Die Etablierung des Ganztags in Deutschland. Ein internationaler Vergleich


Essay, 2016

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Etablierung des Ganztags in Deutschland

Ganztag im internationalen Vergleich

Ganztag in Frankreich

Ganztag in Japan

Fazit

Literatur

Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heutzutage in Deutschland aufwachsen, haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert.

Die Erwerbsquoten in den Familien und die Zahlen der Alleinerziehenden steigen immer mehr, ebenso die formalen Qualifikationsanforderungen. Auch die Bildungsanforderungen haben sich inhaltlich verändert. Die Entwicklung von Kompetenzen steht immer mehr im Vordergrund.

Schule als Institution muss sich immer mehr fragen, wie sie ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag überdenken kann und welche Konzepte ihr dabei helfen, den veränderten Bedingungen nachzukommen.

Verschiedene Konzepte von Ganztagsschule sollen daher helfen, die Defizite, welche im Bildungssystem vorherrschen, zu überwinden.[1]

Wie hat sich der Ganztag also bereits in Deutschland umgesetzt und gibt es Vergleiche zu anderen Ländern?

Etablierung des Ganztags in Deutschland

Deutschland, das ist bereits anfangs zu sagen, „ist in Sachen Ganztagsschulentwicklung im europäischen Vergleich ein Nachzügler“[2].

Lange Zeit war der Ganztag in Deutschland ein Thema, über welches kaum diskutiert wurde und welches rigoros abgelehnt wurde.

„’Wir brauchen die vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Elternhaus und Schulen; den gefährlichen Tendenzen zur Ganztagsschule, die den elterlichen Einfluss entscheidend schmälern, werden wir nicht folgen’“[3]. Diese Aussage des CDU-Ministerpräsidenten Späths 1980 lässt erkennen, welche konservativen Vorstellungen man damals vom Ganztagsschulsystem hatte.

Die Annahme, dass diese Organisationsform von Schule familienfeindlich sei, konnte zu dieser Zeit, durch fehlende empirische Befunde, nicht widerlegt werden.

Trotzdem gab es schon lange vor dieser Aussage Späths Konzepte von Ganztagsschulen.

Bereits im 19. Jahrhundert existierten sogenannte Vor- und Nachmittagsschulen, welche sich an den Rhythmus der Arbeiterwelt anpassten, und welche erst durch die Trennung in das höhere und niedere Schulwesen wieder abgesetzt wurden. Zwar wurden Bestrebungen des Ganztags durch den Ersten Weltkrieg wieder verworfen, doch die Reformpädagogik kämpfte zu Beginn der Weimarer Zeit immer wieder damit, den Ganztag zu gestalten. Landerziehungsheime und Gedanken an Ganztagsschulen fassten Fuß, welche unter nationalsozialistischer Herrschaft zwar verworfen, aber nicht vergessen wurden.

So kann man davon sprechen, dass ab den 50er-Jahren „die Ganztagsschulidee in den Aufbaujahren Deutschlands wieder Fuß zu fassen begann“[4].

Eine Neuorientierung des Schulsystems wurde immer mehr gefordert; vor allem Mitte der 1980er-Jahre erfolgte eine „Neubelebung der Bemühungen um ganztägige Schulkonzeptionen“[5]. Doch erst zwanzig Jahre später wird den Bemühungen Ansehen geschenkt.

Als großer Faktor für die späte und vor allem rasante Annahme des Konzepts vom Ganztag gilt die PISA-Studie von 2000 mit ihren schlechten Ergebnissen und dem damit zusammenhängendem PISA-Schock.[6]

2003 wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ entwickelt, welches mit vier Milliarden Euro die Entwicklung des Ganztags fördern sollte.

2002 gab es bundesweit erst ca. 5000 Ganztagsschulen, 2010 waren es nach der Investition bis zu 14500. Dies zeigt, dass mehr als die Hälfte aller Schulen im Primar- und Sekundar-1-Bereich Ganztagsplätze anbieten.

Durch die Entwicklung des Schulsystems hat sich auch der, vorher mit starken Vorbehalten belastete, Blickwinkel geändert. Politisch sind Ganztagsschulen heutzutage unumstritten und auch der Großteil der Eltern (70%) befürwortet das Konzept.[7]

Wichtig zu erwähnen ist es, dass es „die“ Ganztagsschule nicht gibt, da durch den Föderalismus unterschiedliche Schulkonzepte vorliegen in Deutschland.[8]

Nach der Kultusministerkonferenz müssen Ganztagsschulen in Deutschland drei Aspekte erfüllen, um den Titel der Ganztagsschule zu erhalten.

Darunter gehört zum einen, dass die Schulen an mindestens drei Tagen in der Woche über den Vormittag hinaus ein Angebot bereitstellen müssen, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst.

Ferner muss der Schulalltag durch eine Mittagspause gegliedert sein, in welcher den Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen angeboten wird.

