Diese Arbeit soll eine kurze, aber für die Zukunft Brasiliens richtungweisende Phase der jüngeren Zeitgeschichte analysieren, vor allem die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Themenschwerpunkt ist es, das komplexe Zusammenspiel zwischen der turbulenten inneren Entwicklung Brasiliens in den Dreissiger Jahren und die vor allem durch das faschistische Italien und das Dritte Reich hineingetragenen ideologischen und mitunter subversiven Einflüssen detailliert darzustellen.
Einleitend gebe ich eine kurze Retrospektive auf Brasiliens deutlich bescheidenere Rolle im Ersten Weltkrieg, „überspringe“ die 1920er Jahre, um mit der ausführlichen Darstellung der „ersten Machtübernahme“ durch Getúlio Vargas 1930 darzustellen, wie stark die innenpolitischen Spannungen zu dieser Zeit in Brasilien gewesen sind.
In dem von sozialen und wirtschaftlichen Krisen geschüttelten Land standen einander viele verschiedene ideologische Gruppierungen - oft feindlich - gegenüber, die sich in gewisser Weise gegenseitig neutralisierten: Kommunisten, Integralisten und die Anhänger der Aliança Liberal. Vor den Wahlen im Jahr 1937 herrschte eine gewisse Orientierungslosigkeit, die auch ein Machtvakuum war.
Es wird genauer zu zeigen sein, wie geschickt Vargas es verstand, hieraus seinen Aufstieg zum Alleinherrscher durchzusetzen.
Wie er sich der - seit Niederschlagen der Kommunistischen Erhebung im Jahre 1935 - stärksten politischen Kraft, der Integralisten bediente, deren Partei, die „AIB“, für seinen Aufstieg benutzte, um sie danach einfach fallen zu lassen.
Das Ergebnis ist eine speziell brasilianische Form autoritärer Herrschaft, der „Estado Novo“.
Inhaltsverzeichnis
1. Brasiliens Lage und Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg
2. Vorgeschichte und Hintergründe der Revolution von 1930
2.1. Anspruch und Wirklichkeit der Revolution
2.2. Die Panamerikanischen Konferenzen von Santiago de Chile 1923 über Havanna 1928 bis Montevideo 1933 – Brasilien will vermitteln
2.3. Argentinien und Brasilien – ein schwieriges Verhältnis bessert sich
2.4. Die wirtschaftliche Lage
3. Der Estado Novo – Brasiliens Weg in die Diktatur
3.1. Grundzüge und Aufbau des Estado Novo
3.2. Die neuen Bande zu den totalitären Systemen Europas
3.3. Vargas Putsch und die Anfänge seines neuen Regimes
3.3.1. Innenpolitische Reaktionen
3.3.2. Verschiedene Meinungen zum Estado Novo im Ausland
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die politische Entwicklung Brasiliens nach dem Ersten Weltkrieg, mit besonderem Fokus auf den Aufstieg und die Etablierung des Estado Novo unter Getúlio Vargas sowie die damit verbundenen außenpolitischen Weichenstellungen und diplomatischen Herausforderungen im Kontext der Weltwirtschaftskrise und totalitärer Tendenzen in Europa.
- Politische Transformation Brasiliens: Von der Ersten Republik zum Estado Novo.
- Die Rolle der Aliança Liberal und die Revolution von 1930.
- Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die brasilianische Wirtschafts- und Außenpolitik.
- Brasiliens diplomatische Positionierung im panamerikanischen Kontext und gegenüber europäischen Diktaturen.
- Die Ideologie und Machtstruktur des Integralismus sowie dessen Instrumentalisierung durch das Vargas-Regime.
Auszug aus dem Buch
3.1. Grundzüge und Aufbau des Estado Novo
Zum Zeitpunkt des Putsches im November 1937 hielt Vargas eine Rede an die Nation und präsentierte sich selbst als Retter dieser. In pathetischer Überhöhung, ja in geradezu missionarischem Eifer, betonte er, die Verantwortung für Brasilien zu übernehmen, sei geradezu die Erfüllung seines Schicksals. Ob Anklänge an Hitlers für sich reklamierte „Vorsehung“ Absicht waren oder nicht, muss dahingestellt bleiben.
Erstmals erwähnt wurde der „Estado Novo“ in zwei Reden Salazars am 28. Mai und 30. Juni des Jahres 1930, der seine von Vargas abweichenden Vorstellungen eines klerikal-autoritären Ständestaates schon 1933 in Portugal verwirklicht hatte.
Vargas eigener Einschätzung zufolge war der Putsch auch notwendig, da die politische Situation Brasiliens durch „Armut und Chaos“ gezeichnet war. Als Beispiel nannte er die Präsidentschaftswahlen, bei denen nur Opportunisten ins Rennen gegangen seien, die lediglich leere Versprechungen gegeben und die aktiven Kräfte des Landes gebremst hätten. Dadurch würden die freien Stimmen nur als Instrument dieser Gruppen missbraucht.
Er sprach sich auch gegen neue und alte Parteien aus, da sie nur ihre eigenen Interessen oder die ihrer Klientel verfolgen würden. Auch seien ihre Programme ohne echte Inhalte. Mit dieser Aussage gegen die Parteien läutete er einen Feldzug zu deren Vernichtung ein. Bald wurde jede politische Betätigung in Brasilien untersagt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Brasiliens Lage und Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg: Das Kapitel beleuchtet die außenpolitische Ausgangslage Brasiliens nach dem Ersten Weltkrieg, die durch eine neutrale Haltung und eine Annäherung an die USA sowie eine wirtschaftliche Neuorientierung geprägt war.
2. Vorgeschichte und Hintergründe der Revolution von 1930: Hier werden die Ursachen für das Ende der Ersten Republik und den Aufstieg von Getúlio Vargas analysiert, wobei insbesondere das Scheitern wirtschaftlicher Stabilisierungsversuche im Fokus steht.
3. Der Estado Novo – Brasiliens Weg in die Diktatur: Das Hauptkapitel beschreibt die Etablierung des diktatorischen Estado Novo, dessen ideologische Grundlagen und die strategische Ausschaltung politischer Konkurrenten.
Schlüsselwörter
Brasilien, Getúlio Vargas, Estado Novo, Revolution 1930, Außenpolitik, Panamerikanismus, Integralismus, Ação Integralista Brasileira, Weltwirtschaftskrise, Diktatur, Totalitarismus, Nationalismus, Oswaldo Aranha, Wirtschaftspolitik, Diplomatie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Entwicklung Brasiliens zwischen den Weltkriegen, insbesondere den Übergang in die Vargas-Diktatur und die außenpolitische Positionierung des Landes in dieser turbulenten Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der innenpolitischen Transformation unter Getúlio Vargas, der wirtschaftlichen Krise, dem Aufstieg faschistischer Strömungen und der diplomatischen Vermittlerrolle Brasiliens zwischen den USA und Europa.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Motive und Methoden der Machtübernahme von Vargas sowie die Widersprüche zwischen demokratischen Verfassungsansprüchen und autoritärer Wirklichkeit im Estado Novo aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-politologische Untersuchung, die auf der Analyse zeitgenössischer Dokumente, Reden und wissenschaftlicher Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Etablierung des Estado Novo, die Manipulation der öffentlichen Meinung durch den "Cohen-Plan" und die strategische Instrumentalisierung verschiedener politischer Kräfte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Estado Novo, Getúlio Vargas, Integralismus, Panamerikanismus, Autoritarismus und die wirtschaftliche Transformation Brasiliens in den 1930er Jahren.
Welche Rolle spielte der sogenannte "Cohen-Plan"?
Der Cohen-Plan war ein gefälschtes Dokument über einen angeblichen kommunistischen Putschversuch, das Vargas dazu nutzte, den Ausnahmezustand zu verlängern und den Boden für seine autoritäre Machtübernahme zu bereiten.
Wie verhielt sich Brasilien gegenüber dem Integralismus?
Vargas nutzte die Integralisten (AIB) zunächst als Steigbügel für seine Machtübernahme, verbot sie jedoch kurz nach der Etablierung des Estado Novo, um eine Konkurrenz zu seiner eigenen Herrschaft auszuschließen.
Warum wird Vargas oft mit dem "Caudillismo" in Verbindung gebracht?
Der Begriff beschreibt eine spezifisch lateinamerikanische Form der autokratischen Führung durch eine charismatische Einzelperson, die in Zeiten politischer Instabilität die Macht monopolisiert, was auf Vargas' Regierungsstil zutrifft.
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- Nicolas Forster (Autor), 2017, Die Politik Brasiliens nach dem 1. Weltkrieg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366367