Schwarze Pädagogik. Das Schreckensbild des "Verwöhnens, Verzärtelns, Verziehens" im zeitlichen Vergleich


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Hinführung zum Thema der Aktualität Schwarzer Pädagogik

2 Verwöhnen, Verzärteln, Verziehen in der Schwarzen Pädagogik
2.1 Disziplin in der Schwarzen Pädagogik
2.1.1 Lob und Belohnung in der Schwarzen Pädagogik
2.1.2 Strafe in der Schwarzen Pädagogik
2.2 Zärtlichkeit in der Schwarzen Pädagogik

3 Verwöhnen, Verzärteln, Verziehen im heutigen Kontext
3.1 Disziplin heute
3.2 Zärtlichkeit heute

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Begriff Schwarze Pädagogik wird heute oft zunächst mit „Schwarzer Magie“ in Verbindung gebracht – etwas Geheimnisvollem, Schädlichem, das aus vergangenen Zeiten herrührt und im Zusammenhang damit als unwissenschaftlich interpretiert wird. Doch genau so wie die „Schwarze Magie“ immer noch in abgemilderter, versteckter Form in unserem Kulturkreis praktiziert wird, so ist auch die Schwarze Pädagogik nicht ganz aus demselben verschwunden.

Wie können sonst Begriffe wie „Muttersöhnchen“ und „Heulsuse“ weiter in der heutigen, deutschen Gesellschaft überleben? In einer Gesellschaft, in der die meisten Eltern und Pädagogen[1] die Meinung vertreten, ein Zuviel an Liebe und Verständnis gäbe es für ein Kind nicht und Liebe generell einen sehr hohen Stellenwert in der Kindererziehung einnimmt (vgl. IfD Allensbach 2001).

Im Folgenden soll daher besonders auf die Frage eingegangen werden, welche Bedeutung der Aspekt des „Verwöhnens, Verzärtelns und Verziehens“ aus der Schwarzen Pädagogik noch in der heutigen Gesellschaft in Deutschland hat.

Hierfür soll zunächst eine Einführung in die Thematik der Schwarzen Pädagogik eine Basis schaffen. Ausgehend davon wird näher auf den Begriff „Affenliebe“ und das damit verbundene „Verwöhnen, Verzärteln, Verziehen“ in der Schwarzen Pädagogik eingegangen. Dies geschieht vertiefend durch die Untersuchung des Umgangs mit Disziplin, im Besonderen mit Lob und Belohnung und Strafe, und Zärtlichkeit in der Erziehung der Schwarzen Pädagogik im 17.-20. Jahrhundert. Es folgt die Untersuchung des Selbigen im heutigen Kontext, um einen Vergleich zu ermöglichen und Rückschlüsse darauf ziehen zu können, wo die heutige Pädagogik in der Diskussion über das Verziehen steht. Hierbei wird Erziehung nicht ausschließlich in der Schule oder im Elternhaus betrachtet, sondern findet überall statt, wo eine Person zugegen ist, welche als Lehrer, Kindergärtner oder Elternteil auftreten kann.

1 Hinführung zum Thema der Aktualität Schwarzer Pädagogik

Schwarze Pädagogik als negativ wertende Bezeichnung einer gewaltvollen, unterdrückenden Erziehung, wurde erst in den 1970er Jahren durch das gleichnamige Buch von Katharina Rutschky entwickelt und später von Alice Miller in „Am Anfang war Erziehung“ weitergeführt. So kann Schwarze Pädagogik in acht Merkmalen zusammengefasst werden: Die Erwachsenen sind Herrscher über das abhängige Kind; sie bestimmen über Recht und Unrecht; ihr Zorn stammt aus ihren eigenen Konflikten; dafür machen sie das Kind verantwortlich; die Eltern sind immer zu schützen; die lebendigen Gefühle des Kindes stellen für den Herrscher eine Gefahr dar; dem Kind muss so früh wie möglich sein Wille genommen werden und dies alles muss so früh wie mögliche geschehen, damit das Kind „nichts merke“ und die Erzieher nicht verraten könne (vgl. Miller 1980, S. 77). Wo immer diese Aspekte in der Erziehung erkennbar werden, muss von Schwarzer Pädagogik geredet werden.

Ganz allgemein bezeichnet Schwarze Pädagogik „die verdunkelte Seite der pädagogischen Bemühungen, die durchaus nicht immer bewusste Aktualisierung der anthropologischen Grundprämisse vom Bösen im Kinde.“ (Bernhard 2009, S. 72)

Dieses Bild vom Naturzustand des Kindes fasste Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert mit dem Sinnspruch „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ zusammen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass die Schwarze Pädagogik mit diesem Menschenbild vom Kind als boshaftem Wesen, das nur zu seinem eigenen Vorteil strebt und daher gebändigt, gezähmt und unterdrückt werden muss, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist.

Wirft man einen Blick in Institutionen, die sich der Erziehung von Kindern und Jugendlichen verschrieben haben, wird man dort häufig fündig werden. Davon zeugen allein die neuesten Berichte aus der Haasenburg, in deren Einrichtungen über Jahre als schwererziehbar eingestufte Kinder und Jugendliche misshandelt und körperlich und seelisch verletzt wurden.

Doch wie kann die heutige beklemmende Aktualität dieser Aspekte der Schwarzen Pädagogik mit einem solch veralteten Menschenbild noch gerechtfertigt werden? Diese Frage kann im Folgenden leider nicht gänzlich geklärt werden, soll aber zunächst vor allem zum nachdenken und kritischen hinterfragen anregen.

Vielmehr soll dem Grundsatz eines solchen Menschenbildes, dass einem Kind keinesfalls zu viel Liebe und Zuneigung, Freiheit und Eigensinn gewährt werden darf, genauere Beachtung geschenkt werden. Denn auch hier entsteht ein starker Widerspruch, der eingangs mithilfe der heutigen Aktualität der Begriffe „Muttersöhnchen“ und „Heulsuse“ schon angesprochen wurde. Zunächst also die Frage, wodurch ein Kind nach Ansicht der Schwarzen Pädagogik verzogen wird.

2 Verwöhnen, Verzärteln, Verziehen in der Schwarzen Pädagogik

Die „Affenliebe“ dient in der Schwarzen Pädagogik als zentraler Schreckensbegriff, wenn es darum geht, dass Erzieher einem Kind zu viel Liebe und Zärtlichkeit entgegen bringen und es damit verziehen und verderben. Dr. med. Johanna Haarer, eine Vertreterin Schwarzer Pädagogik, war der Meinung „Affenliebe verzieht das Kind wohl, erzieht es aber nicht.“ (Haarer 1938, S. 260) Sie vertrat diese strikt und verbreitete sie während dem Nationalsozialismus mit ihren Erziehungsratgebern „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (1937) und „Unsere kleinen Kinder“ (1936). Diese wurden noch bis in die 1990er Jahre in „gereinigter Form“ verlegt (vgl. Chamberlain 1997, S. 8).

Vertreter der Schwarzen Pädagogik argumentieren mit dem natürlichen Trieb aller Tiere, nach dem diese nur so lange wie nötig für ihre Jungen sorgen, gegen zu viel Liebe und Aufmerksamkeit in der Erziehung. Nur der Affe, der dem Menschen so ähnlich ist, würde seine Jungen regelrecht zu Tode lieben. Aus der Angst heraus, durch das Erbe der Affen könnten auch zu liebevolle Menscheneltern ihre Kinder mit „verziehender“ Liebe erdrücken (vgl. Schmid 1876-87 zit. in: Rutschky 2001, S. 27), wird in der Schwarzen Pädagogik wiederholt vor einem Zuviel an Zärtlichkeit, zu weichem Umgang mit dem Kind, Beschäftigung mit dem Kind außerhalb des Pflegens, und ähnlich zu viel Aufmerksamkeit benötigendem Umgang gewarnt (vgl. Eckstaedt 1989, S. 98f, Haarer 1938, S. 160).

Zentral im Kontext der Schwarzen Pädagogik sind auch die Begriffe Verwöhnen, Verzärteln und das daraus resultierende Verziehen. Dabei bezeichnet die Vorsilbe „ver“ jeweils eine Steigerung des Begriffs, wie bei „Verbessern“, „Verbrauchen“ und „Vermissen“. Gleichzeitig kann diese Vorsilbe jedoch auch eine Umkehrung der Bedeutung anzeigen, wie bei „Vergreifen“, „Verführen“ und „Verraten“. Zu dieser letzten Art zählen die drei oben genannten Begriffe aus der Schwarzen Pädagogik. Sie sind als ein falsches Gewöhnen, falsches Zärteln, also als ein Ziehen in die verkehrte Richtung zu deuten (vgl. Schmid 1876-87 zit. in: Rutschky 2001, S. 27).

Dieses Verziehen geschieht durch die Auffassung der Vertreter der Schwarzen Pädagogik in erster Linie durch mangelnde Disziplin und zu viel Zärtlichkeit dem Kind gegenüber (vgl. Haarer 1940, S. 191). Aus diesem Grund soll im Folgenden speziell auf den Umgang mit diesen beiden Themen der Erziehung eingegangen werden.

2.1 Disziplin in der Schwarzen Pädagogik

Im Folgenden wird aus dem Blickwinkel der Pädagogik Disziplin so interpretiert, dass die genannten Vorschriften, Verhaltensregeln und die Ordnung der Gruppe von einem Erzieher benannt und weitergegeben werden. Des Weiteren wird bis zu einem gewissen Reifegrad des Zöglings, vom Erzieher definiert, was der Zögling mit seinem Willen, seinen Gefühlen und Neigungen durch eigene Beherrschung erreichen soll (vgl. Duden 2013).

In jedem Fall gilt Disziplin seit den Anfängen der Pädagogik als ein hohes Gut, das dem Kind beigebracht werden muss, um es zu einem guten Menschen zu machen (vgl. Rolfus 1872 zit. in: Rutschky 2001, S. 132). Vor allem jedoch in der Schwarzen Pädagogik hat sie eine bis ins Perverse reichende Funktion als Tugend für die Abhärtung des Kindes inne (vgl. Schmid 1876-87 zit. in: Rutschky 2001, S. 30f).

Dabei stellt ein Zuviel an Liebe eine andauernde Gefahr für die Disziplin in der Erziehung des Kindes dar : „Affenliebe ist ein rechter Krebsschaden in der Erziehung; nicht nur, dass sie selbst jedwede Anwendung weiser Zuchtmittel verschmäht […]; sie erzeugt auf geradestem Weg jene ‚verhätschelten Naturen‘, denen Dünkel, Widerspenstigkeit, Haltlosigkeit eigen sind und jede ernste Auffassung des Lebens abgeht.“ (ebd., S. 41)

Das Erlernen dieser Disziplin mit dem Ziel einen guten, ernsthaften Menschen zu formen, werden die Erziehung der Härte und Mittel der Schwarzen Pädagogik wie Demütigung, Liebesentzug, Verängstigung, Manipulation, Isolierung, Beschämung, Verachtung und Gewaltanwendung bis zur Folter gerechtfertigt (vgl. Miller 1980, S. 77). So geht es in diesem Kontext der Disziplinierung auch immer um eine stark autoritäre Erziehung, da nach Auffassung der Schwarzen Pädagogik, ein „führerloses“ Kind ins Verderben rennt und nicht nach dem Ideal lebensfähig ist.

Nur da Erziehung in der Schwarzen Pädagogik von Anfang an disziplinierend und unterwerfend ist, können die praktischen Regeln der Erziehung wirksam sein: Beispielsweise das Erprügeln von Gehorsam, körperlicher Zwang, strenge Sauberkeitsforderungen und Diktat der Uhr bei der Gewöhnung an den Topf. Diese frühe Disziplinierung geschieht zunächst durch das Schreien lassen und Hungern lassen, da auch die Fütterung an feste Zeiten gebunden ist, durch Ignorieren aller kindlichen Signale wie Laute, Blicke, Gesichtsausdrücke. Also durch konsequentes Ausblenden jeglicher Äußerung des Kindes. So entsteht ein Kind, das diszipliniert oder eher dressiert, beziehungsweise konditioniert ist, wie eine Maschine, gefühllos, hart, nichts Weiches, nichts Verweichlichtes mehr in sich trägt. (vgl. Chamberlain 1997, S. 139f).

Um den Umgang mit Disziplin in der Schwarzen Pädagogik klarer aufzeigen zu können, wird im Folgenden genauer auf zwei zentrale Erziehungsmittel eingegangen. Diese sind durch den Ausdruck der „Erziehung mit Zuckerbrot und Peitsche“ in der Pädagogik im Allgemeinen fest verankert: einerseits das Lob und die Belohnung und andererseits die Strafe. In der Schwarzen Pädagogik und im Kontext des Verziehens ist Lob und Belohnung und Strafe für die Aufgabe des Erziehers, das Kind zu disziplinieren, grundlegend: „Verwöhnt wird es, wenn man es mit Sünden nicht genau nimmt, […] ihm jede Selbstverleugnung, Beschämung, Demütigung ersparen möchte, wenn man es unbedachtsam lobt, seine guten Eigenschaften erhebt […] und so Eigenliebe und überhaupt Eigenleben desselben immer mehr erstarken läßt.“ (Schmid 1876-87 zit. in: Rutschky 2001, S. 30f; Auslassung: T.H.)

2.1.1 Lob und Belohnung in der Schwarzen Pädagogik

Lob und Belohnung sind Erziehungsmittel, die meist „bei Anspornung der Kinder zur Tätigkeit und zum Fleiß“ (Pockels 1811 zit. in: Rutschky 2001, S. 34) in der Schwarzen Pädagogik gebraucht werden. Dies soll jedoch unbedingt sparsam getan werden, da Belohnung die Habsucht im Kind weckt und diesem die Vorstellung gibt, Belohnung sei Bezahlung und - ohne eine solche in Aussicht gestellt zu bekommen - handelt es dann nicht mehr in dem Willen des Erziehers. Somit wäre dessen autoritäre Stellung untergraben und jeder Anfang von Disziplin im Kind zerstört. Daraus wird geschlossen, dass Nichts belohnt werden soll, was das Kind tun muss. Denn nur wenn gelobt wird, ohne dass ein für das Kind ersichtlicher Grund gegeben ist, erlangt das Kind so ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber seinem Erzieher und dieser bleibt in seiner autoritären Rolle. Die Disziplin bleibt erhalten und das Kind wird nicht unnötig verwöhnt (vgl. ebd., S. 35f).

Als das größte Lob für das Kind wird sowieso allein der Ausdruck der Zufriedenheit der Eltern erachtet, mit dem auch „außerordentliche Anstrengungen, […] Auszeichnungen seines Fleißes, seiner Ordnungsliebe, seiner edleren Gutmütigkeit“ (ebd., S. 35) belohnt werden dürfen.

Einige Erzieher der Schwarzen Pädagogik bezeichnen die Belohnung gar als vollkommen verwerflich, da sie eine künstliche Folge der Disziplin des Kindes sei und nur die Strafe eine natürliche (vgl. Kahle 1890 zit. in: Rutschky 2001, S. 46). So wird das Lob und die Belohnung als solche in der Schwarzen Pädagogik meist als nicht notwendig für die Erziehung erachtet, da das Kind sich meist schon dadurch belohnt fühlt, dass es nicht bestraft wird (vgl. Pockels 1811 zit. in: Rutschky 2001, S. 35). Außerdem werfe das Lob und das belohnende Geschenk nach Meinung von Vertretern Schwarzer Pädagogik scheinbar unlösbare pädagogische Probleme auf, nicht so jedoch die Strafe (vgl. Rutschky, S. 24ff). Damit erlangt die Strafe als Erziehungsmittel in diesem Kontext eine weitaus höhere Legitimation.

[...]


[1] Im Folgenden werden aus Gründen der Übersichtlichkeit und der Textökonomie nur männliche Formen zur Charakterisierung beider Geschlechter verwendet. Nur wenn auf genderspezifische Aspekte verwiesen wird, werden auch weibliche Formen verwendet.

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Details

Titel
Schwarze Pädagogik. Das Schreckensbild des "Verwöhnens, Verzärtelns, Verziehens" im zeitlichen Vergleich
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V356003
ISBN (eBook)
9783668418400
ISBN (Buch)
9783668418417
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Schwarze Pädagogik, Historische Pädagogik, Haarer, Autoritäre erziehung, Autorität
Arbeit zitieren
Theresa Hauff (Autor), 2014, Schwarze Pädagogik. Das Schreckensbild des "Verwöhnens, Verzärtelns, Verziehens" im zeitlichen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356003

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