Landschaft als Soziales Konstrukt. Konzept eines Wahlpflichtmoduls "Landschaftssoziologie" an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)


Bachelorarbeit, 2014

107 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis ... 4
Abkürzungsverzeichnis ... 4
Abbildungsverzeichnis ... 5

1. Einleitung ... 6

2. Methodik ... 7

3. Einführung in die Begrifflichkeiten von Landschaft aus soziologischer Perspektive ... 8
3.1 SOZIOLOGIE ... 9

3.2 LANDSCHAFT ... 10
3.3 LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE ... 13
3.4 SOZIALE KONSTRUKTION ... 14
3.5 DIE SOZIALE KONSTRUKTION VON LANDSCHAFT ... 15
3.6 RAUM, NATUR, LANDSCHAFT UND HEIMAT ... 17

4. Didaktik des Moduls „Landschaftssoziologie“ ... 22
4.1 ALLGEMEINE BEMERKUNGEN ZU MODULAREN LEHRVERAN-STALTUNGEN AN FACHHOCHSCHULEN ... 22
4.2 RAHMENBEDINGUNGEN DESMODULS ... 24
4.2.1 Formale Kriterien und rechtliche Grundlagen ... 24
4.2.2 Modulbeschreibung ... 25
4.2.3 Strukturelle und Planerische Rahmenbedingungen ... 26
4.3METHODIK DES MODULS „LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE“ ... 28

5. Inhalte des Moduls „Landschaftssoziologie“ ... 37
5.1. GRUNDZÜGE DER SOZIALKONSTRUKTIVISTISCHEN PERSPEKTIVE AUF LANDSCHAFT ... 37
5.1.1 Vier Dimensionen von Landschaft ... 37
5.1.2 Landschaft und Sozialisation ... 40
5.1.3 Landschaft und Macht ... 43
5.2 THEORIEN UND KONZEPTE DER RAUM- UND LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE ... 46
5.2.1 Landschaftsbewusstsein und Raumbilder nach IPSEN ... 47
5.2.2 Die Produktion des Raumes nach LEFEBVRE ... 50
5.2.3 Entstehung von Räumen durch soziales Handeln nach LÖW ... 53
5.2.4 Sozialer Raum, Kapital und Habitus nach BOURDIEU ... 55
5.2.5 Formen der Vergesellschaftung und Räumliche Ordnung nach SIMMEL ... 57
5.2.6 Ordnung, Macht und Raum nach FOUCAULT ... 58
5.2.7 Kommunikation und Raum in der Systemtheorie nach LUHMANN ... 60
5.2.8 Natur, Kultur und Herrschaft nach der FRANKFURTER SCHULE ... 63
5.2.9 Räumliche Praxis und Repräsentation nach HARVEY ... 64
5.3 SYNTHESE UND RELEVANZEN DER THEORIEN UND KONZEPTE DER RAUM- UND LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE AUS KAP. 5.2 ... 65

6. Praxis der Landschaftssoziologie und Landschaftsplanung ... 72
6.1 METHODEN DER SOZIALRAUMANALYSE ... 73
6.2 NACHHALTIGE ENTWICKLUNG ... 75
6.3 GOVERNANCE ... 77
6.4WEITERE PRAXISRELEVANTE KONZEPTE ... 79
6.5 AUSBLICK IN DIE PRAXIS DER LANDSCHAFTSPLANUNG ... 82

7. Diskussion ... 84
7.1 DISKUSSION DER DIDAKTIK DES MODULS „LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE“ ... 84
7.2 DISKUSSION DER INHALTE DES MODULS „LANDSCHAFTSSOZIOLOGIE“ ... 86

8. Zusammenfassung ... 88

9. Literaturverzeichnis ... 89

10. Anhang ... 97

Tabellenverzeichnis

[Dies ist eine Leseprobe. Verzeichnisse und Grafiken werden nicht dargestellt.]

Abkürzungsverzeichnis

[Dies ist eine Leseprobe. Verzeichnisse und Grafiken werden nicht dargestellt.]

Abbildungsverzeichnis

[Dies ist eine Leseprobe. Verzeichnisse und Grafiken werden nicht dargestellt.]

1. Einleitung

Vor dem Hintergrund immanenter gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse von Landnutzungen, bzw. die Frage welcher Zustand von Landschaft gesellschaftlich gewünscht, erhaltenswert, schützenwert und erstrebenswert erscheint, ist die Auseinandersetzung mit Landschaft omnipräsent. Diese gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Landschaft ist als ein entscheidender Aspekt für die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen unserer Zeit, wie z.B. der Energieversorgung und der zunehmenden Urbanisierung, anzusehen.

Landschaft stellt sich als eine geschichtlich und kulturell entstandene Landschaft dar. Sie ist im Wesentlichen eine Kulturlandschaft, die vom Menschen beeinflusst und somit gesellschaftlich produziert wurde, und weiterhin produziert wird. ist eingebettet in eine generelle gesellschaftliche Entwicklung. Für Gesellschaften sind Werte und Normen elementar. Sie bestehen aber auch aus Hierarchien und Machtverhältnissen, die wiederum auf die Werte, Normen und die Sozialisation in der Gesellschaft aufbauen und zurückwirken. Unser Landschaftsverständnis und damit auch das Erscheinungsbild von Landschaft sind von diesem konstituierenden Prozess entscheidend geprägt.

Diese Perspektive auf Landschaft als soziales Konstrukt soll jedoch keine Konkurrenz zum naturwissenschaftlichen-ökologischen Verständnis von Landschaft darstellen, sondern sollte das Lehrangebot der HNEE ergänzen. Deswegen entstand die Idee ein Lehrmodul zu planen, in welchem die Inhalte der Landschaftssoziologie, sowie die damit verbundene sozialkonstruktivistische Perspektive auf Landschaft, herausgearbeitet werden. Diese Thesis realisiert diese Idee, und legt gleichzeitig ein didaktisches Konzept für eine solche modulare Lehrveranstaltung „Landschaftssoziologie“ vor.

