Erklärung des ukrainischen Produktionsstandortes Stryj anhand der Standorttheorie der Internationalisierung

Internationalisierungstheorien und -strategien


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise
1.2 Auswahl der Internationalisierungstheorie

2 Theoretische Grundlagen der Standorttheorie der Internationalisierung
2.1 Die Erklärung der Standortentscheidung anhand der Standorttheorie der Internationalisierung
2.2 Alternative Standortmöglichkeiten anhand der Standorttheorie

3 Kritische Gesamtreflexion der Standorttheorie

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise

Die LEONI AG als globaler System- und Entwicklungslieferant für Drähte, Kabel und Bordnetzsysteme hat in der westukrainischen Stadt Stryj wegen eines Großauftrages von General Motors bzw. Opel, der bis zum Jahr 2010 ein Gesamtvolumen von 1,2 Mrd. Euro besitzt und das langfristige Wachstum des Bordnetz- und Kabelsystem- Spezialisten sichern soll (vgl. Automotive Intelligence News 2002b), eines der modernsten und größten Produktionsstandorte für Bordnetzsysteme in Europa errichtet (vgl. LEONI 2002, S.6). So findet in der LEONI Wiring Systems UA GmbH, einer 100%igen Tochter der LEONI AG, auf über 40 000 Quadratmetern die Serienfertigung für Bordnetzkabel für die Opel- Nachfolgemodelle Astra und Zafira seit Oktober 2003 statt(vgl. Automobil Produktion 2003).

Ziel dieser Arbeit ist es, die Entscheidung für den Standort Stryj in der Ukraine anhand von einer betriebswirtschaftlichen Internationalisierungstheorie zu erklären. Außerdem wird mit Hilfe dieser Theorie erarbeitet, welche weiteren Standorte LEONI hätte in Betracht ziehen können.

Im Folgenden wird nun erörtert, warum die Standorttheorie der Internationalisierung die passendste Form der Internationalisierungstheorie für diese Problemstellung darstellt. Anschließend folgt eine kurze Einführung in die Standorttheorie. In Kapitel 2.1 und 2.2 wird der Produktionsstandort Stryj anhand der Standorttheorie begründet und weitere Standortmöglichkeiten aufgezeigt. Zum Schluss wird die Standorttheorie kritisch gewürdigt.

1.2 Auswahl der Internationalisierungstheorie

Wie bereits erwähnt, ist die LEONI AG ein Systemlieferant mit starker Fokussierung auf die Automobilindustrie. Ohne genauere Prüfung der Motive, die LEONI dazu bewegt haben, die Produktionsstätte in Stryj zu errichten, wäre vor allem die verhaltensorientierte Theorie der Internationalisierung von Aharoni sehr zutreffend. Insbesondere die Initialkräfte „vertikale Mitläufereffekte“ und „Vorschläge, die von außen an die Unternehmung herangetragen werden“ im Rahmen der Initialphase wären ohne explizitere Prüfung des Sachverhalts stichhaltig. Bei den vertikalen Mitläufereffekten folgen Unternehmen ihren Kunden ins Ausland. Eine solche

Internationalisierung ist hauptsächlich bei Automobilzulieferern, zu denen ja die LEONI AG gehört, zu beobachten. Dadurch wird nicht nur der Absatzmarkt ausgeweitet, sondern auch der Status des Systemlieferanten bewahrt (vgl. Welge/Holtbrügge 2003, S.61f.). Allerdings sind diese vertikalen Mitläufereffekte nur in den Bereichen Draht und Kabel der LEONI AG ausschlaggebend. Im Bereich Bordnetze hingegen, zu dem der Produktionsstandort in Stryj gehört, sind Standortfaktoren wie niedrige Produktionskosten bzw. niedrige Löhne entscheidend (vgl. Probst 2003). Somit ist die Standorttheorie, die besagt, dass für eine Direktinvestition in einem Land die jeweiligen Standortfaktoren (vgl. Welge/Holtbrügge 2003, S.66f.) entscheidend sind (genauere Ausführung siehe Kapitel 2), für diese Problemstellung am besten geeignet, und wird demzufolge für diese Seminararbeit herangezogen.

