Psychodramatische Arrangements in der Paarberatung

Ein Handout


Vorlage, Beispiel, 2017

31 Seiten


Leseprobe

Psychodramatische Arrangements in der Paarberatung Ein kurzes Handout Andreas Schulz, Psychologischer Psychotherapeut, Psychodrama-Therapeut

Vorwort:

Das Handout entstand zur Vorbereitung eines Workshops und will Anregungen geben, psychodramatisch mit Paaren zu arbeiten. Es ist gedacht für Paarberater und Paarberaterinnen, die mit dem Psychodrama vertraut sind, wendet sich aber auch an Paarberater und Paarberaterinnen, die z.B. über eine systemische Ausbildung verfügen und einmal ins Psychodrama hineinschnuppern wollen. Das Handout möchte Berater und Beraterinnen, die eher mit einzelnen Klienten arbeiten, ermutigen, die jeweiligen Partner mit einzuladen gemeinsam mit ihnen an ihrer Beziehung zu arbeiten oder auch mit Paargruppen zu arbeiten. Das Handout versteht sich nicht als eine aktuelle wissenschaftliche Übersicht über alle psychodramatischen Arrangements in der Paarberatung. Wenn Sie ihr eigenes Handout schreiben, fließt vielleicht die eine oder andere Idee mit hinein. Experimentieren Sie ruhig.

Hinweis: Ich verwende mal männliche Pluralformen („Partner“), mal weibliche („Partnerin“), mal genderneutrale („PartnerInnen“).

Was ist Psychodrama? Begriffe und Methoden

Das Verfahren Psychodrama in all seinen Anwendungsfeldern ist die handelnde oder szenische Darstellung des inneren Erlebens einer oder mehrerer Personen sowie deren äußerer Situationen (Stadler & Kern 2010, S 13). Unter Verwendung des Spiels verhilft Psychodrama Menschen sich mit ihrer Lebens-gestaltung konstruktiv auseinander zu setzen. Im Spiel existiert die Möglichkeit, von einer als einengend oder psychisch als bedrohlich erlebten Realität Abstand zu gewinnen und neue Lebensgestaltungen, die oft schon als Phantasie einem Verbot unterliegen, als neue Realität jenseits der bisherigen Erfahrungen ("Surplus - Realität") einzuüben. Moreno sieht die heilsame Wirkung des Spiels darin, dass die beteiligten Menschen in der gemeinsamen Spielhandlung einen verstärkten Zugang zu ihrer Spontaneität und Kreativität finden.

Das Psychodrama dient dabei der Exploration der Beziehungsmuster und Beziehungsgestaltungen und unterstützt deren kognitive und sprachliche Reflexion (z.B. beim Rollenfeedback). In der direkten emotionalen Begegnung im Rollenspiel erleben die Protagonisten die Macht von unbewussten Lebensmustern. Oft ist erst nach dem Anschauen, Wahrnehmen, Erkennen und Anerkennen der Bedeutung der einengenden Kollusionen, Delegationen irrationalen Überzeugungen und nach einer inneren Verabschiedung eine wirkliche Änderung und Hinwendung zum Du möglich.

Leutz (1974) spricht von der unmittelbar im Erlebnis gründenden Du - Erfahrung, ermöglicht durch den Rollentausch. Zentral ist dabei die Vorstellung, dass die Menschen bei ihrer Lebensgestaltung in soziale Beziehungsstrukturen eingebettet sind. Damit rücken die gelebte Beziehung und die gegenseitige Beeinflussung im Kontakt mit anderen Menschen in den Mittelpunkt. Identität wird dementsprechend nicht als Kernpunkt eines Selbst, sondern über die Qualität der Beziehungsgestaltung (Rollenvielfalt, Rollengestaltung, Clustereffekt) definiert. Nach Moreno ist Rolle "eine zwischenmenschliche Erfahrung und bedarf zu ihrer Aktualisierung meistens zweier oder mehrerer Menschen".

Der Rollentausch als eine der wichtigen Methoden des Psychodramas verleiht die Möglichkeit, sich in die Erlebniswelten (Realitäten) anderer Menschen hineinzuversetzen, diese als "andere" Realitäten zu verstehen und zu akzeptieren und damit das eigene Erleben und Handeln und die inneren Bilder, die von den Partnern und der Beziehung konstruiert wurden, zu relativieren und zu ändern. Der Rollentausch vermittelt Einblick in die Situation des jeweils anderen Partners und fördert das Problemlöseverhalten.

Psychodramatische Therapie bietet als Lösung an, Situationen zu schaffen, in denen die Klienten in die Lage versetzt werden, neue Rollen für sich zu gestalten, alte Rollenmuster zu erweitern und zu variieren. Moreno spricht von starren, festgefahrenen Rollenkonserven und vom Gestalten und Schaffen neuer Rollen (Role-creating).

Anwendung in der Paarberatung: Das Paar, das in eingefahrenen Rollen verfangen ist, wird gebeten, das Problem im Rollentausch vorzutragen. Der Rollentausch zeigt, inwieweit die Partner in der Lage sind, sich in das emotionale Erleben des Anderen (des Partners/der Partnerin) hineinzuversetzen. Ein gelungener Rollentausch ist aus meiner Erfahrung ein gutes Kriterium, ob die Partner die Fähigkeit bewahrt haben sich ineinander einzufühlen und sich selber mit den Augen des Anderen (des Partners/der Partnerin) wahrnehmen zu können. Beim Rollentausch wird immer eine typische spezifische Rolle eingenommen, die eine Bedeutung für die Beziehung hat. („Ich zeige Dir mal, wie Du mich mit Worten fertig machst, so dass ich nur noch wütend die Faust in der Tasche ballen kann“).

Rollenwechsel: Menschen treten in verschiedenen Rollen auf, als Männer und Frauen, Väter und Mütter, rebellische Jugendliche, besonnene Denker(innen), Freunde und Freundinnen in einer Gruppe, Kollegen und Kolleginnen, erbitterte Konkurrenten, kleiner Junge, schüchternes Mädchen, frech Göre (guter Indikator für Selbstwert), Liebhaber und Geliebte, schüchterner oder forscher Werber, sehnsuchtsvolle Verliebte, der Gleichgültige, die Enttäuschte, der rationale Erklärer, die emotionale Zuhörerin (häufig auch umgekehrt). Das Hinübergleiten von einer Rolle einer Person in eine andere Rolle einer Person wird Rollenwechsel genannt. Die einzelnen Rollen sind mit verschiedenen Handlungsmuster und Erlebensweisen verbunden. Ein Rollenwechsel kann Lösungen in der Beziehung ermöglichen oder auch verhindern (Der erfolglose rationale Erklärer übersieht die emotionalen Bedürfnisse seines Gegenübers).

Anwendung in der Paarberatung: In welcher jeweiligen Rolle begegne ich meinem Partner? Welche Rolle biete ich als Partner(in) an in der Hoffnung, dass der Partner/ die Partnerin die Komplementärrolle übernimmt? Was passiert, wenn es keine Verständigung gibt darüber in welchen Rollen die Partner einander gegenübertreten?

Rollenspiel: Im Rollenspiel können die Protagonisten (Hauptpersonen im Psychodrama) neues Handeln einüben oder als ihnen bereits zur Verfügung stehende Handlungsweisen ausprobieren. Das Rollenspiel hat einen experimentellen Charakter. Im Rollenspiel werden Lebensmöglichkeiten auf die Bühne gebracht, die im Alltag sonst nicht möglich wären oder verloren gegangen sind. Ein kürzeres prägnantes Rollenspiel wird auch Vignette genannt.

Anwendung in der Paarberatung: Ein zerstrittenes Paar könnte gebeten werden, ein anderes Paar, das sich eigentlich ganz gut versteht, nachzuspielen. Eventuell wird sich das Paar in gegenseitigem Einverständnis dagegen wehren („Warum? So sind wir nicht“). Wenn sie dann das fremde Paar spielen, könnten sie sich eventuell daran erinnern, dass es Zeiten gab, währen derer sie sich einmal gut verstanden. Das gemeinsame Rollenspiel kann frühere oder verschüttete Ressourcen wieder ins Bewusstsein rücken und verfügbar machen. Ein chronisch streitendes Paar könnte zum Beispiel gefragt werden, wie sie nach einer erfolgreichen Paarberatung miteinander umgehen werden. Interessanterweise können Paare aus dem Steiggreif sehr schöne Umgangsformen produzieren, allerdings mit der Versicherung, dass ihnen dieses Verhalten als Paar im Moment nicht zur Verfügung stünde. Das Ganze hat eine sehr humorvolle Seite und ist von Grund auf paradox.

