Der Europäische Traum oder ein Europa der Nationalstaaten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu Jeremy Rifkin und seinem Traum von Europa
2.1 Jeremy Rifkins Biographie
2.2 Unterschiede zwischen dem Amerikanischen und dem Europäischen Traum
2.3 Beschreibung des Europäischen Traums und gemeinsamer Grundwerte aller Europäer
2. 4 Mögliche Kritikpunkte an Rifkins Werk

3. Abgrenzung wichtiger Begriffe
3. 1 Einige Worte zu Europa
3. 2 Europäische Gemeinschaft und Europäischen Union
3. 3 Staat, Nation und Nationalstaat
3. 3. 1 Rifkins Kriterien an einen Staat
3. 3. 3 Stereotypen

4. Abschließende Gedanken

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das folgende Zitat von Immanuel Kant aus dem Jahre 1781 soll als Einstimmung auf das Thema dieser Arbeit dienen. Es wird eine um die Begriffe ´Nation´ und ´Volk´ kreisende Problematik beschrieben.

Hume meint, daß, wenn in einer Nation jeder Einzelne seinen besonderen Charakter anzunehmen beflissen ist (wie unter den Engländern), die Nation selbst keinen Charakter habe. Mich dünkt, darin irre er sich; denn die Affectation eines Charakters ist gerade der allgemeine Charakter des Volks, wozu er selbst gehört [...]1.

Es scheint, als wären sich schon Kant und Hume nicht einig darüber werden können, ob nun die einzelnen Charaktere innerhalb einer Nation den Charakter des Volkes ausmachen oder der Charakter des Volkes einen jeden Bürger prägt. Die Fragestellung ist vergleichbar mit: „Was war zuerst? Henne oder Ei?“ Hier wird nun ein weiterer Rahmen um die `Nation´ gespannt und ´Europa´ in diesem Kontext betrachtet. Im Anschluss soll abgewägt werden, ob heute, also am Anfang des 21. Jahrhunderts, Europa als vereintes Volk oder als ´Vereinte Nationen von Europa´ mit einem gemeinsamen Traum, „Dem Europäischen Traum“2, bezeichnet werden kann. Jeremy Rifkins Essay, in dem das alte, gescholtene Europa als eine Art Vorbild für die USA und die Welt präsentiert wird, soll die Grundlage vieler weiterführender Gedanken und das Kernstück dieser Arbeit sein. Anfangs den ´Amerikanischen Traum´ abstrahierend, werden Rifkins Charakteristika seines Traumes von Europa beschrieben und die Kritik beider Visionen dargestellt, um in die Thematik einzuführen.

Zur Klärung der zuvor gestellten Frer klaren Abgrenzung, bzw. einer Einigung auf bestimmte Begrifflichkeiten wie `Euage, ob Europa als eine Nation bezeichnet werden kann, bedarf es außerdem einropäische Nation` und `Europäische Gemeinschaft`, ´Nation´ und ´Nationalstaat´ oder ´Stereotyp´. Nicht nur, dass wahrscheinlich jeder Mensch gewisse Eigenschaften mit bestimmten Nationen verbindet, sondern auch, dass diese Tatsache eine weit reichende Geschichte in sich birgt, zeigt folgendes Zitat von P. L. Berckenmeyer aus dem Jahr 1731:

Die Deutschen sind jederzeit, insbesondere wegen ihrer Tapfferkeit, berühmt gewesen, daher CAROLUS V. offt soll gesagt haben: „Sein Kriegs-Heer müste haben ein Italiänisch Haupt, Spanische Schultern und Deutsche Brust und Hertzen, das übrige möchte man aus anderen Nationen nehmen“.3

Ob sich Europäer nun als Europäer oder doch eher als Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, Polen, Türken, usw. identifizieren, wird im Folgenden zu klären versucht.

2. Zu Jeremy Rifkin und seinem Traum von Europa

Als Einstieg in die Thematik werden einige Daten aus Rifkins Leben, die Abgrenzung des Amerikanischen zum Europäischen Traum und gemeinsame Grundwerte aller Europäer dienen. Dem wird sich eine vordergründige allgemeine Kritik anschließen, die man Rifkins Werk anlasten kann, um diese in folgenden Kapiteln eingehender zu analysieren.

2. 1 Jeremy Rifkins Biographie

Der Verfasser des ´Europäischen Traumes´ ist 1945 in Colorado, USA, geboren. Er ist Gründer und Vorsitzender der ´Foundation of Economic Trends´ in der US-Hauptstadt Washington und unterrichtet an der renommierten ´Wharton School´ der Universität von Pennsylvania. Daneben fungiert er als Berater diverser Regierungen und der EU- Kommission. Rifkin ist Autor zahlreicher Bücher zu gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Debatten, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland ist er vor allem durch ´Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft´ bekannt geworden. Sein hier im Vordergrund stehendes Werk, ´Der Europäische Traum´ prognostiziert den Niedergang des ´Amerikanischen Traums´. In den USA gilt Jeremy Rifkin als einer der einflussreichsten Intellektuellen im Lande.4

2. 2 Unterschiede zwischen dem Amerikanischen und dem Europ ä ischen Traum

Seinen ´Europäischen Traum´ beschreibt Rifkin als exaktes Gegenstück zum ´Amerikanischen Traum´, weshalb hier kurz die wichtigsten Unterschiede beschrieben werden. Dem amerikanischen kapitalistischen Denken und dem damit verbundenen Grundsatz: „Du bist, was du hast.“, stehen in Europa eher marxistische, kommunistische oder sozial-demokratische Interessen nach dem Motto: „Jeder bekommt, soviel er braucht“, im Vordergrund. Dem alten, in eine Sackgasse laufenden, amerikanischen Traum von Unabhängigkeit und dem wirtschaftlichen sowie persönlichen Reichtum steht der Wunsch der Europäer nach nachhaltiger Entwicklung, Lebensqualität und wechselseitiger Abhängigkeit gegenüber. Anstatt der amerikanischen Arbeitsethik, findet sich in Europa das umgekehrte Bild. In Europa wird demnach gearbeitet, um zu leben und nicht gelebt, um zu arbeiten. Der nächste feststellbare Unterschied ist, dass die Religion in Amerika noch immer eine bedeutende Rolle einnimmt. Die Europäer dagegen vertreten eine weltliche Anschauung und ihre eigene kulturelle Identität zu wahren, ist ihnen wichtig.

Zudem hat die multikulturelle Welt, in der sie leben, wenig mit dem amerikanischen Schmelztiegel gemeinsam. Vaterlandsliebe und Patriotismus sind Worte, die man eindeutig mit Amerika verbindet. Kosmopolitismus ist dagegen eher in Europa laut. Wo in Amerika der Einsatz militärischer Gewalt zur Wahrung von Eigeninteressen an der Tagesordnung steht, zögert die EU in Hinblick darauf und setzt auf Diplomatie, Wirtschaftshilfen und Frieden stiftende Maßnahmen.5

Was Rifkin selbst am Amerikanischen Traum kritisiert ist das mangelnde kollektive Bewusstsein den Mitmenschen, anderen Lebewesen und der Umwelt gegenüber. Am Europäischen Traum vermisst er den amerikanischen Positivismus. Eine Synergie beider Träume könnte seiner Meinung nach ideal für das kommende Zeitalter sein.

2. 3 Beschreibung des Europ ä ischen Traums und gemeinsamer Grundwerte aller Europ ä er

Rifkin formuliert den Europäischen Traum an mehreren Stellen des Buches. Eine seiner konkreten Beschreibungen ist folgende:

Der Europäische Traum übernimmt an dem Punkt, wo die Postmoderne sich im Sand verläuft. Auf seinen nackten Kern reduziert, ist der Europäische Traum der Versuch, einen neuen historischen Bezugsrahmen zu schaffen, der das Individuum von dem alten Unfug abendländischer Ideologien befreit und gleichzeitig das Menschengeschlecht mit einer neuen, gemeinsamen Geschichte ausstattet, die im Gewand der universellen Menschenrechte und der intrinsischen Rechte der Natur daherkommt - was wir als »globales Bewusstsein« bezeichnen. Es ist ein Traum, der uns über Moderne und Postmoderne hinaus ins globale Zeitalter führen kann. Kurz: Mit dem Europäischen Traum beginnt eine neue Geschichte.6

Zudem nennt der Autor eine Reihe gemeinsamer Grundwerte, die sich ihm zufolge über alle Länder Europas erstrecken:

