Musikpädagogik in der Schule. Ein erforderliches Fach für Kinder mit Hörschädigung?


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung von Musik für hörgeschädigte Kinder
2.1 Wahrnehmung von Musik am Beispiel von Evelyn Glennie

3. Praktiken namenhafter Musikpädagogen
3.1 Scheiblauers Rhythmik mit Gehörlosen
3.2 Lernen mithilfe von Klang-Stäben
3.3 Der Effekt von Spielliedern im Musikunterricht

4. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Musik kann Schmerzen lindern, Erinnerungen wachrufen, psychische Barrieren ü berwinden und Kommunikation erm ö glichen. 1

Dieser einleitende Satz von Birgit Herden spiegelt die vielfältige Wirkung von Musik wider und verdeutlicht, dass sie ein wichtiger und nicht wegzudenkender Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Wenn ich von meinem Studium und der seltenen Fächerkombination - Musik und Sonderpädagogik - berichte, dann stößt dies häufig auf starkes Interesse. Der Verweis auf meine Fachrichtungen Audiopädagogik und Sprachbehindertenpädagogik führt jedoch zu irritierten Gesichtern und den un- umgänglichen Fragen: Wie kannst du mit den Kindern Musik machen, wenn sie eine Hörschädigung oder Sprachbehinderung haben? Geht das überhaupt? Sind nicht andere Fächer für diese Kinder wichtiger?

Durch diese häufig gestellten Fragen von Verwandten und Bekannten ist es mir ein Bedürfnis, mit der vorliegenden Hausarbeit zu versuchen, die wichtigsten Fakten darzulegen und zu beweisen, wie notwendig die Förderung der Musikalität für hörgeschädigte Kinder ist. Meine Motivation ist es, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren und ihnen bewusst zu machen, dass der Musikunterricht auch für hörgeschädigte Kinder eine Selbstverständlichkeit und ein fest verankerter Bestandteil in der Schullaufbahn sein muss. Die Leitfrage dieser Arbeit, ob die Musikpädagogik ein erforderliches Fach für Kinder mit Hörschädigung sei, wird als roter Faden dienen.

Auf die verschiedenen Arten und Ursachen einer Hörschädigung wird in dieser Arbeit aufgrund begrenzter Anzahl von Seiten nicht eingegangen. Vielmehr befasst sich der erste Abschnitt mit der Bedeutung und Notwendigkeit von Musik für hörgeschädigte Kinder. Um hörenden Menschen die Wahrnehmung hörgeschädigter Menschen von Musik einigermaßen verständlich zu machen, habe ich einen kurzen Ausschnitt eines Zeitungsartikels über die berühmte Schlagzeugerin Evelyn Glennie in die Arbeit eingebracht. Der praxisbezogene Hauptteil schildert die verschiedenen Arbeitsweisen von Musikpädagogen, die sich das Musizieren mit hörgeschädigten Kindern zur Lebensaufgabe gemacht haben. Es werden die Unterrichtsmethoden erklärt, damit auch hörende Menschen sich ein Bild von dieser Arbeit machen können. Im Fazit fasse ich meinen Erkenntnisstand kompakt zusammen und werde Schlussfolgerungen für meine spätere Arbeit an der Schule ziehen.

2. Bedeutung von Musik für hörgeschädigte Kinder

Musik begegnet dem Menschen jeden Tag aufs Neue: bereits morgens im Radio, aus den Kopfhörern des Nachbarn in der Bahn, im Fernsehen oder abends bei Konzerten. Die Musik ist allgegenwärtig und ein fester Bestandteil des Alltags, sodass ein Leben ohne sie für alle Menschen unvorstellbar wäre. Allerdings ist die Musik nicht nur ein Genussmittel, sondern besteht auch aus „[...] lebenswichtigen oder handlungs- anweisenden akustischen Signalen.“2 Diese überlebenswichtigen Gefahrensignale bspw. im Straßenverkehr, das Heranfahren und Hupen eines Autos, geben dem Menschen zu verstehen, dass eine unmittelbare Gefahr bevorsteht. Hörende können diese Signale sofort verarbeiten und dementsprechend reagieren. Aber wie können Kinder mit einer Hörschädigung für diese Situationen vorbereitet werden?

Neben einer frühzeitigen medizinischen Betreuung und einer optimalen technischen Ausstattung, kann im Musikunterricht der reduzierte auditive Sinn durch Hörtraining erschlossen oder der fehlende auditive Sinn durch das Training einer anderen Wahrnehmung simuliert werden.3 Musik ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt gesprochen wird und deswegen „[...] für Schwerhörige und auch für vollständig Gehörlose erleb-, erkenn- und verstehbar [ist]. Die nonverbale Kommunikation, die durch Musik und Bewegung möglich ist, bekommt gerade bei hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen eine besondere Bedeutung.“4 Die Musikpädagogin Shirley Salmon hat drei Argumente für die Bedeutung von Musik aufgestellt: „1. Hörgeschädigte Kinder erleben oft Schwierigkeiten in der Entwicklung von Dialogfähigkeit, 2. Jeder Mensch, auch der Mensch mit Hörschädigung, braucht den Dialog, um sich weiterzuentwickeln, 3. Ein multi-sensorischer Ansatz kann die Entwicklung von Dialogfähigkeit und somit die Gesamtentwicklung unterstützen.“5 Demnach benötigen Kinder mit Hörschädigung dringend eine musikalische Förderung, um so gut wie möglich die Welt zu entdecken, ihre nonverbale Kommunikation erleichtern und sich harmonisch entwickeln zu können.

2.1 Wahrnehmung von Musik am Beispiel von Evelyn Glennie

Evelyn Glennie ist eine britische Schlagzeugerin, die durch eine Krankheit im Kindesalter ihr Gehör verlor und seitdem die Töne über Vibrationen wahrnimmt. Ihr Schlagzeuglehrer brachte ihr bei, die Musik mit ihrem Körper aufzunehmen, indem sie die Hände an die Wände des Proberaums hielt und er auf den Instrumenten spielte. Der folgende Zeitungsartikelabschnitt verdeutlicht den Wahrnehmungsprozess von Musik über Vibrationen, der für hörende Menschen nur schwer nachzuvollziehen ist:

Wo fühlst du das, fragte er. Die Beine hinauf, sagte Evelyn. Es war ein tiefer Ton. Und das? Im Nacken. Ein hoher Ton. So stimmten sie die Pauken, und mit ihnen stimmte Evelyn ihren Körper auf den Schall. Es dauerte. Manche Töne waren flüchtig wie ein Windhauch, manche so erschütternd, dass sie noch im Bauch bebten, wenn schon die nächsten die Glieder stürmten. Nach und nach bemächtigte sich Evelyn der Klänge aller Schlaginstrumente, derer sie habhaft wurde. Es war ein großartiges Gefühl. Sie war wieder im Einklang mit den Tönen. Es dauerte nicht lang, und sie spielte ihre ersten Konzerte.6

3. Praktiken namenhafter Musikpädagogen

Der zweite Punkt handelte von der Bedeutung von Musik für Menschen mit Hörschädigung und nannte Gründe, warum diese unbedingt eine musikalische Ausbildung erhalten sollten. Im dritten Punkt werden die Arbeiten von drei erfahrenen Musikpädagogen komprimiert geschildert, um weniger einen theoretischen als vielmehr einen praktischen Schwerpunkt zu legen.

3.1 Scheiblauers Rhythmik mit Gehörlosen

Mimi Scheiblauer wurde 1891 in der Schweiz geboren und gilt als Wegbereiterin für die musikalisch-rhythmische Arbeit mit hörgeschädigten Kindern. Sie entwickelte „[...] eine pädagogisch ausgereifte Arbeitsweise, die jedem Menschen - unabhängig jeglicher Beeinträchtigung - die Teilnahme am Rhythmikunterricht und somit eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung eröffnete.“7 Scheiblauer, welche sich durch ihre Offenheit und ständige Selbstreflexion einen Namen machte, arbeitete vierzig Jahre lang als Musikpädagogin und schrieb ihre Vorbereitungen auf, sodass noch heute von ihren Aufzeichnungen profitiert werden kann.8 In einem Vortrag fasste sie ihre Ziele des Musikunterrichts für Hörgeschädigte wie folgt zusammen: Ausbildung des Vibrations- sinnes, Auslösen des Sinns für den Sprachrhythmus, Förderung der visuellen Konzentration, Anregung der Bewegungsfantasie und Förderung des sozialen Verhaltens.9 Obwohl sie „[...] die Gebärdensprache nicht anwendete, vertraute sie auf die Aussagekraft ihrer auch sonst im Unterricht gern eingesetzten Gesten, die eigene Mimik, die Sprache der Musik und die taktilen Zeichen.“10 Um den Vibrationssinn zu verfeinern und den ganzen Körper dafür zu sensibilisieren, sollten die Kinder zuerst die Musik mit einem Tamburin an der Lippe und der Hand spüren. Daraufhin wurde der Abstand zum immer-weiter-entfernten Klavier erfühlt, bis letztendlich die Musik nur durch aufgehaltene Hände wahrgenommen werden konnte.11

Scheiblauer war der Meinung, dass Pädagogen den Kindern mehr Raum zum Erleben und Ausprobieren geben sollen, damit sie begeisterungsfähig werden können.12 Diese Auffassung beweist, wie weit Scheiblauer ihrer Zeit voraus war und somit die aktuellen pädagogischen Ansichten unterstützt. Viele Schulfächer beinhalten Lernstoffe, die durch “trockene“ Unterrichtseinheiten vermittelt werden und der Frontalunterricht eine zentrale Rolle spielt. Im Musikunterricht können und müssen sich die Kinder frei entfalten, weil der Fantasie keine Grenzen gesetzt werden. Durch das Ausprobieren von Instrumenten und das Staunen und Bewundern13 der Musik lernen die Kinder im Unterbewusstsein die Sprache der Musik. Scheiblauer „[...] betont, dass das Wichtigste sei, dass jeder Lehrer wisse, was er mit einer Übung bezwecken wolle, dass er flexibel den Schwierigkeitsgrad verändern könne und dass er im richtigen Moment die richtige Übung zur Verfügung habe.“14 Angehende Lehrer sollten demnach den Unterricht nicht zu akribisch planen, sondern vielmehr Platz für spontane Aufgaben haben.

3.2 Lernen mithilfe von Klang-Stäben

Claus Bang arbeitet als Musiktherapeut an der Aalborg-Schule in Dänemark. Sein Unterricht richtet sich an gehörlose, hörgeschädigte und taubblinde Schüler, welche bereits ab dem Vorschul-Alter die Schule besuchen können.15 Auch Bang ist der Meinung, dass der Musikunterricht für Kinder mit Hörschädigung sehr wichtig ist, weil „[...] Vibrationen Rhythmen, Klänge und melodische Sequenzen enthalten und in der tauben Person Reaktionen verursachen, die zu für sie sehr bedeutungsvollen Aktivitäten führen.“16 Durch die Vibration der Töne spüren die Kinder die Musik und wollen den empfangenen Eindruck durch Tanzen oder Singen darstellen.17

Der Musikpädagoge arbeitet intensiv mit Klang-Stäben, weil diese eine Frequenz- spanne von 64 bis 380 Hz haben. In dieser Spanne verfügen Gehörlose meist noch über Hörreste, sodass durch die Arbeit mit Klang-Stäben diese aktiviert werden können.18 Für Kinder mit Hörschädigung bedeutet der Musikunterricht mit Klang- Stäben: 1. dass das Restgehör bis zu einem gewissen Grad aktiviert und nutzbar gemacht werden kann, 2. dass sie dazu befähigt werden bei Berührung des Klangkörpers eine starke Vibration spüren, sodass Tonhöhen unterschieden werden können, 3. dass vollkommen gehörlose Kinder lernen, den Laut der Klang-Stäbe aus der Entfernung wahrzunehmen.19

[...]


1 Herden, Birgit (2011): Die Macht der Musik. In: ZEIT ONLINE, S. 1. Unter: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/01/Psychologie-Musik [02.09.16].

2 Pollicino, Karin; Steinmann, Brigitte (2009): Musikhören mit dem Körper. Rhythmik in der Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen mit Hörbeeinträchtigungen. Wiesbaden: Reichert (Zeitpunkt Musik), S. 33.

3 Vgl. ebenda, S. 15-16.

4 ebd., S. 16.

5 Salmon, Shirley (Hg.) (2009): Hören, Spüren, Spielen. Musik und Bewegung mit schwerhörigen und gehörlosen Kindern. Wiesbaden: Reichert (Forum Zeitpunkt), S. 121.

6 Schulz, Roland (2013): Unerhört. In: Süddeutsche Zeitung, S. 1. Unter: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41317/1/1 [25.09.16].

7 Pollicino, Steinmann (2009), S. 57.

8 Vgl. ebenda.

9 Vgl. ebd., S. 72.

10 ebd.

11 Vgl. ebenda, S.74.

12 Vgl. ebenda, S. 69.

13 ebd.

14 ebd., S. 70.

15 Vgl. Salmon (2009), S. 144.

16 ebd., S. 146.

17 Vgl. ebenda.

18 Vgl. ebenda, S. 147.

19 Vgl. ebenda, S. 149.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Musikpädagogik in der Schule. Ein erforderliches Fach für Kinder mit Hörschädigung?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V369886
ISBN (eBook)
9783668477377
ISBN (Buch)
9783668477384
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
musikpädagogik, schule, fach, kinder, hörschädigung
Arbeit zitieren
Franziska Erben (Autor), 2016, Musikpädagogik in der Schule. Ein erforderliches Fach für Kinder mit Hörschädigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369886

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Musikpädagogik in der Schule. Ein erforderliches Fach für Kinder mit Hörschädigung?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden