1789 war das Jahr der französischen Revolution. Frankreich löste sich von der absolutistischen Monarchie und strebte einen demokratischen Staat an. Der dritte Stand lehnte sich gegen die Aristokratie und den Klerus auf und schuf eine egalitäre, bürgerliche Gesellschaft.
Das 1784 uraufgeführte Stück "La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro", in dem ein Knecht im Kampf um seine Ehefrau erfolgreich gegen seinen Herrn auflehnt, steht sinnbildlich für das aufstrebende Bürgertum Frankreichs. Es ist der zweite und wohl bekannteste Teil der Figarotrilogie und weist gegenüber dem Barbier eine deutliche Steigerung sowohl der spielerisch-komischen als auch der kritisch-satirischen Elemente auf. Neuschäfer sieht in der Beaumarchais Trilogie den Höhepunkt der Evolution der Gesellschaftsstruktur im französischen Theater des 18. Jahrhunderts.
Figaro bildet den Endpunkt der Entwicklung des Komödiendieners, welche sich über zweihundert Jahre in absolutistischer Gesellschaftsordnung erstreckte. Im Folgenden sollen die beiden Gattungen drame sérieux und Komödie, welche in der Mariage zusammen eine Synthese formen, analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gattungssynthese und Ambivalenz in der Mariage
2.1 Drame sérieux in der Mariage
2.1.1 Die neue Gattungspoetik: drame sérieux oder drame bourgeois
2.1.2 Elemente des drame sérieux
2.2 Die Komödie La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro
2.2.1 Komödienmerkmale
2.2.2 Komik der Herabsetzung
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungssynthese in Beaumarchais' Werk "La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro" und analysiert, wie Elemente des ernsten Dramas ("drame sérieux") und der klassischen Komödie miteinander verschmelzen, um eine neue, komplexe dramatische Form zu schaffen.
- Evolution der Gesellschaftsstruktur im französischen Theater des 18. Jahrhunderts
- Gegenüberstellung und Synthese von "drame sérieux" und Komödie
- Funktionsgeschichtliche Ambivalenz des Stücks zwischen Revolution und Unterhaltung
- Analyse der dramatischen Struktur und der verschiedenen Konstitutionsebenen
- Die Funktion der Komik als Mittel der Gesellschaftskritik und Herabsetzung
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Elemente des drame sérieux
In der Mariage scheinen die strengen Grenzen zwischen dem drame sérieux und der Komödie verschwommen zu sein, Beaumarchais erkennt dies selbst, als er im Nachhinein die Wirkung seiner Mariage betrachtet und sein Komödienspiel von bürgerlichen Werten und Verhaltensweisen durchtränkt sieht. In der Mariage steht die Familie im Zentrum und dies sogar gleich doppelt, nämlich zum einen mit Figaro, dem verlorenen Sohn, der endlich in Marceline und Bartholo seine bürgerlichen Eltern und in Suzanne eine Ehefrau findet, zum anderen durch die harmoniegestörte Ehe des adligen Paares Rosine und Almaviva.
Wie bereits erwähnt ist die Herrenebene deutlich dem genre sérieux verpflichtet, da deren Handlung in der „Tradition des empfindsamen Familiendramas“ steht, die Ehe besteht bereits seit drei Jahren und hat sich zur Krise gewandelt, unter welcher die Gräfin schwer zu leiden hat. Indem der Libertin Almaviva von seinem ius primae noctis gegenüber Suzanne Gebrauch machen will, verstößt er gegen die „Normen der empfindsamen Sexualethik“, der ehelichen Treue, welche vor allem aus dem bürgerlichen Tugendverständnis, der „vertu“, herrührt. Rosine hingegen, auch wenn sie Gefallen an dem jungen Cherubin findet, hält diese „empfindsam-repressiven Normen“ ein und beherrscht ihre Gefühle. Dieser Konflikt zwischen Neigung und Pflicht mit tugendhaftem Verzicht ist eindeutig ein Merkmal des drame sérieux. Genauso die Identifizierung des Zuschauers mit der leidenden tugendhaften Frauengestalt Rosines (II/16) und insbesondere mit dem Schicksal Marcelines(III/16), welche durch die Rührung, dem Mitfühlen des Zuschauers im Sinne der „sensibilité“ (Gefühlsethik), hervorgerufen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet das Werk in den historischen Kontext der französischen Revolution ein und erläutert die Bedeutung von Beaumarchais' Stück als Spiegelbild des aufstrebenden Bürgertums und Endpunkt der Entwicklung des Komödiendieners.
2. Gattungssynthese und Ambivalenz in der Mariage: Dieses Hauptkapitel untersucht die hybride Natur des Stücks, das einerseits bürgerliche Tugendnormen des "drame sérieux" aufnimmt und andererseits seine Wurzeln in der Komödie beibehält.
2.1 Drame sérieux in der Mariage: Hier wird analysiert, inwieweit die neue Gattungspoetik des ernsten Dramas und die Verlegung der Handlung in das bürgerliche Alltagsleben das Stück beeinflussen.
2.1.1 Die neue Gattungspoetik: drame sérieux oder drame bourgeois: Dieses Kapitel beleuchtet die Forderung Diderots, den Bürger zum Helden des ernsten Dramas zu erheben und das Alltagsleben veristisch darzustellen.
2.1.2 Elemente des drame sérieux: Hier werden die konkreten Merkmale des ernsten Familiendramas im Stück identifiziert, insbesondere der Tugendkonflikt und die Identifikation des Zuschauers durch Rührung.
2.2 Die Komödie La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro: Der Abschnitt diskutiert die komödiantischen Elemente, die trotz des Einflusses des ernsten Dramas den Kern des Werkes bilden.
2.2.1 Komödienmerkmale: Dieses Kapitel zeigt auf, wie das traditionelle Heiratsschema der Komödie durch eine soziale Opposition von Herr und Knecht sowie durch karnevaleske Heiterkeit modifiziert wird.
2.2.2 Komik der Herabsetzung: Hier wird erläutert, wie durch die Kontrastkomik und das Scheitern an gesellschaftlichen Normen der Adel kritisiert und der Lächerlichkeit preisgegeben wird.
3. Schluss: Das Fazit resümiert die wegweisende Rolle des "drame sérieux" für die Überwindung der klassischen Ständeklausel und reflektiert die politische Katalysatorwirkung des Stücks im Vorfeld der Revolution.
Schlüsselwörter
Beaumarchais, Le Mariage de Figaro, Drame sérieux, Komödie, Gattungssynthese, Aufklärung, Bürgertum, Empfindsamkeit, Gesellschaftsstruktur, Didaktik, Tugendlehre, Komik, Theater des 18. Jahrhunderts, Französische Revolution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Gattungsmischung in Beaumarchais' berühmtem Theaterstück "La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro" und untersucht, wie dieses Werk zwei gegensätzliche dramatische Formen – das ernste Drama und die klassische Komödie – vereint.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Evolution der gesellschaftlichen Strukturen im französischen Theater des 18. Jahrhunderts, die Definition des "drame sérieux", die Rolle der bürgerlichen Tugendnormen sowie die Funktion der Komik im Stück.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Beaumarchais durch die Verbindung von ernstem Drama und Komödie die klassische Ständeklausel durchbrach und ein Werk schuf, das sowohl als ästhetische Neuerung als auch als gesellschaftskritisches Dokument verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Gattungsbestimmungen von Theoretikern wie Diderot mit der dramatischen Struktur und den spezifischen Szenen des Stücks in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des "drame sérieux" in Bezug auf die bürgerliche Tugend und Identifikation sowie die Analyse der komödiantischen Merkmale, insbesondere der Komik der Herabsetzung gegenüber der Aristokratie.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Gattungssynthese, Aufklärung, Empfindsamkeit, Gesellschaftskritik, Tugendlehre und die spezifische Verbindung von "drame sérieux" und Komödie.
Wie modifiziert Beaumarchais das klassische Heiratsschema der Komödie?
Er bricht mit dem traditionellen Muster, bei dem junge Liebende über den Vater triumphieren. Stattdessen setzt er auf eine soziale Opposition zwischen dem adligen Herrn und seinem dienenden Personal, was die gesellschaftliche Relevanz des Stücks steigert.
Warum wird der Graf Almaviva als "komischer Held" der Herabsetzung bezeichnet?
Er wird zur Zielscheibe des Lachens, da er als Vertreter des Adels eigene moralische Normen (die empfindsame Sexualethik) verletzt. Das Publikum erkennt diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Verhalten, wodurch er an Autorität verliert.
Welche Bedeutung kommt der "Anagnorisis-Szene" im Stück zu?
Die Szene illustriert die Ambivalenz des Stücks: Während die Identifizierung Figaros durch seine Eltern ein klassisches Motiv des ernsten Dramas ist, wird die Rührung der Szene durch parodistische Einwürfe sogleich wieder gebrochen und ins Komische zurückgeführt.
Wird das Stück im Fazit als revolutionär eingestuft?
Die Arbeit bleibt vorsichtig: Sie betont, dass man nicht eindeutig festlegen kann, ob eine explizit revolutionäre Absicht vorlag, stellt aber fest, dass das Stück durch seinen Erfolg und seine Kritik an moralischen Doppelmoralen als Katalysator für das gesellschaftliche Klima vor der Revolution fungierte.
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- Anonym (Autor), 2012, Beaumarchais "La Folle Journée, ou le Mariage de Figaro", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355977