Die Ahmadiyya. Eine moderne Form des Islam zwischen Reform und Fundamentalismus


Seminararbeit, 2016
28 Seiten, Note: 15 Punkte

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Fundamentalismus ist Reform

3 Kurze Zusammenfassung der islamischen Glaubenslehre

4 Die Ahmadiyya
4.1 Struktur und Glaubenssätze der Ahmadiyya
4.2 Autoritär und gegen die Glaubenssätze - Spaltung der Ahmadiyya

5 Die Salafiyya
5.1 Glaubenssätze und Ideologie der Salafiyya
5.2 Vergleich zwischen Ahmadiyya und Salafiyya

6 Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1 Einleitung

In unserer heutigen Gesellschaft ist die Islamkritik weit verbreitet und es kommt immer wieder die Forderung auf, dass der Islam sich, wie vor 500 Jahren das Christentum reformieren müsse, bevor man sinnvoll mit ihm reden könne. Vor zwei Jahren, als ich im Rahmen eines Schüleraustausches mit Israel die Stadt Haifa besuchte, lernte ich die Bewegung der Ahmadiyya Muslime kennen, welche uns als moderne Muslime vorgestellt wurden, die den gewaltsamen Jihad komplett ablehnen. In einem Vortrag, den wir in einer dortigen Moschee dieser Gemeinde besuchten, stellten sie sich als Reformer des Islams dar. Auch während meiner Nachforschungen begegnete mir diese Gemeinschaft oftmals mit den Worten, dass es sich bei ihnen um einen reformierten Islam handelte. Ein Anhänger dieser Begegnung entgegnete mir:

Die Ahmadiyya Bewegung ist eine Reformation wie sie Jesus Christus bei den Juden durchführte. Als sie grausam und kalt wurden, kam er als Messias und predigte Liebe und Vergebung. (Nach einem Interview mit Q. A., übersetzt durch den Verfasser)

Im Rahmen der öffentlichen Diskussionen und der Kritik, welcher der Islam in unserer Zeit ausgesetzt ist, entschloss ich mich, mehr über sowohl über die Grundzüge des Islams, als auch über diese Gemeinschaft herauszufinden. Zuallererst muss jedoch geklärt werden, was unter dem Begriff Reform zu verstehen ist, wobei ich gleichzeitig den Begriff Fundamentalismus erklären und mit diesem vergleichen werde. Hierauf werde ich den Islam im Allgemeinen beschreiben, indem ich seine grundlegenden Glaubenssätze beschreibe und mich kurz zur Kopftuch-Thematik äussere. Darauf folgend skizziere ich den historischen Umfang und die wesentlichen Glaubenstheorien der Ahmadiyya und der Salafiyya, um diese schließlich miteinander vergleichen zu können. Am Ende werde ich, basierend auf den genanten Punkten, eine Antwort auf die Problemstellung „Die Ahmadiyya - Zwischen Reform und Fundamentalismus“ geben.

Auch wenn ich versuchen werde, die islamischen Lehren soweit wie möglich zusammenzufassen, ist es mir nicht möglich, eine genaue Abhandlung über den Islam und seine unzähligen Glaubensrichtungen zu verfassen, weshalb ich mich lediglich auf den Islam im Allgemeinen und nicht auf seine einzelnen Gruppierungen eingehen. Auch in Bezug auf die Ahmadiyya und die Salafiyya werde ich lediglich auf die wesentlichen Glaubenslehren und auf die gesellschaftlichen Aspekte dieser Gruppierungen eingehen, während ich hier aufgrund ihrer Überschaubarkeit die jeweiligen Untergruppen kurz beleuchten werde.

Weiterhin ist mir während meiner Materialsuche aufgefallen, dass es zwar Unmengen an Büchern und Abhandlungen über den Islam gibt, jedoch wenige über die Ahmadiyya im Speziellen und diese hauptsächlich in englischer Sprache, wie das Buch „Islam and the Ahmadiyya Jamat. History, Belief, Practice“ von Simon Ross Valentine. Deshalb stütze ich mich auf die offiziellen Seiten der jeweiligen Gruppierungen, um hieraus ein Selbstportrait dieser zu erstellen. Weiterhin habe ich mich um ein Interview mit einem der Imame der Lahore Ahmadiyya Bewegung in Berlin bemüht, doch leider keine Rückmeldung auf meine Terminvorschläge bekommen. Trotz dieser dürftigen Materiallage, wage ich mich an dieses komplizierte und zugleich hoch interessante Thema und versuche im jetzt folgenden Hauptteil meiner Arbeit darzustellen, inwieweit es sich bei dieser Bewegung um eine Reformation des Islams handelt.

