„Die glückliche Liebe hat in der abendländischen Kultur keine Geschichte“, konstatiert der Schweizer Kulturhistoriker Denis de Rougement. Dieser Aussage kann man durchaus widersprechen, denn es gibt sehr wohl Geschichten einer glücklichen Liebe in unserer Kultur, und das bereits seit dem Mittelalter. Die Eneasromane, die inhaltlich an Vergils Aeneis angelehnt sind, erweitern die Geschichte der Gründung Roms um den Aspekt der Liebe, der bei Vergil nicht so ausführlich behandelt wird. Sowohl der Eneasroman Heinrichs von Veldeke, als auch der früher verfasste Roman d’Eneas , dessen Autor leider nicht bekannt ist, räumen den Minne-Episoden erheblichen Platz ein. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Minne-Thematik zu einem Hauptthema entwickelte bei der Betrachtung der Eneasromane.
Bereits Gottfried von Straßburg sagt in seinem Tristan über Veldeke: „wie wol er sang von minnen!“ und soll mit dieser Einschätzung nicht alleine bleiben, denn
„Heinrichs von Veldeke im 12. Jahrhundert entstandener Eneasroman gilt der Forschung von jeher als paradigmatischer Text, wenn es um die ihm impliziten Konzeptionen von Liebe und damit verbunden von Liebesentstehung geht.“
Ob Veldeke diesen Ruhm tatsächlich verdient, bleibt zu überprüfen, da sein ER, auch in den Minne-Episoden, schließlich die Handlung des RdE zugrunde liegen hat. Ob und inwiefern Veldeke hier von seiner französischen Vorlage abweicht, soll in dieser Arbeit durch einen Vergleich der beiden Minne-Episoden dargestellt und, wo dies möglich ist, begründet werden.
Die Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die beiden Minne-Episoden im RdE und im ER kontrastiv gegenüberzustellen, und strebt daher einen doppelten Vergleich an. Es soll hauptsächlich um die unterschiedliche Gestaltung der Dido- und der Lavinia-Minne gehen, die Eneas-Minne wird jedoch der Vollständigkeit wegen auch berücksichtigt. Abschließend soll eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse Aufschluss darüber geben, inwieweit Veldeke sich an die Vorgaben des RdE gehalten hat und wo er selbst kreativ am Werk war.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Darstellung der Minne im Roman d’Eneas und im Eneasroman
1. Entstehung der Minne
1.1 Die Dido-Minne
1.2 Die Lavinia-Minne
1.3 Die Eneas-Minne
2. Symptome der Minne
2.1 Liebe als Krankheit
2.2 Schlaflosigkeit
2.3 Weitere Symptome
III. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kontrastiv die Darstellung der Minne-Episoden in den Eneasromanen Roman d'Eneas und Heinrich von Veldekes Eneasroman. Das primäre Ziel ist die Analyse der unterschiedlichen Konzepte von Liebesentstehung und der damit verbundenen körperlichen sowie seelischen Symptome, um die kreativen Abweichungen Veldekes von seiner französischen Vorlage aufzuzeigen.
- Vergleich der Entstehung der Minne bei Dido, Lavinia und Eneas.
- Untersuchung der Rolle von Magie versus Rationalisierung durch das Medium Schrift.
- Analyse des "Merkmalskatalogs" der Minne-Symptome als Ausdruck von Liebeskrankheit.
- Kontrastierung der mythischen vs. allegorischen Darstellung der Liebesgötter.
- Herausarbeitung der Positionierung Eneas' hinsichtlich seiner Schuldfähigkeit durch die Liebe.
Auszug aus dem Buch
2.1 Minne als Krankheit
Durch das Zusammenspiel von Seele und Körper wird die Unsagbarkeit der Liebe aufgehoben. Denn durch das Wissen um die krankhaften Symptome von Minne und deren Beschreibung, wird es tatsächlich möglich, Liebe in Worte zu fassen. Dieser ‚Merkmalskatalog‘ beinhaltet jedoch lediglich theoretisches Wissen. Somit wird Minne lehr- und lernbar, und das Wissen kann von Generation zu Generation weitergegeben werden. Verdeutlicht wird dieses Konzept der Wissensweitergabe sowohl im RdE als auch im ER durch das Minnegespräch zwischen Lavinia und ihrer Mutter Amata.
-Dites le mei, - Sagt es mir,
que est amors ? Nel sai par fei.- was ist Liebe ? Ich weiß es wahrhaftig nicht.-
„Ge nel te puis neient descrire.“ „ Ich kann sie dir keineswegs beschreiben.“
-Qu’en savrai donc, se ne l’oi dire ?- - Was werde ich dann darüber erfahren, wenn man es mir nicht sagt?
„Tes cuers t’aprendra a amer.“ „ Dein Herz wird dich lehren zu lieben.“
-Se nen orrai altrui parler ?- - Wenn ich aber andere nicht davon reden hören werde ?-
„Tu nel savras ja par parole.“ „ Du wirst es gewiss nicht durch Worte erfahren.“
(RdE, V. 7889-7895)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die literaturhistorische Bedeutung der Eneasromane und formuliert die Zielsetzung eines Vergleichs zwischen dem französischen Roman d’Eneas und Heinrich von Veldekes Eneasroman.
II. Die Darstellung der Minne im Roman d’Eneas und im Eneasroman: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die Entstehung der Minne (bei Dido, Lavinia und Eneas) sowie die auftretenden Krankheitssymptome der Liebenden in beiden Werken.
III. Konklusion: Das Fazit fasst die wesentlichen Unterschiede zusammen, insbesondere die von Veldeke vorgenommene Remythisierung sowie die variierende Rolle der Magie und der Schrift als Auslöser der Minne.
Schlüsselwörter
Eneasroman, Roman d'Eneas, Heinrich von Veldeke, Minne, Liebesentstehung, Liebeskrankheit, Merkmalskatalog, Symptome, Magie, Allegorese, Remythisierung, Dido, Lavinia, Eneas, Literaturvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die literarische Darstellung der Liebe (Minne) in den mittelalterlichen Eneasromanen und vergleicht dabei das französische Original mit der deutschen Bearbeitung durch Heinrich von Veldeke.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen die Entstehungsprozesse von Minne bei den Protagonisten sowie die detaillierte Beschreibung der als krankhaft empfundenen Symptome, die mit der Liebe einhergehen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Veldeke die französische Vorlage adaptiert, modifiziert oder durch eigene erzählerische Akzente, wie etwa die Remythisierung, weiterentwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine kontrastive Textanalyse an, bei der ausgewählte Textstellen aus beiden Werken direkt gegenübergestellt und anhand fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Minne-Entstehung bei Dido, Lavinia und Eneas sowie eine systematische Aufarbeitung des Symptomkatalogs der "Minne-Krankheit".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Minne, Liebeskrankheit, Merkmalskatalog, Remythisierung, Magie und die spezifischen Charaktere Dido, Lavinia und Eneas.
Warum spielt die Rolle der Magie eine so zentrale Rolle in den untersuchten Werken?
Die Magie dient dazu, die im höfischen Kontext oft als problematisch oder "sündig" empfundene Leidenschaft zu legitimieren und sie als eine von außen einwirkende, schicksalhafte Macht darzustellen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Eneas' Rolle in beiden Werken?
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Schuldfähigkeit des Helden: Während er im französischen Werk stärker in das Liebesgeschehen verstrickt ist, wird er bei Veldeke durch narrative Kniffe entlastet, da er die Symptome erst erkennt, als er selbst von der Liebe getroffen wird.
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- Kathrin Vogler (Autor), 2015, Die Darstellung der Minne im "Roman d'Eneas" und im "Eneasroman", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366479