In dieser Arbeit wird an einem konkreten Beispiel untersucht, auf welche Art und Weise Organisationen nach Legitimitätseinbußen durch einen Skandal ihre Legitimität wiederherstellen. Eine zentrale Aussage in der neoinstitutionalistischen (NI) Organisationsforschung besagt, dass für den Erfolg und das Überleben von Organisationen vor allem Legitimität von zentraler Bedeutung ist. Demzufolge müssen in Folge von Skandalen bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, die diese Einbußen möglichst schnell wieder ausgleichen, um weiteren Schaden von der Organisation abzuwenden.
Der zu behandelnde Fall wird die Produktion von Fußbällen in Kinder- und Handarbeit im pakistanischen Sialkot sein. Im Jahre 1995 wurde durch eine CBS-Fernsehdokumentation medienwirksam auf diesen seit Jahrzehnten bestehenden Zustand hingewiesen. Nach Artikel 32 der UN-Kinderrechtskonvention verstößt die wirtschaftliche Ausbeutung von Kindern gegen internationales Recht. Das Ansehen der involvierten Organisationen, darunter Nike und Adidas, die ihre Bälle fast ausschließlich aus Sialkot bezogen, wurde geschädigt.
In dieser Arbeit wird der Fall dahingehend analysiert, welche Verfahrensweisen im Anschluss an den Legitimitätsverlust angewandt wurden, um die verlorene Legitimität wiederherzustellen. Dabei ist die Analyse nicht vollumfänglich, sondern auf einige als wesentlich erscheinende Aspekte begrenzt. Um die Fragestellung behandeln zu können, werden im folgenden Kapitel zunächst die theoretische Grundlage und einige zentrale Begriffe erläutert. Anschließend folgt die Identifikation und Analyse verschiedener Ereignisse und Aspekte des Falles im Hinblick auf ihre Wirkung der Legitimitätssteigerung und mündet letztlich in einem abschließenden Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORETISCHE GRUNDLAGE – NEOINSTITUTIONALISMUS (NI) IN DER ORGANISATIONSFORSCHUNG
2.1 LEGITIMITÄT
2.2 ORGANISATIONALES FELD
2.3 RATIONALITÄTSMYTHEN UND FORMALE STRUKTUREN
2.4 ISOMORPHIE
2.5 ENTKOPPLUNG UND DER „GUTE GLAUBE“
3. DIE ANALYSE DES FALLS
3.1 „ALLGEMEINE HINWEISE“ IM UMGANG MIT SKANDALEN
3.1.1. Offer Normalizing Accounts
3.1.2 Restructure
3.1.3 Don’t panic!
3.2 RATIONALITÄTSMYTHEN UND LEGITIMIERENDE FORMALE STRUKTUREN
3.3 „PRESTIGIOUS ALLIANCES“
3.4 DIE ROLLE DER MEDIEN UND DER GUTE GLAUBE
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Organisationen der Fußballindustrie nach dem öffentlichen Skandal um Kinderarbeit in Sialkot, Pakistan, ihre durch Medienberichte beschädigte Legitimität wiederherstellten. Dabei wird analysiert, welche neoinstitutionalistischen Mechanismen eingesetzt wurden, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen.
- Neoinstitutionalismus in der Organisationsforschung
- Prozesse der Legitimitätswiederherstellung nach Skandalen
- Rolle von Restrukturierungen und "stitching centres"
- Bedeutung prestigeträchtiger Allianzen und medialer Kommunikation
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Offer Normalizing Accounts
Die Fußballindustrie fand sich plötzlich in einer Situation großer Unsicherheit wieder und ihre Legitimität war bedroht. Eine Möglichkeit der Reaktion ist, ein strukturelles Problem als solches zu relativieren. Da in der CBS-Dokumentation vom April 1995 allerdings bekannt wurde, dass Kinder- und Handarbeit im pakistanischen Sialkot eher die Regel als die Ausnahme war, erschien für die Industrie die Möglichkeit, dieses „illegitime“ Faktum als Ausnahme- oder Einzelfall, bzw. individuellen Fehler einzelner Personen (Suchman 1995: 598) zu deklarieren als keine Option. Solche Behauptungen und das Problem als einfach nicht vorhanden umzudefinieren, wären von vornherein als vorgeschoben zu erkennen gewesen und hätten die Langzeit-Legitimität der Organisationen schädigen können (Suchman 1995: 598). Ein Geständnis hingegen würde bedeuten, dass die Situation bekannt war. Eine entschuldbare Darstellung ist die, dass „The values they serve are not at issue, but rather their performance” (Hirsch & Andrews 1984: 174). Der Fußballindustrie seien die Zustände zuvor nicht bekannt gewesen, aber „Now that it [the problem] had been identified, the industry was going to develop and administer the vaccine that could eliminate this disreputable practice“ (Khan et al. 2007: 1064). Dies leitet über zum zweiten Punkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik von Skandalen in Organisationen ein und definiert das Forschungsziel: Die Untersuchung der Legitimitätswiederherstellung im Fall der Kinderarbeit bei der Fußballproduktion in Sialkot.
2. THEORETISCHE GRUNDLAGE – NEOINSTITUTIONALISMUS (NI) IN DER ORGANISATIONSFORSCHUNG: Dieses Kapitel erläutert zentrale Begriffe wie Legitimität, Rationalitätsmythen, Isomorphie und Entkopplung, die als theoretischer Rahmen für die Fallanalyse dienen.
3. DIE ANALYSE DES FALLS: Der Hauptteil analysiert konkret die angewandten Strategien der Fußballindustrie, wie die Relativierung von Problemen, Restrukturierungen, die Bildung prestigeträchtiger Allianzen und die mediale Beeinflussung.
4. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die Maßnahmen zwar zur Legitimitätssteigerung führten, jedoch oft kontraproduktive soziale Folgen für die Menschen vor Ort in Sialkot hatten und die strukturelle Entkopplung fortbesteht.
Schlüsselwörter
Legitimität, Neoinstitutionalismus, Organisation, Skandal, Kinderarbeit, Sialkot, Rationalitätsmythen, Isomorphie, Entkopplung, Fußballindustrie, Reputation, Prestige, soziale Verantwortung, Medien, Stakeholder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie große Organisationen auf den massiven Legitimitätsverlust reagieren, der durch einen Skandal – im konkreten Fall Kinderarbeit in der pakistanischen Fußballproduktion – ausgelöst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Wiederherstellung organisationaler Legitimität, der Einfluss von Rationalitätsmythen und die strategische Nutzung von Allianzen und medialer Kommunikation innerhalb des Neoinstitutionalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Identifikation und Analyse jener Verfahrensweisen und Strategien, die von der Fußballindustrie angewandt wurden, um nach dem Bekanntwerden von Kinderarbeit ihre Legitimität in den Augen der Öffentlichkeit wiederherzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den theoretischen Rahmen des Neoinstitutionalismus, um eine fallbasierte Analyse der Ereignisse nach dem CBS-Bericht von 1995 durchzuführen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Krisenbewältigungsmechanismen, darunter die Relativierung des Problems ("Normalizing Accounts"), strukturelle Anpassungen ("Restructure") und die gezielte Imagepflege durch prestigeträchtige Partnerschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Legitimität, Neoinstitutionalismus, Entkopplung, Isomorphie, Kinderarbeit und soziale Verantwortung charakterisiert.
Warum war die Zentralisierung der Arbeit in "stitching centres" laut der Arbeit problematisch?
Obwohl die Zentralisierung als Maßnahme gegen Kinderarbeit nach außen hin legitimierend wirkte, vernachlässigte sie die lokalen kulturellen Kontexte und führte indirekt zum Jobverlust von Frauen, was wiederum die Familienverbände schwächte.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Medien in diesem Kontext?
Der Autor sieht Medien als zweischneidiges Schwert: Sie können Skandale aufdecken, dienen Organisationen aber auch als zentrales Instrument zur Realitätskonstruktion und zur Vermittlung ihrer (offiziellen) Besserung.
- Citar trabajo
- Johannes Finger (Autor), 2015, Produktion von Fußbällen in Kinder- und Handarbeit im pakistanischen Sialkot, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355068