Die Printmedienkrise in Deutschland und Österreich. Eigenverschuldung oder natürliche Entwicklung?


Seminararbeit, 2015
45 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Definitionen zentraler Begriffe
2.1.1 Definitionen „Medien“, „Politik“ und „Medienpolitik“
2.1.2 Definition „Medienkrise“
2.2 Freedmans „Neoliberales Paradigma“

3 Forschungsdesign - Methode

4 Empirische Ergebnisse
4.1 Deutschland
4.1.1 Maßnahmen der Medienpolitik
4.1.1.1 Presseförderung
4.1.1.2 Regulierung
4.1.2 Bezug zum neoliberalen Paradigma
4.2 Österreich
4.2.1 Maßnahmen der Medienpolitik
4.2.1.1 Presseförderung
4.2.1.2 Das Kartellgesetz
4.2.2 Bezug zum neoliberalen Paradigma

5 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Mediengruppe DuMond Schauberg, [ … ], hat am Freitag eine umfassende Umstrukturierung angekündigt. [ … ] Der Umbau der Mediengruppe steht unter dem Titel ‚ Perspektive Wachstum ‘ . Allerdings wird das Zusammenfassen der Serviceleistungen sowie die auf 20 Millionen Euro bezifferten Investitionen in Technologie und Arbeitsabläufe von einem Personalabbau begleitet. (Sagatz 2014: o.S.)

Das obige Zitat bringt die aktuelle Krisensituation der Presselandschaft auf den Punkt. Seit dem Wandel des Internets zu einer sektorenübergreifenden Macht beinahe aller Lebensbereiche ist ein Wandel des Leitmediums Print und Presse festzustellen. Aus diesem Anlass sehen sich viele Verlagshäuser dazu gezwungen, radikale Maßnahmen an ihren bislang mehr oder weniger erfolgreichen Geschäftsmodellen vorzunehmen. Auf der einen Seite ist es nötig, in neue Geschäftsfelder durch hohe (Neu-)Investitionen und erfolgsversprechende neuartige Modelle, wie zum Beispiel Beihefte, neue Internetseiten, oder TV-Sendungen zu investieren. Dies ist erforderlich, um eine konstante Standhaftigkeit in unserer sich immer weiter zu einer technologiegesteuerten Wissensgesellschaft entwickelnden Gesellschaft beizubehalten. Andererseits müssen die meisten Unternehmen einen finanziellen Ausgleich zu ihren oftmals kostenintensiven Investitionen schaffen. Eine häufig unumgängliche Folge ist der Personalabbau, welcher einen Auslöser für Qualitätsminderung im Journalismus und steigende Anzeigenteile darstellen kann.

Meier (2013: 13f) erläutert diesen Zustand der Krise so, als dass Krisendebatten meist durch soziale Umstände konstruiert und von herrschenden Machtstrukturen beeinflusst sind. Beispielsweise besteht eine unmittelbare Wechselwirkung der (Medien-)Krise mit der Demokratie, dadurch dass Onlinemedien das gesamte, klassische journalistische Feld durch ihre Vielfalt und Dynamik überdecken, und dies zu einer krisenhaften Bewegung in der Demokratie führt (vgl. Meier 2013: 17). Vor allem im Journalismus und dessen Produktionsbedingungen sind die Folgen der Situation zu spüren, wie Meier (2013: 19) an einem Beispiel anführt: Personalabbau, Senkung der Löhne und Ablösung von älteren, erfahrenen JournalistInnen durch Junge, schlechter Bezahlte, sowie die steigenden Kooperationen mit und Übernahmen von Unternehmen haben zur Folge, dass die journalistische Qualität der Berichterstattungen durch Mangel an Geld-, Personal- und Zeitressourcen, leidet (vgl. Meier 2013: 24 f). In Deutschland beispielsweise nehmen seit 2008 Medienanstalten Umstrukturierungen im Sinne von Maßnahmen zur Kostensenkung in den Bereichen Druck, Vertrieb, Werbung, beim Personal in der Redaktion, sowie bei dazu nötigen Reisekosten und Ressourcen vor (vgl. Meier 2013: 19).

