebote bietet und zur Kompetenzentwicklung beitragen kann, jedoch die grundlegenden Mechanismen der sozialen Selektion und die Ungleichheit im kulturellen Kapital der Familien nicht vollständig aufheben kann.
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- Fatlinda Shatri (Author), 2015, Ganztagsschule und Chancengleichheit der Schüler. Bietet sie einen Ausweg aus der sozialen Bildungsungleichheit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352648