Kiezdeutsch im Rahmen jugendsprachlicher Funktionen


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Kiezdeutsch
1.1. Kiezdeutsch - Entstehung
1.2. Formen von Kiezdeutsch

2. Jugendalter und Sprachfunktionen
2.1. Sprache und Identitätsbildung
2.2. Kiezdeutsch und seine Funktionen in der Jugendsprache

3. Gesellschaftliche Sicht des Kiezdeutschen

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung - Kiezdeutsch

Durch Migration und interkulturelles Miteinander in ganz Deutschland hat sich, besonders in den multikulturellen Teilen der Großstädten, ein neuer Sprachstil herausgebildet, das sogenannte Kiezdeutsch. Kiezdeutsch ist häufig auch unter anderen Bezeichnungen bekannt. Manche nennen es „Türkdeutsch“, „Kanakisch“, oder auch „Ghettosprache“. Diese Sprachvariation wird besonders häufig von Jugendlichen türkischer Herkunft gesprochen, die der zweiten oder dritten Generation von Migranten angehören, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, so Tekin und Colliander.1 Kiezdeutsch wird von namhaften Sprachforschern als ethnolektale Varietät definiert, Andere beschreiben sie dagegen als Hybridsprache, die durch die Verschmelzung der deutschen und türkischen Sprache entstanden ist. Colliander und Tekin führen aus, dass sie auf der deutschen Umgangssprache basiert und jugendsprachliche Elemente aufweist.2

Eine der führenden Sprachforscherinnen zu diesem Sprachstil, Heike Wiese, definiert Kiezdeutsch, indem sie sagt, dass Kiezdeutsch interessanterweise sprachliche Gemeinsamkeiten über mehrere Regionen hinweg aufweist. Jedoch fließen immer auch regionale Dialekte in die Sprachvariation mit ein.3 Sie beschreibt weiterhin Kiezdeutsch als „ein Element aus dem sprachlichen Repertoire der Jugendlichen, aber nicht das einzige.“4 Sie beschreibt die oft klischeebehaftete Wahrnehmung dieses Ethnolekts, der oft als die Sprache aggressiver, ungebildeter, männlicher Jugendlicher dargestellt wird, dabei wird er gleichsam von weiblichen Sprechern und allgemein von Jugendlichen keiner bestimmten Herkunft gesprochen. Kiezdeutsch ist nach Wiese keinesfalls als Sprachverfall anzusehen, sondern vielmehr als „erfolgreiche sprachliche Koproduktion“.5 Kiezdeutsch ist, ihrer Auffassung nach, eine Varietät des Deutschen, ein deutscher Dialekt. Trotzdem wird er, im Gegensatz zu anderen

Dialekten, gesellschaftlich abgewertet.6 In dieser Hausarbeit möchte ich näher auf die Eigenheiten dieser Varietät eingehen, in Bezug auf die Frage weshalb Kiezdeutsch meistens von Jugendlichen gesprochen wird und welche Funktionen es für diese Altersgruppe trägt. Auch auf die Frage, wie Kiezdeutsch und seine jugendlichen Sprecher gesellschaftlich wahrgenommen werden, möchte ich zu sprechen kommen. Abschließend möchte ich dann einen Überblick meiner Erkenntnisse geben.

1.1. Kiezdeutsch - Entstehung

Die Sprachforscherin Heike Wiese, die sich intensiv mit der Thematik Kiezdeutsch befasst hat, führt an, dass menschliche Sprachen dynamische Systeme sind, sie sind variabel und erweiterbar und werden durch den ständigen Gebrauch der Sprachgemeinschaft verändert. Dies führt auch zur Entstehung neuer Dialekte, wie beispielsweise Kiezdeutsch.7 Interessant bei der sprachlichen Variante des Kiezdeutsch ist, dass seine Sprecher oft über eine hohe Anzahl weiterer Sprachen verfügen. Die Sprecher verwenden untereinander diese Variante, sprechen aber mit Verwandten beispielsweise kurdisch, oder ihre Muttersprache Deutsch.