Durch die immer mehr an Macht über die Medien gewinnende Kommerzialisierung erhöht sich die Herrschaft von Staat und Wirtschaft über den Strukturwandel der Medien (vgl. Meier 2013: 24 f). Diese Ansicht vertritt auch Zwicky, indem er darlegt, dass die Medienkrise kein natürlicher Vorgang, welcher nicht verhindert werden kann, ist, sondern aus eigennützigen Strategien der MedieneigentümerInnen zur Profitmaximierung und Kommerzialisierung hervorgeht. Dieser selbst initiierte Prozess nennt sich „Neoliberalismus“. Die derzeitige Krisensituation ist jedoch tiefer verankert: Nicht nur die bereits genannten Gründe, sondern auch die manipulative Rolle der sogenannten Kulturindustrie ist ein ausschlaggebender Faktor für die Krise. Dies zeigt sich in den Folgen der Standardisierung, Technisierung, Kommerzialisierung und Bürokratisierung, indem die RezipientInnen statt kritische Meinungen und Standpunkte äußern zu können, nur mehr in der Lage sind, sich dem Angebot zu fügen und es zu akzeptieren. Hinsichtlich der Inhalte begrenzen sich diese auf die von Eigeninteressen geleitete Selbstdarstellung von Konzern- und Staatsmedien. (Vgl. Meier 2013: 23 f)

Zusätzlich hinzu kommt, dass die unübersichtliche Informations- und Kommunikationsflut des Internets eine sogenannte „Demokratische Zensur“ möglich machen kann, was bedeutet, dass es für die Medienunternehmen immer schwieriger wird, ihre Zielgruppe auf das jeweilige Angebot zu lenken. So wird das vielversprechende Potenzial des Internets nicht ausgeschöpft, sondern den Prinzipien der Ausbeutung und der Kommerzialisierung nachgegangen. (Vgl. Meier 2013: 28)

Angesichts dieses zwiespältigen Umstands hinsichtlich der Wege aus der Krise der Printmedien ist es essentiell, zu erforschen, wie diese Krise sich im Laufe der Zeit entwickelt hat und wie durch medienpolitische Maßnahmen eingegriffen wird. Daher lautet die Forschungsfrage unserer Literaturarbeit wie folgt:

Wie stellt sich die Krise der Printmedien in Deutschland und Österreich dar und inwiefern und weshalb wurden medienpolitische Maßnahmen gesetzt?

Die Beantwortung dieser Fragestellung ist deshalb von kommunikations- wissenschaftlicher Relevanz, insofern sie sich mit dem Medium Zeitung beschäftigt und die Rolle der medienpolitischen Maßnahmen dabei analysiert wird. Auch die Untersuchung der langfristigen Entwicklung der Krise der Printmedien selbst ist im gleichen Zusammenhang von großer Wichtigkeit.

Auch aus gesellschaftlicher Sicht spielt diese Problematik eine zentrale Rolle: Da das Medium Zeitung einen Teil unserer Öffentlichkeit bildet, sind alle Gesellschaftsmitglieder und deren Lebenswelten von diesem Wandel betroffen. Daher erscheint es uns maßgeblich, die Ursachen, Entwicklungen und Folgen jener Medienkrise zu erschließen und die Tragweite der Abhängigkeit zur Medienkrise durch das individuelle Medienkonsumverhalten zu analysieren.

Zusätzlich spielt auch unser Eigeninteresse an der Bearbeitung der Thematik eine bedeutende Rolle. Neben unserem grundlegenden Interesse am Studium der Kommunikationswissenschaft kristallisiert sich für uns vor allem der Sektor Medienpolitik und -ökonomie als besonders zukunftsorientiert heraus. Vor allem die kritische Betrachtung und Analyse bestehender Krisen- und Transformationssituationen ist unserer Ansicht nach essenziell für eine erfolgreiche und effiziente Medienentwicklung. So lassen sich mit entsprechenden Maßnahmen organisatorische Strukturen verbessern und neue Lösungswege erschließen.