Nach den Erläuterungen zur Methodik der Thesis (siehe Kap. 2) folgt eine Einführung in die Begrifflichkeiten von Landschaft aus soziologischer Perspektive (siehe Kap. 3). Danach wird das didaktische Konzept des Moduls erläutert, (siehe Kap. 4) bevor die wesentlichen Inhalte des Moduls, und damit die Erörterung von raum- und landschaftssoziologischen Theorien und Konzepten, dargelegt werden (siehe Kap. 5). In Kap. 6 wird der Bezug zur landschaftsplanerischen Praxis hergestellt und Perspektiven für einen demokratischen, nachhaltigen und machtreflexiven Umgang mit Landschaft werden aufgezeigt. In Kap. 7 folgt die inhaltliche und die didaktische Diskussion dieser Thesis.

2. Methodik

Die grundsätzliche Methodik dieser Thesis besteht in der Auswahl, dem Studium, der Auswertung und der Aufbereitung der Fachliteratur zu den Themen Landschaftssoziologie, Landschaft als Soziale Konstruktion, sowie dem Thema der Raumsoziologie. Auch machtreflexive Theorien und Texte, die einen Bezug zur Landschaftssoziologie aufweisen wurden berücksichtigt. Daneben erfolgte die planerische und didaktisch-methodische Ausarbeitung des Moduls (siehe Kap. 4).

Durch die Literaturrecherche wurden relevante Thesen, Beiträge, Inhalte und Schwerpunkte herausgefiltert, die im Rahmen eines Moduls an der HNEE sinnvollerweise integriert und gelehrt werden können. Die sozialkonstruktivistische Perspektive auf Landschaft stellt zwar nur einen Aspekt aus dem Bereich der Landschaftssoziologie dar, dieser Aspekt stand aber bei der Auswahl der Themen im Mittelpunkt. Im Rahmen einer Bachelorthesis kann jedoch kein komplettes Modul entworfen und ausgestaltet werden. Das inhaltliche Studium eines solchen Themas ist vielfältig. Deswegen stellt diese Thesis ein Konzept für ein Lehrmodul dar. Die Tatsächliche Ausgestaltung dieses Konzepts kann in einem weiteren Schritt nach der eigentlichen Thesis passieren. Da diese Thesis keine typische naturwissenschaftliche Forschungsarbeit darstellt wurde von dem üblichen Schema der Datenaufnahme, Datenauswertung, Dateninterpretation und Diskussion der Ergebnisse abgewichen. Stattdessen steht in dieser Thesis der inhaltliche sowie der didaktische Teil im Vordergrund.

In Bezug auf die Methodiken des Moduls gilt es an dieser Stelle festzuhalten, dass die einzelnen Methoden in Kap. 4.3 beschrieben werden und dort auch die jeweilige Verwendung begründet wird. In Kap. 7.1 wird zusätzlich die Didaktik des Moduls „Landschaftssoziologie“ diskutiert.

3. Einführung in die Begrifflichkeiten von Landschaft aus soziologischer Perspektive

Bevor im Folgenden einige, für das weitere Lesen und in Beziehung Setzen dieser Thesis, wichtigen Begriffe erörtert werden, sollen folgende Anmerkungen gemacht werden:

Ob Landschaft, als DER zentrale Begriff in dieser Thesis, als soziales Konstrukt, oder differenzierter und nach TREPL (2012) als materiell oder ideell, als Gegenstand oder als Idee, als Ästhetische Kategorie, als Stimmung oder gar, aufgrund der eigenen subjektiven Veränderlichkeit, als Situation aufgefasst wird, ist auch von der gesellschaftlichen Perspektive abhängig. Laut TREPL (2012) ist es auch immer die Frage wie das Wort Landschaft in der Gesellschaft gebraucht wird. „Man muss wissen, was einzelne Menschen, was soziale Gruppen meinen, wenn sie Landschaft sagen, was in unserer Kultur und was in anderen Kulturen gemeint ist“ (TREPL 2012: 26). Deswegen stehen die folgenden Definitionen nicht in der Tradition der naturwissenschaftlichen Begriffsdefinitionen, sondern sind im Kontext der Auseinandersetzung mit Landschaft aus der Perspektive der okzidentalen Geistes- und Sozialwissenschaften zu verstehen.

Zunächst soll jedoch der Unterschied zwischen der Betrachtung von Landschaft aus der geisteswissenschaftlichen bzw. sozialwissenschaftlichen Perspektive und der Landschaft aus naturwissenschaftlichen bzw. positivistischen Betrachtungsweise erläutert werden. Bei der naturwissenschaftlichen und ökologischen Betrachtungsweise wird Landschaft immer aus der Sicht der biologisch wirksamen Umwelt untersucht (GRÖNING/HERLYN 1996). Danach wird sich in den Naturwissenschaften und deren Teildisziplinen eher mit den Stoffkreisläufen, den Kompartimenten und Systemen der Landschaft beschäftigt, wie z.B. in der Geologie oder der Ökologie. So werden beispielsweise bei einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) die Schutzgüter Boden, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere, als `natürliche´ Faktoren und `natürliche´ Grundlagen betrachtet, die es im Sinne der Landschaftsplanung und Landschaftsanalyse zu erhalten, schonend zu bearbeiten, und/oder auszugleichen gilt. Menschen werden nach diesem Modell grundsätzlich eher als Störfaktoren gesehen. Bei der Betrachtung der Landschaft im sozialwissenschaftlichen Kontext, geht es um den „im Erleben und Handeln erschlossenen Raum“ (ebenda: 15). Landschaft wird nicht als gegebene Naturtatsache, bzw. als zu schützende Kulturlandschaft verstanden, sondern als „ein Stück Erde mit Bezug auf den Menschen und insofern [als] ein reflexives Gebilde“ (ebenda: 15).

Sinn der Einführung in die Begrifflichkeiten ist es nicht EINE exakte Definition abzugeben, was aufgrund der vielschichtigen, allein soziologischen, Sichtweisen auf Landschaft im Rahmen dieser Thesis und im Rahmen eines Moduls „Landschaftssoziologie“ auch nur schwer durchführbar ist. Ziel ist es in diesem Kapitel die Perspektive und die Wirkungsmechanismen von Landschaft als soziale Konstruktion zu erläutern und in die inhaltliche Thematik einzuführen.

3.1 Soziologie

Ganz allgemein lässt sich die Soziologie wie folgt definieren: „Die Soziologie untersucht menschliche Gesellschaften und die zahlreichen Dimensionen sozialer Handlungen und sozialer Beziehungen“ (JOAS 2003: 36). Laut JOAS (ebenda) gibt es in der Soziologie fünf Schlüsselbegriffe: Sozialstruktur, Soziales Handeln, Kultur, Macht und Funktionale Integrität. Der Begriff Gesellschaft jedoch, und die Frage der Ausdehnung und Grenzbildung dieses Systems, ist der „am stärksten identitätsdefinierende Begriff“ (DÖRING/THIELEMANN 2008: 149).

Die Wissenschaft der Soziologie entstand im Zuge der Industriellen Revolution, um die Veränderungen, die primär den Arbeitsbereich betrafen, und damit Veränderungen im gesamten Lebensbereich nach sich zogen, zu analysieren. Um die Soziologie definieren zu können sind im Folgenden die Ausführungen von Max Weber und die von Georg Simmel, der als einer der ersten Soziologen sich dem Feld des Raumes, und damit auch indirekt der Landschaft zuwendete, dargestellt.

Max Weber, einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie, definierte die Soziologie in seinem Werk `Wirtschaft und Gesellschaft´, wie folgt: „Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ […] (WEBER 2005: 15).

Georg Simmel erkannte als einer der ersten die besondere Bedeutung des Begriffs Gesellschaft für die für ihn besondere Wissenschaft der Soziologie. Für ihn bestand die Gesellschaft aus einem Geflecht aus Wechselbeziehungen und Wechselwirkungsformen, die durch gewisse Motive und Interessen hervorgerufen werden (SIMMEL 1918). Die abstrahierten Formen aus diesen Motiven und Interessen waren für ihn die Vergesellschaftungsformen, bzw. die Formen der Vergesellschaftung. „Die Vergesellschaftung ist also die […] Form, in der die Individuen […] zu einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb derer diese Interessen sich verwirklichen“ (ebenda: 6).

Auch wenn die Wissenschaft der Soziologie sich eigentlich nicht den materiellen Dingen wie z.B. Landschaften zuwendet, so ist diese gesellschaftstheoretische Beobachtung entscheidend geprägt von dem von Joas bereits erwähnten Schlüsselbegriff der Macht, dem von Weber skizzierten deutenden Verstehen und erklären sozialen Handelns, sowie den von Simmel beschriebenen Formen der Vergesellschaftung (siehe Kap. 5.2.5) Inwieweit sich diese soziologischen Termini auf die Landschaft und der sozialen Konstruktion dergleichen, beziehen, soll in den folgenden Kapiteln aufgezeigt werden.

3.2 Landschaft

Landschaft im Sinne der Alltagssprache ist als positiv konnotiert zu bezeichnen und umfasst sowohl ein Bild bzw. einen ästhetischen Gesamteindruck, den man sich von einer Gegend macht, als auch die räumlich territoriale Gegend selbst (vgl. LIPPUNER 2005; KÜHNE 2013; AHRENS 2006 KAUFMANN 2005). KAUFMANN (ebenda: 13) meint sogar, quasi bildlich ausgedrückt, dass „Landschaft zwischen einem räumlich ausgedehnten Gegenstand und dem Bild einer Gegend oszilliert“. KÜHNE (2013: 61) verweist auf das „Amalgam gesellschaftlicher und natürlicher Elemente“. Nach KÜHNE (2008: 40) lässt sich „die räumlich relationale Anordnung von Objekten im Allgemeinen […] als Landschaft bezeichnen.“ Diese Verbindungen zwischen Raum, Landschaft, Natur und den Objekten wird für das weitere Verständnis der sozialkonstruktivistischen Landschaftsbetrachtung wichtig sein. (siehe auch Kapitel 3.5, 3.6) KAUFMANN (2005: 40) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich Landschaften auch als „Raumbilder lesen lassen, die Auskunft über gesellschaftliche Naturpolitik geben“. Damit nimmt er Bezug auf die Theorie von Detlev Ipsen, die in Kapitel 5.2.1 näher erläutert wird.

Generell ist Landschaft ein Begriff der viele Assoziationen bietet und hervorruft. Die Eckpunkte liegen dabei einerseits in der Natürlichkeit und andererseits in der Dimension der Bearbeitung (IPSEN 2006). In dem Begriff der Landschaft mischen sich ästhetische, territoriale, soziale, politische, ökonomische, geographische, planerische, ethnologische und philosophische Bezüge (KÜHNE 2008). BURCKHARDT (1980: 21) betont den gesellschaftlichen Charakter der Bedeutung der Landschaft und meint, dass „[…] die Aussage [der Landschaft] liegt nicht im Objekt selbst, sondern in seiner kulturellen Interpretation, im Kulturgut, durch das wir die Landschaft sehen und verstehen lernen.“ KÜHNE (2013: 31) ergänzt dazu: „Landschaft ist als Teil von Welt nicht als Abbild, sondern lediglich als Sinn und Bedeutungszuschreibung erfahrbar.“

Will man den Begriff Landschaft und das, was damit verbunden wird, untersuchen, so ist es hilfreich sich die geschichtliche Entwicklung dieses Begriffs kurz vor Augen zu führen, um Landschaft im Folgenden nicht als vorgefundenen Raum, als Behälter bzw. Container, sondern als „im Tun strukturierte und durch Tun reproduktive Struktur“ (WEINGARTEN 2005: 20), zu erkennen.

“Erst über den geschichtlichen Zugang zu dieser Thematik eröffnet sich die Gesellschaftsabhängigkeit der Kategorie Landschaft und damit auch die spezifische Verantwortung der Planer. […]“ (GRÖNING/HERLYN 1996: 19). Der Wortursprung des Wortes Landschaft liegt in der germanischen Sprache begründet. Um das 9. Jh. meinte landscaf einen Siedlungsraum, und bezog sich auf die Verhaltensweisen und sozialen Normen der Bewohner eines bestimmten Gebietes (KAUFMANN 2005). Im Mittelalter folgte die schriftliche und bildliche Thematisierung von Landschaft mit der Tafelmalerei (vgl. u.a. KAUFMANN 2005, WEINGARTEN 2005, GRÖNING/HERLYN 1996, KÜHNE 2013, MÖLDERS 2010). Damit begann die Entstehung des landschaftlichen Blickes (TREPL 2012), und die ästhetische Belegung von Landschaft. HARD (2002) bezeichnet die Landschaft in diesem Zusammenhang als Ästhetische Seh- und Denkfigur.

Die Entwicklung des städtischen Bürgertums, das in den spärlich besiedelten Raum der Landschaft als ästhetisierte Freizeitbeschäftigung eintauchte, prägte nachhaltig die Unterscheidung zwischen Stadt und Land, und damit das heutige Verständnis von Landschaft (vgl. u.a. GRÖNING/HERLYN 1996, BURCKHARDT 1980, KÜHNE 2013). Das Verhältnis zur Landschaft, und das, durch die industrielle Revolution und der modernen Verstädterung entstandene, Gefühl des Naturverlustes sowie das generelle Mensch-Natur Verhältnis, spiegelte sich auch in der Veränderung der Darstellung und Konstituierung der Landschaft in der Kunst und Malerei wieder. War die Landschaft anfangs nur Hintergrund, wurde sie in der frühen Neuzeit der Hauptgegenstand der Malerei und avancierte zur ästhetisch stilisierten Einheit, zum Gemälde an sich (vgl. u.a. SIMMEL 1913; GRÖNING/HERLYN 1996), und zum Formideal wie z.B. mit den Bildern der romantischen Landschaftsmalerei der Künstler Schindler oder Friedrich. Laut GRÖNING/HERLYN (1996: 18) erforderte die „Rezeption der Landschaftsmalerei ein unbewusstes Gegenüberstellen, einen Abstand von der Natur herzustellen“. Hier kam auch der bis heute verfestigte ästhetische Aspekt des Landschaftsverständnisses zum Tragen. RITTER (1996: 35) konstatiert „Landschaft ist Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist“. Zudem war die Naturbeherrschung die Voraussetzung der ästhetischen Landschaftswahrnehmung der modernen Gesellschaft. PIEPMEIER (1980: 12) der in seiner philosophischen Herangehensweise an Landschaft den Prozess der Naturaneignung thematisiert und Landschaft als „der durch menschliche Arbeit und menschliches Handeln angeeignete Raum menschlichen Lebens,“ definiert, führt weiter aus: „Dieser Landschaftsbegriff konzeptualisiert also die natürlichen Grundgegebenheiten und Auswirkungen der historischen Bedingungen, unter denen die Ressourcen angeeignet werden“ (ebenda: 246). Damit nimmt er sowohl auf das Verhältnis von Natur und Landschaft Bezug (siehe Kap. 3.6), verdeutlicht aber auch gleichzeitig die Aneignung, die immer an die Möglichkeit des Zugang zur Aneignung, und damit an die Macht, gebunden ist.

Abb.1: Kulturlandschaft Bliesgau, Saarland, HOLLENSTEINER 2011
[Dies ist eine Leseprobe. Verzeichnisse und Grafiken werden nicht dargestellt.]

Die kulturrelationale Landschaft als geschichtlicher Raum, die zwischen Bild und Gegenstand oszilliert, wirft laut TREPL (2012) aber auch die Fragen der Wahrnehmung (vgl. u.a. LUCKMANN/SCHÜTZ 1994; SEEL 2007), des semantischen Hofes der Landschaft (vgl. u.a. HARD 2002) der Stimmung als etwas Erhabenes (vgl. u.a. TREPL 2012), der Vergeistigung (vgl. u.a. HELLPACH 1950), der Ästhetik (vgl. u.a. SIMMEL 1913), der Sprache und der Zeichensysteme (vgl. u.a. BURCKHARDT 1980) auf. TREPL (2012) betont aber, dass man nicht primär fragen solle, was Landschaft sei, besser solle man fragen wie das Wort Landschaft benutzt werde. Eine weitere Frage ist, ob von einer Landschaft im `engen´ Sinne gesprochen wird, oder ob man Landschaft im `weiten´ Sinne versteht und damit Landschaft „letztlich als das Ergebnis aller Wechselwirkungen von natürlichen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Zuständen versteht und damit auch Stadt, Industrierevier und Müllhalde als Landschaft empfindet“ (ACHLEITNER 1974: 31). Soweit nicht anders erwähnt wird in dieser Thesis generell von einem weiten Landschaftsbegriff ausgegangen. In Kap. 5.1.1 wird das Konzept der vier Dimensionen der Landschaft dargestellt und damit eine genauere Unterscheidung der unterschiedlichen Kontexte und Bedeutungen von Landschaft vorgenommen.

3.3 Landschaftssoziologie

Da Landschaft sich als „historisch-gesellschaftliches Projekt“ (KÜHNE, 2008: 15) verstehen lässt bzw. es sich nach KÜHNE (ebenda) um einen materiellen wie sozialen Gegenstand handelt und laut Simmel wie in Kap. 3.1 beschrieben, die Soziologie an den Formen der Vergesellschaftung interessiert ist, und Landschaft laut KAUFMANN (2005: 17) an sich die „Vergesellschaftung der Umwelt“ ist, lässt sich festhalten, dass die Landschaftssoziologie über die Vergesellschaftung von Landschaft Auskunft gibt.

„Damit verschafft eine Soziologie der Landschaft der raumsoziologischen Diskussion, die einerseits globalisierungsfokussiert und andererseits mikro- und stadtsoziologisch ausgerichtet ist, eine neue Perspektive. Nicht Landschaft im Sinne traditionaler Entgegensetzung von Stadt und Land wird zum Thema, sondern Territori-alisierungsprozesse im Sinne einer räumlichen Formung gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ (KAUFMANN 2005: 17).

Wichtig bei einer Soziologie der Landschaft bzw. einer Landschaftssoziologie sind neben der Analyse der sozialen Konstruktion von Landschaft und deren Konstituierung durch Sozialisation (siehe Kap. 5.1.2) und Macht (siehe Kap. 5.1.3) die „Modi der Erzeugung und Konstituierung des materiellen Raums der Körper“ (AHRENS 2006: 232) und die „materiellen wie symbolischen Dimensionen der Landschaft“ (KAUFMANN 2005: 19).

Neben den in Kapitel 5.2.1 dargestellten Ausführungen zum Landschaftsbewusstsein und Raumbildern nach Ipsen sind in der Landschaftssoziologie aber auch „die unterschiedlichen gesellschaftlichen Regulationen des gesellschaftlichen Bezugs zu Landschaft Gegenstand der Forschung“ (KÜHNE 2008: 31). Ein anderer aktueller Aspekt der Landschaftssoziologie ist die traditionelle Dichotomie von Stadt und Land (vgl. u.a. KAUFMANN 2005; GISEKE/SIEWEKE 2006) bzw. deren Auflösungserscheinungen, der Ausdehnung der Stadt, dem Zwischenstadtdiskurs und der Landschaft in der Dimension des Städtischen. Auch der kulturelle Ausdruck von Landschaft, die Heimat, die Identifikation mit dergleichen und damit der sozialen In und Exklusion, sowie der Kontrolle derselben, sind Gegenstand landschaftssoziologischer Forschungsarbeit (STURM 1999). Ebenfalls Gegenstand der soziologischen Landschaftsforschung ist, neben der geschichtlichen Aufarbeitung der Landschaft, die Ästhetisierung der Landschaft.