Kommentar: Es ist überlegenswert, die vom Paar vorgetragenen „störenden“ Verhaltensweisen nicht als Störung anzusehen, sondern als eine Spielart der Beziehung und mit dem jeweiligen Paar die Streitgeschichte und deren Sinn zu erfassen und zu würdigen. Paare können im Streit aufleben oder auch erstarren. Paare können den Streit zu ihrem Lebensinhalt werden lassen. Im Streit können Kräfte entstehen, die helfen, das Paar gegen eine als feindlich erlebte Umwelt abzugrenzen und ein gemeinsames Wir-Gefühl zu entwickeln. Streit kann als sinnlos erlebt werden, aber auch als Einstieg in Intimität. Der Streit kann Ausdruck einer paarspezifischen Qualität sein. Streit kann mit Stolz und Anerkennung verbunden sein: „Mit niemandem kann ich so schön streiten wie mit meinem Mann! Er läuft nicht weg und hält mich aus.“

„Überall wird motiviert, analysisert und therapiert, bis die verdammte Maschine läuft, sonst drohen Bankrott und Ausmusterung“ (von Schirach 2016, S. 164). In der Paarberatung und im Leben miteinander geht es darum, lebendig zu sein und seine eigene Qualität zu entwickeln und zu behalten . „Lebendig zu bleiben hießt, empfindsam zu bleiben für fremdes Leben, für fremdes Leiden und für fremde Freude“ (ibid. S. 72). „Es ist eine intellektuelle Entscheidung, das menschliche Potential an Mitgefühl und Empathie für wesentlicher zu halten als die Fähigkeit, blitzschnelle Kosten-Nutzen-Analysen aufzustellen ... Es ist eine geistige Operation, den Sinn des Lebens in Austausch, Verbundenheit und Großzügigkeit zu sehen und nicht in Kontrollierbarkeit, Sicherheit und Effizienz“ (ibid. S. 169)

Rollenfeedback: wie habe ich mich und die anderen Mitspieler aus der Rolle, die ich gerade übernommen habe, erlebt.

Anwendung in der Paarberatung: „In der Rolle als Dein Schwiegervater habe ich viel Sympathie erlebt für Dich und ich habe mich für meine Tochter gefreut, die sich einen so guten Mann gesucht hat. Außerdem hast Du mich daran erinnert, wie ich früher einmal war.“

Soziales Atom: im sozialen Atom sind alle für den jeweiligen Partner wichtigen Bezugspersonen aufgeführt. Familienangehörige, Freunde, Kollegen, Feinde. Zu jedem dieser Menschen gehören spezifische Beziehungsformen (Nähe – Distanz, Oben – Unten, Macht – Ohnmacht). Der Mensch ist nicht im engen Wort Individuum; Individualität entsteht vielmehr aus Interaktionszusammenhängen. Der Mensch hat kein soziales Atom, sondern er ist eins (Schacht & Hutter 2016, S. 200).

Anwendung in der Paarberatung: Ich erkläre meinem Partner / meiner Partnerin, wer in meinem Leben wichtig ist. Wie lebe ich die Beziehungen zu diesen anderen Menschen. Was lösen sie in mir aus? Welche Beziehungen gehören zu mir wie ich bin und welche Beziehungen lebe ich nur aus Rücksicht? Welche Art von Beziehung wird von dem Partner / der Partnerin gefördert oder toleriert, welche Beziehungen werden unterbunden? Welche Beziehungen im sozialen Atom werden von beiden Partnern festgezurrt und unveränderbar gehalten?

Das soziale Atom lässt sich zu verschiedenen Zeiten der Paartherapie auch unter diagnostischen Aspekten wiederholen und den aktuellen Stand der Beziehungen reflektieren oder auf Veränderungen hinweisen (Weigl 2016).

Kulturelles Atom: Netz von Rollen einer Person. In welchen Rollen trete ich der Welt entgegen? Welche Rollen sind aufgegeben worden? Welche schlummern? Die Rollen des Dichters. Die Rolle des Abenteurers. Die Rolle des Wissbegierigen. Die Rolle der Geliebten. Die Rolle der eigenständigen Frau. Die Rolle des rücksichtsvollen Sohnes. Die Rolle der gehorsamen Tochter usw.

Rollen können erstarren und so eine persönliche Entwicklung verhindern. Neu gelebte Rollen können das persönliche Leben und die Partnerschaft bereichern.

Anwendung in der Paarberatung: Wie verändern sich die Rollen im Verlauf einer Partnerschaft? Welche Rollen gehören zu welchem Lebensabschnitt der Paarbeziehung. Trauer um verstorbene Rollen. Rollen, die nur heimlich gelebt werden dürfen (z.B. Erotik mit Dritten, um die eigene Liebesfähigkeit und das Erleben von Liebe leben zu können). Alte Rollen neu beleben und ihnen Inseln im Alltag zu verschaffen, in denen sie gelebt werden dürfen. Pflege der Rollen der liebenden Partner, in denen die Rollen der verantwortungsvollen Eltern in den Hintergrund treten dürfen.

Spontaneität und Kreativität. Ein System ist dann spontan, wenn es auf eine neue Situation angemessen und auf eine bekannte Situation neu reagieren kann. Spontaneität wird auch als „Erzkatalysator“ bezeichnet. Kreativität ist die Fähigkeit eine Ordnung in die Spontaneität zu bringen.

Anwendung in der Paarberatung: Für die Paarberatung bedeutet dies, dass das die PartnerInnen aus den eingefahrenen Verhaltensmuster ausbrechen dürfen und das Leben wieder in seiner ursprünglichen Form erleben dürfen. Kreativ sein bedeutet, das Leben selber gestalten zu dürfen (Authentizität), die eigenen Fähigkeiten zum Leben zu erwecken. Lachen zu dürfen. Emotionen wieder erleben zu dürfen. Sich selber als schöpferischen Menschen zu erleben. Sich aneinander zu erfreuen. Rollen verändern zu dürfen, Rollenerstarrungen und emotionale Erstarrungen über Bord zu werfen. Die Kraft des Lebens wieder spüren dürfen. Sich dem Anderen (dem liebenden Partner und dem geliebten Partner/ der liebenden und geliebten Partnerin) zeigen. Einander wieder anschauen. Des Lebens Atem neu beleben und sich durch das LEBEN neu beleben lassen.

Begegnung: Zentrales Element des Psychodramas. Menschen sind bezogen auf das DU. Begegnung ist eine umfassende Form den anderen Menschen in seiner gesamten Art des Menschseins wahrzunehmen, zu erkennen und anzuerkennen. Feingefühl erleichtert die Begegnung. Ein spontanes Verstehen des Gegenübers.

Anwendung in der Paarberatung: Kann einfach so passieren. Stille Momente. Berührte und berührende Menschen, die einander liebevoll ansehen. Es ist wie es ist spricht die Liebe. So bist Du und darfst sein. So anders als ich erlebe ich Dich als berauschende Möglichkeit zu leben. Ich schaue Dich an. Da bist Du ja so wie Du bist. Ich schaue Dir nach, wenn Du zur Arbeit gehst – Du schaust zurück und lächelst.

Zauberladen: Fähigkeiten, Ressourcen, vermeintliche Schwächen, typische Verhaltensweisen werden auf dem Markt angeboten und getauscht. Wann kann der Zauberladen angewandt werden? In Paargruppen auch am Anfang der Gruppe. Bei einzelnen Paaren kann es zu einer Verschärfung der Krise kommen, wenn zu Beginn der Paarberatung der Zauberladen leer ist. Das ist den meisten Paaren aber auch bekannt und der Zauberladen macht dann nur noch deutlich, was alle schon wissen. Der Zauberladen wird nie ganz leer sein. Es kann aber sein, dass in ihm Giftflaschen und Fallstricke angeboten werden, Pfeile und kleine Messer als Ausdruck für die Streitverstrickungen der Paare. Dann gilt es, den Laden auszumisten und zu renovieren.

Anwendung in der Paarberatung: Die „Tauschware“ kann sich auf den Partner oder die Partnerin beziehen, aber auch auf die Partnerschaft selber. Sich zeigen dürfen. Sich selber anerkennen als Mensch, Wahrnehmung und Anerkennung durch meinen Partner / meine Partnerin. Was habe ich an mir übersehen, was meine Partnerin an mir sieht? Jeder tauscht aber nur für sich selber. Es gibt einen Zauberladen der Männer und einen Zauberladen der Frauen. Um in Kontakt zu kommen, müssen sie etwas von sich selber zum Tausch anbieten.

Es gibt einen Zauberladen innerhalb einer Partnerschaft: was ich kann und wonach Du Dich sehnst. Ich gebe Dir etwas Selbstständigkeit von mir und lehre Du mich Hingabe. Ich will eine ungeliebte Verhaltensweise (oder was auch immer) loswerden, meine Partnerin möchte, dass ich es behalte.

Symbole: Symbole weisen auf etwas Wesentliches hin. Aber sie verhüllen auch. Symbole lassen offen, was genau gemeint ist, und trotzdem lässt sich darüber sprechen. Sie haben eine Bedeutung. Die Wahl des Symbols kann auf neue Aspekte hinweisen. „Unsere Beziehung hat Ecken und Kanten wie dieser Würfel, aber auch ganz weiche Seiten. Deshalb habe ich den Würfel mit einem Samttuch überzogen.“

Anwendung in der Paarberatung: die Partner können Symbole für sich selber oder ihre Partner wählen. Ein anderes Symbol für die Partnerschaft oder wichtige Themen. Symbole bleiben vor Augen. Sie bleiben eher haften als das flüchtige Wort. Das Symbol für die streitdurchtränkte Partnerschaft zu Beginn der Paarberatung wird ein anderes sein als das Symbol für die neu erarbeitete Beziehung in der Paarberatung. Gegenseitiges beäugen: welches Symbol nimmst Du? Bin ich damit einverstanden? Kann ich mein Symbol für meine eigene Sichtweise und mein Erleben von Partnerschaft und Dir und mir einfach neben Deinen Symbolen stehen lassen (Gelten und gelten lassen)?

Skulptur: Zusammenspiel einer typischen Struktur von Beziehungen, Rollen, Botschaften.

Anwendung in der Paarberatung: Ein bewährtes Arrangement in Paargruppen ist das Erstellen von Paarskulpturen. Die Skulptur zeigt in der Regel eine Abstraktion oder die Essenz einer Paarbeziehung. Die Partner können gleiche oder auch verschiedene Skulpturen über ihre Beziehung erstellen. Im Gespräch während des Aufbaus der Skulpturen zeigen sich Hinweise darauf, ob die Partner einander gelten lassen können. Skulpturen zeigen besser als jede rein sprachliche Schilderung wie Beziehungen wahrgenommen und gelebt werden. Skulpturen können statisch sein wie eine Statue. Sie können aber auch zur Bewegung hin drängen und in einem Tanz der Partner umeinander oder voneinander weg münden und wesentliche Paarthemen offenbaren. Sie können aber auch Hinweise darauf geben, welche wichtigen Entwicklungsschritte jeder noch gehen muss. Beispiel: zwei junge Menschen eilen aufeinander zu. Vertreter ihrer Herkunftsfamilien halten sie fest oder rufen ihnen noch die üblichen Regeln nach, die in der Herkunftsfamilie galten.

Zwiegespräche: Ein Paar braucht Intimitätsschutz. Das gilt insbesondere für Paare, bei denen Grenzen verletzt wurden.

Anwendung in der Paarberatung: Im Zwiegespräch werden die neuen Erfahrungen, die in Rollenspielen / psychodramatischen Arrangements gewonnen wurden, ausgetauscht. Hier haben die Paare die Möglichkeit, klarer und deutlicher zu werden, was vor den Beratern oder in der Gruppe nicht so möglich war. Die Berater schicken die Paare in die Zwiegespräche („Was nur wir miteinander bereden können“) und bieten so einen Rahmen Intimität im Zwiegespräch herstellen zu können und erlebbar zu machen („Wie wir einander erleben“).

Doppeln: Aussprechen, was mitschwingt und ungesagt bleibt (Schulz 2013a).

Anwendung in der Paarberatung: Beim Doppeln stellt sich einer der Berater hinter einen der Partner und sagt zum Beispiel: „Eigentlich habe ich immer befürchtet, dass Du mich ablehnst, wenn ich Dir meinen Wunsch offenbare.“ Kurzer Blick der Beraterin zur Frau mit der Frage: „Stimmt das so für Sie wie ich es gerade ausgesprochen habe?“ Es gibt ein einfühlendes Doppeln, ein provozierendes Doppeln, ein ermutigendes Doppeln. Ziel des Doppelns ist einen Prozess zu fördern, in Sprache zu verwandeln und damit sprachlich kommunizierbar zu machen. Die Botschaft lautet: „Es ist in Ordnung hier darüber zu reden.“ Das gilt auch für den Bereich Erotik, Sexualität, bei dem Paare ihre Sprache verloren haben. „Es war so schön, nach langer Zeit wieder mit Dir zu schlafen.“ Aber auch: „Ich war so wütend auf Dich. Du hast mich damit so verletzt, als Du Deiner Mutter von unserem gemeinsamen Abend (symbolischer Ausdruck für irgendetwas, was innerhalb der Grenzen der Partnerschaft blieben sollte) erzähltest.“ Das Doppeln eignet sich auch zum Verdeutlichen von Ambivalenzen (Doppeln von links und von rechts).

Spiegeln: Eine Szene wird nach dem ersten Durchspielen von anderen Mitspielern wiederholt. Die Protagonisten treten von der Bühne und schauen sich „ihr Spiel“ von außen an.

Anwendung in der Paarberatung: Ein streitendes Paar zeigt zwei Gruppenteilnehmerinnen wie sie als Paar streiten. Als Paar geben Regieanweisungen für die Rollenübernahme. Dabei gibt es Szenen, die an Heiterkeit grenzen, wenn die Partner, die bis vor kurzem noch hochemotional stritten einander anschauen und miteinander darüber reden, wie sie gestritten haben. „Was habe ich gerade noch einmal getan, um Dich so wütend zu machen? Weißt Du noch was ich gesagt habe und wie ich geguckt habe? Kannst Du mir das nochmal vormachen, damit ich das meiner Stellvertreterin hier klar machen kann?“ In der Rolle der Streitenden können sie die Verantwortung füreinander vergessen. In der Rolle als Regisseure ist Kooperation angesagt. Es kann sinnvoll sein dem Zuschauen des eigenen Streits durch andere ein Zwiegespräch folgen zu lassen, wenn die Paare durch den Anblick ihrer selbst zu sehr erschrocken sind.

Sharing: Im Rollenspiel haben die Protagonisten viel von sich gezeigt. Grenzen wurden überschritten und Schutz ist angesagt. Ein typischer Gedanke ist: „Nur ich bin so, niemand anders sonst. Niemand außer mir hat je so eine Erfahrung gemacht.“ Das Sharing ist der Shabbat des Psychodramas, sagt Moreno. Hier offenbaren alle Anwesenden, ob sie die Lebenserfahrung, die in dem eben gezeigten Spiel sichtbar wurden, kennen. Dieses Offenlegen holt die Protagonisten wieder in die Gruppe zurück. In der Paarberatung bringt es die PartnerInnen einander näher. „Du bist mir nicht fremd“.

Anwendung in der Paarberatung: In den Paargruppen führt ein Sharing dazu, dass alle anwesenden Paare merken, dass sie nicht seltsam und alleine sind. Es gibt auch ein Sharing innerhalb der Paarbeziehung. „Das, was Du mir gesagt hast, kenne ich als Lebenserfahrung.“ Vielleicht ist es eine andere Variante, aber auch hier kann das Sharing das Paar zueinander hin führen. Es gibt wesentliche Dinge, über die wir reden können. Was wir in der Welt erleben und wie wir einander in der Welt erleben.

Übertreibungen: Die mittelmäßige Realität kann langweilig sein.

Anwendung in der Paarberatung: Übertreiben, überzeichnen, verbunden mit taktvoller Ermutigung und Respekt gegenüber den Menschen, Respektlosigkeit gegenüber ihrem oft seltsam anmutenden Handeln kann dazu verhelfen, den Paaren auf eine humorvolle Art zu zeigen, dass sie aus festgefahrenen Rollen heraustreten können. „Können Sie etwas deutlicher darstellen, wie wütend sie waren beim Anblick der zersprungenen Vase, die sie eigentlich gar nicht mochten, wenn ich Sie richtig verstanden habe? Aber das durften Sie in Ihrer Beziehung doch gar nicht zeigen, oder?“ Nicht selten gibt es dann eine unverhoffte kraftvolle Wendung. Die jahrelang behütete Vase (wahrscheinlich ein Symbol für eine ambivalente Beziehung innerhalb der Großfamilie) wird noch einmal gegen die Wand geschleudert und der eben noch als schusselig beschimpfte Partner wird plötzlich zum Verbündeten und Tabubrecher: endlich ist die Vase weg und die unendliche Rücksichtnahme. Übertreiben bedeutet: es ist erlaubt einen Schritt weiter zu gehen und die selbstauferlegten Grenzen und einengenden Konventionen zu verlassen und die wirklichen Motive und Strebungen zu zeigen.

Bevor das Paar kommt oder nach dem ersten Kontakt

Vor Beginn der Paarberatung können die PaarberarterInnen Phantasien, spontane Gefühle und Gedanken, Bilder, Ideen zum Paar, Ideen zu ihrem Alltagsleben, Ideen zu ihren familialen und freundschaftlichen Beziehungen haben. Hierhin gehören auch spontane Impulse für einen Rollentausch mit dem einen oder anderen Klienten. Werden diese Regungen aufgegriffen, können sie wertvolle Hinweise auf unbewusste Themen des Paares geben oder auf die zu erwartenden Arbeitsbeziehung zwischen dem Klientenpaar und dem Beraterpaar oder dem einzelnen Paarberater geben. Dies muss nicht zwingend der Fall sein, allerdings ist es schade, diese Regungen einer Zensur zu unterwerfen und sie nicht weiter zu beachten. Es kann hilfreich sein, sich immer wieder zu erlauben, Phantasien zu dem Paar zu entwickeln. Solange die PaarberaterInnen Phantasien über ihr Klientenpaar erzeugen können, besteht Hoffnung.

Vorstellung auf der imaginären Theaterbühne

Während des ersten Kontaktes mit den Paaren entstehen Phantasien, die das Verständnis der oft unbewussten Paardynamiken erleichtern. Als Psychodramatiker verwende ich dabei auch szenische Phantasien zur Anwärmung für die psychodramatische Arbeit mit den Paaren. Ich nenne sie Vorstellung auf der imaginären Theaterbühne. Paar für Paar lade ich zu Beginn auf eine imaginäre Theaterbühne ein.

Herr B. läuft mit schnellem Schritt und stolpernd seiner Partnerin Frau S. auf die Bühne nach. Sie hat sich von ihm losgerissen, halb im Fallen versucht er sie festzuhalten. Einen Moment bleibt sie stehen, alleine, hocherhobenen Hauptes und lässt die Blicke der Männer auf sich ruhen. Als sie sich ihm wieder zuwendet, umklammert er sie in Zorn und Angst. In seiner linken Hand hält er ein intellektuelles Redeskript.

Frau Sch. betritt gebückt die Bühne. Sie trägt schwer unter einer Last, verborgen unter einem Tuch. Während der Schrecken über ihr Gesicht huscht, beginnt ihr Mann einen heroischen Kampf mit ihrer Geisterlast. Voller Mut und voller Hoffnung, ihre Last zu tragen und ihre Angst zu besänftigen, ficht er einen aussichtslosen Kampf mit dem für ihn Unsichtbaren. Er müht sich und er strauchelt. Seinen Blick hat er ganz von sich abgewandt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Psychodramatische Arrangements in der Paarberatung
Untertitel
Ein Handout
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V353785
ISBN (eBook)
9783668399570
ISBN (Buch)
9783668399587
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paarberatung, Psychodrama, Fortbildung, Supervision
Arbeit zitieren
Psychologischer Psychotherapeut Andreas Schulz (Autor), 2017, Psychodramatische Arrangements in der Paarberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353785

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