1. Der Glaube an Inklusivität. Damit wird ausgedrückt, dass niemand so verarmen darf, dass er zurück bleibt. Die Gemeinschaft hat die Pflicht, solidarisch für die Ärmeren zu sorgen.
2. Der Glaube an multikulturelle Vielfalt und daran, dass jede Kultur einen wertvollen Beitrag leisten kann. Einigkeit und Vielfalt werden hier von Rifkin als Motto der EU genannt.
3. Der Glaube an ein gesundes Gleichgewicht von Arbeit und Spiel, also das zuvor bereits erwähnte Verständnis davon, dass Menschen nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben.
4. Der Auftrag soziale Rechte zu verteidigen und allgemeine Menschenrechte in der Welt zu verbreiten. Das Recht auf Krankenversicherung, Altersrente und Mutterschaftsurlaub nennt Rifkin als nächste gemeinsame Grundwerte.
5. Unterstützung für nachhaltiges Wirtschaften im Interesse der Umwelt, der Erde und der anderen Lebewesen.
6. Und schließlich der Auftrag, Frieden zu stiften.7

2. 4 M ö gliche Kritikpunkte an Rifkins Werk

Rifkin stellt uns seinen Traum von Europa vor, weshalb ihm nicht vorgeworfen werden kann, dass er neben den vielen Vorzügen, die das heutige Europa zu bieten hat, die Nachteile komplett ausblendet. Möchte man sein Werk allerdings als Lehrwerk über Europa betrachten, so finden sich einige Stellen in seinem Traum denen vordergründig folgende Tatsachen vorgeworfen werden können.

Er unterscheidet die Begriffe ´Europa´ und ´EU´ nahezu nicht, beziehungsweise bedient er sich des Wortes ´Europa´ im ausschließlichen Sinn des Begriffs ´Europäische Union´. Der nächste Punkt, den man Rifkin ankreiden kann, ist seine Beschreibung Europas als ´ein Ganzes´ und aller Europäer als gleich, obwohl er an anderen Stellen wieder zu differenzieren versucht, Begründungen für die Existenz von Nationen gibt oder einfach einzelne Nationen gesondert voneinander betrachtet. Im vorhergehenden Kapitel zeigt sich das sehr deutlich, als von Rifkin „gemeinsame Grundwerte, die sich über alle Länder Europas erstrecken“8 formuliert werden. Er bezeichnet die Europäer als „Sie“, die Amerikaner als „Wir“ und entzieht sich selbst teilweise dem Geschehen als „Ich“. Ein sehr markanter und sich durch das ganze Buch ziehender Kritikpunkt ist, dass die Wirtschaft nicht nur oft im Mittelpunkt steht, sondern alle anderen Bereiche teilweise absichtlich auf die Wirtschaft reduziert werden. Diese eindeutig wirtschaftliche Ausrichtung äußert sich zum einen darin, dass sehr viele Statistiken in die Argumentation miteingebunden werden und zum anderen darin, dass Rifkin dazu neigt wissenschaftliche Bereiche im ersten Schritt auf ökonomische zu reduzieren, um im zweiten Schritt die Ökonomie auf die Marktwirtschaft und die Bildung von Märkten zu beschränken. Auch eine unsaubere Beweisführung wird dem Autor des Europäischen Traums vorgeworfen, was zum einen mit den von ihm verwendeten Statistiken zusammenhängen muss und sich zum anderen an Auszügen wie dem Folgenden zeigt:

Einige meinten, trotz der wertebezogenen Mitgliedschaft sollte die EU auf die Länder des »historischen Europa« beschränkt bleiben. Allerdings sind die Historiker sich nicht einig, was Europa ausmacht. Geografen sagen, so etwas wie den europäischen Kontinent gibt es nicht. Doch andere sagen, Europa beginne [...].“9

Zuerst spricht Rifkin hier von „Einigen“, dann von „den Historikern“. Auch „Geografen“ spezifiziert er nicht genau und berichtet im folgenden Satz von „anderen“. Der Autor scheint sich häufig nicht festlegen zu wollen, wen er genau meint. Auch die Wahl der Begriffe ´Land´, ´Volk´, ´Nation´ oder ´Staat´ scheint im Gebrauch Rifkins oft willkürlich. Diese Problematik wird in folgendem Kapitel eingehend behandelt.