Im Zuge des Spatial turns, der Zuwendung des Raumes als Forschungsobjektes in den Geisteswissenschaften, gewinnt die Landschaftssoziologie im Bereich der Soziologie zusätzlich immer mehr an Bedeutung.

3.4 Soziale Konstruktion

Konstruktion bezeichnet nach KLOCK/SPAHR (2007) keine intentionale Handlung, sondern einen kulturell vermittelten vorbewussten Vorgang. Eine Konstruktion ist also immer auch ein sozialer Vorgang, der durch Sozialisation und den geltenden Normen vermittelt wird. Aufbauend auf Bedeutungen (vgl. BLUMER 1973), die auf sozialen Aushandlungs- und Vermittlungsprozessen beruhen, konstituiert sich aufgrund der Anordnung von Objekten eine jeweilige Wirklichkeit (vgl. BERGER/LUCKMANN 1998) und nach SCHUTZ/LUCKMANN (1994) eine Selbstverständlichkeitskette. Dabei entsteht Bedeutung aus sozialer Interkation (vgl. BLUMER 1973), was wiederum ein interpretativer Prozess ist (ebenda). Objekte sind in diesem Zusammenhang, im Sinne des symbolischen Interaktionismus, das „Produkt symbolischer Interaktion“ (ebenda: 90). Zentral ist dabei der Prozess des Erlernens von Wissen. Wissen, das laut SCHÜTZ (1971) in einem Netzwerk von Vertrautheit, Bekanntheit und bloßem Glauben eigebettet ist, beruht auf sozialer Interaktion, symbolischer Art (dinghaft) und nichtsymbolischer Art, wodurch Bedeutungen entstehen (KÜHNE 2013). BURR (2005: 7) stellt heraus: „Wir werden in eine Welt geboren, deren von Menschen genutzte konzeptionelle Rahmen und Kategorien in unserer Kultur bereits existieren.“

Um diese Symbole und Bedeutungen zu verstehen bedarf es aber zuerst den Prozess der Wahrnehmung. BLECH/HERMANN (1999: 202) bezeichnen den Prozess der Wahrnehmung im Sinne Foucaults´ sogar als Sekundäreffekt, der „diskursiven Formation einer Epoche“. Wahrnehmung, also die Zusammenführung von Sinneseindrücken zu einem Gesamtbild, ist bei der sozialen Konstruktion entscheidend und das Resultat eines „sehr komplizierten Interpretationsprozesses, in welchem gegenwärtige Wahrnehmungen mit früheren Wahrnehmungen in Beziehung gesetzt werden“ KÜHNE (2013: 19). Diesbezüglich äußert sich AHRENS (2006: 233), „dass die Leistungen des Beobachters das erzeugen, was wir als Landschaft wahrnehmen und als solche sozial relevant werden lassen“. JESSEL (2000: 149) betont in Bezug auf die Wahrnehmung: „Es gibt kein voraussetzungsloses Sehen im Sinne eines vollständigen Registrierens all dessen, was überhaupt an Reizen aus der Außenwelt aufgenommen werden kann. Vielmehr müssen über Sinnesorgane aufgenommene Reize strukturiert, geordnet und zu Gestalten zusammengefasst werden, um zu bewusster Wahrnehmung zu werden.“ Nach SCHÜTZ/LUCKMANN (1994) erfolgt mit der Wahrnehmung ein Typisierungsprozess, der auf Erfahrungen und Sozialisation beruht, um Normalitäten abzuwägen. Diese Typisierungen sind zusätzlich miteinander verbunden und aufeinander abgestuft.

Gegenstände bzw. Objekte sind dabei von entscheidender Bedeutung (KÜHNE 2013). Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird demgemäß durch die Anordnung von Objekten konstituiert. BERGER/LUCKMANN (1998) definieren drei Stufen der Objektivierung, also Verkörperung subjektiver Vorgänge in Vorgängen und Gegenständen: 1. Handlungen, 2. Technik, 3. Abstrakte Zeichensysteme. Somit lässt sich nach KÜHNE (2013: 21) zusammenfassen, dass sich die Wirklichkeit der Alltagswelt konstituiert, „das Hier und Jetzt, als Ausgangspunkt für die Konstruktion der Welt nicht mehr hinterfragt wird“, sondern nach LIPPUNER (2005) auf symbolischen Ordnungen beruht. Auch mit Luhmanns Systemtheorie, in der die Beobachtung eine zentrale Stellung einnimmt, entstehen nach LIPPUNER (2005: 44) „verschiedene Welten als Produkt von sinnhaften Operationen der Beobachter in der Welt, von Beobachtungen“ die „verschiedene Weltentwürfe erzeugen“ (LUHMANN 1998: 155). Laut BERGMANN (2004) hinterfragen Konstruktivisten das Erkennen der äußeren Realität und sind der Auffassung, dass Aussagen über die Realität nur Konstruktionen sind. Luhmann meint dazu: „Eine Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein“ (ebenda: 27). Damit kann das Ergebnis der Beobachtung – die Beschreibung der Realität daher nur Konstruktion sein (BERGMANN 2004). In Kapitel 5.1.3 wird die Funktion der Sprache, als wichtiges Konstruktives Element und Bestandteil der Kommunikation, im machtdiskursiven Kontext näher erläutert.

Ein gutes Beispiel der sozialen Konstruktion, die nicht mehr hinterfragt wird, und ohne die ein soziales Zusammenleben nicht möglich wäre, ist die Zeit (SCHROER 2009). Luhmann bezeichnet die Zeit als „ein Aspekt der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit“ (LÄPPLE 1991: 160). Dabei ist die Vorstellung leitend, dass es sich bei der Zeit um eine Art des „Zusammensehens von Ereignissen handelt, die auf der Eigentümlichkeit des menschlichen Bewußstseins“ beruhe (ebenda: 161). Elias wiederum sieht die Zeit als menschliche Syntheseleistung, durch die verschiedene Geschehensabläufe miteinander in Beziehung gesetzt werden (SCHROER 2009). Wichtig dabei sind sog. standardisierte Geschehensabläufe. In früheren Gesellschaften waren sich wiederholende Naturabläufe solche Geschehensabläufe, irgendwann traten an diese Stelle die menschlichen Konstrukte wie der Kalender und die Uhr. Die Zeit wird somit nach LÄPPLE (1991) zu einem gesellschaftlich standardisierten Bezugsrahmen und zu einem sozialen Symbol, das der „Orientierung und Regulierung menschlichen Verhaltens in sozialen und natürlichen Bewegungsabläufen dient und die damit verbundene menschliche Kommunikation ermöglicht“ (ebenda: 162). Der heute verwandte Zeitbegriff ist also das Ergebnis eines Lern- und Sozialisierungsprozesses, der nur im „Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen ist“ (ebenda: 162).

3.5 Die Soziale Konstruktion von Landschaft

Aus sozialkonstruktivistischer Perspektive wird Landschaft als „sozial und kulturell erzeugtes wie auch vermitteltes Konstrukt“ verstanden (KÜHNE 2013: 31). Nach KÜHNE (2008; 2013) lässt sich die soziale Konstruktion von Landschaft auch als gesellschaftliche Landschaft bezeichnen (siehe auch Kap. 5.1.1).

Nach LEIBENATH/GAILING (2012) untersucht und erklärt die sozialkonstruktivistische Landschaftsforschung was Menschen meinen, wenn sie Landschaft sagen. COSGROVE (1998) betont, Landschaft sei eine Art die Welt zu sehen. KÜHNE (2013) hingegen meint, dass Landschaft nur als Sinn und Bedeutungszuschreibung erfahrbar sei. „Nicht in der Natur der Dinge, sondern in unserem Kopf ist die Landschaft zu suchen, sie ist ein Konstrukt, das einer Gesellschaft zur Wahrnehmung dient […]“ (BURCKHARDT 1980: 19). Burckhardt arbeitet in seinem Buch `Warum ist Landschaft schön?´ heraus, dass Landschaft als „schöpferische Tat unseres Gehirns und Ergebnis unserer Erziehung“ zu verstehen sei (ebenda: 33). Für ihn ermöglicht der Begriff der Landschaft eine bestimmte „Art der Abstraktion um Informationen zu einem Bild zusammenfassen zu können“ (ebenda: 24). Dazu sei es nötig die Landschaft als Sprache zu verstehen und die „Bedeutung der Zeichensysteme, also die gesellschaftliche Aussage der Landschaft, gelernt zu haben“, (ebenda: 33) denn seiner Meinung nach liegt der „gesellschaftliche Charakter der Bedeutung der Landschaft nicht im Objekt selbst“, sondern „in seiner kulturellen Interpretation, im Kulturgut selbst, durch das wir Landschaft sehen und verstehen lernen“ (ebenda: 20,21). Somit sei Landschaft im Grunde ein „Trick der Wahrnehmung“ (ebenda: 83), um zu einem Gesamtbild, einer Einheit zu gelangen. Dieser Trick besteht darin, dass das „Bewusstsein bei der Erzeugung von Landschaft sich mithilfe einer Komplexitätsreduktion Orientierung verschafft.“ (KÜHNE 2013: 32) Diese Komplexitätsreduktion wiederum basiert auf „dem erlernten Erkennen von Regelmäßigkeiten und deren Kategorisierung“ (KÜHNE 2008: 29).

Wie in Kap. 3.4 bereits erwähnt, wird den Objekten und Gegenständen bei der Konstituierung einer jeweiligen Wirklichkeit hohe Bedeutung zugemessen. So befinden sich auch bei der Konstruktion von Landschaft „Objekte und soziale Konstruktionen in einem rekursiven Bedingungsverhältnis“ (KÜHNE 2013: 33). Aufgrund von sozialisiertem Wissen, Erfahrungen, Zuschreibungen, Relevanzen, sowie aufgrund von Normen, Sprache und Symbolen werden Deutungs- und Zuschreibungsmuster, wie die in Kap. 3.4 beschriebenen Typisierungen, von Landschaft erlernt (ebenda).

„In diesem Prozess der Konstruktion von Landschaft wird auf kulturell gebundene, sozial vermittelte und zeitgebundene Typisierungen zurückgegriffen […]“ (ebenda: 33). Diese in Kapitel 3.4 bereits als Selbstverständlichkeitskette bezeichnete Abfolge geschieht auf Grundlage der Erfahrung und der Abweichungen davon, sowie auf Grundlage der Relevanzen, die dem wahrgenommenen Bild der Landschaft zugesprochen wird (ebenda).

Laut LEHMANN (1973) setzt Landschaft eine Abgrenzung, eine individuelle Bestimmtheit und Komposition, ein bewusstes Wahrnehmen eines gestalthaften Ganzen voraus. WEINGARTEN (2005: 191) hält fest: „Was `Raum´ oder `Landschaft´ als Ensemble von Erfahrungsgegenständen ausmacht, hat ohne erfahrendes, erkennendes und handelndes Subjekt keine eigenen symbolischen Bedeutungen. Symbole sind keine Eigenschaften von Dingen. Symbole sind vielmehr im Tun von Akteuren zustande gekommene Reflexionsprodukte bezüglich des Umgangs mit Gegenständen.“

GISEKE/SIEWEKE (2006: 226) fragen abschließend, nachdem sie Landschaft als geschautes Bild definieren und feststellen, dass die Macht dieses kulturellen Konstrukts, die Jahrhunderte währende Schulung eines landschaftlichen Blickes, extrem sei: „Was prägt gegenwärtig unsere Wahrnehmungsgewohnheiten, über welche Darstellungspraktiken vermitteln wir?“ Genau diese Fragen gilt es zu stellen, will man die Praxis der sozialen Konstruktion von Landschaft untersuchen. Besonders Ipsen geht auf diese Konstruktion ein. Er prägte den Begriff des Landschaftsbewusstseins, das in Kap. 5.2.1 näher erläutert wird. Zusätzlich prägte er den Begriff der Raumbilder, „die Auskunft über gesellschaftliche Naturpolitik geben, und die gleichzeitig Ausdruck bestimmter Lebensformen werden“ (KAUFMANN 2005: 40). Ipsen schafft damit die Verbindung zwischen Raum, Landschaft (als erlebtem Raum) und Natur, die in Kap. 3.6 näher beschrieben wird.

