Einen zentralen Platz in der islamischen antijüdischen Polemik nimmt der Vorwurf der "Thorafälschung" ein.
Ein Hauptthema dieses Vorwurfs ist wiederum die "Steinigung", mit der sich eine Reihe von polemischen Hadithen beschäftigt, die in vielen Versionen in den diversen Hadithsammlungen vorliegen. Einige davon werden hier untersucht und mit Vorschriften derjüdischen Halacha verglichen. Es ergeben sich einige überraschende Schlussfolgerungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schlussfolgerungen
3. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen den Hadithen zur Steinigung bei Ehebruch und der jüdischen Halacha. Ziel ist es, die Hypothese zu prüfen, dass antijüdische Polemik in frühen islamischen Hadith-Sammlungen die Interpretation von Rechtsvorschriften beeinflusst hat, indem Steinigung als vermeintlich ursprüngliche, aber von den Juden verdeckte Thora-Vorschrift konstruiert wurde.
- Vergleich der Rechtsvorschriften für Ehebruch in Thora, Mischna und Koran.
- Analyse der Hadith-Varianten zur angeblichen jüdischen "Unterschlagung" des Steinigungsverses.
- Untersuchung der historischen und apologetischen Hintergründe dieser Hadithe.
- Kritische Einordnung des "Verses der Steinigung" und dessen Verhältnis zum islamischen Recht.
Auszug aus dem Buch
Die Entwicklung der Strafen im islamischen und jüdischen Recht
In der Mischna Sanhedrin wird bei der Beschreibung der Vier Todesarten davon ausgegangen, dass in den Fällen, in denen aus der Thora keine ausdrückliche Todesart ableitbar ist, die mildeste Todesart gemeint sei, und das ist nach der Mischna die Erdrosselung, was auch (s.o.) auf Ehebruch zuträfe.
Die Mischna entwarf diese Strafen hypothetisch für den Fall, dass wieder eine jüdische Staatlichkeit existieren würde, in der jüdische Gerichte das Recht zur Verhängung von Todesstrafen haben würden – wie sich zeigen sollte, kam es nach dem Scheitern der weniger als drei Jahre andauernden Bar-Kochba-Revolte (132-135 n.d.Z.) jedoch nicht mehr dazu. Zur Eingrenzung der Vollstreckung von Todesurteilen wurde in der Mischna der Satz aufgestellt, dass ein Gerichtshof, der öfter als alle 7 Jahre ein Todesurteil vollstrecke, als „blutvergießend“ anzusehen sei (Makkot I,11 bzw. 7a).
Während der Zeit der nicht vorhandenen jüdischen Staatlichkeit wurden diejenigen Todesurteile, bei denen die Delinquenten nicht zur Vollstreckung an die römischen Behörden ausgeliefert wurden – was etwa bei Mord und schwerem Straßenraub üblicherweise geschah – in der Praxis zumeist in Geißelung umgewandelt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Entwicklung des jüdischen Rechts ein und diskutiert die biblischen Ursprünge der Gesetze sowie deren Interpretation durch das orthodoxe Judentum und die wissenschaftliche Forschung.
Schlussfolgerungen: Hier werden die Ergebnisse der Quellenanalyse zusammengeführt, wobei die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen rabbinischen Praxis und den in Hadithen behaupteten antijüdischen Vorwürfen beleuchtet wird.
Ergebnisse: Das letzte Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen, insbesondere die Unvereinbarkeit der Steinigungsstrafe für Ehebruch mit dem Koran und die Entstehung der polemischen Hadith-Überlieferungen im 1. bis 2. Jahrhundert n.d.H.
Schlüsselwörter
Steinigung, Ehebruch, Hadith, Halacha, Thora, Koran, Geißelung, Apologetik, Rechtsentwicklung, Judentum, Islam, Polemik, Makkot, Sunna, Überlieferungskette.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und der historischen Bedeutung von Hadithen, die sich kritisch mit der jüdischen Rechtspraxis zur Steinigung auseinandersetzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Rechtsgeschichte von Ehebruch-Strafen im Judentum und Islam sowie die Analyse der polemischen Narrative in frühen islamischen Texten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass die Steinigungsstrafe für Ehebruch im Islam vermutlich nicht aus einer ursprünglichen, aber von Juden verfälschten Thora-Vorschrift stammt, sondern ein späteres Konstrukt religiöser Polemik ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Untersuchung der Primärquellen (Thora, Mischna, Koran, Hadith-Sammlungen) unter weitgehendem Verzicht auf Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Versionen zentraler Hadithe, die dem Judentum eine "Unterschlagung" von Thora-Versen vorwerfen, und vergleicht diese mit tatsächlichen jüdischen Rechtsvorschriften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Steinigung, Ehebruch, Hadith, Halacha, Apologetik, Polemik und Rechtsentwicklung.
Was besagt die Hypothese zur Strafe der Geißelung?
Die Autorin stellt die Hypothese auf, dass die in einigen Hadithen als "jüdische Verfälschung" bezeichnete Strafe der Geißelung tatsächlich die authentische jüdische Rechtspraxis widerspiegelt.
Welche Rolle spielt die Figur Abdullāh ibn Salām in den untersuchten Texten?
Er fungiert in vielen Hadith-Varianten als jüdischer Konvertit, der die vermeintliche "Verdeckung" des wahren Thora-Sinns durch die Juden entlarvt und damit als polemisches Werkzeug dient.
Wie bewertet der Autor die Steinigungsstrafe im Koran?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Steinigungsstrafe für verheiratete Unzüchtige nicht mit dem Koran vereinbar ist.
Welchen Einfluss hatte das Konzept der Abrogation?
Das Konzept wurde genutzt, um islamische Rechtsänderungen zu legitimieren, führte jedoch zu inneren Widersprüchen in der theologischen Argumentation bezüglich der Geltung von Thora und Koran.
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- Magister Artium Matthias Stumpf (Author), 2008, Hadithe zur Steinigung (Radjm) und ihre Beziehung zur jüdischen Halacha, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/357906