[...] In dieser Arbeit sollen am Beispiel des akadischen Films jene kommunikativen Prozesse beschrieben werden, die zur (Re-)Konstruktion akadischer Identität führen. Dabei wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt. Die Akadier als eine besondere französischsprachige Minderheit in Nordamerika sind genuiner Teil der frankophonen Landes- und Kulturstudien. Bei der Untersuchung von akadischen Filmen als Spiegel und Stifter akadischer Identität findet mit dem Instrument der Filmanalyse eine qualitative Methode aus dem Bereich der Kommunikationswissenschaft Anwendung. Die Betrachtung des Films als künstlerisches Medium und die Illustration jedes Kapitels mit Werken der akadischen Malerei bezieht schließlich auch den Bereich der Kunstgeschichte in die Arbeit ein. In der Untersuchung wird eine kulturwissenschaftliche Perspektive vertreten. Film ist demnach sowohl Ausdrucksform als auch Konstruktionselement von kollektiver Identität. Im Anschluß an diese Einleitung folgt das Kapitel Akadische Identität. Darin werden Schlüsselbegriffe definiert (Mythos, Gedächtnis, Symbol, Ritus, Fest, Nation), die konstituierenden Elemente akadischer Identität erklärt (Lebensraum, Geschichte, Sprache, Religion, Gesellschaft, Kultur) und die Prozesse beschrieben, die zur Entstehung von Identität führen (Kommunikation, Sozialisation, Tradierung). Anschließend wird für jedes Element von Identität einzeln dargelegt, welchen Veränderungen es im Laufe der Zeit unterworfen war (Längsschnitt). Dabei finden ausschließlich solche Ereignisse und Entwicklungen Berücksichtigung, die auch in den analysierten Filmen vorkommen. Zusammenfassend wird gezeigt, welche Ausprägungen diese Elemente in verschiedenen Epochen akadischer Geschichte angenommen haben (Querschnitt). Diese Ausführungen bilden die theoretische Grundlage für das Kapitel zum Akadischen Film. An geeigneter Stelle werden deshalb Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen von Identität sowie Verbindungen zum Thema Film hergestellt. Im Kapitel „Akadischen Film“ werden zunächst die Theorien erläutert, auf denen die zentrale Hypothese dieser Arbeit basiert: Identität erzeugt Bilder. Bilder erzeugen Identität. Anschließend wird analysiert, inwieweit die drei ausgewählten Filme die akadische Lebenswelt widerspiegeln (Film als Spiegel von Identität). Dazu werden die zuvor ausgearbeiteten Elemente akadischer Identität auf ihr Vorkommen in drei ausgewählten Filmen überprüft. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Akadische Identität
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Elemente akadischer Identität – Ces références communes qui font l‘Acadie
2.2.1 Lebensraum
2.2.2 Geschichte
2.2.3 Sprache
2.2.4 Religion
2.2.5 Gesellschaft
2.2.6 Kultur
2.3 Zusammenfassung
3 Akadischer Film
3.1 Begriffsbestimmungen und Methode
3.2 Akadische Identität im Film – L’Acadie dans le prisme du cinéma
3.2.1 « L’Acadie, c’est un monde qui se suffit » – Les Aboiteaux
I Auswertung Visueller Teil
II Auswertung Sprachlicher Teil
III Resümee
3.2.2 « L’Acadie, c’est un détail » - L’Acadie, l’Acadie?!
I Auswertung Visueller Teil
II Auswertung Sprachlicher Teil
III Resümee
3.2.3 « L’Acadie, c’est une culture » - Kacho Komplo
I Auswertung Visueller Teil
II Auswertung Sprachlicher Teil
III Resümee
3.3 Zusammenfassung
4 Ausblick: Die Zukunft des akadischen Films als Identitätsstifter
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Rekonstruktion akadischer Identität am Beispiel des akadischen Films. Ausgehend von der kulturwissenschaftlichen Hypothese, dass Identität Bilder erzeugt und Bilder wiederum Identität stiften, analysiert die Arbeit die Rolle des Films als Spiegel und Stifter kollektiver Identität innerhalb der frankophonen Minderheit in Nordamerika.
