"Gewissermaßen schizophren" - Die biographische Dimension der Fischer-Kontroverse


Essay, 2004
7 Seiten, Note: keine, aber positives Feedback

Leseprobe

Die so genannte „Fischer-Kontroverse“ gilt als die „Schlüsseldebatte“[1] in der deutschen Geschichtswissenschaft der frühen 60er-Jahre. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer stritt damals mit seinen Kontrahen­ten über die Kriegsziele des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg.[2] Entgegen der bis dahin vorherrschenden Forschungsansicht vertrat Fischer die These, Deutschland sei nicht etwa gemeinsam mit den eu­ropäischen Großmächten in den Krieg „hineingeschlittert“[3], sondern habe eine aktive Kriegspolitik betrieben und expansive Kriegsziele wäh­rend des gesamten Ersten Weltkriegs verfolgt.

Über die fachwissenschaftliche Spezialdebatte hinaus wurde die Fi­scher-Kontroverse in der breiten Öffentlichkeit als eine Debatte über die Kontinuitäten in der Deutschen Geschichte wahrgenommen. Wenn das Deutsche Reich schon im Ersten Weltkrieg weitreichende Kriegsziele verfolgt hatte, die denen Hitlers im Zweiten Weltkrieg ähnelten, konnte Hitler nicht länger als ein „Betriebsunfall“[4] der deutschen Geschichte angesehen werden.[5] Bis zu Fischers Arbeit über den Ersten Weltkrieg hatte die deutsche Geschichtswissenschaft Hitler und das ‚Dritte Reich’ als außerhalb der Kontinuität der historischen Entwicklung, als eine Art ‚Ausrutscher’, betrachtet. Diese Ansicht war zum Grundkonsens der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1950er-Jahre geworden, in der das „kommunikative Beschweigen“[6] der persönlichen Vergangen­heit und der deutschen Geschichte einen festen Platz einnahm.

Fritz Fischer veröffentlichte sein Buch zu einem Zeitpunkt, als dieser Grundkonsens bereits erste Risse bekommen hatte: Der Eichmann-Prozess in Israel, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und Diskus­sio­nen um verschiedene neu veröffentlichte Bücher zwangen die Deut­schen zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Derart sensibilisiert für einen kritischeren Umgang mit der eigenen Vergangenheit, traf Fi­schers Buch – und sein anklagender Ton, der seine These vom ge­samtgesellschaftlichen Konsens innerhalb der deutschen Bevölkerung über die expansiven Kriegsziele durchzog – den Nerv seiner Zeitge­nossen.[7] Dass genau dies auch seine Absicht gewesen war, betont Fi­scher in seinem „Begleitwort“ zur Neuauflage von 1977:

„[…] vom Kaiserlichen Deutschland [sind] in den gesellschaft­lichen Formationen und ideellen Traditionen Linien oder doch Elemente der Kontinuität festzustellen […] hin zum ‚Dritten Reich’, die erst begreiflich machen, wieso dieses möglich war und kein „Betriebsunfall“ der Geschichte, wie so viele es sehen wollen.“[8]

Gegen diese von Fischer postulierte Kontinuität wehrten sich seine Gegner um den Historiker Gerhard Ritter erbittert. Bemerkenswert an der Debatte ist, dass – trotz ihres in der Hochphase aggressiven Um­gangstons – die Lebensläufe der Kontrahenten in der NS-Zeit kaum eine Rolle spielten[9].

[...]


[1] So z.B. Konrad H. Jarausch: Der nationale Tabubruch. Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik in der Fischer Kontroverse. In: Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. München 2003. S. 20-40, hier S. 21.

[2] Die aktuellste zusammenfassende Darstellung der Fischer-Kontroverse findet sich bei Immanuel Geiß: Zur Fischer-Kontroverse – 40 Jahre danach. In: Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. München 2003. S. 41-57.

[3] So eine viel zitierte Aussage des englischen Premierministers Lloyd George. Vgl. Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 2000. (Nachdruck der Sonderausgabe 1967), S. 10.

[4] Diese häufig verwendet Formulierung geht wohl auf einen Artikel von Fritz Stern im Spiegel vom 21.10.1964 zurück Fritz Stern: War der Krieg nur ein Betriebsunfall? In: Spiegel, 21.10.1964.

[5] Vgl. Krummeich, Gerd: Das Erbe der Wilhelminer. Vierzig Jahre Fischer-Kontroverse: Um die deutschen Ziele im Ersten Weltkrieg stritten die Historiker, weil man vom Zweiten geschwiegen hatte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.1999.

[6] Hermann Lübbe, zit. nach Klaus Große Kracht: Fritz Fischer und der deutsche Protestantismus. In: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 10 (2/2003). S. 224-252, S. 224.

[7] Vgl. Krummeich.

[8] Fischer, S. 11.

[9] Vgl. Krummeich.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
"Gewissermaßen schizophren" - Die biographische Dimension der Fischer-Kontroverse
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs, 1. Teil (Vergangenheitspolitik - Erinnerungspolitik - Geschichtspolitik)
Note
keine, aber positives Feedback
Autor
Jahr
2004
Seiten
7
Katalognummer
V36330
ISBN (eBook)
9783638359917
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Essay setzt sich mit der Frage auseinander, ob vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse über die Biographie Fritz Fischers und seine Karriere in der NS-Zeit die "Fischer-Kontroverse" anders betrachtet werden muss.
Schlagworte
Gewissermaßen, Dimension, Fischer-Kontroverse, Grundkurs, Teil, Erinnerungspolitik, Geschichtspolitik)
Arbeit zitieren
Helene Heise (Autor), 2004, "Gewissermaßen schizophren" - Die biographische Dimension der Fischer-Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36330

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