Themen und Motive der Dystopie in der Gegenwartsliteratur

Am Beispiel von Juli Zeh und Christian Kracht


Bachelorarbeit, 2014
34 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Utopie
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Typische Merkmale von Utopien
2.3 Unterscheidung zu Science-Fiction

3. Dystopie
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Entwicklung der Dystopie
3.3 Typologie von Dystopien
3.3.1 Aufbau und Form von Dystopien
3.3.2 Themen und Motive der Dystopie
3.3.2.1 Das Motiv des Außenseiters
3.3.3 Funktion von Dystopien

4. Analyse der ausgewählten Dystopien
4.1 Corpus Delicti. Ein Prozess
4.1.1 Merkmale dystopischer Gesellschaften
4.1.2 Mia Holl als Außenseiterin
4.1.3 Zwischenfazit: Corpus Delicti eine Dystopie?
4.2 Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
4.2.1 Dystopische Elemente
4.2.2 Der Protagonist
4.2.3 Zwischenfazit: IWHSISUIS eine Dystopie?

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das im Jahr 1516 erschienene Werk Utopia von Thomas Morus markiert den Beginn des Genres der Utopie, in deren Verlauf eine Vielzahl von imaginären Staats- und Gesell- schaftssystemen vorgestellt wurden. Die klassische Utopie entwirft das Bild einer idealen Gesellschaft, die an einem isolierten Ort angesiedelt ist. Am Anfang des 20. Jahrhunderts bildet sich mit der Dystopie ein neues Genre heraus, das anstatt des Entwurfs einer voll- kommenen Gesellschaft, das Schreckbild einer düsteren Zukunftswelt zeichnet. Die Genres Utopie und Dystopie reagieren wie kaum ein anderes Genre auf die politischen und gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Entstehungszeit. Während die positive Utopie eine bessere Alternative zur bestehenden Gesellschaft aufzeigt und damit indirekt deren Unzu- länglichkeiten kritisiert, reagiert die Dystopie auf bestehende oder sich abzeichnende Män- gel, indem sie diese in die Zukunft extrapoliert und damit ihr gefährliches Potential heraus- stellt.1 Autoren von Dystopien versuchen schon seit Jahrzehnten mit ihren düsteren Zu- kunftsvisionen auf die Folgen des gegenwärtigen Handelns aufmerksam zu machen und vor den Auswirkungen von Diktaturen, Kriegen, Umweltkatastrophen und rasantem, un- kontrollierbarem technischen Fortschritt zu warnen.

Derzeit kommt es überraschenderweise zu einer erneuten Popularität des Genres. Über- raschend deshalb, weil man nach dem Sturz der sozialistischen Regime in Osteuropa einen Rückgang der anti-utopischen Literatur erwarten konnte, denn in Zentraleuropa scheint nun keine Staatsordnung mehr in Richtung Totalitarismus zu tendieren. Doch spätestens seit der belletristischen Flut negativer Zukunftsentwürfe im Jahr 2011 - vor allem im Be- reich der Jugendliteratur - ist die Dystopie in aller Munde.2 Der Begriff hat sich von einem fachwissenschaftlichen Terminus zu einem verkaufsfördernden Etikett entwickelt, mit dem seitens der Verlage so gut wie jeder belletristische Roman versehen wird, der mit einem negativen Zukunftsentwurf aufwarten kann.3

In der nachfolgenden Arbeit soll es darum gehen, die Themen und Motive der Dystopie in der Gegenwartsliteratur am Beispiel von zwei ausgewählten, als Dystopien geltenden Romanen zu analysieren. Bei diesen Romanen handelt es sich um Corpus Delicti. Ein Pro- zess (2009) von Juli Zeh und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) von Christian Kracht. Der Roman Juli Zehs wird oftmals als Schullektüre gewählt, wenn es um das Thema Dystopie geht.4 Auch in Christian Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist eine wiederholte Bezugnahme auf utopische und dysto-

pische Texte und Konzepte nicht zu übersehen: die von Kracht entworfene sozialistische Schweizer Sowjetrepublik und deren Kolonialpolitik, die sich als Segnung für unterworfene afrikanische Völker versteht, aber auch technische Zukunftsvisionen wie die Verschmelzung von Mensch und Maschine in Form von Steckdosen, die einige Figuren in der Achselhöhle aufweisen, wären als erste Beispiele zu nennen.

Voraussetzung für die Untersuchung dystopischer Diskurse in literarischen Texten ist zunächst eine Klärung der Begriffe Utopie und Dystopie sowie der groben Umrisse ihrer literarischen Karrieren. In der nachfolgenden Arbeit sollen aus diesem Grund zunächst begriffliche Grundlagen geklärt werden, um eine Arbeitsdefinition für den Begriff Dysto- pie festzulegen. Anschließend soll - als Grundlage für die spätere Besprechung der Ein- zelwerke - eine Typologie der Dystopie entwickelt werden, die sich auf den Aufbau sowie die typischen Themen, Motive und Funktionen klassischer Dystopien stützt.5 Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Inhaltsanalyse der ausgewählten Romane. Die Untersu- chung der Formen des Auftretens von dystopischen Elementen in den Romanen dient dabei dem Ziel einer Bestandsaufnahme, um den Eindruck von einer nachhaltigen Bedeutung des Themas in dem jeweiligen Roman zu bestätigen und ihn systematischer fassen zu können. In dem Roman Corpus Delicti soll außerdem das Motiv des Außenseiters, das in den Dys- topien eine wichtige Rolle spielt, genauer untersucht werden.

Durch die Offenheit des Genres wird es zunehmend schwieriger das Gattungssystem anhand konstanter Merkmale zu beschreiben. Mithilfe der exemplarischen Analyse der beiden ausgewählten Romane soll geprüft werden, ob es einen 'dystopischen Kern' gibt. Wie haben sich die Dystopien in der Gegenwartsliteratur verändert?

2. Utopie

Der Begriff Dystopie wird oftmals als direkter Gegensatz zu dem der Utopie verstanden. Dabei besteht das Problem, dass es bei der Definition von dem Begriff Utopie keinen eindeutigen Konsens gibt. In der Utopieforschung scheint es mittlerweile zu einem Brauch geworden zu sein, die verwirrende Vielfalt unterschiedlicher Definitionen des Begriffs zu beklagen. In einer aktuellen Studie zum Thema heißt es, heutzutage sei "wohl das Höchste, was ein Kolloquium zum Thema der Utopie hinsichtlich der Begriffsbildung erreichen [könne], eine Verständigung darüber, was der Andere mit dem Begriff Utopie meint."6 Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit wird eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Utopie hier lediglich überblicksartig erfolgen.

2.1 Begriffsdefinition

Der Begriff Utopie erhielt Einzug in die verschiedensten Sparten der Wissenschaft, so wird er in der Soziologie, der Philosophie und auch in der Literaturwissenschaft verwendet. Wer versucht, eine Definition zu finden, "die das Wesen der Utopie [erfasst] und dabei den Staatsrechtler, Soziologen, Pädagogen und Literaturwissenschaftler in gleicher Weise [zufriedenstellt], würde unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen, da die Utopie ein [höchst] komplexes Gebilde ist"7.

Alltagssprachlich wird das Wort "utopisch" heutzutage in der Regel für träumerische Spinnereien verwendet. Mit dem Ausruf "Das ist utopisch!" werden in der Regel Ideen oder Vorhaben kommentiert, deren Realisierung als unwahrscheinlich oder gar unmöglich gilt. Der Begriff ist im alltäglichen Gebrauch somit eher negativ behaftet.

In der Literatur kam der Begriff das erste Mal im Jahr 1516 vor - dem Jahr, in dem Thomas Morus sein Werk Utopia veröffentlichte, das oftmals als "Prototyp" des Genres der Utopie gesehen wird.8 In Utopia wird das Bild eines republikanischen idealen Staates entworfen, der auf einer nicht lokalisierbaren Insel angesiedelt ist. Dieser Entwurf eines idealen Gesellschaftszustandes wurde das Modell für eine ganze Reihe von weiteren Ent- würfen in den folgenden Jahrhunderten, in denen Gesellschaftssysteme dargestellt wurden, die "die Defizite der zeitgenössischen Realität imaginativ überwunden [haben]"9.

