Die Lesekompetenzstudie IGLU (2006) und ihre Ergebnisse mit Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund. Eine kritische Betrachtung


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

1. Lesekompetenz – Basis der Lebensbewältigung in einer Wissensgesellschaft

2. Die Lesekompetenzstudie IGLU (2006) und ihre Ergebnisse mit Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund – eine kritische Betrachtung
2.1 IGLU ( Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) in Kürze
2.2 Ergebnisse: Lesekompetenz der Kinder mit Migrationshintergrund
2.3 Reaktionen auf IGLU-Ergebnisse

3. Reflexion: Bedeutung für gymnasiale Praxis

4. Literaturverzeichnis

1. Lesekompetenz – Basis der Lebensbewältigung in einer Wissensgesellschaft

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht, welches zunächst Verantwortung der Eltern und der Schule, die das Recht als staatlich getragene Einrichtung gewährleisten soll, ist.[1] Bildung als Voraussetzung für Qualifikationen und Lebenslanges Lernen spielt hinsichtlich individuellen Erfolgs in unserer Wissensgesellschaft eine herausragende Rolle (Legitimationsfunktion[2] ).

Die vorschulische Erziehung bereitet in Deutschland inhaltlich nur geringfügig auf die Primarstufe vor und weist der Grundschule damit eine Schlüsselrolle zu.[3] Diese besuchen alle Schüler, bevor in der Sekundarstufe eine Differenzierung nach Leistung erfolgt (Selektionfunktion[4] ), weshalb die Grundschule notwendige Basiskompetenzen vermitteln soll. Basis der Lerninhalte, den Bildungsstandards für den Primarbereich, ist die allgemeine literacy -Förderung.[5] Das Konzept reading literacy definiert die Lesekompetenz als Grundlage der Lebensbewältigung, bedeutend für selbstgesteuertes und Lebenslanges Lernen.[6] Bereits in der (Grund-)Schule ist diese Lesekompetenz Voraussetzung für gute Leistungen in allen Fächern und stellt somit eine Schlüsselqualifikation dar.[7]

Um die Lesekompetenz am Ende der Primarstufe im internationalen Vergleich zu testen, nimmt Deutschland seit 2001 an PIRLSS (Progress in International Reading Literarcy Study), zu deutsch IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung), teil. Die Studienergebnisse zeigen eine große Differenz der Lesekompetenz zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund. Schüler mit Migrationshintergrund werden nicht nur in der Grundschule überdurchschnittlich oft an Förderschulen für Lernbehinderungen verwiesen, sondern schneiden auch bei der Lesekompetenzstudie deutlich schlechter ab. Die Grundschule wird ihrer Qualifikationsfunktion, welche die Ausschöpfung des Lern- und Leistungspotentials jeden Schülers einschließt, nicht gerecht.[8] Mittlerweile findet schon in der Grundschulzeit eine Selektion der Schüler mit vermeintlich besonderem Förderbedarf nach verschiedenen Förderschwerpunkten statt.

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Lesekompetenzstudie IGLU 2006 sowie die zugrunde liegende Definition der Lesekompetenz, des Migrationshintergrunds und die diesbezüglichen Studienergebnisse dargestellt werden. In welchem Maß beeinflusst der Migrationshintergrund die Lesekompetenz von Schülern und wie (kritisch) werden diese Ergebnisse von Seiten der Deutschdidaktik aufgenommen? Was bedeuten jene IGLU-Ergebnisse für Lehrer der gymnasialen Sekundarstufe und die pädagogische Praxis?

2. Die Lesekompetenzstudie IGLU (2006) und ihre Ergebnisse mit Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund – eine kritische Betrachtung

2.1 IGLU ( Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) in Kürze

Auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz hin hat Deutschland 2001, 2006, 2011 und 2016 mit der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung an der Progress in International Reading Literarcy Study, initiiert durch die International Association for the Evaluaiion of Educational Achivement (IEA), zum komparatistischen Vergleich der Lesekompetenz von Schülern am Ende der Primarstufe teilgenommen. Ziel der Studie, die zur Dokumentation von Trends im Rhythmus von fünf Jahren durchgeführt wird, ist das Sammeln von Informationen zur Lesekompetenz, den Lernbedingungen, der Einstellung zum Lesen und den Lesegewohnheiten von Schülern wie Eltern sowie das Finden von Ansatzpunkten zur Weiterentwicklung der Grundschule.[9] Es sollen Aussagen über die Leistungsunterschiede hinsichtlich der Lesekompetenz innerhalb der Populationen – in Deutschland den vierten Klassen - spezieller Schülergruppen wie Schüler mit Migrationshintergrund, getroffen werden.[10] Die Leistungen der Schüler werden dabei als Ergebnis eines Lernprozesses, der neben der Arbeit im Unterricht auch unter dem Einfluss von außerschulischen und familiären Merkmalen steht, gesehen.[11] Deshalb betrachtet man Aspekte wie den der Lehrerbildung, der Schulstruktur, des Lehrplans, der Unterrichtsinhalte sowie die Mediennutzung im Deutschunterricht als Einflussfaktoren.[12]

Der vorgegebene Stichprobenumfang beträgt mindestens eine Klasse von jeweils 150 Schulen. Die Auswahl der Jahrgangsstufe erfolgte nach der Definition „The target grade should be the grade that represents four years of Schooling, counting form the first year of ISCED Level 1“, was in Deutschland äquivalent zur vierten Klasse, dem Ende der Primarstufe ist.[13]

Um das Leseverständnis der Schüler zu testen, stellt man Testhefte mit fünf aus insgesamt zehn verschiedenen Texten zufällig zusammen, sodass die Viertklässler jeweils circa 12 Aufgaben – offenes Antwortformat und Multiple-Choice – zu literarischen und informierenden Texten bearbeiteten.[14] Bei IGLU 2006 und 2011 wurde die Mehrzahl dieser Texte bereits in der vorhergehenden Studie verwendet und danach nicht veröffentlicht, um anhand der Ergebnisse Fortschritte in der Kompetenzentwicklung dokumentieren zu können.[15]

Neben den praktischen Tests der Lesekompetenz wurden die übrigen auf diese beeinflussenden Faktoren im Rahmen von Fragebögen für Schüler, Eltern, Lehrer und die Schulleitung erfasst. Im Schülerfragebogen erfolgt die Sammlung von Informationen über das Geschehen in der sowie rund um die Institution Schule, die Selbsteinschätzung und Einstellung zum Lesen ebenso wie das Förderangebot, die Freizeitgestaltung und die Familie der Schüler – also Eltern-, Schüler- und Unterrichtsmerkmale.[16] Der Elternfragebogen dient der Erfassung familiärer Ressourcen, des elterlichen Verhaltens und der Gewohnheiten, der Unterstützung, des Lernverhaltens der Kinder bezüglich des Lesens, des Migrationshintergrundes und des heimischen Sprachgebrauchs sowie der Ausbildung der Eltern und deren Erwartungen hinsichtlich der Schullaufbahn ihres Kindes[17] – kurzum Eltern- und Schülermerkmale.[18] Der Lehrerfragebogen sammelt Informationen über die Unterrichtsmerkmale (Lehrer, Klasse, Unterrichtsprozesse) und schulischen Rahmenbedingungen.[19] Der Schulfragebogen hingegen erfragt schulische Rahmenbedingungen wie das Einzugsgebiet, das soziale Klima, die Ausstattung der Schule, die Eingebundenheit der Eltern, die kollegiale Zusammenarbeit und die Rolle der Schulleitung[20] – also Unterrichtsmerkmale und schulische Rahmenbedingungen.[21]

2.1.2 Definition Lesekompetenz / literacy

Im Rahmen der Studie wird unter reading literacy, der Lesekompetenz, die IGLU unter Berücksichtigung möglichst vieler Einflussfaktoren testet, „the ability to understand and use those written language forms required by society and/or value by the individual. Young readers can construct meaning from a variety of texts. They read to learn to participate in communities of readers, and for enjoyment“[22] verstanden. Die Definition geht über den Leseprozess und die Fertigkeit dazu hinaus, indem die Lesekompetenz als gewonnener Nutzen im Sinne der Möglichkeit des Informationsgewinns, der gesellschaftlichen Integration und der positiven Einstellung zum Lesen gesehen wird – literacy, ein Konzept der Grundbildung.[23] Die Vermittlung der Lesekompetenz ist damit die einer Kompetenz nützlich zur Lebensbewältigung in konkreten Anwendungssituationen, zur Problemlösung, dem Umgang mit Lebensanforderungen sowie eine Anschlussfähigkeit für Lebenslanges Lernen.[24] Die Lesekompetenz wird als kumulativer Lernprozess, im Laufe dessen neues Wissen und Fertigkeiten mit vorhandenen Beständen dieses Bereichs verknüpft werden.[25] Die Fähigkeit stellt eine Basiskompetenz in der Wissensgesellschaft dar und legt die kulturelle Bedeutung von Bildungsinhalten für das selbstgesteuerte und Lebenslanges Lernen fest.[26]

Jenes Konzept der literacy liegt den zum Schuljahr 2005/2006 eingeführten Bildungsstandards für das Ende des Primarbereich, in den meisten Bundesländern Deutschlands die vierte Klasse, zugrunde. Diese Bildungsstandards bedeuten einen Wandel von einer Input-Orientierung hin zu einer Output-Orientierung, die sich bei der Steuerung des Bildungswesens an den Lernergebnissen der Schüler orientiert.[27]

IGLU prüft die Lesekompetenz im Sinne des literacy -Konzepts durch verschiedene Aufgabenformate: Die Schüler sollen explizit im Text vorhandene Informationen erkennen und wiedergeben, anhand der Texte zu simplen Schlussfolgerungen gelangen, komplexere ziehen und rechtfertigen, das Gelesene interpretieren, prüfen und Inhalt sowie Sprache bewerten können.[28]

Die in IGLU verwendeten Aufgaben wurden bezüglich ihrer sprachliche und inhaltlichen Eignung und Angemessenheit sowie auf ihren Schwierigkeitsgrad von einer Expertengruppe bewertet und ausgewählt. Dabei lag das Augenmerk auf der Vertrautheit der Schüler mit der Textsorte wie auch der Fragestellung und der für die Aufgabenbearbeitung zu Verfügung stehende Zeit.[29]

2.1.3 Definition Migrationshintergrund

IGLU ermittelt die Lesekompetenz der Viertklässler, genauer spezifischer Gruppen mit Berücksichtigung bestimmter Einflussfaktoren. Eine Gruppe davon sind Schüler mit Migrationshintergrund, welcher im Zusammenhang mit der IGLU-Datenerhebung als 'Merkmal' bezeichnet wird.[30]

Die Studie weist Schülern dieses Merkmal nach einer bestimmten Einteilung zu: Schüler, deren Eltern beide in Deutschland geboren sind, haben keinen Migrationshintergrund. Ist ein Elternteil eines Viertklässlers im Ausland geboren, bezeichnet man seine Familie als eine mit partieller Migrationsgeschichte. Sind jedoch beide Eltern eines Schülers im Ausland geboren, wird seine Familie als Familie mit Migrationsgeschichte bezeichnet.

[...]


[1] Bos, Wilfried u.a: IGLU 2006. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Waxmann: München 2007, S. 21

[2] Mohr, Ingola: Analyse von Schulprogrammen. Eine Arbeit im Rahmen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU). Münster: Waxmann 2006, S. 24

[3] Bos: München 2007, S. 65

[4] Mohr: Münster 2006, S. 23

[5] Bos: München 2007, S. 47

[6] Ebd., S. 23

[7] Mohr: Münster 2006, S. 22 f

[8] Ebd., S. 23

[9] Bos: München 2007, S. 11

[10] Ebd., S. 29

[11] Mohr: Münster 2006, S. 68

[12] Bos: München 2007, S. 21

[13] Ebd., S. 37

[14] Bos, Wilfried u.A.: IGLU 2006. Dokumentation der Erhebungsinstrumente. Münster: Waxmann 2010, S. 11

[15] Bos: München 2007, S. 28

[16] Mohr: Münster 2006, S. 71

[17] Bos: München 2007, S. 26

[18] Mohr: Münster 2006, S. 71

[19] Ders., S. 71

[20] Bos: München 2007, S. 27

[21] Mohr: Münster 2006, S. 71

[22] Ebd., S. 67

[23] Ders., S. 67f

[24] Ebd., S. 68

[25] Bos: München 2007, S. 12

[26] Ebd., S. 23

[27] Ders., S. 23

[28] Ebd., S. 83

[29] Ders., S. 32

[30] Ebd., S. 249

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Lesekompetenzstudie IGLU (2006) und ihre Ergebnisse mit Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund. Eine kritische Betrachtung
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V369989
ISBN (eBook)
9783668474444
ISBN (Buch)
9783668474451
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationshintergrund, Literacy, IGLU, Lesekompetenz
Arbeit zitieren
Judith Wagenhäuser (Autor), 2017, Die Lesekompetenzstudie IGLU (2006) und ihre Ergebnisse mit Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund. Eine kritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369989

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