2 Fundamentalismus ist Reform

In der deutschen und europäischen Geschichte wird das Wort Reform durchweg mit positiven Attributen assoziiert. Dies lässt sich unter anderem dadurch begründen, dass die meisten Reformen in der europäischen Geschichte einen Wechsel im Gleichgewicht der Mächte, einschließlich einer Stärkung der vorher schwächeren Schicht zur Folge hatten. Diese führten in den meisten Fällen zu mehr Macht für die nicht-adeligen Schichten, sei es durch die Entwicklung der Attischen Demokratie oder die Einführung der Bill of Rights. Ferner gab es in jeder bürgerlichen Revolution, beispielsweise von 1789 in Frankreich oder von 1848 in Deutschland, die Forderung nach Reformen, welche dazu dienen sollten, die Macht der führenden Schichten teilweise oder ganz auf sämtliche Schichten zu verteilen. Weiterhin färbt Martin Luthers Reformation dieses Wort, da dieser in seiner Reformation die Bevölkerung auf die Missstände in der Katholischen Kirche hinweisen wollte und eine Reform der Kirche forderte, um diese zu beseitigen.

All das führt zu der genannten positiven Assoziierung mit dem Wort Reform. Dieses stammt aus dem Lateinischem und bedeutet Neuordnung oder Umgestaltung. (vgl. www.bpb.de 24.09.2016a) Im politisch-gesellschaftlichen Sinne bezeichnet dies eine bewusste und planmäßige Umgestaltung und Veränderung der bestehenden Systeme. (vgl. NOHLEN & SCHULTZE 2010a, S. 893) Dies bedeutet, dass eine Reform weder positive noch negative Veränderungen zur Folge haben muss. Ein Wandel eines demokratischen Staates in einen diktatorisch regierten Staat hätte somit ebenfalls eine politische Reform durchwandert, obwohl dies den in der Allgemeinheit verbreiteten freiheitlichen Ideen in Bezug auf Reformen widersprechen würde.

Auch der Fundamentalismus ist eine Art der Reform. Eine fundamentalistische Bewegung kennzeichnet sich durch ihr Festhalten an politischen und religiösen Grundsätzen. Im religiösen Sinne lässt sich dies durch eine wörtliche Auslegung der heiligen Schriften erkennen, welche keinen Raum für Interpretationen lässt. (vgl. www.bpb.de 24.09.2016b) Weiterhin charakterisiert sich eine solche Bewegung durch einen absoluten Wahrheitsanspruch ihrer eigenen Ideologie, was häufig in Ausgrenzung anderer Gruppen resultiert.

Fundamentalistische Bewegungen entstehen meist durch einen rasanten Anstieg der Individualisierung einer Gesellschaft, was zu Identitätsverlust und der darauffolgenden Suche nach einer neuen Identität und einem neuen Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft führt. Sie bilden ein Gegenstück zu diesen neuen individualisierten Gesellschaften, indem sie eine Rückkehr zu den alten Werten propagieren, welche in der Regel eine Verstärkung der religiösen Gemeinschaft einbeziehen. (vgl. NOHLEN & SCHULTZE 2010b, S. 286) Dies verleiht einer solchen Bewegung gleichzeitig einen reformierenden Charakter, da es sich um eine bewusste und dramatische Neuordnung des bestehenden Systems handelt. Zwar besteht diese Bestrebung hauptsächlich aus der Forderung nach einer Rückkehr zu alten Werten, dennoch steht dies nicht in Kontrast zu der Behauptung, es handele sich beim Fundamentalismus um eine Bewegung, welche für Reformen im jeweiligen System eintritt.

3 Kurze Zusammenfassung der islamischen Glaubenslehre

In vielen Kommentaren aus Internetforen kann man erkennen, dass das Wissen über den Islam sehr allgemein und oftmals fehlerhaft ist. Das Wissen über den Islam reicht meistens nicht weiter, als dass man in Moscheen beten muss, dass Terroristen sich auf diesen beziehen und dass Frauen Kopftücher tragen müssen. Gleich am Anfang möchte ich dazu erklären, dass weder im Koran noch in einem anderen heiligen Buch des Islam das Tragen eines Kopftuchs direkt als Verpflichtung aufgezeichnet wird. Zwar sagt der Koran, dass die Frauen ihre Scham bedecken sollen. Dies wird einerseits je nach Interpretation als eine Aufforderung an die Frau verstanden, sich komplett zu verschleiern. Andererseits ist dies nicht direkt ausformuliert und es wird lediglich von einer Bedeckung der eindeutig sexuell anreizenden Körperstellen gesprochen. (vgl. HENNING 1983, S. 311)

Mir sind des Weiteren oft Personen begegnet, die der Meinung waren, dass im Islam das Töten erlaubt und sogar verlangt wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, was allein schon im Namen deutlich wird.

Islam stammt ab von der Arabischen Wortwurzel s-l-m, von der sich sowohl die Wörter Aslam und Salam ableiten. Diese bedeuten zum einen die Unterwerfung vor Gott und zum andern auch Frieden. Darauf basiert, wie in seinen Vorgängerreligionen auch, der Glaubensinhalt des Islam, der im Allgemeinen aus Friedfertigkeit, Toleranz und Vergebung besteht. (vgl. BOSWORTH et al. 1997, S. 171)

Der Glaube und die Kultur des Islam basieren auf dem Koran und den Hadithen, welche die Aussagen und Handlungen Mohammeds beschreiben und zusammen mit dem Koran die Scharia bilden. In diesen wird zwischen dem Glauben an sich und dem tatsächlichen Islam unterschieden. Während der Glaube lediglich den Glauben an Allah, an das heilige Buch, an die Engel und an die Auferstehung beschreibt, wird der Islam durch die Fünf Säulen ergänzt. Diese bestehen aus der SchahOda, dem SalOt, der ZakOt, dem Saum, und der Haddsch. (vgl. www.islamicbulletin.org 07.06.2016) Die SchahOda bezeichnet das Glaubensbekenntnis, dass Allah der einzige Gott und Mohammed sein Prophet sei. Es besitzt einen hohen Stellenwert im Islam, da sich der Sprechende einerseits zum Glauben an Allah und andererseits zum Glauben an Mohammed und somit auch zu seinen Schriften bekennt. Weiterhin dient es dazu, sich eindeutig zum Islam zu bekennen und muss bei jeder Konvertierung vor zwei Zeugen ausgesprochen werden. (vgl. ebd. 07.06.2016) Der Monotheismus und die Einigkeit Allahs sind die wichtigsten Eigenschaft im Islam und jegliche Form des Polytheismus und das Anbeten von Götzen wird als größtmögliche Sünde betrachtet, da Allah laut dem Koran jede Sünde mit Ausnahme dieser vergibt. (vgl. HENNING 1983, S. 112) Als SalOt werden die fünf täglichen Gebete bezeichnet, welche vor Sonnenaufgang, zur Mittagszeit, am Nachmittag, vor dem Sonnenuntergang und vor dem Einbruch der Nacht erfolgen müssen. Sie dienen dazu, die Seele zu reinigen und sollen auf spirituell reinem Boden mit dem Gesicht der Kaaba Mekka zugewandt verrichtet werden. (vgl. www.islamicbulletin.org 07.06.2016) Die ZakOt kann als Hilfestellung betrachtet werden und bezeichnet eine verpflichtende Almosengabe, welche je nach Region, Einkommen, Beruf und anderen Faktoren eine unterschiedliche Höhe beträgt. Sie dient in erster Linie der finanziellen Unterstützung von Bedürftigen jeglicher Art, kann aber auch zur Finanzierung des Jihads verwendet werden. (vgl. ebd. 07.06.2016) Saum wird das Fasten im Monat Ramadan bezeichnet. (vgl. ebd. 07.06.2016) In diesem wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht gegessen, nicht getrunken und Enthaltsamkeit geübt. Der Ramadan gilt als der Monat, in welchem Mohammed die Rede Gottes, also den Koran, vom Erzengel Gabriel in Empfang genommen hat. Somit bilden das Fasten und die daraus folgende Enthaltsamkeit ein Zeichen der Rettung durch den Koran und die Gottesfurcht. (vgl. HENNING 1983, S. 60)

Schließlich bezeichnet die Haddsch die Pilgerfahrt zur Kaaba in Mekka, welche als Haus Gottes gilt und welche jeder Moslem, der dazu in der Lage ist, mindestens einmal im Leben verrichten muss. (vgl. www.islamicbulletin.org 07.06.2016)

Laut den Hadithen bilden diese Fünf Säulen die einzigen mehrmals nach Gesetze und Gebote des Islams, dadiesen Geboten gefragt wird und es nach jedem Wiederholen der genannten Gebote heißt: "Ich werde nicht mehr und nicht weniger als dies tun." (ebd. 07.06.2016)

