Diese Arbeit beschreibt und diskutiert eine zeitgenössische literarische Strömung namens "Luftwurzelliteratur", ein Konzept, das aus der Exilliteratur hervorging. Im Gegensatz zu dieser eher negativ konnotierten Richtung beschreibt sie eine moderne, positiv gestimmte, ortsunabhängige Literatur von Menschen, die nicht zwangsläufig an dem Ort leben und arbeiten, den sie als ihre Heimat beschreiben würden.
Die Arbeit beschreibt einen richtungsweisenden Ansatz zur Erfassung und Beschreibung von literarischen Strömungen anhand von ausgewählten Beispielen aus der zeitgenössischen deutschen Literatur. Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst sowohl literatur- als auch kulturwissenschaftliche Theorien ausgeführt, die für den weiteren Verlauf als Wissensbasis dienen. Im zweiten Teil soll dann der Begriff der Luftwurzelliteratur so exakt wie möglich bestimmt werden. Anhand der so aufgestellten Kriterien können dann ausgewählte literarische Werke ausgewertet werden, um schließlich im Fazit eine möglichst genaue Definition der Luftwurzelliteratur geben zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorien und Forschungsstand
2.1 Genretheorie
2.2 Interkulturelle Literaturbegriffe
2.3 Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft
2.4 Fremdheit und kulturelle Identität
2.5 Inter- und Transkulturalität
3 Das Konzept Luftwurzelliteratur
3.1 Versuch einer Definition
3.2 Begriffsfindung
3.3 Vorstellung des Sujet Verlags
4 Literaturanalysen
4.1 Deutschland-Türkei
4.1.1 Tizia Koese: Granatapfelsplitter
4.1.2 Gerrit Wustmann: Istanbul Bootleg
4.2 Frankreich-Algerien
4.2.1 Akli Tadjer: Die beste Art zu lieben
4.2.2 Abdelkader Djemaï: Gare du Nord
4.3 Deutschland – Iran
4.3.1 Mahmood Falaki: Ich bin Ausländer und das ist auch gut so
4.3.2 Schirin Nowrousian: Aus Paris Heute
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht das Konzept der sogenannten Luftwurzelliteratur, eine literarische Strömung, die primär durch den Sujet Verlag geprägt wurde. Das Ziel der Arbeit ist es, dieses bisher vage definierte Phänomen theoretisch einzuordnen, eine nähere begriffliche Bestimmung vorzunehmen und durch die Analyse ausgewählter Werke auf ihre transkulturellen Charakteristika und Identitätskonstruktionen hin zu überprüfen.
- Grundlagen der Genretheorie und interkultureller Literaturbegriffe
- Konzeptualisierung von Literatur als Teil der Kulturwissenschaft
- Untersuchung von Identitätskonstruktionen in der Literatur
- Theoretische Abgrenzung von Inter- zu Transkulturalität
- Empirische Literaturanalyse anhand ausgewählter Beispiele aus dem Sujet-Programm
Auszug aus dem Buch
3.2 Begriffsfindung
Auf der Suche nach einem passenden Oberbegriff für sein Verlagsprogramm, konnte sich Verleger Madjid Mohit nicht ohne weiteres mit einem der weiter oben genannten interkulturellen Literaturbegriffe anfreunden. Seiner Meinung nach sind Namen wie „Migrantenliteratur“ oder „Exilliteratur“ schlicht zu steif, unpoetisch und vor allem mit zu vielen negativen Konnotationen behaftet. Zu seiner Literatur passe das nicht, weil doch (wie bereits ausgeführt) vor allem auch der bereichernde Aspekt der Auswanderung im Vordergrund stehen sollte. So ließ er sich von einem Begriff inspirieren, der ursprünglich aus der Botanik stammt, jedoch in der Literatur schon seit langem mit Werten wie Freiheit, Heimat und Neuorientierung verbunden wird: Luftwurzeln.
In der Botanik kommen Luftwurzeln vor allem bei tropischen Gewächsen vor und dienen dazu, Wasser und Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen, wenn die Stammwurzeln aus dem Nährboden nicht genügend versorgt werden können. Sie bilden sich in der Luft hängend am oberen Teil der Pflanze; sobald sie jedoch lang genug werden, dass sie den Boden berühren, verwurzeln sie sich darin und bilden weitere Stämme. Eine schöne Metapher für die entwurzelte Situation der Exilschriftsteller und poetisch genug im Klang, um den kritischen Verleger zu überzeugen.
Dem Begriff zugute kommt außerdem seine Vorgeschichte in der Literatur. Bereits 1964 spricht der estnische Exillyriker Ilmar Laaban über Luftwurzeln im Zusammenhang mit der Sprache und Literatur von Exilschriftstellern:
„Der Exilautor lebt in zwei komplementären Sprachwelten. Auf der einen Seite die Sprache >wo er seine Wurzeln hat<, - aber diese Wurzeln werden vom Austrocknen bedroht; im besten Fall verwandeln sie sich zu Luftwurzeln, wie die der Mangrove. […] Auf der anderen Seite hört, spricht oder liest er täglich eine Sprache, >in der er nicht verwurzelt ist<. Versucht er sich in ihr zu verwurzeln, entstehen wieder Luftwurzeln -, aber in einer anderen Bedeutung als eben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Luftwurzelliteratur ein, erläutert die Beweggründe für das Konzept und skizziert den Aufbau der Masterarbeit.
2 Theorien und Forschungsstand: Dieses Kapitel liefert das theoretische Fundament durch die Betrachtung von Genretheorien, interkulturellen Literaturbegriffen, kulturwissenschaftlichen Ansätzen sowie Konzepten zu Fremdheit, kultureller Identität und Transkulturalität.
3 Das Konzept Luftwurzelliteratur: Hier wird der Versuch unternommen, das Konzept der Luftwurzelliteratur zu definieren, die Hintergründe der Begriffsfindung zu beleuchten und den Sujet Verlag vorzustellen.
4 Literaturanalysen: In diesem Hauptteil werden konkrete Werke verschiedener Autoren aus dem Sujet-Programm analysiert, um trans- und interkulturelle Funktionen sowie Identitätskonstruktionen zu untersuchen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Analysen zusammen und ordnet das Konzept der Luftwurzelliteratur in den aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskurs ein.
Schlüsselwörter
Luftwurzelliteratur, Sujet Verlag, Transkulturalität, Interkulturalität, Migrationsliteratur, kulturelle Identität, Exilliteratur, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Identitätskonstruktion, fremdheit, Literaturanalyse, Mehrsprachigkeit, hybride Identität, Weltliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem literaturwissenschaftlichen Konzept der sogenannten Luftwurzelliteratur, einer von dem Bremer Sujet Verlag geprägten Strömung, die Literatur von grenzüberschreitenden Schriftstellern beschreibt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verknüpft literaturwissenschaftliche Theorie mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen, um die Phänomene Migration, Identitätsfindung, Transkulturalität und das Schreiben in einer Zweitsprache zu untersuchen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die theoretische Einordnung und erste Definition des Konzepts Luftwurzelliteratur sowie dessen empirische Überprüfung anhand ausgewählter literarischer Werke aus dem Programm des Sujet Verlags.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden Methoden der interkulturellen literarischen Hermeneutik sowie Aspekte der marxistisch geprägten Kritischen Theorie angewandt, um die Texte in ihrem historischen, sozialen und kulturellen Kontext zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei regionale Analyseblöcke (Deutschland-Türkei, Frankreich-Algerien, Deutschland-Iran), in denen Werke verschiedener Autoren hinsichtlich ihrer transkulturellen Charakteristika und Identitätsinszenierungen untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben der Luftwurzelliteratur selbst auch Transkulturalität, kulturelle Identität, Migrationsliteratur und der Begriff des Dritten Raumes.
Was macht den Begriff „Luftwurzelliteratur“ so besonders?
Er ist eine metaphorische Bezeichnung, die sich ursprünglich aus der Botanik speist und den bereichernden Aspekt der Auswanderung sowie die ortsunabhängige, transkulturelle Lebenswirklichkeit der Autoren in den Vordergrund rückt.
Warum spielt der Sujet Verlag eine so zentrale Rolle in der Untersuchung?
Der Verlag und sein Verleger Madjid Mohit haben den Begriff der Luftwurzelliteratur geprägt und fungieren als institutioneller Ankerpunkt für die untersuchten Autoren, die alle in irgendeiner Form mit dem Sujet-Programm verbunden sind.
- Citar trabajo
- Pina Pohl (Autor), 2014, Luftwurzelliteratur. Darstellung und Diskussion einer literarischen Strömung anhand ausgewählter Beispiele, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365260