3. Abgrenzung wichtiger Begriffe

Bereits in der zeitgenössischen Literatur des 18. Jahrhunderts ist eine genaue Definition der mit ´Volk´ und ´Nation´ verbundenen Begriffe nur schwer greifbar. In der Brockhaus-Enzyklopädie wird unter dem Stichwort „Vaterland“ (= patria, Land der Väter und Vorfahren) umstandslos weiter auf „Vaterlandsliebe“ mit einem Verweispfeil auf „Patriotismus“ und von dort weiter nach „Nationalbewusstsein“ verwiesen. Das „Nationalbewusstsein“ wird gleichrangig mit „Nationalgefühl“ geführt. Allein dieser winzige, aber repräsentative lexikalische Befund ist charakteristisch für das Thema „Volk - Nation - Vaterland“. Bringt man nämlich mit „Vaterland“ (patria) die emotional getönte Dimension der „Vaterlands liebe “ in Verbindung, die ihrerseits „Patriotismus“ und „Nationalbewusstsein“ nährt, so entsteht „National gef ü hl “. Aber „National bewusstsein “ und „National gef ü hl “ können höchst unterschiedliche Inhalte und Funktionen, Intentionen und Folgen haben.10

Der Klarheit wegen wird im Folgenden eine Beschränkung auf ausgewählte, für die hiesige Fragestellung bedeutsame Begrifflichkeiten vorgenommen. Es wird der Versuch angestellt, jeden dieser Begriffe oder Begriffspaare aus einer anderen Perspektive zu beleuchten, um erstens nicht zu einsichtig zu argumentieren und zweitens die jeweils gewichtigsten Aspekte herauszuarbeiten. So erscheint es beispielsweise als sinnvoll die ´Europäische Union´ und die ´Europäische Gemeinschaft´ aus juristischer Perspektive zu betrachten, der ´Nation´ und dem ´Nationalstaat´ historisch wie politisch zu begegnen und den ´Stereotyp´ dagegen aus kultureller und sozialer Sicht zu betrachten. Mit ´Europa´ verhält es sich hier anders.

Um diesem Begriff gerecht zu werden, müsste aus jeder der genannten Perspektiven darauf geblickt werden, um zumindest einen Ansatz einer Definition formulieren zu können, weshalb im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine Einschränkung auf lediglich die geographischen Gegebenheiten Europas vorgenommen wird. Jeder der folgenden Unterpunkte wird abgerundet durch eine knappe Kritik, die man Rifkin

[...]


1 Stanzel, F. (1998) Europ ä er: Ein imagologischer Essay; 2. Aufl.; Heidelberg; S. 7

2 Rifkin, J. (2006) Der Europ ä ische Traum - Die Vision einer leisen Supermacht; Frankfurt/Main

3 Stanzel, F. (1998) a. a. O.; S. 7

4 vgl. Jeremy Rifkin - Biographie (o. J.) http://www.econ- referentenagentur.de/index.php?id=373&name=Rifkin&vorname=Jeremy; Format: pdf [25.03.2009]

5 vgl. Rifkin, J. (2006) a. a. O.; S. 9

6 Rifkin, J. (2006) a. a. O.; S. 13-14

7 vgl. Rifkin, J. (2005) ZDF German Dream - Tr ä umen f ü r Deutschland; http://www.podcast.de/episode/4313/Jeremy_Rifkin; Format: Audioaufnahme [25.03.2009]

8 Rifkin, J. (2005) ZDF German Dream - Tr ä umen f ü r Deutschland; http://www.podcast.de/episode/4313/Jeremy_Rifkin

9 Rifkin, J. (2006) a. a. O.; S. 217

10 vgl. Herrmann, U. (Hrsg.) (1996) Volk - Nation - Vaterland (Studien zum achtzehnten Jahrhundert); Bd. 18; Felix Meiner Verlag; Hamburg; S. 12

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Europäische Traum oder ein Europa der Nationalstaaten
Hochschule
Universität Regensburg  (Ost-West-Studien)
Veranstaltung
Europa – Ansichten und Einsichten
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V359478
ISBN (eBook)
9783668442702
ISBN (Buch)
9783668442719
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäischer Traum, Der amerikanische Traum, Kulturwissenschaften, Europa, USA, Rifkin, EU, Nationen
Arbeit zitieren
Sabine Stary (Autor), 2009, Der Europäische Traum oder ein Europa der Nationalstaaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359478

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