3.6 Raum, Natur, Landschaft und Heimat

Um die Beziehungen zwischen Landschaft, Raum, Natur und Heimat zu skizzieren, verdeutlicht eine Definition von KAUFMANN (2005: 9) die Zusammenhänge wohl am besten: Er begreift Landschaft als „sichtbare, erfahrbare räumlich ausgedehnte Natur.“

Er betont außerdem: „Die kulturtheoretische und empirische Grundlegung einer Soziologie der Landschaft bedeutet die soziologische Raumreflexion, in diesem Rahmen der konzeptionellen Auseinandersetzung mit den Mischungen von Natur mit Kultur, von körperlich-dinglichem mit Sozialem, von Technischem mit Gesellschaftlichem“ KAUFMANN (2005: 13).

Abb.2: Landschaft? Kulturrlandschaft? Heimat? Bliesgau, HOLLENSTEINER 2011
[Dies ist eine Leseprobe. Verzeichnisse und Grafiken werden nicht dargestellt.]

Raum ist dabei im soziologischen Kontext zu allererst als sozialer Raum zu verstehen, als „Resultat sozialer Prozesse“ (SCHROER 2009: 354) und LÄPPLE (1991: 189) hebt den Raum als „relationale Ordnung körperlicher Objekte“ hervor.

AHRENS (2006: 233) fragt in Bezug auf die Landschaft und den Raum als etwas sozial hergestelltes und nicht einfach vorhandenes: „Wie wird auf den Raum Bezug genommen? Wann wird der Bezug auf den Raum genutzt und warum? Von welchen Eigenschaften hängen seine kommunikative Relevanz und die Art ihrer Veränderung im Laufe der gesellschaftlichen Evolution ab?“ Und SCHROER (2009: 366) fragt, quasi als Leitfrage, in seiner Ausführung abschließend, „in welchen Situationen Raum von wem wie wahrgenommen wird.“

Auch seit Einsteins Relativitätstheorie ist der physikalische Raumbegriff nicht mehr als Konstantes Faktum anzusehen und neben dem physischem Raum muss im Sinne der sozialwissenschaftlichen Betrachtung von Landschaft auch der Soziale Raum berücksichtigt werden. Objektivierter, physischer Raum ist demnach, nicht mehr denkbar, „handelt es sich doch auch bei ihm um einen stets schon zugerichteten, angeeigneten und genutzten Raum“ (SCHROER 2009: 354). Zugleich bedeutet Raum immer auch eine „symbolische Repräsentation der Ordnung der Dinge“ (WEINGARTEN 2005: 241).

In Kapitel 3.4 wurde bereits das Beispiel der Zeit als soziale Konstruktion angeführt. Auch ohne die Festlegungen auf Räumliche Übereinkünfte, und damit darauf, was unter Landschaft zu verstehen sei, wäre, wie bereits erwähnt, das Zusammenleben nicht möglich. Nach FOUCAULT (1977) hat der Raum die Zeit als prinzipielles Ordnungsprinzip abgelöst. Wobei LÄPPLE (1991: 165) betont, dass nur „die positionalen Beziehungen des Rauminhaltes, also die Raumstruktur, nicht der Raum selbst“ wahrgenommen werden kann. Demnach existiert der Raum nie als `Ding an sich´, sondern ist, wie in Kap. 3.2 bereits in Bezug auf die Landschaft von Kühne festgestellt, geprägt durch Relationen (AHRENS 2006). Wie gestaltet sich also die Verbindung zwischen Raum und Landschaft?

KÜHNE (2008: 28) zufolge lässt sich Landschaft „weder mit Natur noch mit Raum gleichsetzen“. Allerdings sind laut KÜHNE (ebenda: 30) bei der Konstruktion von Landschaft, „Raum und Landschaft konstitutiv aufeinander bezogen.“ Das Verhältnis von Objekten, Raum und Landschaft ist dabei entscheidend. Die Anordnung von Objekten kann relativ schnell als Raum bezeichnet werden, „jedoch werden Objekte, deren räumliche Anordnung nicht bedacht wird, nicht als Landschaft konstruiert“ (ebenda: 31). Somit wird das Ergebnis der räumlichen Beobachtung von Objekten der landschaftlichen Bewertung unterzogen (siehe auch Kap. 3.4 und 3.5). KAUFMANN (2005: 41) ergänzt im sozialkonstruktivistischen Sinne: „Landschaften lassen sich als gebaute Raumbilder verstehen, die nicht allein Formen der räumlichen Konstitution und Konstruktion des Sozialen sind, sondern auch der sozialen Integration von Natur.“

Raum ist jedoch nicht Raum an sich, also nur physisch zu verstehen, sondern die räumliche Wahrnehmung richtet sich nach LÄPPLE (1991: 163) vielmehr auf die „räumlichen Verhältnisse und Konfigurationen der Gegenstandswelt.“ Statt von Raum zu sprechen erscheint es LÄPPLE (ebenda: 164) sinnvoller von Raumbegriffen oder Raumkonzepten zu sprechen und dabei herauszustellen auf welche Problemstellung sich der jeweilige Raumbegriff bezieht.

NASSEHI (1999) betont in diesem Zusammenhang wiederum, dass die Unbestimmtheit des Raumes gerade die Voraussetzung für Zuschreibungsprozesse biete. Des Weiteren führt er aus: „Die Ordnung des Raumes ist […] jene Form von Ordnung, die den Raum erst hervorbringt“ (ebenda: 234). Raum wird nach MÜMKEN (1997) auch immer mit Mythen und Bildern belegt, ist jedoch kein vom Subjekt losgelöster Gegenstand, denn schon Heidegger stellte fest, dass das menschliche Dasein räumlich sei. LÖW (2001: 270) (siehe auch Kap. 5.2.3) fordert, deswegen „den Prozess der Konstitution des Raumes zu erfassen, und nicht dessen Ergebnis, um damit Aussagen über Bausteine und deren Beziehungen treffen zu können.“

Bourdieu, der den Raum als sozialen Raum auffasst und dessen Theorie in Kapitel 5.2.4 erläutert wird, konstatiert: „Der physische Raum lässt sich nur anhand einer Abstraktion denken, das heißt unter willentlicher Absehung von allem, was darauf zurückzuführen ist, dass er ein bewohnter und angeeigneter Raum ist, deshalb eine Soziale Konstruktion und eine Projektion des sozialen Raumes, eine soziale Struktur im objektiven Zustand […] die Objektivierung und Naturalisierung vergangener wie gegenwärtiger sozialer Verhältnisse“ (MÜMKEN 1997: 33). Auch die soziologischen Klassiker wie Simmel oder Dürkheim, sowie die heutigen Raumtheoretiker wie Löw oder Sturm bezogen und beziehen sich auf den Raum, als sozialen Raum, als Resultat sozialer Prozesse (vgl. SCHROER 2009: 354).