Vor diesen Hintergrund erscheint es uns als besonders ausschlaggebend für die Analyse der Printmedienkrise folgende inhaltliche Gesichtspunkte in unserer Arbeit zu behandeln: Zentral wird die Entwicklung der Printmedienbranche im Zeitraum von 1994 bis 2014 untersucht, wobei auf Ursachen, Folgen und mögliche Lösungswege aus unterschiedlichen Krisensituationen eingegangen wird. Die Rolle der Medienpolitik, welche von uns interpretiert und durchleuchtet wird, ist für die Beantwortung der Forschungsfrage durch die Arbeit hindurch konstant von großer Wichtigkeit. Schließlich ist geplant, mögliche zukünftige Prognosen für die Entwicklung der Krisensituation zu erstellen.

Der Aufbau unserer Arbeit wird sich wie folgt gliedern: Nach der Einleitung widmen wir uns den theoretischen Grundlagen, indem wir erstens zentrale relevante Begriffe, wie „Medien“, „Politik“ und „Medienpolitik“ und anschließend die derzeit existierende „Medienkrise“ definieren und zweitens das Neoliberale Paradigma von Freedman erläutern, um klarzustellen, auf welchem theoretischen Gerüst unsere Arbeit aufbaut. Diese Theorie wird sich wie ein roter Faden durch die Arbeit hinweg ziehen und vor allem im empirischen Teil wieder aufgegriffen. Als nächstes erklären wir das verwendete Forschungsdesign, welches sich in die Methoden der Literaturarbeit und der Dokumentenanalyse gliedert. Sind alle Grundlagen geklärt, gehen wir über zum empirischen Teil der Arbeit: Dieser wird hauptsächlich in die Staaten Deutschland und Österreich unterteilt und jeweils die Maßnahmen der Medienpolitik auf die Printmedienkrise hin analysiert und anschließend ein Bezug zu unserer theoretischen Grundlage Freedmans hergestellt. Als letztes werden wir die Ergebnisse nochmals in kurzer Form im Kapitel der Zusammenfassung darstellen und unsere Arbeit mit einem Fazit abschließen.

2 Theoretische Grundlagen

Zu Anfang ist eine Klärung wichtiger, diesen Themenbereich betreffende Begriffe zentral, um einerseits die aktuell bestehende Situation und andererseits den Inhalt der medienpolitischen Maßnahmen nachvollziehen zu können. Zusätzlich wird „der rote Faden“, auf welchen sich diese Arbeit stützen soll, offengelegt und hinsichtlich der vorliegenden Thematik strukturiert analysiert, um schlussendlich einen Vergleich zwischen theoretischem Paradigma und den tatsächlichen Vorgängen in der Medienpolitik ziehen zu können.

2.1 Definitionen zentraler Begriffe

Zum sinngerechten Aufgreifen der Thematik ist es zunächst nötig, die grundlegendsten Begriffe zu klären und deren Definition für den Rahmen dieser Arbeit festzulegen. So erfolgt im Folgenden eine Definition der Begriffe Medien, Politik und Medienpolitik.

2.1.1 Definitionen „Medien“, „Politik“ und „Medienpolitik“

Für das bessere Verständnis unserer Arbeit wird im Folgenden eine theoretische Grundlage gebildet, welche Aussagen über das Verständnis von Medienpolitik trifft. Um diesem gerecht zu werden, ist es nötig, den Begriff Medienpolitik in seiner Zusammensetzung zu trennen, die Begriffe „Politik“ und „Medien“ zu definieren und anschließend die Medienpolitik als Ganzes zu betrachten.

Vorerst wird der Begriff der „Politik“ durchleuchtet: Demnach gibt es zweierlei Arten von Politik, nämlich normative Politikbegriffe, welche das Ziel, das mit Politik umgesetzt werden soll, fokussieren, also beschreiben, wie Politik sein soll und deskriptive Politikbegriffe, die schlicht beschreiben was Politik tut und ist. Politisches Handeln beinhaltet immer menschliches Handeln bzw. soziales Handeln, das sich auf bestimmte Normen und Wertvorstellungen bezieht. (Vgl. Puppis 2007: 31) Politik wird hier also als Handeln beschrieben, welches „[…] auf die Herstellung und Durchsetzung allgemein verbindlicher Regeln und Entscheidungen abzielt“ (Puppis 2007: 31). Weiterhin ist Politikbegriff in drei Dimensionen zu unterteilen: Die Dimension „Polity“ versteht Politik als Rahmen aus politischen Strukturen, welcher wiederum von gesellschaftlichen Normen und Regeln geprägt ist. „Politics“ sieht die Medienpolitik als Prozess, in dem Akteure mit verschiedensten Interessen mitwirken, um Medienpolitik zu gestalten. Als letzte Dimension wird die „Policy“ genannt, welche sich auf die Inhalte, also auf entstandene Probleme und mögliche Lösungswege der Politik, bezieht. (Vgl. Puppis 2007: 36 ff)

Bei der Begriffsdefinition von „Medien“ bzw. Massenmedien, ist festzuhalten, dass Massenmedien, also Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen oder Filme, gesellschaftlich eingegliederte „[…] Medienorganisationen und die von diesen verbreitete massenmediale öffentliche Kommunikation“ (Puppis 2007: 33) sind. Ausschlaggebende Faktoren wie Einseitigkeit, indirektes Handeln, disperses Publikum und Öffentlichkeit sind bei dem Begriff der Massenkommunikation von Bedeutung. Letztlich ist anzumerken, dass Massenmedien sowohl soziales Potenzial besitzen und gleichzeitig als technische Kommunikationskanäle dienen, weshalb hier von einer „Doppelnatur“ der Massenmedien gesprochen wird. (Vgl. Puppis 2007: 32 f)

Zuletzt werden die beiden vorab definierten Begriffe zum tatsächlich relevanten Begriff der „Medienpolitik“ zusammengeführt und konkretisiert: Da die Wissenschaft eine Vielzahl an Definitionen für den Begriff der Medienpolitik liefert, werden diese Definitionsversuche unter drei Typen zusammengefasst: „Medienpolitik als Bündel politischer Maßnahmen“ (Puppis 2007: 35), worin Medienpolitik als eng an staatliche Akteure gebunden gesehen wird. Dazu kommt die zweite Sicht, die „Medienpolitik als Handlungssystem“ (Puppis 2007: 35) sieht, in dem verschiedenste Akteure mit zahlreichen und unterschiedlichen Interaktionen die gesellschaftliche Kommunikation verändern und schließlich der letzte Typ, welcher „Medienpolitik als Entscheidungen“ (Puppis 2007: 35) über medial vermittelte Kommunikation betrachtet. Außerdem bildet die Medienpolitik in sich ein eigenes Politikfeld, welches alle Merkmale eines Feldes erfüllt und ohne das keine Demokratie möglich wäre. Als Medienpolitik wird folglich das Handeln beschrieben, das „[…] allgemein verbindliche[] Regeln und Entscheidungen über Medienorganisationen und die massenmediale öffentliche Kommunikation […]“ (Puppis 2007: 36) durchsetzen und herstellen will. (Vgl. Puppis 2007: 34 ff)

Die treibenden Kräfte, die nötig sind, um Medienpolitik umzusetzen, sind medienpolitische AkterurInnen, welche beispielsweise Unternehmen, Medienspezifische Interessensverbände, politische Parteien, staatliche und zivilgesellschaftliche AkteurInnen sein können. Diese ökonomischen, gesellschaftlichen, sowie politischen AkteurInnen dominieren das Feld der Medienpolitik. Sie sind zielorientiert, wertorientiert, besitzen bestimmte Ressourcen, handeln strategisch und sind in der Lage sich selbst als AkteurInnen zu beschreiben und von anderen als solche beschrieben zu werden. Oft sind jedoch vermeintlich öffentliche Interessen in Wirklichkeit wirtschaftliche Eigeninteressen, weshalb medienpolitische Handlungen und Entscheidungen immer skeptisch zu betrachten sind. Vor allem von Seiten der Medienunternehmen wird „[…] wirtschaftliche[n] Eigeninteressen“ (Puppis 2007: 44) nachgegangen. Daraus kann geschlossen werden, dass das Publikum kein Akteur ist, da es zwar ebenfalls am politischen Geschehen beteiligt ist, jedoch nicht strategisch handelt. (Vgl. Puppis 2007: 41-44)

2.1.2 Definition „Medienkrise“

Da es in unserer Arbeit grundsätzlich um die Krise der Printmedien geht, wird im Folgenden die „Medienkrise“ genauer erläutert, um für die LeserIn ein besseres Verständnis zu gewährleisten.

Obwohl der Begriff der „Krise“ zunächst als negativ angesehen wird und hauptsächlich schwierige Zeiten und Konflikte damit in Verbindung gebracht werden, kann unter diesem Begriff auch das Gegenteil verstanden werden: eine „Krise“ stellt einen maßgeblichen Punkt des Umschwungs in einem länger andauernden Entwicklungsprozess dar. Dabei gehen meist nötige Entscheidungen und gesellschaftliches Handeln einher. In Krisenzeiten kann zwar vieles in die Brüche gehen - gleichzeitig kann eine Krise aber auch einen Gewinn für die Gesellschaft bedeuten. Daher hat eine „Krise“ sowohl „destruktives als auch kreatives Potential“ (Meier 2012: 12), wobei stets GewinnerInnen und VerliererInnen involviert sind. Ob eine „Krise“ nun folglich als positiv, oder als negativ gedeutet wird, also als Ausnahme- oder Normalzustand angesehen wird, hängt von der jeweiligen Sichtweise auf die Situation ab. (Vgl. Meier 2012: 12 f.)

Was jedoch feststeht, ist, dass der Journalismus sich heutzutage einigen Herausforderungen stellen muss: So stellt die Technisierung und Digitalisierung eine zunehmende und langfristige Bedrohung für die klassischen Medien dar. Das Internet bietet neue und einfachere Möglichkeiten der Informationsvermittlung, indem es Bild, Text, Ton und Video vereinen kann und somit audiovisuell klassischen Printmedien einen Schritt voraus liegt. Daher ist es für Medienunternehmen besonders wichtig, stets den Wandel zu verfolgen und jeweilige Maßnahmen zu setzen, also Innovationen zu fördern, um mithalten zu können. (Vgl. Porlezza 2014: 48 f.) In diesem Zusammenhang können also Ursachen für die Medienkrise beispielsweise mangelnde Investitionen in Innovationen, die zu starke Bedrohung durch KonkurrenzanbieterInnen, oder auch interne Probleme und Fehltritte seitens der MitarbeiterInnen und Führungskräfte, sowie fehlerhafte Arbeitsbedingungen sein (vgl. Pleil 2010: 175).

Im Journalismus wird oft von einer bestehenden Medien-, beziehungsweise Pressekrise geredet, ohne auf ausschlaggebende Ereignisse Bezug zu nehmen. Dabei kann es oft dazu kommen, dass Tatsachen verfälscht werden, indem ein einfacher Wandel schon als Krise gedeutet wird, oder durch Dramatisierung mithilfe von Zuspitzung oder Übertreiben in Krisen-Themen um mehr Aufmerksamkeit gerungen wird und erhöhter, oft unnötiger Druck aufgebaut wird. (Vgl. Meier 2012: 15) Dies hängt mit den sogenannten Nachrichtenwerten zusammen, welche darüber entscheiden, ob ein Geschehnis veröffentlicht wird, oder nicht. Der Journalismus neigt sehr stark dazu, negative Ereignisse in der Berichterstattung zu bevorzugen, da diese mehr Aufsehen und Aufmerksamkeit erregen. Somit trägt die bestehende Medienkrise einen hohen Nachrichtenwert, weshalb vermehrt darüber berichtet wird. (Vgl. Wilke 2010: 159 f.)

James Curran hat in diesem Kontext vier Sichtweisen auf die derzeitige Situation der Massenmedien zusammengetragen: Zuerst zeigt er die Sichtweise der Verlagshäuser auf: Zwar befinden sich die Massenmedien im Wandel, jedoch sehen die Verlagshäuser keine wirkliche Medienkrise in dieser Tatsache und weisen die Ängste und Prognosen von WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen, die Massenmedien befinden sich in einer Krise, ab. Im Gegenteil sehen sie den Online-Sektor durch seine Fülle an Vielfalt und Informationen als gewinnbringend. Traditionelle Unternehmen werden ihrer Meinung nach nicht vom Markt verschwinden, obwohl sich auch neue Geschäftsmodelle vor allem im Bereich Social Media durchsetzen werden. Deshalb ist es für Verlagshäuser von großer Wichtigkeit, den Qualitätsjournalismus mehr und mehr zu vermarkten, um die Position auf dem Markt beizubehalten. (Vgl. Meier 2012: 15 f.) Die zweite Sichtweise ist negativ fundiert und sieht im Journalismus eine Krisensituation und somit sogar Folgen für die Demokratie: Durch die Krise der Leitmedien leidet nicht nur die Qualität der journalistischen Beiträge, sondern auch gleichzeitig die Qualität der demokratischen Ordnung. Neue Geschäftsmodelle im Online-Sektor verdrängen ihrer Ansicht nach die traditionellen Leitmedien vom Markt. (Vgl. Meier 2012: 17) Anders sieht es wiederum bei der dritten Sichtweise aus: Die Anhänger dieser Gruppe sehen zwar ebenfalls den Untergang der traditionellen Leitmedien, empfinden dies jedoch nicht als Problem. Sie blicken positiv in die Zukunft und vermuten ein großes Potenzial, was die Demokratisierung der Öffentlichkeit durch das Internet angeht. (Vgl. Meier 2012: 17)

Auch die vierte und letzte Sichtweise ist optimistisch. Für diese Gruppe sind die Leitmedien keineswegs in Gefahr: Zwar existiert ein großer Umbruch, da das Internet durch seine Vielfalt und die unbegrenzten Möglichkeiten zur Meinungsäußerung beiträgt, jedoch hindert diese Entwicklung die traditionellen Leitmedien nicht daran, sich auf dem Markt zu halten. Eher treffen diese beiden Seiten zusammen und ergänzen sich gegenseitig, was eine win-win-Situation mit sich bringt. (Vgl. Meier 2012: 18)

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestehen Theorien zu Krisensituationen im Mediensektor. Angefangen mit Adorno und Horkheimer, welche als Vertreter der Frankfurter Schule die sogenannte Kulturindustrie hervorgebracht haben, zeigt sich schon hier eine Tendenz zum Glauben an eine Medienkrise. Kurz zusammengefasst führten Entwicklungen der Kommerzialisierung, Technisierung und Bürokratisierung zu einer Vereinheitlichung und Abstumpfung von Kunst und Kultur. Durch die Produktion von standardisierter Massenware verlor nicht nur die Kultur an Glaubwürdigkeit und Autonomie, sondern auch das Bürgertum wurde manipuliert und zur Zufriedenheit durch diese Trivialisierung getrieben, was Adorno und Horkheimer als totalitäre Aufklärung bezeichneten. (Vgl. Meier 23 f.) Auch später, 1990, gab es ähnliche Meinungen dazu: Habermas verkündete durch sein Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, dass zwar die Öffentlichkeit in seiner Idealvorstellung als Mittel zur Aufklärung gelten sollte und unabhängige Medien als Plattform für herrschaftsfreie Diskurse zu dienen hatten, jedoch das Gegenteil herrscht, da Wirtschaftsunternehmen ihre Macht ausnutzen. Habermas sah das Publikum durch die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit nun nicht mehr als kritisch und aufgeklärt an, sondern als manipuliert und somit passiv denkend. (Vgl. Meier 2012: 24 f.) Weiterhin ergänzte 2011 Kurt Imhof dieses Modell des Strukturwandels: Auch er sieht die Öffentlichkeit in einer Krisensituation, welche die Leitmedien daran hindert, sich weiterzuentwickeln. (Vgl. Meier 2012: 25 ff.) Zuletzt führen wir Vowe an, welcher in den neuen Online-Medien ein großes Potenzial sieht: Durch die Entstehung neuer Kommunikationsmodi und die Mediatisierung der Kommunikation durch das Internet verändern sich Öffentlichkeitsstrukturen grundlegend, was oftmals den traditionellen Medien zur Last fällt. Deshalb sieht er es als besonders wichtig an, das Thema Regulierung vermehrt anzusprechen und zu klären, um zu verhindern, dass traditionelle Medien vollständig durch die Digitalisierung vom Markt verschwinden. (Vgl. Meier 2012: 27)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Medienkrise aus zwei Sichtweisen betrachtet werden sollte: Einerseits besteht heutzutage für jedes Gesellschaftsmitglied, zum sogenannten „Prosumer“ zu werden, also nicht nur Inhalte zu konsumieren, sondern auch zu produzieren, was zur Vielfalt und Demokratie der Medienlandschaft beiträgt. Andererseits jedoch ist es durch diese Tatsache auch besonders schwierig, sich in diesem Meer an Informationen durchzusetzen und Aufmerksamkeit zu erlangen. Nach Meier werden MedienkonsumentInnen deshalb immer wieder auf traditionelle Leitmedien zurückgreifen, auf deren Qualität sie sicher vertrauen können und sich somit der Unübersichtlichkeit durch das heute bestehende Angebot entziehen können. (Vgl. Meier 2012: 28)

2.2 Freedmans „Neoliberales Paradigma“

Um unserer Arbeit einen theoretischen Rahmen, welcher sich wie ein roter Faden durch jeden unserer Gliederungspunkte zieht, geben zu können, ziehen wir Freedmans wissenschaftlichen Text über Medienpolitik hinzu, in welchem er unter anderem das „Neoliberale Paradigma“ aufgreift, um Gründe und Erklärungen für medienpolitische Reaktionen auf die Medienkrise zu erörtern.

Zuerst ist festzuhalten, was nach Freedman allgemein mit dem Begriff „neoliberal“ in Bezug auf medienpolitische Prozesse zu verstehen ist: Ist ein Mediensystem neoliberal, bedeutet dies, dass die Digitalisierung in Folge der Globalisierung beinahe flächendeckend erfolgt ist und anfänglich differenzierte Dienste und Inhalte immer mehr zusammenwachsen. (Vgl. Freedman 2008: 80) Durch die sich ständig erweiternde und weiterentwickelnde Gesellschaft, welche sich im Laufe der Zeit immer schneller neu strukturiert, um dem Wandel standzuhalten, steigt ebenso die Zahl der Steakholder in der Medienpolitik, welche alle eine individuelle Rolle in diesem System einnehmen. Diese enorme Anzahl an AkteurInnen, vor allem Lobbyisten, zieht eine immer größer werdende Machtspanne mit sich, was ebenfalls mit grundlegenden Umstrukturierungen des Politikprozesses verbunden ist. Einen zusätzlichen Faktor, welcher hier von Bedeutung ist, bildet die Marktorientierung der AkteurInnen, also vor allem die der Unternehmen, der Verbände, der Parteien und des Staats und die immer mehr an Bedeutung verlierenden normativen Werte unserer Gesellschaft. (Vgl. Freedman 2008: 80-104) Auch die Deregulierung, sprich die Förderung von Investitionen, Innovationen und Effizienz durch mehr Wettbewerb und der damit einhergehende Fokus auf den Wettbewerb, sind Punkte, die zu einer Neoliberalisierung eines Systems beitragen (vgl. Mansell 2012: o.S.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Printmedienkrise in Deutschland und Österreich. Eigenverschuldung oder natürliche Entwicklung?
Hochschule
Universität Salzburg  (Paris-Lodron-Universität Salzburg)
Note
1,00
Autoren
Jahr
2015
Seiten
45
Katalognummer
V366624
ISBN (eBook)
9783668453753
ISBN (Buch)
9783668453760
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medien, politik, medienpolitik, krisen, transformation, print, printmedien, printmedienkrise, medienkrise, neoliberales paradigma, presse, presseförderung, regulierung, medienregulierung, kartellgesetz
Arbeit zitieren
Andjelika Eissing-Patenova (Autor)Julia Held (Autor), 2015, Die Printmedienkrise in Deutschland und Österreich. Eigenverschuldung oder natürliche Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366624

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