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Krankheit und Medizin in Büchners Woyzeck und Lenz

Titre: Krankheit und Medizin in Büchners Woyzeck und Lenz

Dossier / Travail , 2002 , 16 Pages , Note: 1

Autor:in: Silke Weber (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Im folgenden soll die medizin-historische Situation in der Büchner Texte
wie Woyzeck und Lenz schreibt erläutert werden. Krankheiten besitzen
in der Literatur und Realität epochentypischen Charakter, sind also
zugleich Diagnose ihrer Zeit. Neue Beobachtungen und Theorien der
Geisteskrankheit werden aufgegriffen, individuelle Situationen des
Kranken und soziale Hintergründe seines Krankseins und der Therapie
ergänzen und verdrängen in der Neuzeit religiöse und mystische
Ableitungen. Die literarische Produktion Büchners fällt in eine Epoche
des sich anbahnenden Umschwungs. Medizin und Philosophie
verflechten sich und allmählich kommt es zum Erkennen der Schwäche
der Vernunft und damit der Macht der Natur. Dabei möchte ich
herausstellen, wie insbesondere die deutschen Mediziner an
herkömmlichen Modellen festhalten und den Weg zu neuem
Erkenntnisgewinn versperren. Ziel soll es weiter sein, aufzuzeigen, wie
Büchner sich hinsichtlich des Diskurses um Geisteskrankheit und
Triebnatur von seinen Zeitgenossen abgrenzt und damit psychologische
Phänomene und Erklärungen antizipiert. Grundlage dafür sind seine
Werke Woyzeck und Lenz. Außerdem soll Büchner in seiner Rolle als
Medizinstudent und sein Menschenbild fokussiert werden.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Medizin zwischen Spätaufklärung und Vormärz

1.1 Melancholiemodell und zeitgenössische Konzepte des Wahnsinns

1.2 Über das Clarus-Gutachten

1.3 Versuch einer Diagnose zum historischen Lenz

2.Analyse der Krankheitsbilder

2.1. Zum Diskurs der Triebnatur und zum Konzept der Geisteskrankheit im Woyzeck

2.1. Die Büchnerische Fallstudie – Der geisteskranke Lenz Konzept der Geisteskrankheit im Woyzeck

3.Büchner und Medizin

4. Schlußbetrachtung

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das medizinisch-historische Verständnis von Geisteskrankheit in Georg Büchners Werken "Woyzeck" und "Lenz" und analysiert, wie Büchner zeitgenössische Konzepte der Psychiatrie hinterfragt und das psychologische Menschenbild seiner Epoche durch die Darstellung von Triebnatur und Entfremdung antizipiert.

  • Medizinische Diskurse zwischen Spätaufklärung und Vormärz
  • Kritische Analyse zeitgenössischer psychiatrischer Gutachten (Fall Clarus)
  • Die Darstellung von Wahnsinn, Triebhaftigkeit und Entfremdung in der Literatur
  • Der Einfluss von Büchners medizinischem Hintergrund auf sein literarisches Schaffen
  • Büchners Distanzierung von idealistisch-rationalistischen Menschenbildern

Auszug aus dem Buch

2.1. Zum Diskurs der Triebnatur und zum Konzept der Geisteskrankheit im Woyzeck

Im Dramenfragment Woyzeck steht die triebhafte Natur gegenüber der von Büchner ironiesierten idealistisch-rationalistischen Gelehrtenmeinung. Die Karikaturen Doktor und Hauptmann verstehen sich selbst als vernünftig und zurechungsfähig. So demonstriet der Doktor, wie er seinen Ärger über Woyzeck unterdrücken kann, indem er seinen Puls kontrolliert. Außerdem empört er sich über Woyzeck: „...Die Natur! Hab ich nicht nachgewiesen, daß der musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit.16 Woyzeck ist jedoch mit der Degradtion zum Versuchsobjet seine vermeidlich freie Selbstbestimmung entzogen.

Büchner relativiert somit das Axiom der Willensfreiheit der kontemporären Psychatrie, womit der Mensch eigentlich vom Tier zu unterscheiden ist. Er pointiert diese Tatsache in der Szene das Innere der Bude mit dem dressierten Pferd :“Zeig dein viehische Vernünftigkeit! Bschäme die menschlich Sozietät!“17 Büchner weist im Woyzeck die den authentischen Gutachten entnommenen Symptome und Ängste auf: seine soziale Isolierung, seine Gedankenlosigkeit, seine beunruhgende[n] Träume von Freimaurern, seine optischen und akustischen Halluzinationen.18 Außerdem gesellt sich zur büchnerischen Konzeption des Wahsinns eine zunehmende Kommunikationsunfähigkeit, die mit dem Entfremdungsprozess wächst.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Einführung in die medizin-historische Situation der Büchner-Texte und die Zielsetzung, Büchners Abgrenzung von zeitgenössischen psychiatrischen Modellen darzulegen.

1.Medizin zwischen Spätaufklärung und Vormärz: Analyse der damaligen Lehrmeinungen zum Wahnsinn, dem Clarus-Gutachten zu Woyzeck sowie der historischen Einordnung der Krankheit Lenzens.

2.Analyse der Krankheitsbilder: Untersuchung von Triebnatur und Geisteskrankheit in Woyzeck und Lenz unter Berücksichtigung der Büchnerischen Fallstudiencharakteristik.

3.Büchner und Medizin: Reflexion über Büchners Ausbildung als Arzt und seine kritische Haltung gegenüber der bürgerlichen Vernunftsphilosophie und Naturphilosophie.

4. Schlußbetrachtung: Fazit über Büchners vorausschauende Darstellung psychischer Grenzbereiche und die Entmystifizierung des Wahnsinns als bloßes sündiges Handeln.

Schlüsselwörter

Georg Büchner, Woyzeck, Lenz, Psychiatriegeschichte, Geisteskrankheit, Melancholie, Triebtheorie, Willensfreiheit, Medizin, Aufklärung, Wahnsinn, Entfremdung, Psychopathologie, Vormärz, Naturphilosophie.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie Georg Büchner das medizinische und gesellschaftliche Verständnis von Krankheit, Wahnsinn und menschlicher Natur im 19. Jahrhundert in seinen Werken verarbeitet.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen der Diskurs um Geisteskrankheit, die Rolle des Arztes und Medizinstudenten Büchner, der Gegensatz zwischen Triebnatur und rationalistischer Vernunft sowie die soziale Bedingtheit psychischer Leiden.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Büchner sich von zeitgenössischen psychiatrischen Lehrmeinungen abgrenzt und psychologische Phänomene vorwegnimmt, indem er Krankheit als Reaktion auf soziale und psychische Überforderung darstellt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literatur- und medizingeschichtliche Analyse, die Primärtexte Büchners mit zeitgenössischen psychiatrischen Diskursen (z.B. Clarus-Gutachten, Pinels Triebtheorie) vergleicht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der medizinischen Konzepte im Vormärz, die Analyse der Krankheitsbilder in Woyzeck und Lenz sowie die biographische und philosophische Kontextualisierung von Büchners medizinischem Weltbild.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie "Psychopathologie", "Entfremdung", "Triebnatur", "Willensfreiheit" und "Medizingeschichte" beschreiben.

Wie bewertet der Autor das Clarus-Gutachten im Kontext von Woyzeck?

Die Arbeit kritisiert, dass Clarus an einer doktrinären Sichtweise der Willensfreiheit festhielt und Woyzecks Tat lediglich als Resultat von Eifersucht betrachtete, womit er die psychotischen Symptome als nicht relevant für die Zurechnungsfähigkeit abtat.

Inwiefern gilt Lenz in der Arbeit als "Fallstudie"?

Die Erzählung Lenz wird als eine komplexe Darstellung fortschreitender Depersonalisation betrachtet, die von späteren Medizinern als Fallstudie für schubweise auftretende Geisteskrankheit herangezogen wurde.

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Résumé des informations

Titre
Krankheit und Medizin in Büchners Woyzeck und Lenz
Université
Free University of Berlin
Note
1
Auteur
Silke Weber (Auteur)
Année de publication
2002
Pages
16
N° de catalogue
V36717
ISBN (ebook)
9783638362597
Langue
allemand
mots-clé
Krankheit Medizin Büchners Woyzeck Lenz
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Silke Weber (Auteur), 2002, Krankheit und Medizin in Büchners Woyzeck und Lenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36717
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Extrait de  16  pages
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