2.1 Theoretische Grundlagen der Standorttheorie der Internationalisierung

Die Entscheidung einer Unternehmung, im Ausland eine Direktinvestition vorzunehmen, ist zwangsläufig immer auch eine Standortentscheidung, die von den Faktoren des potentiellen ausländischen Standort wesentlich mitbestimmt wird (vgl. Jahrreiß 1984, S.93). Die wichtigsten Determinanten sind politische, ökonomische, staatliche wie auch absatzorientierte Standortfaktoren (vgl. Tesch 1980, S.364f.). Im Folgenden sollen diese jeweils durch einen Bestimmungsgrund eingehender erläutert werden. So ist ein wesentliches Kriterium für die Direktinvestition in einem Land abhängig davon, wie sicher und stabil die Politik in dem potentiellen Zielland ist. Diese politischen Risiken können den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens beispielsweise durch Enteignungspolitiken, Nichteinhaltung von Verträgen sowie durch Diskriminierungstaktiken gegenüber einheimischen Unternehmungen beeinträchtigen. Zu den ökonomischen Aspekten gehören z.B. die Lohnkostendifferenzen, die eine wesentliche Rolle für Direktinvestitionen in Transformations- und Entwicklungsländern spielen. Standortvorteile können dabei entstehen, wenn das Lohnniveau im Vergleich zum Heimatland niedriger ist und somit als Teil eines ganzen Kostenblocks die Kosten für das zu produzierende Gut deutlich gesenkt werden können. Zu den staatlichen Standortfaktoren gehören u.a. die steuerlichen Rahmenbedingungen. So können durch staatliche Investitionsanreizen wie z.B. unterschiedliche Steuersätze, welchen der Unternehmung die Möglichkeit bietet, ihre Steuerbelastung so niedrig wie möglich zu halten, Wettbewerbsvorteile geschaffen werden (vgl. Jahrreiß 1984, S.105-138). Zu den absatzbezogenen Variablen gehören beispielsweise das Marktwachstum, das Markt- potential oder auch die Handelsschranken. Auf diese Faktoren wird jedoch bewusst nicht näher eingegangen, weil sie eine untergeordnete Rolle für LEONI (vgl. Kapitel 2.1) spielen. Abschließend lässt sich also erkennen, dass die Investitionsgründe gemäß der Standorttheorie auf Ertragsaussichten und Kostenstrukturen zurückzuführen sind und folglich diese Theorie zu den ökonomischen Theorien zugeordnet werden kann (vgl. Welge/Holtbrügge 2003, S. 56).

2.2 Die Erklärung der Standortentscheidung anhand der Standorttheorie der Internationalisierung

Die mit 60 Standorten weltweit agierende LEONI-Gruppe bewies bereits in der Vergangenheit ihre Kompetenz bei der Standortwahl. Schon früh erkannte LEONI die Standortvorteile osteuropäischer Staaten und errichtete unter anderem Werke in Polen, Ungarn, Rumänien und der Slowakei. Als eines der ersten deutschen Unternehmen entschied sich LEONI nun für die Errichtung des Bordnetz-Werkes in Stryj in der Region Lemberg bzw. Lviv (vgl. LEONI 2003).

Mit der entscheidende Einflussfaktor für diese Standortwahl waren Werner Geillinger, Geschäftsführer LEONI Wiring Systems UA GmbH, zufolge die geringen und somit überaus attraktiven Lohnkosten in der Ukraine (vgl. Deutsche Botschaft 2003, vgl. Geillinger 2003). So entspricht der durchschnittliche ukrainische Bruttomonatsverdienst mit ca. 75 US-Dollar nur ca. 7 Prozent des durchschnittlichen Bruttomonatsverdienstes in Polen mit ca. 500 US-Dollar (vgl. Statistisches Bundesamt 2003, S.11f.). Geschäftsführer Werner Geillinger über die Höhe der Löhne in der Ukraine: „Wir haben in vielen osteuropäischen Ländern Produktionsstätten. Nach dem EU-Beitritt von Ungarn, Polen, der Slowakei und Tschechien werden dort die Löhne jedoch erheblich steigen.“ Für die Ukraine rechne er hingegen mit einem anhaltend niedrigen Lohnniveau. „Es ist eine langfristige Investition, die wir hier in der Ukraine tätigen.“ (vgl. Jasper 2003). Auch der Leiter des Kiewer Büros der Bundesagentur für Außenwirtschaft, Harald Meyer, weist darauf hin, dass nach dem EU- Beitritt von Polen, der Slowakei und Ungarn im Jahr 2004 diese Länder für bestimmte deutsche Investoren zu teuer würde wegen den steigenden Löhnen, so dass sich weitere Unternehmen in Richtung Ukraine orientieren. Zumal sich die Annäherung der Ukraine an die Europäische Union weiter schwierig gestaltet: die EU hat wiederholt Defizite wie etwa die mangelnde Pressefreiheit kritisiert (vgl. T-Online 2003). Auch Ernst Thoma, (Ex-) Vorstandsvorsitzender der LEONI AG, betont, dass mit dem Werk in Stryj die Strategie der Kostenführerschaft konsequent fortgesetzt wird, und somit über eine günstige Kostenstruktur erhebliche Wettbewerbsvorteile erreicht werden können (vgl. Automotive Intelligence News 2002b). Allerdings werden durch diese und andere Verlagerung der Produktion ins Ausland bis 2005 voraussichtlich 90 Prozent aller Beschäftigten der LEONI AG außerhalb von Deutschland tätig sein (vgl. Kramer 2003). Ein weiterer, sehr ausschlaggebender Standortvorteil der Stadt Stryj dicht bei der polnischen Grenze ist die relative geographische Nähe zum westeuropäischen Markt, (vgl. Chew 2002, S.16), da die Kabelsätze just-in-time d.h. nahtlos in den Produktionsprozess des Automobilherstellers Opel/ General Motors an die europäischen Endmontagestandorte Rüsselsheim, Bochum, Eisenach, Antwerpen und Ellesmere Port fließen sollen (vgl. Deutsche Botschaft 2003, vgl. Automotive Intelligence News 2002a). So ist beispielsweise Stryj vom Opel-Werk in Rüsselsheim ca. 1.360 Kilometer entfernt. “Einen Standort speziell im Westen der Ukraine auszuwählen war eine rein logistische Entscheidung“, sagte Geillinger. Denn LEONI wolle nicht ein lokales Geschäft in der Ukraine aufbauen, sondern nur für den Export an Opel arbeiten (vgl. Jasper 2003). Hierbei ist sehr hilfreich, dass das Gebiet Lemberg im Vergleich zu den meisten Gebieten der Ukraine über ein viel größeres Straßen- und Eisenbahnnetz verfügt. So durchqueren wichtige internationale Eisenbahnlinien nach vielen europäischen Hauptstädten die Region. Zahlreiche Autobahnen verbinden Lemberg mit vielen Städten Mittel- und Südeuropas, Russlands, Litauens sowie andere baltische Staaten miteinander und stellen so einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt dar (vgl. Business Invest Lviv 2003b). Auch das Leibniz-Institut für Länderkunde weist darauf hin, dass Lemberg neben Charkiw zu den zwei herausragenden Bahnknotenpunkten in der Ukraine gehört. Allerdings ist der technische Zustand des Netzes und der Züge im relativ schlechten Zustand, und behindert somit einen effektiven Bahnverkehr. Das Straßennetz der Ukraine ist im Allgemeinen strahlen- bzw. vektorförmig aufgebaut und entspricht somit den gängigen Verkehrsbedürfnissen. Allerdings sind nur 42 % der ukrainischen Fernstraßen in technisch zufriedenstellendem Zustand (vgl. Friedlein 2001, S.1ff.). Außerdem wird z.Zt. der Flughafen in Lviv nach internationalen Standards für ca. 1,2 Mrd. US-Dollar ausgebaut, so dass ein moderner Luftverkehrs- knotenpunkt für den Personen- und Gütertransport geschaffen wird (vgl. Business Invest Lviv 2003a).

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Details

Titel
Erklärung des ukrainischen Produktionsstandortes Stryj anhand der Standorttheorie der Internationalisierung
Untertitel
Internationalisierungstheorien und -strategien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V356232
ISBN (eBook)
9783668419797
ISBN (Buch)
9783668419803
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erklärung, produktionsstandortes, stryj, standorttheorie, internationalisierung, internationalisierungstheorien
Arbeit zitieren
Yilmaz Seker (Autor), 2003, Erklärung des ukrainischen Produktionsstandortes Stryj anhand der Standorttheorie der Internationalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356232

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