Die Kompetenz der Mehrsprachigkeit begünstigt nach Wiese sprachliche Innovation.8 Hier tritt auch die besondere Lebenssituation der Sprecher, der Jugendlichen, in den Vordergrund der Entstehung. Jugendliche haben häufig eine sehr voneinander abgegrenzte Lebenswelt zwischen Schul- und Familienleben, was sich auch durch die Verwendung unterschiedlicher Sprachen bemerkbar macht. Auf diesen Punkt werde ich näher bei der Untersuchung der jugendsprachlichen Funktionen des Kiezdeutsch eingehen. Im Bereich des Wortschatzes ist der Einfluss anderer Muttersprachen besonders spürbar. Besonders aus dem türkischen und arabischen Bereich wurden einige Worte übernommen und teilweise eingedeutscht. Wiese erklärt, dass diese Worte grade bei der Anrede, Redeabschluss, Bekräftigung und, da es sich um Jugendsprache handelt, als Flüche und Beleidigungen verwendet werden.9 Hier „haben Ethnolekte nicht zu einem neuem urbanen Dialekt beigetragen, sondern zu einer multi-ethnischen Jugendsprache“10, so Wiese. Diese neue Variation der Jugendsprache bildet einen Dialekt mit eigenen grammatischen Regeln. Wichtig ist es auch zu erwähnen, dass kein Zusammenhang zwischen Kiezdeutsch und Gastarbeiterdeutsch besteht. Die Sprecher des Kiezdeutsch sind alle entweder in Deutschland geboren, hier aufgewachsen oder beides. Es handelt sich nicht, wie beim Gastarbeiterdeutsch, um einen ungesteuerten Deutscherwerb der ersten Migrantengeneration, nicht um eine Lernvarietät, oder um ein Defizit im Spracherwerb. Viel mehr ist es ein sprachlich-kreatives Mittel in einem Identitäts- und Abgrenzungsprozess bei Jugendlichen.11

1.2. Formen von Kiezdeutsch

Wie ich bereits angeführt habe, ist die Wahrnehmung der Sprachwissenschaftler zum Thema Kiezdeutsch unterschiedlich geprägt. Es wird einerseits als eine Varietät des Deutschen wahrgenommen, andererseits als eine Ursache für den Sprachverfall. Wichtig hierzu ist es zu erkennen: Kiezdeutsch weist mehrere Formen auf und ist daher nicht unbedingt klar zu definieren. Inci und Auer ordnen Kiezdeutsch in vier, für diese Hausarbeit interessante, verschiedene Unterformen ein.12 Die erste Form ist die der sprachlichen Varietät, des primären Ethnolektes, also die Form die von den Jugendlichen als Sprachform im Alltag verwendet wird. Die zweite Form ist die des Stils, der von den Medien produziert wird, um eine bestimmte Gruppe Jugendlicher darzustellen, jedoch inszeniert und stilisiert. Inci und Auer sprechen hier von einer medial-sekundären Variante des Kiezdeutschen.13

Diese Variante trägt besonders zur Verbreitung und Popularisierung speziell unter Jugendlichen bei. Die Medien sind dadurch nicht nur an der Inszenierung dieses Sprachstils beteiligt, sie verwenden auch reale Sprach- und Verhaltensweisen der Sprecher und machen sie für ein breites Publikum unterhaltsam, woraus sich, nach Bierbach und Birken-Silverman, ein Kreislauf der gegenseitigen Beeinflussung ergibt.14 Die dritte Form stellt praktisch die zweite Form dar, die wiederum von Jugendlichen zitiert und weiterentwickelt wird, ohne jedoch mit Sprechern dieser Varietät in Kontakt getreten zu sein. Somit handelt es sich bei der zweiten und dritten Form um karikative Formen, sozusagen um Spottvarietäten der eigentlichen Varietät Kiezdeutsch, durch die das negativ behaftete Bild von Sprechern dieses Ethnolektes weiter verstärkt wird und die Wahrnehmung dieser Varietät als „schlechtes Deutsch“ weiter zunimmt. Die vierte Form ist die der Auswirkung von Kiezdeutsch-Sprechern auf Nicht-Sprecher, die in einem engem Netzwerk miteinander agieren, grade in gemischtethnischen Jugendgruppen in Großstädten. Von den Nicht- Sprechern wird die Sprachform teilweise oder ganz assimiliert, statt nur zitiert, im Sinne des Code-Switching. Somit geht es bei dieser Form, nach Inci und Auer, nicht um eine Transgression in eine der Nicht-Sprecher-Seite nicht zustehende Varietät, sondern viel mehr verwenden sie den Ethnolekt als eine Art „eigene Stimme“.15

2. Jugendalter und Sprachfunktionen

Wie bereits angeführt, verwenden Sprecher dieser Jugendsprache nicht nur das Kiezdeutsch, vielmehr wechseln sie, situationsabhängig, zwischen Hochdeutsch, ihrer Muttersprache und Kiezdeutsch. Ebenso verwenden Jugendliche, Wiese nach, Kiezdeutsch auch nicht als eine Art Notlösung, weil sie kein richtiges Deutsch können, wie es häufig angenommen wird. Statttdessen verwenden sie jedes Sprachsystem, was ihnen verfügbar ist, gezielt. Wie jede Jugendsprache, wird auch Kiezdeutsch dazu verwendet eine Zugehörigkeit anzuzeigen, in diesem Fall zu Gleichaltrigen, deshalb wird sie am häufigsten in sogenannten in-group-Situationen verwendet, wenn Jugendliche unter sich sind.16 Die Gruppenmitglieder verwenden verbale und paraverbale Elemente ihres Repertoires an Sprachformen als Stilmittel zur Darstellung verschiedener Soziotypen und wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, auch um ironische Stereotypen zu karikieren.17

Einerseits stellen die Jugendlich so ihre eigene Identität da, andererseits grenzen sie sich so auch soziokulturell und lebensweltlich ab. Ihr Sprachrepertoire bildet das dynamische und komplexe Spektrum dessen, was ihnen vererbt wurde und dem, was sie an Zugehörigkeiten und Abgrenzungen erworben haben, beziehungsweise in welcher Art sie sich selbst von anderen Gruppen abzugrenzen versuchen und wo sie sich selbst als zugehörig erachten. Es ist somit ihr Weg, um ihre kulturelle Identität zu definieren und zum Ausdruck zu bringen.18

2.1. Sprache und Identitätsbildung

„Prozesse der Sozialisation führen dazu, dass das Individuum seine Identität als eine gesellschaftlich handlungsfähige Persönlichkeit gewinnt“19, so Veith. Ein großer Teil unserer Sozialisation besteht aus dem Spracherwerb, denn nur durch Sprache und die damit zusammenhängende Kommunikation können wir uns entwickeln und eine Identität bilden.

Soziologisch gesehen sind für den Menschen besonders die Zugehörigkeit zu einem sozialen Gefüge, also einer sozialen Gruppe oder Schicht, einer Ethnie, einem Geschlecht und unsere Nationalität entscheidend um uns zu definieren,

[...]


1 vgl. Özlem Tekin/Peter Colliander: Das „Türkendeutsch“. Phonetische Charakteristika und die Auswirkungen auf das Deutsche. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 1 (2010), S. 49.

2 vgl. Ebd. S.51.

3 vgl. Wiese, Heike: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht; München 2012, S.12.

4 vgl. ebd. S.14.

5 ebd.

6 vgl. ebd. S.19.

7 vgl. Wiese, Heike: Kiezdeutsch, S.29.

8 vgl. ebd. S.36.

9 vgl. Wiese, Heike: Kiezdeutsch, S.39.

10 Wiese, Heike: Kiezdeutsch, S.45.

11 vgl. Özlem Tekin/Peter Colliander: Das Türkendeutsch, S. 57.

12 vgl. Dirim, Inci/Auer, Peter: Türkisch sprechen nicht nur de Türken. Über die Unschärfebeziehung zwischen Sprache und Ethnie in Deutschland; Berlin 2004, S.222.

13 Ebd.

14 vgl. Bierbach, Christine/Birken-Silverman, Gabriele: Zwischen siciliano und Kiezdeutsch. In: Neuland, Eva (Hg.): Sprache - Kommunikation - Kultur. Sozioliguistische Beiträge Band 13; Frankfurt am Main 2014, S.54-55.

15 Dirim, Inci/Auer, Peter: Türkisch sprechen nicht nur de Türken; Berlin 2004, S.223.

16 Wiese, Heike: Kiezdeutsch. S.116.

17 Kotthoff, Helga/Merzlufft, Christine: Einleitung zum Thema Jugendsprachen: Stilisierungen, Identitäten, mediale Ressourcen. In : Neuland, Eva (Hg.): Sprache - Kommunikation - Kultur. Soziolinguistische Beiträge Band 13; Frankfurt am Main 2014, S.15.

18 vgl. Sprache-Kommunikation-Kultur, S. 15.

19 Veith, Werner H.: Soziolinguistik. Ein Arbeitsbuch. Tübingen 2005, S.31.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kiezdeutsch im Rahmen jugendsprachlicher Funktionen
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,6
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V356682
ISBN (eBook)
9783668424906
ISBN (Buch)
9783668424913
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kiezdeutsch, Soziolinguistik, Jugendsprache, Kanak Sprak, Türkdeutsch, Heike Wiese
Arbeit zitieren
Laura Hirschberg (Autor), 2017, Kiezdeutsch im Rahmen jugendsprachlicher Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356682

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