Dies steht jedoch im Gegensatz zu Qußerungen im Koran. Mit dem Glaubensbekenntnis bekennt sich der Moslem zu den Qußerungen Mohammeds und somit auch zum Koran. In diesem heißt es, dass man an Gottes Schriften und Propheten glauben soll. Diese schließen nicht nur den Koran und Mohammed, sondern auch die Schriften und Propheten der Juden und Christen mit ein, da diese im Koran als Vorgänger der Moslems bezeichnet werden. Hierdurch ergeben sich zahlreiche weitere Gebote, welche allgemein im Islam anerkannt und gelehrt werden. (vgl. HENNING 1983, S. 114)

Weiterhin geht daraus hervor, dass Mohammed sich und seine Anhänger als

Anhänger eines alten erneuten Glaubens sah. Dies wird vor allem durch das sich wandelnde Verhältnis zu den Christen und Juden deutlich. Anfangs bezeichnet der Koran die Christen und Juden als Anhänger desselben Gottes und auch Mohammeds Meinung über sie war anfangs positiv. (vgl. HENNING 1983, S. 44f.) Dies schlug jedoch ins Negative um, da sie sich weigerten, den Islam als Glauben anzunehmen und somit von ihm als Abtrünnige bezeichnet wurden. (vgl. HENNING 1983, S. 126ff.)

4 Die Ahmadiyya

4.1 Struktur und Glaubenssätze der Ahmadiyya

Genau wie in den Hauptströmungen des Islam bekennt sich die Ahmadiyya zu den fünf Säulen und sechs Glaubenssätzen des Islam. (vgl. AHMAD 1993, S. 34) Fernher bezeichnet sie sich als den „wahren Islam“ (vgl. VALENTINE 2008, S. 147) und als dem Urislam gleichbedeutend. (vgl. AHMAD 1993, S. 33)

Im Gegensatz zu diesem bekennt sich die Ahmadiyya zu den Schriften des Hadrat Mirza Ghulam Ahmad, welchen sie als den im Koran versprochenen Messias und Mahdi sehen. Dieser wurde 1835 in Qadian, damals British-Indien geboren, war jedoch erst ab seinem 41. Lebensjahr religiös aktiv. (vgl. www.alislam.org 25.09.2016a) In diesem Jahr hatte er seine ersten Visionen, welche ihn dazu leiteten, sich 1891 als den versprochenen Messias und Mahdi Allahs zu sehen und zu proklamieren. (vgl. www.ahmadiyya.de 25.09.2016a) Bis zu seinem Todestag schrieb er zahlreiche religiöse Texte und war missionarisch aktiv. (vgl. www.alislam.org 25.09.2016a) Unter den Texten war auch das Treuegelöbnis der Ahmadiyya, genannt Bai'at, zu welchem sich jeder neueintretende Konvertit bekennen muss und welches zusammengefasst ein erneutes Bekenntnis zu den Geboten des Islams beinhalten. (vgl. www.alislam.org 25.09.2016b) Das Motto der Qadiani Ahmadiyya Bewegung lautet „Liebe für alle - Hass für niemanden“ (vgl. AHMAD 1993, S. 38), welches das eindeutige Bekenntnis zu Toleranz und Menschenrechten und die Distanzierung von Fundamentalismus und Terrorismus unterstreicht. (vgl. ebd., S. 34) Ungewöhnlich im Vergleich zu den Hauptströmungen des Islams und im Kontrast stehend zum westlichen Bild dessen ist die eigene Auslegung des Jihads wie er im Koran steht. Dieser lässt sich in den kleinen, den mittleren und den großen Jihad unterteilen, wovon lediglich der kleine Jihad zu Gewalt aufruft, jedoch nur im Falle der Selbstverteidigung. Als mittleren Jihad bezeichnet man den Versuch, den Islam in der Welt durch Mittel der Sprache und der Schrift zu verbreiten. Schließlich bezeichnet der große Jihad den Kampf mit sich selbst im Bemühen, immerzu gottesfürchtig und auf dem rechten Weg zu bleiben.

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Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Ahmadiyya. Eine moderne Form des Islam zwischen Reform und Fundamentalismus
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V366355
ISBN (eBook)
9783668455627
ISBN (Buch)
9783668455634
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ahmadiyya, Reformation, Fundamentalismus, Salafiyya, Islam, Islamkritik, moderne Muslime, Religion, Glauben
Arbeit zitieren
Marvin Bielicki (Autor), 2016, Die Ahmadiyya. Eine moderne Form des Islam zwischen Reform und Fundamentalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366355

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