Eine weitere Komponente im Verständnis von Landschaft als soziale Konstruktion ist die Thematik der Natur. RADKAU (2002: 31) meint: „Man kann Natur als Norm und als philosophische Kategorie mühelos auseinander nehmen. Natur ist die idealisierte Wunschvorstellung des Schutzes der Ressourcen und Ökosysteme.“ Weiter führt er aus: „Das Ideal der unberührten Natur ist ein Phantom, ein Produkt des Kultes der Virginität“ (RADKAU 2002: 14). Natur wird dabei meist mit Ursprünglichkeit und Unberührtheit verbunden. Damit wird allerdings eine Unterscheidung konstruiert und im nicht-holistischen Sinne die Gesellschaft von der sog. Natur getrennt. Den Dualismus zwischen Natur und Kultur könnte die Einsicht auflösen, dass die Natur, als unberührter Flecken Erde, oder als nicht menschlich beeinflusstes Ökosystem, nicht mehr existiert und Naturlandschaft zu Kulturlandschaft geworden ist. WEINGARTEN (2005) verbindet mit der Landschaft die Möglichkeit eines Vermittlungsglieds zwischen Natur und Gesellschaft darzustellen und somit den Dualismus zwischen Kultur und Natur aufzuheben. Auch KAUFMANN (2005: 9) relativiert die Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur und stellt die konstruktivistische Verwobenheit dar: „Natur kann nicht mehr ohne Gesellschaft, Gesellschaft kann nicht mehr ohne Natur begriffen werden.“

EDER (1988: 47) begründet die Trennung zwischen Natur und Gesellschaft mit der „kognitiven Differenzierung des Wissens“ und sieht in ihr einen „Mechanismus der kulturellen Konstruktion eines gesellschaftlichen Naturverhältnisses“. Somit kann aus der Unterscheidung von Natur und Kultur eine Diskurshoheit und damit eine Verteilungshoheit über die natürlichen Ressourcen gewonnen werden um sich die Natur im Sinne der Gebrauchswertproduktion (nach Marx) anzueignen. Diese gesellschaftliche Aneignung der Natur bezeichnet EDER (1988: 61) als einen „dreifachen [kognitiv, moralisch und symbolisch] Prozess der sozialen Konstruktion von Natur.“ Weiter führt EDER (ebenda) aus, dass mit den Symbolisierungen die elementaren Regeln der Wahrnehmung und der Erfahrung der Welt festgelegt werden. Dieses gesellschaftliche Naturverhältnis wirkt sich auch auf den Raum und die Landschaft aus. Aufgrund der Tatsache, dass Natur an sich sozusagen eine Konstruktion ist, kann Landschaft auch als Ausdruck gesellschaftlicher Naturverhältnisse gesehen werden (vgl. u.a. MÖLDERS 2010, WEINGARTEN 2005, KAUFMANN 2005) bzw. nach MÖLDERS (2010) als NaturKulturRäume. „In NaturKulturRäumen wird jene Komplexität sichtbar, die sich als gesellschaftliche Naturverhältnisse lesen lassen: die fortwährende Wechselbeziehung zwischen Natur und Gesellschaft, die Berücksichtigung materieller wie symbolischer Dimensionen innerhalb dieser Wechselbeziehungen sowie die Bezugnahme auf eine Zeitdimension“ […] (MÖLDERS 2010: 92-93). „Genau diesen implizierten Naturverhältnissen und Naturpolitiken gilt die Aufmerksamkeit einer kultursoziologischen Landschaftsbetrachtung“ (KAUFMANN 2005: 14).

Seitdem die Nationalsozialistische Belegung des Begriffs Heimat schwindet, spielt dieser in der Diskussion um Landschaft eine zunehmende Rolle. Nach KÜHNE (2010) wird mit Heimat häufig eine emotional gefärbte, starke Identifikation mit einem bestimmten Ort, bzw. einer bestimmten Region bezeichnet (siehe Abb. 2). Nach PIECHOCKI (2010: 162) spiegelt sich im Heimatbegriff seit dem 19. Jh. „die Sehnsucht nach Bewahrung der vertrauten und gewachsenen Kulturlandschaft.“ Im Zuge einer ökologisch nachhaltigen und nach Beteiligung strebenden Landschaftsplanung und Entwicklung (siehe Kap. 6.2, 6.3) kann dem Heimatbegriff die Funktion zukommen, vermehrte Beteiligung durch das Interesse an der vertrauten und heimischen Landschaft zu erzeugen, wenn denn das konservative Image und die Eigenschaft der Exklusion abgebaut werden. Auch stellt der Heimatbegriff einen Stabilitäts- und Identifikationsanker in einer globalisierten Welt dar, der gerade in Bezug auf regionale gemeinschaftliche Planung (siehe Kap. 6.3) eine Anziehungskraft auf Beteiligung ausüben kann (KÜHNE 2013).

[…]

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Landschaft als Soziales Konstrukt. Konzept eines Wahlpflichtmoduls "Landschaftssoziologie" an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)
Hochschule
Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH)  (Landschaftsnutzung und Naturschutz)
Note
1,1
Autor
Jahr
2014
Seiten
107
Katalognummer
V352713
ISBN (eBook)
9783668393264
ISBN (Buch)
9783668393271
Dateigröße
3965 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ehrung zur besten Abschlussarbeit des Fachbereichs (Fachbereichspreis) im Jahr 2014.
Schlagworte
landschaft, soziales, konstrukt, konzept, wahlpflichtmoduls, landschaftssoziologie, hochschule, nachhaltige, entwicklung, eberswalde, hnee
Arbeit zitieren
Henrik Hollensteiner (Autor), 2014, Landschaft als Soziales Konstrukt. Konzept eines Wahlpflichtmoduls "Landschaftssoziologie" an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352713

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