- Theoretische Grundlagen der Identitätskonstruktion und kollektiver Identität
- Analyse konstituierender Elemente: Lebensraum, Geschichte, Sprache, Religion, Gesellschaft und Kultur
- Methodik der Filmanalyse zur Untersuchung soziokultureller Prozesse
- Interdisziplinärer Ansatz unter Einbeziehung von Filmwissenschaft und Kulturgeschichte
- Zukünftige Perspektiven des akadischen Films als identitätsstiftendes Medium
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Lebensraum
Et in Arcadia ego – Ob der italienische Seefahrer und Entdecker Giovanni DA VERRAZANO (1485-1528) diesen Gedanken hatte, als er Anfang des 16. Jahrhunderts die nordamerikanische Atlantikküste erkundete, ist nicht überliefert. Überliefert ist hingegen, daß er dem östlich des heutigen Washington D.C. gelegenen Küstenstreifens den Namen „Archadia“ gab. VERRAZANO spielte damit auf das „Arkadien“ der Antike an, das damals als Inbegriff einer harmonischen, idyllischen Landschaft und Lebensweise galt – als ein Sinnbild für das irdische Paradies. In seinem Bericht an den französischen König François Ier, in dessen Namen er unterwegs war, sprach VERRAZZANO von einer Gegend „quale batezamo Archadia per la bellezza de li arbori“ - „die wir wegen der Schönheit ihrer Bäume Archadia genannt haben.“ Um seinen Auftraggeber zu ehren, nannte VERRAZZANO alle von ihm entdeckten Gebieten „Francesca“.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts setzte sich für den südlich des Saint-Lorenz-Stromes gelegenen Teil der Nouvelle France nach mehreren unterschiedlichen Schreibweisen - Arcadia, Larcadia, Arcadie, Cadie, Lacadie, Accadie - die endgültige Bezeichnung Acadie durch. Ernest Hatch WILKINS erklärt den Wegfall des Konsonanten „r“ mit dem Einfluß sprachlicher Varietäten des Französischen, z. B. dem unbetonten „r“ im Bretonischen, bzw. mit Übertragungsfehlern, z. B. beim Kopieren von Landkarten.
Andere Autoren verweisen auf den möglicherweise indianischen Ursprung der Bezeichnung Acadie. Die französischen Siedler unterhielten zu den indianischen Ureinwohnern enge wirtschaftliche, militärische und zum Teil auch familiäre Kontakte. In deren Sprachen gibt es zahlreiche Bezeichnungen für fruchtbare Gegenden mit reicher Flora und Fauna, die auf „quody“ oder „cadie“ enden. So steht „quoddy“ in der Sprache der Malécites für « endroit fertile » oder „algatig“ in der Sprache der Mic-Mac für « lieu de campement ». In den kanadischen Atlantikprovinzen haben sich diese indianischen Ursprünge in Ortsnamen wie Passamaquody, Shubenacadie und Tracadie bis heute erhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas, der zentralen Hypothese und des interdisziplinären Ansatzes zur Untersuchung akadischer Identität im Film.
2 Akadische Identität: Definition zentraler Begriffe wie Mythos und Nation sowie Detaillierung der sechs konstituierenden Elemente akadischer Identität.
3 Akadischer Film: Theoretische Begründung der Filmanalyse und Anwendung auf ausgewählte Filmbeispiele zur Untersuchung akadischer Lebenswirklichkeit.
4 Ausblick: Die Zukunft des akadischen Films als Identitätsstifter: Reflexion über die Bedeutung der neuen Medien und die Rolle des Films für die zukünftige kulturelle Selbstbehauptung.
Schlüsselwörter
Akadien, akadische Identität, kollektives Gedächtnis, Filmanalyse, Kulturwissenschaft, aboiteaux, Deportation, Le Grand Dérangement, Identitätsstifter, frankophone Minderheit, Erinnerungskultur, Nationsbildung, französischer Film, Kulturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Stiftung von Identität innerhalb der akadischen Gemeinschaft am Beispiel des akadischen Films.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der konstituierenden Elemente akadischer Identität (wie Sprache, Geschichte und Lebensraum) und deren Reflexion in filmischen Werken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie der akadische Film als Spiegel der Lebenswirklichkeit fungiert und inwiefern er aktiv zur Identitätsstiftung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet die qualitative Filmanalyse nach Thomas KUCHENBUCH, um audiovisuelles Material systematisch in Teilbereiche zu gliedern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Nach der theoretischen Definition von Identität folgt die detaillierte Analyse dreier Filme, die unterschiedliche Epochen akadischer Geschichte repräsentieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Akadien, kollektives Gedächtnis, Identitätsstifter, Filmanalyse, Erinnerungskultur und Frankophonie.
Welche besondere Bedeutung kommt den "aboiteaux" zu?
Die aboiteaux werden als zentrales Symbol und Gedächtnisort interpretiert, das vom Überlebenswillen der ersten Siedler und der kollektiven Arbeitsweise der Akadier zeugt.
Warum ist der Film "L’Acadie, l’Acadie?!" für die Forschung relevant?
Der Film gilt als zentrales Referenzwerk für das "Akadische Erwachen" und verdeutlicht exemplarisch den Prozess des Übergangs von erlebter Geschichte zum kollektiven Bewusstsein.
- Citar trabajo
- Thomas Scheufler (Autor), 2003, J'avons 400 ans - Akadische Identität im Spiegel des akadischen Films, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36604