Uwe Johnsons Roman "Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl" umfasst knapp zweitausend Seiten und ist zwischen 1970 und 1983 in 4 Bänden erschienen. Erzählt wird die Lebensgeschichte der Protagonistin Gesine Cresspahl, die 1933 in Mecklenburg geboren wurde. In meiner Arbeit werde ich mich mit der erzählten Vergangenheit Gesines beschäftigen und der Frage, inwiefern sie Mecklenburg als "Heimat" sieht. Anzumerken ist, dass die Interpretationen der "Jahrestage" im Hinblick auf das Konzept "Heimat" weit auseinandergehen.
Im ersten Kapitel werde ich zunächst auf die Begriffe „Heimat“, „Hoffnung“ und „Utopie“ eingehen und erläutern, warum Johnsons Jahrestage im Hinblick auf Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" gedeutet werden können. Die hoffnungsvolle Suche nach der utopischen Heimat zeichnet die Protagonistin Gesine Cresspahl aus. Daneben werde ich einen Ausblick geben, welchen Einfluss die Erfahrungen der Vergangenheit auf Gesines Suche nach Heimat auf der Gegenwartebene haben. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse werde ich dann das Romanende interpretieren und abschließend ein Fazit ziehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Utopie-Begriff in den Jahrestagen
II. Utopische Tendenzen in Mecklenburg
1. Heinrich Cresspahl
2. Pastor Brüshaver
3. Gerd Schumann
4. Jakob
III. Vermeintlich reale Utopien / vergangene Heimat
1. Der Schlegel-Hof
2. Das Fischland
IV. Eine Zusammenfassung
V. Der Einfluss der vergangenen Erfahrungen auf Gesines Zukunftserwartung
1. Cydamonoe / Gesines aktuelle „Heimat“ New York
1. Prag - Utopische Dimension auf der Gegenwartsebene
2. Konkrete Utopie oder Apokalypse – Das Ende der Jahrestage
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die utopischen Dimensionen in Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ und analysiert Gesine Cresspahls Suche nach „Heimat“ unter Berücksichtigung der Hoffnungsphilosophie von Ernst Bloch, wobei die Wechselwirkung zwischen prägenden Erfahrungen der Vergangenheit in Mecklenburg und den Erwartungen an die Zukunft im Fokus steht.
- Die Analyse des Utopie-Begriffs nach Ernst Bloch im Kontext von Johnsons Romanwerk.
- Untersuchung utopischer Tendenzen durch zentrale Figuren in Mecklenburg.
- Reflexion über vermeintlich reale Utopien wie den Schlegel-Hof und das Fischland.
- Die Bedeutung von Gesines Vergangenheit für ihre Zukunftserwartungen in New York und in Bezug auf den Prager Frühling.
- Interpretation des Romanendes als Spannungsfeld zwischen Hoffnung und apokalyptischem Ende.
Auszug aus dem Buch
Jakob
Jakob Abs, der mit seiner Mutter als Flüchtling nach Jerichow kam und von Gesines Vater aufgenommen wurde, ist für sie Bruder, aber auch schützende Vaterfigur und später Geliebter. Während Cresspahls Inhaftierung übernimmt Jakob „den Vorstand der Familie“(3:1239) und versucht seine Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Zufrieden ist er mit sich jedoch nie.
Neumann formuliert: „Gesine lernt im hoffnungslosen Bewußtsein unaufhebbarer „Heimatlosigkeit“ im Blochschen Sinn des Wortes zu leben und wird dennoch stets heimgesucht von dem schmerzlichen Verlangen nach dem >wahren Jakob<.“36 Ich werde im Folgenden auf Jakob als utopische Figur auf der Ebene der persönlichen Beziehung zu Gesine eingehen und nicht, wie Neumann konstatiert, auf seine Bedeutung als „sozialistische Lichtgestalt“.
Jakob, der fünf Jahre älter ist als Gesine, ist ihre große und eigentlich einzige Liebe. An ihrem letzten Tag am See vor ihrer Ausreise in den Westen Ende Mai 1953 hat sie sich den Fuß verletzt, und sie erinnert sich:
Einmal hatt ich mich geschnitten, gab Jakob den Fuß in die Hand aus dem Sand. Er sah sich das an, ließ den Fuß abgleiten im selben Rhythmus wie meine Hand auf seine Schulter sich stützte; die Bewegung ging mir durch den Leib ohne Schmerz. Ich glaub das geschieht einem im Leben ein einziges Mal.(4:1891)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Utopie-Begriff in den Jahrestagen: Einführung in die Begrifflichkeiten von Utopie und Heimat unter besonderer Berücksichtigung der Philosophie von Ernst Bloch.
II. Utopische Tendenzen in Mecklenburg: Analyse der engagierten Figuren in der Nachkriegszeit, die durch ihr Handeln Ideale einer besseren Gesellschaft verkörpern.
III. Vermeintlich reale Utopien / vergangene Heimat: Untersuchung von Orten wie dem Schlegel-Hof und dem Fischland, die zeitweise als utopische Rückzugsorte fungieren.
IV. Eine Zusammenfassung: Synthese der bisherigen Erkenntnisse über Gesines Heimatbegriff und die Rolle ihrer Vergangenheit für die Persönlichkeitsbildung.
V. Der Einfluss der vergangenen Erfahrungen auf Gesines Zukunftserwartung: Diskussion der Gegenwartsebene, insbesondere der Rolle von Cydamonoe und den Hoffnungen, die mit dem Prager Frühling verknüpft sind.
VI. Fazit: Zusammenfassende Interpretation des Romanendes vor dem Hintergrund des Scheiterns utopischer Entwürfe und Gesines Grenzgängertum.
Schlüsselwörter
Uwe Johnson, Jahrestage, Gesine Cresspahl, Ernst Bloch, Utopie, Heimat, Sozialismus, Prager Frühling, Mecklenburg, Hoffnung, Apokalypse, Erinnerung, Identität, Heimatlosigkeit, konkrete Utopie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die utopischen Dimensionen und die Suche nach Heimat der Protagonistin Gesine Cresspahl im Roman „Jahrestage“ von Uwe Johnson.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Blochsche Hoffnungsphilosophie, das Konzept von Heimat, der Versuch eines menschlichen Sozialismus sowie die Verarbeitung von Vergangenheit in einer Unrechtgesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gesine Cresspahls Vergangenheit in Mecklenburg ihre Erwartungen an die Zukunft formt und inwiefern sie an der Idee einer „konkreten Utopie“ festhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Romantext mit den philosophischen Theorien von Ernst Bloch in Beziehung setzt und durch Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die Akteure in Mecklenburg, die utopische Orte wie den Schlegel-Hof, als auch die Gegenwartsebene, insbesondere die Hoffnung auf den Prager Frühling, detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Utopie, Bloch, Heimat, Sozialismus, Jahrestage, Gesine Cresspahl und der Prager Frühling.
Inwiefern spielt der Schlegel-Hof eine Rolle für die Utopie?
Der Schlegel-Hof wird als Ort analysiert, an dem ein konkret-utopisches Kollektiv kurzzeitig realisiert werden konnte, bevor es an politischen Widerständen scheiterte.
Warum spielt das Ende der Jahrestage eine so zentrale Rolle?
Das Ende wird als Spannungsmoment zwischen Gesines Hoffnung auf Erneuerung in Prag und dem dem Leser bekannten, bevorstehenden gewaltsamen Ende durch den Einmarsch des Warschauer Pakts gedeutet.
- Citation du texte
- Julia Auf dem Orde (Auteur), 2017, Utopische Tendenzen in Mecklenburg? Zur "Heimat" der Figur Gesine Cresspahls in "Jahrestage" von Uwe Johnson, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368292