Bei dem Wort Utopie handelt es sich um einen Neologismus. Zusammengesetzt wird er aus der griechischen Vorsilbe /ou/ (= nicht) und dem Wort tópos (=Ort). Wortwörtlich be- deutet Utopie somit "Nicht-Ort". Thomas Schölderle weist in seinem Werk Geschichte der

Utopie darauf hin, dass Morus' Wortkreation sprachlich falsch gebildet ist, da "im Griechi- schen die Negation 'ou' [...] zur Satzverneinung dient, während für die Negation eines Ad- jektivs oder Substantivs das sogenannte 'Alpha privativum' verwendet wird."10 Schölderle stellt allerdings fest, dass diese fehlerhafte Wortschöpfung kein Versehen war, denn die beiden griechischen Präfixe /ou/ und /eu/ (=gut) klingen im Englischen gleich, das bedeu- tet, dass der Begriff auch als Eutopia gelesen werden kann, was "guter Ort" bedeutet. Bei dem Titel des Werks handelt es sich somit um ein Wortspiel aus den zwei Wörtern eutopia (guter Ort) und outopia (Nicht-Ort).11

Hans-Edwin Friedrich definiert die Utopie im Reallexikon der deutschen Literaturwis- senschaft als eine "[n]arrative Entfaltung eines idealen funktionierenden Gesellschaftsmo- dells"12 sowie als ein "im weiteren Sinn auf Wirklichkeitsveränderung zum Idealzustand zielendes Denken."13,14 Da seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts auch Dystopien, d.h. ne- gative Zukunftsentwürfe, entstanden sind, wird zwischen positiven und negativen Utopien unterschieden. Norbert Elias liefert in seinem Aufsatz Thomas Morus' Staatskritik. Mit Ü berlegungen zur Bestimmung des Begriffs Utopie eine Definition, die den Begriff der Dystopie mit umfasst:

Eine Utopie ist ein Phantasiebild einer Gesellschaft, das Lösungsvorschläge für ganz bestimmte ungelöste Probleme der jeweiligen Ursprungsgesellschaft enthält, und zwar Lösungsvorschläge, die entweder anzeigen, welche Änderungen der bestehenden Gesellschaft die Verfasser oder Träger einer solchen Utopie herbeiwünschen oder welche Änderungen sie fürchten und vielleicht manchmal beide zugleich.15

2.2 Typische Merkmale von Utopien

Hubertus Schulte-Herbrüggen arbeitete drei typische Merkmale von Utopien heraus: Se- lektion, Idealität und Isolation.16 Unter Selektion wird die "Ausschaltung aller systemwid- rigen Kräfte und Elemente"17 verstanden. In Utopien herrschen ideale, starre Gesellschaf- ten, die sich nicht verändern (Idealität). Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Harmonie des Gesellschaftssystems und das Glück der Bewohner. Die Bürger unterwerfen sich dem oftmals totalitären System freiwillig aufgrund von Einsicht. Aus diesem Grund kommt es zu keiner Störung des sozialen Friedens. Schulte-Herbrüggen formuliert dies im Bezug auf

Thomas Morus' Utopia: "Die Utopier [empfinden] die straffe Staatsräson nicht als totalitär. Sie erfüllen - der Vernunft folgend [...] von innen her die Normen des Staates, der sie ihnen deshalb nicht mit äußerer Gewalt aufzwingen muss."18 Die Bewohner Utopias haben das überindividuelle Wertesystem des Staates in so starkem Maße verinnerlicht, dass eine Diskrepanz zwischen individuellen Interessen und gesellschaftlicher Norm nicht auftritt.19

Der Handlungsort einer Utopie ist isoliert. Bis zum 18. Jahrhundert fanden Utopien zu- meist auf Inseln statt und waren in Form eines Reiseberichtes geschrieben: Ein zeitgenössi- scher Reisender gelangt auf abenteuerliche Weise in das utopische Gemeinwesen. Dabei ist die Reaktion des Reisenden auf den fremden Staat "durch eine uneingeschränkte Bewunde- rung und Anerkennung der utopischen Ordnung gekennzeichnet."20 Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zeigt die Utopie eine Entwicklung von der Raum- zur Zeitutopie. Diese Ent- wicklung bezeichnet Reinhart Koselleck als die "Verzeitlichung der Utopie"21. Die Ver- zeitlichung zeigte sich erstmals in dem 1771 erschienenen Roman L'an deux mille quatre cent quarante von S. Mercier. Der Protagonist erreicht durch einen jahrhundertelangen Schlaf das Paris von 2440, in dem nach einer friedlichen Revolution Frieden herrscht. So- mit wurde die Zukunft als Ort für Utopien entdeckt. Eine mögliche Erklärung dieser Ent- wicklung ist die nahezu vollkommene Erkundung der Welt zum Ende des 18. Jahrhun- derts: Da die Distanz zum Dargestellten gewahrt werden musste, schuf man sich mit der Verzeitlichung der Utopie eine neue, endlose Projektionsfläche für alternative Gesell- schaftsentwürfe.

2.3 Unterscheidung zu Science-Fiction

Seit der Verlagerung der Utopien vom Raum in die Zeit ist die Darstellung von Gesellschaftsmodellen somit auf die Zukunft bezogen und diese wird oftmals mit den Mitteln der Science-Fiction gestaltet. Eine Unterscheidung der beiden Genres Utopie und ScienceFiction ist allerdings relativ einfach vorzunehmen. Nach Richard Saage artikulieren sich Utopien in "Kategorien eines fiktiven Gesellschaftsmodells"22 während es der ScienceFiction primär um das "Ob und Wie der technischen Innovation"23 geht:

"[D]ie Bauprinzipien, nach denen die klassische Utopie und Science Fiction konstruiert sind, unterscheiden sich gravierend. Nachweisen läßt sich diese Differenz an der unter- schiedlichen Weise, wie utopisches Denken und Science Fiction auf Wissenschaft und Technik reagierten. [...] [Das utopische Denken] interessiert [...] nicht so sehr die Technik an sich, sondern vielmehr ihre Auswirkung auf die Gesellschaft und die in ihr lebenden In- dividuen. [...] Demgegenüber ist Science Fiction durch eine andere Stoßrichtung charakteri- siert. Ihr geht es zentral um das "Ob und das Wie der technischen Innovation"24

Außerdem unterscheiden sich die beiden Genres auf der literarischen Beschreibungsebene. Die klassische Utopietradition steht und fällt mit dem Entwurf eines idealen Gesellschaftsmodells. Dagegen konzentrieren sich die Autoren der Science Fiction eher auf einen minimalen Ausschnitt der zu beschreibenden Welt.25

3. Dystopie

Während die klassische Utopie ein positives Gegenbild zu der kritisierten Herkunftsgesell- schaft des Autors entwirft, geht die Dystopie den umgekehrten Weg und entwirft ein Schreckbild derselben. Eine präzise Definition von dem Begriff Dystopie lässt sich aus mehreren Gründen zunächst nur schwer treffen. Zum einen wird der Begriff in vielen deut- schen Wörterbüchern und Lexika gar nicht bzw. lediglich unter seiner medizinischen Be- deutung ("Fehllagerung von Organen"26 ) aufgeführt. Zum anderen wird der Begriff oftmals wie selbstverständlich in Fachliteratur und Presse verwendet. Was eine genaue Definition zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass es eine große Anzahl an verwandten Begriffen gibt, die entweder als Synonym für Dystopie gebraucht, oder mit nur geringen Bedeu- tungsverschiebungen verwendet werden. Ich möchte daher zunächst versuchen über das verwirrend vielfältige Begriffsfeld, mit dem das Phänomen der negativen Zukunftsentwür- fe in der Forschungsliteratur bezeichnet wird, Klarheit zu erlangen und eine tragfähige Begriffsdefinition herauszuarbeiten bevor ich mich der Entwicklung des Genres widme.

3.1 Begriffsdefinition

Die erste Erwähnung von "dystopia" wird dem britischen Philosophen John Stuart Mill im Jahr 1868 zugeschrieben.27 Während einer Rede zur Situation des Staates Irland vor dem britischen Parlament greift Mill seine Gegner mit folgenden Worten an:

It is, perhaps, too complimentary to call them Utopians, they ought rather to be called dystopians or caco-topians. What is commonly called Utopia is something to good to be practicable; but what they appear to favour is to bad to be practicable.28

Mill führt die Bezeichnung "dystopians" als Antonym für "Utopian" ein. Etymologisch lässt sich das Wort Dystopie als Zusammensetzung der altgriechischen Vorsilbe /dys-/ und des Wortes tópos herleiten. Das Präfix /dys-/ steht für "abweichend von der Norm, übel, schlecht, krankhaft"29 und tópos für "Ort, Platz"30. Dystopie bedeutet also zunächst einmal: der schlechte Ort.

Innerhalb der Literaturwissenschaft fand der Begriff das erste Mal im Jahr 1952 Verwen- dung. In diesem Jahr schlug J. Max Patrick vor, das Feld der Utopie in Eutopien, positive Zukunftsentwürfe, und Dystopien, negative Zukunftsentwürfe, zu unterteilen. Eutopien und Dystopien teilen sich somit als Unterarten die gemeinsamen Merkmale der Utopie und können anhand dieser nicht nur als Utopie identifiziert, sondern auch als Dystopie bzw. Eutopie typologisiert werden.

In den folgenden Jahren setzte sich der Begriff vor allem im englischsprachigen Raum gegenüber zahlreichen konkurrierenden Termini als Bezeichnung für jene Texte durch, die in der deutschen Forschung unter anderem als "Gegenutopie" (Seeber), "negative Utopie" (Broich), "Schreckutopie" (Borinski), "schwarze Utopie" (Saage), "Anti-Utopie" (u.a. Meyer) oder "Dystopie" (Patrick) bezeichnet wurden. In der Forschung wurde oftmals ver- sucht, den Begriff der Dystopie von jenem der Gegenutopie sowie der Anti-Utopie zu un- terscheiden. Andreas Heyer nimmt in seiner Studie Der Stand der aktuellen deutschen Utopieforschung explizit eine solche Unterscheidung vor. Nach Heyer bezeichne der Be- griff Anti-Utopie Werke, die sich intentional gegen Utopien richten, d.h. es müsse deutlich zum Ausdruck kommen, dass der Autor tatsächlich gegen Utopien argumentiere.31 Heyer betont aus diesem Grund, dass die Begriffe Dystopie und Anti-Utopie nicht synonym ver- wendet werden dürften.32 Stephan Meyer definiert die Anti-Utopie als "eine Negation lite- rarisch-utopischer Idealstaaten [...] in denen ein Totalitarismusverdacht gegen die klassi- sche politische und literarische Utopie ausgesprochen wird"33. Bei der Anti-Utopie handele es sich somit um eine Kritik an utopischen Konzepten, wohingegen die Dystopie auf in- haltliche Kategorien abziele.

Norbert Groeben definiert das Verhältnis von Eutopie/Dystopie zu AntiUtopie/Gegenutopie folgendermaßen:

Die [...] Dystopie ist auf der gleichen Ebene wie die positive Utopie anzusetzen: Während in der Eutopie Strukturmerkmale der gegebenen Welt, die als negativ abgelehnt werden, durch Merkmale einer positiven Entwicklung kontrastiert werden, stellen Dystopien die gleichen Strukturmerkmale in ihrer negativen Entwicklung zu Ende gedacht vor, um durch die entspre- chende literarische Darstellung des negativen Endzustandes abzuschrecken. Die positive Uto- pie in der Gestalt des Beispiels, die negative in der Gestalt der Warnung befinden sich also auf der gleichen Ebene eines (mehr oder minder) direkten Gesellschaftsbezugs. Das Konzept der Anti- oder Gegen-Utopie setzt im Vergleich dazu [...] eine Ebene höher an, nämlich als Kritik an (positiv-)utopischen Konzeptionen bzw. gesellschaftlich-historischen Verhältnissen, die als Emanationen solcher utopischen Entwürfe anzusehen sind.34

Hans Esselborn stellt allerdings fest, dass "diese differenzierte Unterscheidung nicht realis- tisch ist"35, denn "gesellschaftliche Wunsch- und Schreckbilder [sind] nicht ohne den Re- kurs auf eine Utopie denkbar"36. Desweiteren sei die Ebene der Gesellschaft nicht von der der Konzepte zu trennen.37 Auch Elena Zeißler weist in ihrer Untersuchung darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen utopiekritischer Anti-Utopie und gesellschaftskritischer Dystopie in der Praxis schwer umzusetzen ist, da "die Anti-Utopie seit ihren Anfängen sowohl utopie- als auch realitätskritische Elemente in sich trägt"38. Seit wenigen Jahren gewinnt die Bezeichnung Dystopie gegenüber jener der Anti-Utopie auch im deutschspra- chigen Raum zunehmend an Bedeutung. Aus diesen Gründen sollen die Begriffe Anti- Utopie und Dystopie in dieser Arbeit synonym verwendet werden.

Anti-Utopie bzw. Dystopie werden in dieser Arbeit als eine literarische Form verstan- den, in denen "eine aus Gegenwartstendenzen extrapolierte Schreckensvision der Zu- kunft"39 dargestellt wird. Es wird entweder eine alternative Gesellschaft beschrieben, die im Vergleich zur gegenwärtigen Ordnung negativer erscheint, oder es werden einzelne gesellschaftliche Prozesse beziehungsweise bestimmte Tendenzen der gegenwärtigen Ge- sellschaft herausgegriffen, die die Entwicklung in eine unerwünschte Richtung zu lenken scheinen.40 Die Dystopie stellt das negative Gegenbild zur literarischen Utopie dar. Sie entwirft Visionen von (zukünftigen) staatlichen Systemen, die keinen Anlass mehr zur Hoffnung geben, sondern ein abschreckendes Beispiel evozieren sollen. Die hierbei geäu- ßerte Kritik an aktuellen Zuständen der Gegenwart äußert sich, indem der Autor eine Zu- kunft beschreibt, in der alle besorgniserregenden gegenwärtigen Entwicklungen radikali- siert zu Ende gedacht werden.

Birgit Affeldt-Schmidt definiert die Dystopie als den "Entwurf einer hypothetischen möglichen negativen Welt [...], der in zeitlicher Projektion und Perfektionierung von kri- tisch beurteilten, negativen Entwicklungstendenzen der zeitgenössischen Wirklichkeit eine idealtypisch vollendete, negative Modellwelt versinnlicht."41 Während die positive Utopien ein positives Gegenbild zur kritisierten Herkunftsgesellschaft des Autors entwerfen, zeigen Dystopien auf, was passieren könnte, wenn bestimmte Trends der Gegenwart weiter entwi- ckelt werden.42

Eine weitere Unterscheidung kann zwischen der Dystopie und der sogenannten kriti- schen Dystopie getroffen werden. Die kritische Dystopie zeichnet sich dadurch aus, dass

sie mit einem offenen Ende und einem positiven Ausblick oder Hoffnungsschimmer schließt, während die klassische Dystopie selbst diesen verwehrt. Es liegt am Rezipienten, die in der Dystopie geschilderten Schrecken in der Realität zu verhindern. Die erzählte Geschichte selbst bietet dabei keinen Ausweg an.43

3.2 Entwicklung der Dystopie

Während die positiven Utopien Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise in dem Roman A Modern Utopia (1905) von H.G. Wells eine Weiterentwicklung und Steigerung erfahren, werden sie spätestens seit den 1920er Jahren immer mehr von dystopischen Werken ver- drängt. Richard Saage stellt fest, dass die positive Staatsutopie bereits von Anfang an die zentralen Elemente der schwarzen Utopie enthalten habe, wenngleich diese erst im 20. Jahrhundert zur vollen Entfaltung gekommen seien.44 Dies begründet Saage damit, dass sich im 20. Jahrhundert die Wertschätzung von Technik und Fortschritt ändert. Der Fort- schrittsoptimismus und die damit einhergehende Technikfaszination zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielten durch den Ersten Weltkrieg tiefe Risse. Es tauchten Zweifel auf, ob der menschliche Fortschritt allein auf der Technik beruhen könne. Diese Technikskepsis prägte nach dem Ersten Weltkrieg große Teile der europäischen Bevölkerung. Als zweite Ursache für das Vorherrschen der schwarzen Utopie ist die russische Oktoberrevolution 1917 zu sehen, die in der Literatur ein Schreckensszenario in Form einer reglementierten und verelendeten Gesellschaft nach sich zog. Als letzten Grund nennt Saage das Span- nungsverhältnis zwischen den fortschreitenden wissenschaftlich-technischen Möglichkei- ten und den Zweifeln an der Verantwortungsfähigkeit des Menschen, die sich ebenfalls aus den Erfahrungen des ersten Weltkriegs ergaben. Die Folge davon sei ein Klima der Verun- sicherung, was die Entwicklung der Dystopie befördert habe. Es machte sich ein Pessi- mismus breit, der seinen literarischen Ausdruck nicht mehr in Vorstellungen einer besseren Welt fand, sondern in Warnungen vor einer (noch) schlechteren. Den Dystopien ging es nicht mehr um eine Schilderung positiv besetzter alternativer Gesellschaften, sondern sie entwarfen Furcht- und Schreckensbilder vor denen sie warnten.45 Das als möglich Gedach- te wurde mit der Zeit auch zum technisch Machbaren und erzeugte damit Ängste, die den Übergang von der Utopie zur Dystopie bestimmen: aus Wunschbildern werden Schreck- bilder.46

Die drei bekanntesten Dystopien des 20. Jahrhunderts sind Jewgenij Samjatins Wir (1920), Aldous Huxleys Sch ö ne neue Welt (1932) und George Orwells 1984 (1949). Alle drei Romane haben den dystopischen Diskurs des 20. Jahrhunderts besonders geprägt und wurden zu Bestsellern.

[...]


1 Vgl. Zeißler, Elena: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Marburg: Tectum Verlag 2009, S. 9. Im Folgenden zitiert: Zeißler, Elena: Dunkle Welten, Seitenangabe.

2 Vgl. Figatowski, Bartholomäus: "Geht die Welt jetzt unter, Mom?" In: Mamczak, Sascha/ Pirling, Sebasti- an/ Bösl, Elisabeth/ Lamers, Julian (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2013. München: Heyne 2013, S. 197.

3 Vgl. https://www.carlsen.de/junge-erwachsene/buecher-und-e-books/themen/dystopie & http://www.loewe- verlag.de/content-124-124/dystopie/ (Aufruf: 06.05.2014)

4 http://www.schoeningh-schulbuch.de/artikel/EinFach-Deutsch-Unterrichtsmodelle-Juli-Zeh-Corpus- Delicti/978-3-14-022557-1 (Aufruf: 14.05.2014)

5 Als Klassiker werden Werke betrachtet, die sich als norm- oder stilbildend auszeichnen, also exemplarisch für das Genre der Dystopie sind. (Vgl. Zeißler, Elena: Dunkle Welten, S. 37.)

6 D'Idler, Martin: Die Modernisierung der Utopie. Vom Wandel des Neuen Menschen in der politischen Utopie der Neuzeit. Berlin: LIT 2007, S. 16.

7 Tuzinski, Konrad: Das Individuum der englischen devolutionistischen Utopie. Tübingen: Niemeyer 1965 (=Studien zur englischen Philogie 9), S. 2.

8 Heyer, Andreas: Ausgew ä hlte Forschungsfelder und die Analyse der postmodernen Utopieproduktion. Hamburg: Kovac 2008(=Stand der aktuellen Utopieforschung 2), S. 7. Im Folgenden zitiert: Heyer, Andreas: Stand der aktuellen Utopieforschung, Seitenangabe.

9 Weber, Hartmut: Die Au ß enseiter im anti-utopischen Roman. Frankfurt: Peter Lang 1979 (=Europäische Hochschulschriften), S. 5. Im Folgenden zitiert: Weber, Hartmut: Die Außenseiter im anti-utopischen Roman, Seitenangabe.

10 Schölderle, Thomas: Geschichte der Utopie. Eine Einf ü hrung. Köln: Böhlau Verlag 2012, S. 10.

11 Claeys, Gregory: Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie. Darmstadt: Wiss. Buchgesel. 2011, S. 59.

12 Friedrich, Hans-Edwin: "Utopie". In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band III P - Z. Berlin: De Gruyter 2003, S. 739.

13 Ebd.

14 Die Definition im Metzler Literatur Lexikon legt das Verständnis von Utopie als "Nicht-Ort" oder "Nir- gendwo" nahe und verweist auf den durch Thomas Morus in Utopia (1516) geschaffenen Kunstwortcharak- ter.

15 Elias, Norbert: "Thomas Morus' Staatskritik. Mit Überlegungen zur Bestimmung des Begriffs Utopie." In: Vosskamp, Wilhelm (Hrsg.): Utopieforschung. Interdisziplin ä re Studien zur neuzeitlichen Utopie. Bd. 2. Stuttgart: Metzler 1982, S. 103.

16 Schulte-Herbrüggen, Hubertus: Utopie und Anti-Utopie. Von der Strukturanalyse zur Strukturtypologie. Bochum: Pöppinghaus 1960, S. 112ff.

17 Weber, Hartmut: Die Außenseiter im anti-utopischen Roman, S. 9.

18 zitiert nach: Weber, Hartmut: Die Außenseiter im anti-utopischen Roman, S. 10.

19 Vgl. Ebd.

20 Ebd., S. 11.

21 Koselleck, Reinhart: "Verzeitlichung der Utopie." In: Ders. (Hrsg.): Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt: Suhrkamp 2003, S. 131.

22 Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1991, S. 47.

23 Ebd. S. 50.

24 Saage, Richard: Utopieforschung. An der Epochenwende von 1989. Band 1. Berlin: LIT 2008, S. 38.

25 Saage, Richard: Utopieforschung. An der Epochenwende von 1989. Band 1. Berlin: LIT 2008, S. 37.

26 Vgl. Wahrig-Burfeind, Renate (Hrsg.): Wahrig. Deutsches W ö rterbuch. München: Wissen Media Verlag GmbH 2006, S. 406.

27 http://dystopischeliteratur.org/dystopienseiten/etymologie-des-begriffes-dystopie/ (Aufruf: 20.05.2014)

28 zitiert nach: http://dystopischeliteratur.org/dystopienseiten/etymologie-des-begriffes-dystopie/ (Auf ruf: 05.07.2014)

29 Schölderle, Thomas: Geschichte der Utopie. Eine Einf ü hrung. Köln: Böhlau Verlag 2012, S. 10.

30 Ebd.

31 Vgl. Heyer, Andreas: Stand der aktuellen Utopieforschung, S. 50.

32 Ebd.

33 Meyer, Stephan: Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. (=Europäische Hochschulschriften). Frankfurt: Peter Lang Verlag 1998, S. 32. Im Folgenden zitiert: Meyer, Stephan: Die anti-utopische Tradition, Seitenangabe.

34 Groeben, Norbert: "Frauen, Science Fiction, Utopie. Vom Ende aller Utopie(n) zur Neugeburt einer literarischen Gattung?" In: Internationales Archiv f ü r Sozialgeschichte der deutschen Literatur 19 (1994), S. 178f.

35 Esselborn, Hans: Utopie, Anti-Utopie und Science-Fiction. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003, S. 8.

36 Ebd.

37 Ebd.

38 Vgl. Zeißler, Elena: Dunkle Welten, S. 17.

39 Zitiert nach: Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1991, S. 265.

40 Vgl. Zeißler, Elena: Dunkle Welten, S. 17.

41 Affeldt-Schmidt, Birgit: Fortschrittsutopien. Vom Wandel der utopischen Literatur im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1991, S. 35.

42 Heyer, Andreas: Stand der aktuellen Utopieforschung, S. 49.

43 Zeißler, Elena: Dunkle Welten, S. 22

44 Vgl. Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1991, S. 269.

45 Heyer, Andreas: Stand der aktuellen Utopieforschung, S. 9.

46 Vosskamp, Wilhelm: "Einleitung". In: Vosskamp, Wilhelm/ Blamberger, Günter/ Roussel, Martin (Hrsg.): M ö glichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in der Gegenwart. München: Fink 2013, S. 21.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Themen und Motive der Dystopie in der Gegenwartsliteratur
Untertitel
Am Beispiel von Juli Zeh und Christian Kracht
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V369423
ISBN (eBook)
9783668491151
ISBN (Buch)
9783668491168
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturwissenschaft, NDL, Neue deutsche Literatur, Utopie, Dystopie
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Themen und Motive der Dystopie in der Gegenwartsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369423

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