Zuletzt ist die Schule erst eine Ganztagsschule wenn sie ein Konzept vorliegen hat, welches die Schulleitung zu organisieren und zu verantworten hat.[9]

In Deutschland existieren drei Formen des Ganztags. Diese lassen sich unterscheiden in offene Ganztagsschulen, voll gebundene Ganztagsschulen und teilweise gebundene Ganztagsschulen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, dass der offene Ganztag ein freiwilliges Nachmittagsprogramm anbietet, welches nicht von der ganzen Schülerschaft angenommen werden muss. Die anderen beiden Formen unterscheiden sich nur darin, dass entweder die ganze Schülerschaft am Ganztagsangebot teilnimmt, oder nur eine bestimmte Schulklasse oder Jahrgangsstufe.[10]

Ganztag im internationalen Vergleich

Im Folgenden wird der Ganztag deutscher Schulen in einen internationalen Vergleich gesetzt. Die Länder Frankeich, als europäisches, und Japan, als asiatisches, dienen als Vergleichsmaßstab.

Ganztag in Frankreich

Der Ganztag in Frankreich hat die wohl längste Tradition und wird eher durch sozialpolitische als pädagogische Überlegungen geleitet. Ebenso hat er einen deutlich höheren Stellenwert im gesellschaftlichen Leben als dies in Deutschland der Fall ist.

In Frankreich gibt es keine Begrifflichkeit für die Ganztagsschule, da diese das alleinige Modell darstellt.

Bereits 1882 wurde die obligatorische Grundschule als Ganztagsschule eingeführt. In der Literatur finden sich kaum weitere Hinweise auf die Entstehung des Ganztags in Frankreich, da dieser scheinbar als selbstverständlich gilt. Wichtig zu erwähnen ist, dass sich der Ganztag an das Arbeitsleben der Erwachsenen angepasst hat. So sind die langen Ferien in Frankreich mit der zeitgleichen Erntezeit der bäuerlichen Bevölkerung in früheren Jahren zu erklären. Die Schulzeiten wurden an den Arbeitsrhythmus angepasst.

Das prägende Merkmal des Ganztags ist die radikale Emanzipation der laizistischen Schule. Die katholische Kirche wird aus dem Schulsystem ausgeschlossen, der Unterricht wird somit Angelegenheit des Staates. Dies stellt keineswegs eine Diskriminierung der Kirche dar, sondern vielmehr Neutralität und Laizität gegenüber der Religionen[11]. Um die Möglichkeit beizubehalten kirchlichen Unterricht zu erlangen, gibt es in Frankreich einen freien Tag, an dem die Eltern ihre Kinder außerhalb der Schule zum religiösen Unterricht schicken können.[12]

[...]


[1] Vgl. Holtappels, Heinz Günter (2005): Empirische Erkenntnisse über ganztägige Schulformen in Deutschland. In: Otto, Hans-Uwe; Coelen, Thomas (Hrsg.): Ganztägige Bildungssysteme Innovation durch Vergleich. Waxmann, Münster, S.123.

[2] Knoke, Andreas; Wichman, Maren (2013): Bildungserfolge an Ganztagsschulen. Was brauchen Jugendliche? Debus Pädagogik, Schwalbach, S. 8.

[3] Tillmann, Klaus-Jürgen; Kuhn, Hans-Jürgen (2015): Ganztagsschulentwicklung, Bildungspolitik und Erziehungswissenschaft. Zur Rolle der Ministerien in der Forschungslandschaft. In: Hascher, Tina; Idel, Till-Sebastian; Reh, Sabine; Thole, Werner; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Bildung über den ganzen Tag. Forschungs- und Theorieperspektiven der Erziehungswissenschaft. Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto, S. 55.

[4] Appel, Stefan (2005): Handbuch Ganztagsschule. Konzeption, Einrichtung und Organisation. Wochenschau Verlag, Schwalbach, S. 18.

[5] Ebd., S. 19.

[6] Vgl. Tillmann, Klaus-Jürgen; Kuhn, Hans-Jürgen (2015), S. 55 f.

[7] Vgl.Knoke, Andreas; Wichman, Maren (2013), S.8.

[8] Vgl. Dollinger, Silvia (2012): Gute (Ganztags-) Schule? Die Frage nach Gelingensfaktoren für die Implementierung von Ganztagsschule. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn, S. 17.

[9] Vgl. Quellenberg, Holger (2007): Ganztagsschule im Spiegel der Statistik. In: Holtappels, Heinz-Günter; Klieme, Eckhard; Rauschenbach, Thomas; Stecher, Ludwig (Hrsg.): Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebnung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG). Juventa, Weinheim & München, S. 15.

[10] Vgl. http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/Statistik/GTS_2013_Bericht.pdf

[11] Vgl. Allemann-Ghionda, Christina (2005): Die Ganztagsschule in Frankreich. In: Ladenthin, Volker; Rekus, Jürgen (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie. Juventa, Weinheim & München, S. 69 ff.

[12] Vgl. Hörner, Wolfgang (2005): Ganztagsschule in Frankreich. In: Otto, Hans-Uwe; Coelen, Thomas (Hrsg.): Ganztägige Bildungssysteme Innovation durch Vergleich. Waxmann, Münster, S. 64.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Etablierung des Ganztags in Deutschland. Ein internationaler Vergleich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V353009
ISBN (eBook)
9783668391444
ISBN (Buch)
9783668391451
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
etablierung, ganztags, deutschland, vergleich
Arbeit zitieren
Vanessa Wetzel (Autor:in), 2016, Die Etablierung des Ganztags in Deutschland. Ein internationaler Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353009

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Etablierung des Ganztags in Deutschland. Ein internationaler Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden