Rilkes Übertragungen der Sonette von Louize Labé


Seminararbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Rilke und Louize Labé
1.1. Louize Labé – „la belle cordière“
1.2. Rilke und die Übertragungen der „lieblichen Sonette“ der Lyoneserin

2. Das Problem der Übertragung
2.1. Die Differenz des Übersetzens (Hahn-Matthusen. 1999)
2.2. Der Kritiker Karl Kraus

3. Die Sonettenübertragung bei RILKE
3.1. Drei Kritikpunkte nach Gertrud vom Steeg
3.1.1. Milderung und Auflösung der festen Gefüge
3.1.2. Umgehung des ICHs
3.1.3. Abschwächung der ursprünglichen Stärke des französischen Wortes
3.2. Das wunderbare 18. Sonett
3.3. Das kritikwürdige 2. Sonett

4. Schlußbemerkung

5. Literaturverzeichnis

„Geliebtsein heißt aufbrennen. Lieben ist: leuchten mit unerschöpflichem Öle. Geliebtwerden ist vergehen.

Lieben ist dauern.“

(Rainer Maria Rilke SWV, S.290)

0. Einführung

Auch Rainer Maria Rilke wurde heftig wegen seiner Übertragungen[1] der 24 Sonette von Louize Labé verrissen. Von seinen Freunden wiederum bekam er die nötige Anerkennung und das Lob, das er brauchte. Doch einige Zeitgenossen und auch aktuelle Kritiker waren anderer Meinung. Hierzu kamen stets folgende Fragen, die immer in der Diskussion mitschwangen:

Wie kann ein Mensch unseres Jahrhunderts Gedichte übersetzen, die eine junge Frau vor vier Jahrhunderten verfaßt hatte ?

Ist dies Übertragung in die deutsche Sprache überhaupt möglich ?

Was ist eine gute oder gar schlechte Übertragung ?

„ I have tried to write alive English and to do what my authors might have done if they were writing their poems now and in America.“[2]

sagte Robert Lowell als er zu seiner Veröffentlichung der Imitations kritisiert wurde. Robert Lowell hatte mehrere Gedichte von Baudelaire bis Rilke übersetzt, doch er erhielt letzten Endes nur Kritik für seinen Größenwahn[3] wie John Simon ihn kurzerhand kritisierte.

Ich werde im Folgenden versuchen, einige Antworten auf diese Fragen zu finden und einen kleinen Überblick über die Sonett - Übertragungen von Rilke zu schaffen.

Am Ende werde ich einige Vergleiche zu anderen Übertragungen (von K. Kraus und M. Fahrenbach – Warendorff) ziehen, indem ich sie den Übertragungen Rilkes gegenüberstelle.

1. Rainer Maria Rilke und Louize Labé

In diesem Kapitel wird auf das Leben von Louize Labé eingegangen und unter welchen Umständen Rilke die Gedichte dieser jungen Frau kennenlernte.

Louize Labé wollte selber eigentlich nicht, dass ihre Werke, ihre Gedichte veröffentlicht werden würden. Doch einige Freunde überredeten sie schließlich dazu, ihre „holprigen und zusammengezimmerten Werke“[4] in einem kleinen Buch herauszugeben.

1.1. Louize Labé – „la belle cordière“

Louize Labé wurde 1524 oder 1526 (das genaue Geburtsjahr ist nicht bekannt) in Lyon geboren. Ihr Vater war ein wohlhabender marchand cordelier, der in Lyon sehr geschätzt wurde.

Lyon war im 16. Jahrhundert eine wichtige Handels- und Kulturhauptstadt. Viele bedeutende Dichter (z.B. Rabelais, La Fontaine) ließen sich dort nieder oder besuchten zumindest diese pulsierende moderne Stadt auf der Durchreise nach Italien. Während der Renaissance orientierte man sich nach Italien, und so war Lyon sogar bedeutender als Paris zu jener Zeit.

Louize Labé erhielt eine hervorragende und vor allem vielseitige Erziehung, sie lernte Latein, Italienisch, Spanisch, las wichtige Philosophen, lernte Laute spielen und den Gesang. Sie galt als eine sehr gute und ehrgeizige Schülerin. Sie schrieb später an Clémence de Bourges:

„Das Vergnügen des Studiums hinterläßt jedoch eine Zufriedenheit, die uns länger erhalten bleibt.“[5]

Im Alter von 18 Jahren (1542) heiratete sie den um 20 Jahre älteren Ennemond Perrin, der den selben Beruf ausübte wie ihr Vater. Ihr Haus wurde zum kulturellen Zentrum, hier trafen sich Dichter; Gelehrte, Freunde, Wissenschaftler und wichtige Personen der Stadt.

Mit Erscheinen (1555) der ersten Ausgabe ihrer Werke erfolgte der Höhepunkt, aber auch anschließend folgte der Abstieg. Ihr Ehemann starb. Ebenso ihr guter Freund Olivier de Magny. Nach der Pest 1564 verlor sie weitere Freunde und zerfloß daraufhin in völliger Einsamkeit. Sie zerging mehr und mehr im tiefen Schmerz und starb ca. 1564 in grauer Eintönigkeit.

Letztendlich weiß man nicht sonderlich viel über diese junge Dichterin, einige Zeitzeugen beschreiben sie als die belle cordière, als eine Schönheit mit herausragendem Wissen und Talent.

Sie wurde aber auch als Kurtisane beschrieben, die angeblich ein unsittliches Leben geführt haben soll. Zum Beispiel kurierte das Gerücht, dass sie ein Verhältnis mit dem jungen Olivier de Magny gehabt haben soll.

Louize Labé hinterläßt 24 Sonette und einige Elegien.

Ihre Liebessonette handeln von Leidenschaft, Liebesschmerz und richten sich oftmals an einen fernen Geliebten.

1.2. Rilke und die Übertragungen der „lieblichen Sonette“ der Lyoneserin

Wann genau Rilke mit diesen 24 Sonetten von Louize Labé in Berührung kam ist unbekannt. Es zeugen einige Briefe davon, dass er um 1912 damit anfing, sie zu übertragen. Vor allem in den Briefen an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis und Henriette Löbl geht immer wieder hervor, wie angetan er von dieser Liebenden und wie mitgerissen er von ihren Sonetten war.[6]

In einem Brief an die Fürstin vom 20.06.1913 aus Bad Rippoldsau erwähnt Rilke erstmals Louize Labé:

„... sende ich ihnen auch gleich Abschriften der Übertragungen, die ich in dem noch stillen April und anfangs May in Paris zustandegebracht habe; die lieblichen Sonette der Louize Labé (1555) werden Sie freuen.“[7]

Darauf antwortete die Fürstin am 10. August 1913 (siehe S. 305), dass sie diese Dichterin vorher nicht kannte und sich über den Erhalt freue.

Doch insgesamt schien RILKE zu dieser Zeit eher mit seinen Elegien und dem Orpheus beschäftigt zu sein, da er Labé daraufhin nur noch in Nebensätze erwähnt: „...aber „Louize Labé“ behalten Sie, bitte, noch bei sich, - es hat keine Eile.“[8]

Aber dennoch spricht er Louize Labé indirekt im Malte-Roman an, da sie eine der sogenannten Liebenden ist. Er sagt dort von diesen Liebenden:

„In ihnen ist das Geheimnis heil geworden, sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen. Es hat keine Teile. Sie klagen um den Einen; aber die ganze Natur stimmt in sie ein: es ist die Klage um einen Ewigen.“[9]

Louize Labé zählte schon zu den in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge genannten Liebenden, die völlig in der Liebe zu einem Menschen aufgehen, der auch weit entfernt sein kann oder gar tot.

Labé beschäftigte Rilke darum, weil ihm die Bedeutung des Sinnlichen wohl immer klarer wurde: Das ist leicht aus den Briefen zu ersehen, die der INSEL - Verlag 1933 unter dem Titel „Über Gott“ veröffentlicht hat.

Henriette Löbl scheint bei den Übertragungen eine Schlüsselrolle zu spielen. Zumindest ist sie es, die ihn immer wieder motiviert, die Sonette weiter zu übertragen:

„ ... daß ich sie beim Erscheinen des kleinen Buches nicht vergessen werde, das können Sie sich wohl vorstellen: wär es doch ohne Ihre Teilnahme und ihren freundlichen Einfluß nicht da“[10].

Auch an die Fürstin von Thurn und Taxis gehen Briefe, in denen Rilke von seiner Arbeit an den Übertragungen der Sonette schreibt:

„...ich erinnere nicht, ob ich ihnen diese Gedichte gelesen hatte, die Übertragungen entstanden nach und nach in den Jahren 1912, 13 und 14, - dann waren eines Tages alle vierundzwanzig da, und eben hat man sie herausgegeben.“[11]

Somit stehen die Entstehungsdaten der Übertragungen fest: 1912, 1913, 1914. Schon 1913 sendet er die fast fertigen Abschriften an die Fürstin und an Henriette Löbl:

„ ... dabei hatte ich ihnen seit Mitte May die gute Nachricht zu geben, daß ich, mit einem Ruck, nun alle Sonette der Louize Labé übersetzt habe; ich schicke ihnen eine Abschrift, in der Sie sie beisammen finden, die ganze Folge, auch jene, die Sie schon kennen und besitzen. So haben Sie nun das geschlossene Bild dieses schönen Gedichtskreises, zu dessen Übertragung ich mich ohne Ihr Zureden wohl nie entschlossen hätte.“[12]

1917 erschienen alle Sonette übertragen von Rainer Maria Rilke in einem Buch im Insel - Verlag.

2. Das Problem der Übertragung

Im folgenden Kapitel gehe wird auf die Problematik des Übersetzens eingegangen. Im ersten Teil geht es um einen Aufsatz von H. Hahn – Matthusen über die „Differenz des Übersetzens“.

Danach folgt ein kurzer Kommentar zu Karl Kraus, der die Übertragungen von Rilke sehr verrissen und ebenfalls versucht hatte, die Sonette der Louize Labé zu übertragen (siehe Kap. 3).

2.1. Die Differenz des Übersetzens ( HAHN-MATTHUSEN. 1999)

Rilke übersetzte – wie im vorangehenden Kapiteln angesprochen - die Sonette zwischen 1912 und 1914. Solche Übertragungen auszuüben, beruht auf eine tiefe Kenntnis und großer Vertrautheit der fremden Sprache. Viele Sprachforscher haben versucht, sich dieser Problematik zu stellen.

In einem Aufsatz im neu erschienenen Werk: „Rilke und die Weltliteratur“ (Winkler 1999) hat Heather Hahn - Matthusen sich mit diesem Thema beschäftigt und ermöglicht einen kleinen Einstieg in diese Diskussion: „ Die Differenz des

Übersetzens[13]

Sie schrieb über den Übersetzer Robert Lowell, der in den 60er Jahren ein Buch (Imitations) veröffentlicht hatte mit Gedichts-Übersetzungen von einigen bekannten europäischen Dichtern (Baudelaire, Sappho, Hebel, Rilke, Rimbaud...).

[...]


[1] die Übertragungen der Sonette sind aus: RILKE, Rainer Maria: Sämtliche Werke, Bd. V. Frankfurt a. M. 1965. Bzw. aus RILKE, R.M.: Werke II, 2 Gedichte u. Übertragungen. Insel Verlag. Wiesbaden. 1957.

[2] WINKLER.: u.a.: Rilke und die Weltliteratur. 1999. S.283.

[3] WINKLER : u.a.: Rilke und die Weltliteratur. 1999. S.282.

[4] FAHRENBACH-WARENDORFF, M.: Louize Labé: Sonetten und Elegien. Neu übersetzt. 1981. S. 13.

[5] FAHRENBACH-WARENDORFF, M.: Louize Labé: Sonetten und Elegien. Neu übersetzt. 1981. S. 11.

[6] KRATZSCH, Konrad: Unveröffentlichte Briefe zwischen RMR und Rolf Freuherr v. Ungern-Sternberg. In Zeitschrift Sinn & Form. 1976. S.333.

[7] RILKE, Rainer Maria. Briefwechsel mit Marie von Thurn und Taxis. 1951. S. 300.

[8] RILKE, Rainer Maria. Briefwechsel mit Marie von Thurn und Taxis. 1951. S. 309.

[9] RILKE, Rainer Maria. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Dtv Bibliothek der Erstausgaben. 1997. S. 273/274.

[10] Mitteilungen aus dem Rilke-Archiv. Aus Bad Rippoldsau vom 19. Juni 1913. In: Vom Steeg 1940. S. 42.

[11] Mitteilungen aus dem Rilke-Archiv. Brief aus München vom 23.12.1917. In: Vom Steeg 1940. S. 41.

[12] Mitteilungen aus dem Rilke-Archiv. Aus Bad Rippoldsau vom 19.Juni 1913. In Vom Steeg 1940. S. 42.

[13] WINKLER; J.; u.a.: Rilke und die Weltliteratur. 1999. S. 281-297.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rilkes Übertragungen der Sonette von Louize Labé
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (ROmaistik)
Veranstaltung
Rilke und die frz.Literatur
Note
1,4
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V37226
ISBN (eBook)
9783638366359
ISBN (Buch)
9783638728423
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rilkes, Sonette, Louize, Labé, Rilke, Literatur
Arbeit zitieren
Emel Deyneli (Autor), 2004, Rilkes Übertragungen der Sonette von Louize Labé, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37226

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rilkes Übertragungen der Sonette von Louize Labé



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden