Die Enttaylorisierung aus neo-institutionalistischer Sicht


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1: Einleitung

2: Enttaylorisierung
2.1: Moralische Kritik am Taylorismus
2.2: Ökonomische Kritik am Taylorismus

3: Soziologischer Neo-Institutionalismus
3.1: Rationalitätsmythen
3.2: Institutioneller Isomorphismus
3.3: Kritische Würdigung

4: Enttaylorisierung aus neo-institutionalistischer Perspektive
4.1: Enttaylorisierung durch Rationalitätsmythen
4.2: Enttaylorisierung durch institutionelle Isomorphie

5: Fazit

Literaturverzeichnis:

1: Einleitung

Hermann Kocyba proklamiert die „Überwindung“ (Kocyba 2013, S. 70) des Taylorismus folgendermaßen: „Der Taylorismus wurde nicht in einer offensiv geführten sozialen Auseinandersetzung überwunden, sondern fiel eher banal der Modernisierung von Managementstrategien zum Opfer“ (ebd.). Er argumentiert, dass „nicht-tayloristische Unternehmenskonzepte... sich als effizienter“ erwiesen hätten (ebd.), impliziert somit die rationale Orientierung von Arbeitsorganisationen[1] an den Anforderungen der technischen Umwelt, hiermit ist die effiziente und effektive Steuerung von Arbeitsprozessen gemeint (vgl. Scott/Meyer 1982), als ursächlich für eine Enttaylorisierung. Das seit den 80er Jahren die Verbreitung tayloristischer Produktionskonzepte in deutschen Arbeitsorganisationen stark rückläufig ist (vgl. Kern/Schumann 1998), soll nicht bestritten werden. Ich halte es jedoch für überzogen, von einer „Überwindung“ des Taylorismus zu sprechen, wobei der Anteil tayloristischer Produktionskonzepte in Deutschland noch im Jahr 1998 bei 40% lag (vgl. Deutschmann 2001, S. 59f.) und sich mögliche Entwicklungen hin zu einer Re- und Neutaylorisierung in Arbeitsorganisationen abzeichnen (vgl. Schumann 2002, Springer 1999). Ebenso empfinde ich die Begründung Kocybas für eine einsetzende Enttaylorisierung als zu kurz greifend. Ziel der Hausarbeit soll es sein, zu untersuchen, ob die Enttaylorisierung in Arbeitsorganisationen nicht adäquater durch deren Streben nach Legitimität gegenüber ihrer Umwelt, als durch das von Kocyba proklamierte rationale Streben nach der Erfüllung technologischer Umweltanforderungen, zu erklären ist. Zur Beantwortung dieser Frage werden zwei mesopolitischer Theorieansätze des soziologischen umweltbezogenen Neo-Institutionalismus angewandt. Anhand dieser soll untersucht werden, ob sich aus der moralischen und ökonomischen Kritik am Taylorismus institutionelle Umweltanforderungen ableiten lassen können, die zu einem Umbau formaler Strukturen und dem Wegfall tayloristischer Produktionskonzepten in Arbeitsorganisationen geführt haben.

Die Vorgehensweise gliedert sich wie folgt: In Kapitel 2 wird zunächst erläutert, was unter dem Begriff Enttaylorisierung zu verstehen ist, um daran anknüpfend auf die moralische und ökonomische Kritik an tayloristischen Produktionskonzepten, in den Kapiteln 2.1 und 2.2, einzugehen. Anschließend werden die Grundzüge der soziologischen neo-institutionalistischen Theorieansätze in Kapitel 3 präsentiert und auf die Ansätze von Meyer und Rowan (1977) sowie DiMaggio und Powell (1983) in den Kapitel 3.1 und 3.2 eingegangen. Daran schließt sich eine kritische Würdigung der Theorieansätze in Kapitel 3.3 an. In den Kapiteln 4.1 und 4.2 werden die präsentierten Theorieansätze zur Erklärung der Enttaylorisierung in Organisationen herangezogen. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in Kapitel 5 zusammengefasst.

2: Enttaylorisierung

Bevor der Begriff Enttaylorisierung erläutert werden kann, muss sich zunächst dem Taylorismus selbst zugewandt werden. Der Begriff Taylorismus wird in der Arbeits- und Industriesoziologie inflationär (vgl. Engelmeier 2013, S. 24) und unscharf gebraucht (vgl. Marrs 2010,S. 337). Marrs (vgl. ebd., S. 338) sieht hier einen Grund für unterschiedliche Einschätzungen über die zukünftige Entwicklung des Taylorismus. Während Engelmeier (vgl. 2013, S. 24) dafür plädiert, den Begriff Taylorismus mit Taylors theoretischen Überlegungen des „scientific management“ gleichzusetzen, sieht Böhle (vgl. 2010, S. 455) die Notwendigkeit den Taylorismus anhand empirisch nachweisbarer Folgen und Implikationen, wie der Entsubjektivierung des Arbeitsprozesses (vgl. Langfeld 2009, S. 33), zu definieren. Um beiden Überlegungen Rechnung zu tragen soll im Folgenden Taylorismus als ein Produktionskonzept[2] verstanden werden, das die Ökonomisierung des Arbeitsprozesses durch Entsubjektivierung, in Form von Methoden die dem „scientific management“ entlehnt sind, anstrebt. Entsubjektivierende Methoden des Taylorismus sind nach Kocyba (vgl. 2013, S. 64) die Arbeitsteilung/-zerlegung, dieTrennung von Hand- und Kopfarbeit, die erzwungene Standardisierung der einzelnen Arbeitsschritte und Verrichtungen, sowie der Ausschluss des Produzenten aus Planungs-, Konstruktions-, Dispositions- und Kontrollfunktion. Überspitzt gesagt, wird im Taylorismus Subjektivität als eine Bedrohung aufgefasst, die über besagte Methoden so gut wie möglich auszuschalten ist (vgl. Bosancic 2014, S. 43). Dabei ist anzumerken, dass Entsubjektivierung im Rahmen tayloristischer Produktionskonzepte das Zurückdrängen von Subjektivität, nicht deren vollständige, unmögliche, Verdrängung meint (vgl. Moldaschl 2010).

Der Begriff Enttaylorisierung wird in der Literatur entweder als Abkehr vom Taylorismus (vgl. Jehle 2009, S. 3) oder als Ablösung des Taylorismus durch post-tayloristische Produktionskonzepte, in denen, anders als im Taylorismus, die Subjektivität des Arbeitnehmers als Schlüsselressource gesehen wird (vgl. Kleemann et al. 1999, S. 10; Kuhn 2002, S. 346), verstanden. Angelehnt an die Definition von Taylorismus soll Enttaylorisierung hier verstanden werden, als die Abkehr vom Taylorismus, hin zu post-tayloristischen Produktionskonzepten, welche die Ökonomisierung des Arbeitsprozesses durch Subjektivierung anstreben.

Erstmals wurden eine systematische Enttaylorisierung in deutschen Arbeitsorganisationen Anfang der 80er Jahre festgestellt (Kern/Schumann 1984; Moldaschl/Schmierl 1994).

2.1: Moralische Kritik am Taylorismus

Der Taylorismus sah sich seit seiner rapiden Einführung in amerikanischen Fabriken Anfang des 20ten Jahrhunderts stets starker Kritik, im Bezug auf seine von vielen Seiten als unmoralisch und inhuman interpretierten Implikationen und Folgen, ausgesetzt (vgl. Kuhn 2002, S. 344). Die lautstärksten Kritiker waren, und sind auch heute noch, in den Reihen der Arbeitnehmerschaft, Gewerkschaften, Politik aber auch der Wissenschaft zu finden (vgl. Moldaschl 2010). Stearns (1980) zeigt auf, dass die Kritik am Taylorismus anfangs noch eher diffus und von Ängsten vor Veränderungen des Status Quo geprägt war. In der Folge wurden jedoch die tayloristischen Arbeitsmethoden und der Vorwurf der Ausbeutung zu Hauptgegenständen einer moralischen Kritik (vgl. Friedmann 1959, S. 141 ff.). An dieser Stelle soll vorrangig auf die moralische Kritik an den tayloristischen Arbeitsmethoden eingegangen werden, da diese von besonderem Interesse zur Beantwortung der Forschungsfrage ist.

Die Arbeitsteilung/-zerlegung, ist das zentrale Mittel zur Ökonomisierung der Ressource Arbeitskraft im Taylorismus. Volpert (1974) kritisiert diesbezüglich, dass die Arbeitsteilung lediglich dazu diene „das Größtmögliche an Arbeitsverausgabung durch vollkommene Arbeitszerteilung [aus den Arbeitern] herauszupressen“ (ebd., S. 617). Außerdem sei „die Arbeitsteilung und Arbeitszerlegung in repetitive Detailarbeiten bis ins Letzte vorangetrieben“ (Mender 1975, S. 151). Daraus wird für die Arbeiter eine hohe körperliche und psychische Belastung abgeleitet. Zur körperlichen Belastung wurde im Hoxie Bericht, welcher durch einen Untersuchungsausschuss des amerikanischen Kongresses zum Taylorismus, unter der Leitung von Robert Franklin Hoxie im Jahr 1914 verfasst wurde, festgehalten, dass das Taylor-System zu erheblichen „Mehrbelastungen führt [...] und für die körperliche Gesundheit des Menschen bedrohliche Ausmaße erreicht“ (Volpert 1977, S. 18). Im Bezug auf die psychische Belastung halten Kern und Schumann (1985) fest, dass tayloristische Arbeitsmethoden die gesamte Aufmerksamkeit des Arbeiters ununterbrochen bänden, ihm aber gleichzeitig nur „minimale Möglichkeiten zur freien geistigen Betätigung“ (Kern und Schumann 1985, S. 86 ) einräumten. Diese Monotonie sei es, die in der Folge zu einer starken psychischen Belastung führe.

Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit dient im Taylorismus dazu, das Produktionswissen der Arbeiter durch Beobachtung sichtbar und zentral verschriftlicht verfügbar zu machen, um den „one best way“ ermitteln zu können. Im Hoxie Bericht wurde diese Vorgehensweise als ein Mittel zur Wegnahme und Enteignung von individuellen Handwerksfertigkeiten und -wissensbeständen der Arbeiter interpretiert. Das Wissen, so die Kritik, konzentriere sich in der Folge bei den Betrieben, die dieses immer nur bruchstückhaft an die Arbeiterschaft abgäben, dadurch deren ganzheitlichen Wissenserwerb verunmöglichen, und sich selbst somit zum Wissensmonopolisten aufschwängen (vgl. Jehle 2009, S. 47 f.).

Die erzwungene Standardisierung der einzelnen Arbeitsschritte und Verrichtungen dient im Taylorismus dazu, die „one best way“ Arbeitsmethoden zentralistisch vorzugeben. Der Hoxie Bericht sah in hoch standardisierten Arbeitsprozessen einen direkten Angriff auf die Rechte, die Würde und das Wohlbefinden der Arbeiter (ebd., S. 48.). Mender (vgl. 1975, S. 127) spricht von einer regelrechten Ohnmacht des des Arbeiters, die er gegenüber dieser Form von äußerst strikter und monotoner Fremdbestimmung empfände.

Der Ausschluss des Arbeiters aus Planungs-, Konstruktions-, Dispositions- und Kontrollfunktion war von Taylor als eine Möglichkeit zu dessen Entlastung konzipiert. Im Taylorismus obliegen genannte Funktionen einzig dem Management. Der Hoxie Bericht kritisierte diesbezüglich insbesondere „den Anstieg der unproduktiven Mitarbeiter“ die zur Durchführung der Kontrollen eingestellt werden müssten (Jehle 2009, S. 69). Außerdem sahen Gewerkschaften den Ausschluss der Arbeiter aus zentralen Funktionen als Beweis dafür, dass der Taylorismus im Kern antidemokratisch sei (vgl. S. ebd., 39).

Jedoch gibt es auch durchaus Gegenstimmen zur harschen moralischen Kritik am Taylorismus. So vertritt Jehle (2009) die Auffassung, dass die Kritik an tayloristischen Arbeitsmethoden sehr undifferenziert und teilweise überzogen formuliert wird. Inwiefern die moralische Kritik am Taylorismus empirisch begründbar ist, kann in diesem Rahmen nicht erläutert werden. Festzuhalten ist jedoch, dass ein „normative[r] Anti-Taylorismus“ (Moldaschl 2010, S. 280), insbesondere gespeist durch Argumente einer moralischen Taylorismuskritik, den gesellschaftlichen Diskurs zum Taylorismus über Jahrzehnte dominiert hat. Taylorismus wurde mit einer „Geißel“ gleichgesetzt, derer man sich entledigen müsse.

2.2: Ökonomische Kritik am Taylorismus

Zu den altbekannten Kritikern des Taylorismus (vgl. Kapitel 2.1) gesellten sich seit den 70er Jahren auch Akteure aus Kreisen, die dem Taylorismus zuvor wohlgesonnen gegenüber standen. Gemeint sind in erster Linie Unternehmer, Shareholder und Vertreter der Managementlehre. Engelmeier (vgl. 2013, S. 17) spricht hier von einer Kritik aus affirmativer Sicht.

Die Gründe für deren aufkommende Skepsis sieht Engelmeier darin, dass „der Taylorismus als inkompatibel mit den neuen Möglichkeiten und Anforderungen der Arbeitswelt“ (ebd., S. 17) interpretiert wurde. Die Bedeutendsten Veränderungen der Arbeitswelt spielten sich hierbei auf ökonomischer, technologischer und gesellschaftlichen Ebene ab.

Zu den ökonomischen Veränderungen zählt die Entwicklung von einem Anbietermarkt hin zu einem Käufermarkt sowie die zunehmende Globalisierung. Waren viele Arbeitsorganisationen über Jahrzehnte in ihren Absätzen lediglich über ihre eigenen Produktionskapazitäten limitiert, hatte eine Sättigung am Markt im Laufe der 80er Jahre eingesetzt. Arbeitsorganisationen waren gezwungen stärker um die Gunst der Käufer zu werben und auf deren Wünsche einzugehen, wollten sie im Wettbewerb mit ihrer Konkurrenz bestehen. Auf individuelle Produktwünsche einzugehen bedeutet im Umkehrschluss eine Abkehr von hoch standardisierten Produkten hin zu einer diversifizierten und innovativen Produktpalette (vgl. Piore/Sable 1985).

Die sich beschleunigenden Globalisierungstendenzen führten in den 70er Jahren zu einem sich erhöhenden Druck auf Organisationen, welcher durch Konkurrenten aber auch Shareholder-Value-Interessen aufgebaut wurde (vgl. Schumann 2008, 380). Dieser Druck bewirkte, dass Organisationen dazu gezwungen sahen nicht nur Produkte zur Disposition zu stellen, sonder auch ihre Produktionskonzepte selbst (vgl. Kleemann et al. 1999, S. 10). Einen nicht zu überschätzenden Einfluss hatte dabei die Studie zur „Lean Production“ von Womack et al. (1990). Zum einen bescheinigten die Autoren dem japanischen Automobilherstellern Toyota eine höhere Effizienz und Produktqualität bei gleichzeitig geringeren Produktionskosten, zum anderen ergänzten sie ihre Analyse um eine direkte Handlungsempfehlung an alle Automobilhersteller: das Produktionskonzept von Toyota müsse nachgeahmt werden, wollten sie im globalen Wettbewerb überleben (vgl. Springer 1999, S. 21).

Im Bezug auf technologische Umwälzungen argumentieren Kern und Schumann (1984), dass die „Perfektionierung der Mikroelektronik“ zu einem technologischen Schub führte, der Arbeitsorganisationen eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten eröffnete, ihre Produktion effektiver zu gestalten (ebd., S. 15). Automation und Flexibilität seien in der Folge kein Widerspruch mehr (ebd.). Die zunehmende Komplexität der Produktionstechnik führe ebenso dazu, dass die Hauptaufgaben von Arbeitern sich dahin entwickelten, die Verfügbarkeit von Maschinen zu garantieren, was flexibles, eigenverantwortliches Handeln und ein höheres Maß an Qualifikation voraussetzt (vgl. ebd., S. 50). Die Subjektivität des Arbeiters wird unter den Gesichtspunkten des technologischen Wandels als äußerst funktional bewertet. Diese Einschätzung steht im starken Widerspruch zur Grundannahme des Taylorismus lautet, die Subjektivität als einen Störfaktor identifiziert.

[...]


[1] Wenn im Folgenden von Organisationen die Rede ist, sollen diese immer im Sinne von Arbeits-organisationen gemeint sein.

[2] Produktionskonzepte bestimmen nicht nur über die Art und Weise einer Organisation, sondern sie sind „der Entwurf einer umfassenden Organisationskonzeption“ (Bonazzi 2014, S. 74), weshalb formale Organisationsstrukturen in ihrem Sinne modelliert werden.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Enttaylorisierung aus neo-institutionalistischer Sicht
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V355721
ISBN (eBook)
9783668419131
ISBN (Buch)
9783668419148
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neo-Institutionalismus, Taylorismus, Enttaylorisierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Enttaylorisierung aus neo-institutionalistischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355721

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