„Mit Ganztag mehr Zukunft.“ Diese Aussage ist Teil einer Überschrift von H. Wendt und W. Bos (2015) in ihrer Ausgabe zum Projekt „Ganz In“. Wird diese kurze Aussage näher betrachtet, so verspricht eine Ganztagsschule mit einem gewissen Interpretationsbedarf eine bessere Zukunft. Diese Schulform ist seit Beginn der Jahrtausendwende von einer rasanten Entwicklung betroffen. Immer mehr Halbtagsschulen in der Bundesrepublik Deutschland werden zu Ganztagsschulen ausgebaut. Doch stellt sich bei der getroffenen Aussage diesbezüglich auch die Frage, weshalb sich von einer Ganztagsschule eine bessere Zukunft versprochen wird? Es ist offensichtlich, dass Schülerinnen und Schüler mehr Zeit an dieser Schulform verbringen, doch bedeutet mehr Zeit auch eine bessere Bildung?
Laut dem Schulgesetz für Nordrhein-Westfalen findet am Gymnasium eine vertiefende Ausbildung statt, die die SuS zu Leistungsträgern der Gesellschaft entwickeln soll. Wird die Aussage vom Beginn der Einleitung hinzugezogen, müsste hypothetisch an einem Ganztagsgymnasium die Ausbildung von SuS am besten gewährleistet werden. Durch den erhöhten Zeitaufwand an einer Ganztagsschule steigt zudem der erzieherische Aspekt von Lehrpersonen, weshalb zusammenfassend im Fokus dieser Arbeit untersucht wird, ob ein Ganztagsgymnasium die zentralen Aufgaben „Erziehen“ und „Beraten“ besser als andere Schulformen umsetzen kann.
Das Projekt „Ganz In“ und die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) konnten in den letzten Jahren zahlreiche empirische Daten zur Entwicklung von Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen und der Bundesrepublik Deutschland erheben. Die Ergebnisse zeigen bedeutsame Vergleiche unter den einzelnen Ganztagsschulformen und sind wichtige Bausteine der Schulentwicklung, um gegebene Defizite in der Umsetzung des Ganztagsbetriebes aufzudecken und zu beheben. Vor allem aufgrund ihrer bisherigen Erhebungen sind sie daher signifikant für diese Arbeit und liefern wichtige Erkenntnisse zur Beantwortung zentraler Fragen.
Im weiteren Verlauf wird zunächst die Entwicklung und Umsetzung der Ganztagsschule in Deutschland und Nordrhein-Westfalen näher beleuchtet, bevor auf die zentralen Aufgaben von Schule eingegangen wird. Mit Hilfe empirischer Daten und des Schulqualitätsmodells für Ganztagsschulen wird zudem die Umsetzung bzw. Durchführung der beiden Aufgaben „Erziehen“ und „Beraten“ am Ganztagsgymnasium dargestellt, sodass der Soll- und Ist-Zustand deutlich hervorgehoben wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung zum Ganztagsgymnasium
2.1 Zielsetzungen von Ganztagsschulen
2.2 Möglichkeiten für eine bessere Ausbildung
2.3 Das Ganztagsgymnasium in Nordrhein-Westfalen und der Bundesrepublik
3. Zentrale Aufgaben von Schule
3.1 Erziehen
3.2 Beraten
4. Analyse vor dem Qualitätsmodell nach Holtappels
4.1 Das CIPO-Modell
4.2 Das Angebot-Nutzungs-Modell
4.3 Zentrale Aufgaben als Faktor von Qualität für Ganztagsschulen?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Effektivität des Ganztagsgymnasiums im Hinblick auf die Umsetzung der zentralen schulischen Aufgaben „Erziehen“ und „Beraten“. Anhand empirischer Daten und des Qualitätsmodells von Holtappels wird analysiert, ob der Mehraufwand an Zeit und Ressourcen tatsächlich zu einer qualitativen Verbesserung der individuellen Förderung im Vergleich zu anderen Schulformen führt.
- Entwicklung und Zielsetzungen des Ganztagsschulsystems
- Empirische Analyse der Umsetzung von Erziehung und Beratung
- Qualitätsmodelle (CIPO-Modell, Angebot-Nutzungs-Modell)
- Bedeutung der Kooperation zwischen Lehrpersonal und pädagogischem Personal
- Vergleich von Theorieanspruch und schulischer Praxis
Auszug aus dem Buch
3.1 Erziehen
„Erziehender Unterricht“ bietet Möglichkeiten für Lehrpersonen, in einem gewissen Ausmaß mit erzieherischer Wirkung auf die SuS Einfluss zu nehmen. Die Art und Weise, ob erzieherische Maßnahmen wirken, hängt dabei von zwei Faktoren ab. Zum einen sind die Fähigkeiten und der Wille der Lehrperson entscheidend, zum anderen die innere Bereitschaft der SuS, sich auf die Wirkungen einzulassen und diese anzunehmen (Wiater, 2012, S. 151). Fachunterricht lässt sich laut Wiater (2012) auf drei Wegen praktizieren, um Bildung und Erziehung parallel zu vermitteln.
Die erste Möglichkeit beinhaltet, im Unterricht erzieherisch reflektierte didaktische Entscheidungen zu treffen. Diese Lehr- und Lernform sieht vor, einen strukturierten und schülerorientierten Unterricht durchzuführen, verschiedene Methoden zu nutzen und erzieherisch wirksame Unterrichtsprinzipien zu verwenden. Die SuS sollen durch diese Form der Bildungsvermittlung eine selbstständige und kooperative Arbeitshaltung entwickeln, nicht unter- bzw. überfordert werden, Werteorientierung verinnerlichen, eigene Meinungen bilden und über Diskussionen und Argumentationen die sozialen Kompetenzen und Respekt voreinander entwickeln (Wiater, 2012, S. 152).
Die erzieherisch reflektierten Maßnahmen des Verhaltensmanagements zielen zum Beispiel auf die Verinnerlichung normativer Orientierungen ab. So können verschiedene Unterrichtssituationen aufgegriffen und genutzt werden, um positive oder negative Verhaltensweisen zu betonen und diese durch das Aufstellen und Beachten von Regeln und Normen zu fördern bzw. zu unterlassen. Es erfolgt durch eine gemeinsam konzipierte Gesprächskultur und einheitliche Vereinbarungen eine Modifikation der Verhaltensmuster von SuS, die auch zur Folge hat, dass das Klassen- bzw. Schulklima verbessert wird (Wiater, 2012, S. 152 f.)
Erzieherisch reflektiertes personales Engagement bestimmt die Möglichkeit einer Lehrperson, durch eigenes Verhalten ein Vorbild für die SuS zu sein (Wiater, 2012, S. 153).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Hoffnung, dass durch das "Mehr an Zeit" im Ganztag eine bessere Bildung und Zukunft für Schülerinnen und Schüler erreicht werden kann, und definiert das Ziel der Arbeit.
2. Entwicklung zum Ganztagsgymnasium: Dieses Kapitel zeichnet den Ausbau des Ganztagsschulsystems nach, diskutiert die Zielsetzungen wie Chancengleichheit und individuelle Förderung und hinterfragt kritisch die Umsetzung dieser Ziele an Gymnasien.
3. Zentrale Aufgaben von Schule: Hier werden die Aufgaben "Erziehen" und "Beraten" theoretisch verortet und als zentrale Aspekte des erziehenden Unterrichts und der schulischen Gestaltung analysiert.
4. Analyse vor dem Qualitätsmodell nach Holtappels: Auf Basis des CIPO- und des Angebot-Nutzungs-Modells wird untersucht, auf welchen Ebenen Erziehung und Beratung im System Ganztagsschule stattfinden und wo Defizite bestehen.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass das Potenzial der Ganztagsgymnasien derzeit oft hinter den Erwartungen zurückbleibt, da Kooperationsdefizite und eine unzureichende Verknüpfung von Unterricht und Angeboten die angestrebte individuelle Förderung erschweren.
Schlüsselwörter
Ganztagsgymnasium, Schulqualität, Erziehung, Beratung, CIPO-Modell, Schulentwicklung, Lehrerkooperation, individuelle Förderung, StEG, Lernkultur, Bildungsreform, Kompetenzentwicklung, Ganztagsbetrieb, Schulorganisation, pädagogisches Personal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwieweit Ganztagsgymnasien ihre zentralen Aufgaben der Erziehung und Beratung besser erfüllen können als traditionelle Halbtagsschulen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Ganztagsschulen, theoretischen Qualitätsmodellen der Schulforschung sowie der Analyse von Erziehungs- und Beratungsfunktionen innerhalb dieser Systeme.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob das durch den Ganztagsbetrieb gewonnene "Mehr an Zeit" und die zusätzlichen Ressourcen effektiv zur qualitativen Verbesserung von Erziehung und Beratung genutzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse auf Basis aktueller empirischer Daten, insbesondere der Studie "StEG" und des Projekts "Ganz In", sowie die Anwendung des Qualitätsmodells nach Holtappels.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Entwicklung des Ganztagsschulwesens, die theoretische Definition der Schulaufgaben Erziehen und Beraten sowie die modellhafte Analyse der Schulwirksamkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ganztagsgymnasium, Schulqualität, Lehrerkooperation, individuelle Förderung und das CIPO-Modell.
Warum schneiden Ganztagsgymnasien in der Analyse teilweise kritisch ab?
Die Analyse zeigt, dass an Gymnasien oft eine unzureichende Verknüpfung von Unterricht und Ganztagsangeboten besteht und der Kommunikationsaustausch zwischen Lehrpersonal und pädagogischem Personal im Vergleich zu anderen Schulformen seltener stattfindet.
Welche Rolle spielt die Kooperation zwischen den verschiedenen Berufsgruppen?
Die Kooperation gilt als entscheidender Faktor für die Prozessqualität; sie entlastet Lehrkräfte und ermöglicht eine individuellere Förderung der SuS, ist jedoch an Gymnasien noch zu wenig ausgeprägt.
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- Dominik Thale (Author), 2016, Ganztagsgymnasium als bessere Schulform. Analyse der Umsetzung von Erziehung und Beratung als Aufgaben von Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354484