Als Roy Lichtenstein 1961 mit der Übernahme von trivialen Comic-Bildern in die Kunst beginnt, wird dies von Kunstliebhabern als Spott empfunden. Die Comic-Werke erscheinen zu banal und gewöhnlich, um überhaupt ernst genommen zu werden und so gegensätzlich zu Lichtensteins vorherigen Werken, die im Stil des abstrakten Expressionismus gehalten waren.
Kritiker diskutieren daraufhin, ob seine Werke neben ihrer Unterhaltsamkeit überhaupt relevant für Fragen der Kunst seien und es wird angezweifelt, ob es sich überhaupt um ernst zu nehmende Kunst handelt. Auf den ersten Blick wirken sie wie einfache Kopien trivialer Comics, bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass Lichtenstein die Vorlagen transformiert und auch kritisch reflektiert. Meine These ist, dass die Comic-Werke sogar
parodistische Elemente enthalten. Was parodiert wird und wodurch die Parodie zum Ausdruck kommt, soll in dieser Arbeit untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Parodie
3. Hintergründe: Vom expressionistischen Stil zum Comic
3.1 Lichtensteins Zeichnungen
3.2 Unterschiede zur klassischen Zeichnung
4. Comic-Vorlagen
5. Comic-Gemälde
6. Parodien in den Comic-Gemälden am Beispiel ,,Drowning Girl“
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Roy Lichtensteins Transformation trivialer Comic-Bilder in die bildende Kunst der frühen 1960er Jahre. Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, dass diese Werke keine bloßen Kopien darstellen, sondern durch parodistische Elemente und eine kritische Auseinandersetzung mit sowohl Comic- als auch Hochkunst-Konventionen eine eigenständige, komplexe Formsprache entwickeln.
- Definition und Funktion des Parodiebegriffs in der Kunst.
- Lichtensteins abrupte Stiländerung vom Abstrakten Expressionismus hin zur Comic-Pop-Art.
- Die formale Analyse der Technik, insbesondere die Verwendung von Punktraster, Konturlinien und die Abkehr von räumlicher Illusion.
- Der Einfluss von Massenmedien, Stereotypen und dem soziokulturellen Kontext der 1950er Jahre auf die Bildwahl.
- Die kritische Dekonstruktion des Originalitätsbegriffs durch die Isolation und Neukomposition des Comic-Einzelbildes.
Auszug aus dem Buch
3.2 Unterschiede zur klassischen Zeichnung
In der Hochkunst hatte Zeichnen sowohl zum Zweck des Abbildens, als auch für den Entwurf einer Komposition einen schlechten Ruf. Es galt bei den meisten Angehörigen der Avantgarde als reine Übung. Lichtenstein aber erfand die gegenständliche Zeichnung neu und bezog damit eine radikale Position: Er parodierte die traditionellen Erscheinungsformen der Zeichnung und schaffte zu ihrer eher populären Anwendungsbereichen eine sehr ironische und humorvolle Distanz (vgl. Rose 1988, S. 17). Er imitierte zugleich die graphische Qualität des Kubismus und bewahrte als Parodie deren ästhetische Strukturelemente und setzte diese dann erneut in Bezug zur Gegenständlichkeit. Bei Lichtensteins Kopie des Comic strips ging es ihm nicht nur um das Klischee des Motivs, sondern auch um die Art seiner Wiedergabe. Er kopierte nämlich nicht nur eine Zeichnung, sondern er kopierte eine Zeichnung wie sie im Druck erscheint.
Im Analytischen Kubismus wird die Umrisszeichnung von dem ihm begleitenden Schatten getrennt, wodurch diese zwei völlig verschiedene Systeme werden. Im synthetischen Kubismus wird als weiteres selbstständiges Ausdrucksmittel Farbe und Textur hinzugefügt. Dies kann man mit dem Druckverfahren der Comic strips vergleichen, denn hier wird die Umrisszeichnung von der Farbe getrennt. Außerdem werden Linie, Farbe und Tönung (Schatten und Hell/Dunkel) in drei Einzelschritte aufgeteilt und in der Anwendung des Punktrasters wird für den Ton der Zeichnung ein klassisches System von Hell/Dunkel angewandt. Die kubistische Zeichnung war der Ausgangspunkt für die Idee einer graphischen Chiffre, die unabhängig von linearer Beschreibung Schatten darstellte (vgl. Rose 1988, S. 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Comic-Werke Lichtensteins und Darlegung der These, dass diese Werke parodistische Elemente enthalten.
2. Der Begriff Parodie: Theoretische Herleitung des Parodiebegriffs als Nebengesang und kritischer Gegengesang, der ein Vorbild imitiert und zugleich verzerrt.
3. Hintergründe: Vom expressionistischen Stil zum Comic: Analyse von Lichtensteins Stilwandel von historischen Themen und Abstrakter Expression zu Comic-Motiven.
3.1 Lichtensteins Zeichnungen: Unterscheidung zwischen eigenständigen Zeichnungen und vorbereitenden Skizzen unter Betonung der Bedeutung des Zeichnens für seine Ästhetik.
3.2 Unterschiede zur klassischen Zeichnung: Erörterung der neuen, ironischen Position Lichtensteins zur klassischen Zeichnung und der technischen Anlehnung an den Kubismus.
4. Comic-Vorlagen: Betrachtung der Bedeutung von Disney-Figuren und D C Comics als Quellenmaterial und der Rolle des "Look Mickey" als Wendepunkt.
5. Comic-Gemälde: Detaillierte Darstellung des Arbeitsvorgangs vom Finden einer Vorlage bis zur mechanisch wirkenden, aber intuitiv gesteuerten Umsetzung auf die Leinwand.
6. Parodien in den Comic-Gemälden am Beispiel ,,Drowning Girl“: Exemplarische Analyse der Parodie-Strategien und der Dekonstruktion von Frauen- und Genrestereotypen anhand dieses spezifischen Werkes.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung von Lichtensteins Werk als eine Synthese, die sich kritisch gegen den elitären Originalitätsbegriff stellt.
Schlüsselwörter
Roy Lichtenstein, Pop Art, Comic, Parodie, Drowning Girl, Abstrakter Expressionismus, Umrisszeichnung, Punktraster, Intertextualität, Massenmedien, Stereotyp, Originalitätsbegriff, Tafelbild, Look Mickey, Kunstkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die frühen Comic-Werke von Roy Lichtenstein und stellt die These auf, dass diese Werke durch parodistische Elemente eine kritische Reflexion ihrer Vorlagen und des traditionellen Kunstbegriffs darstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind der Wandel von Lichtensteins künstlerischem Stil, die theoretische Definition von Parodie, die technische Abgrenzung zur klassischen Malerei sowie die Untersuchung von Comic-Vorlagen als soziokulturelle Spiegelbilder.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Lichtenstein Comics nicht bloß kopiert, sondern diese durch parodistische Änderungstechniken transformiert, um eine kritische Distanz zur Hochkunst und zum damaligen Verständnis von Originalität aufzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kunsthistorische Analyse angewandt, die theoretische Begriffsdefinitionen mit der formalen Untersuchung von Werken und dem direkten Vergleich zwischen Vorlage und künstlerischem Endresultat verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Einbettung der Parodie, die zeichnerische Entwicklung Lichtensteins, die Rolle seiner Comic-Quellen und den konkreten Arbeitsprozess bei der Erstellung seiner großformatigen Gemälde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Roy Lichtenstein, Parodie, Comic, Pop Art, Originalitätsbegriff, Stereotypen und die Transformation von Massenmedien in die Tafelmalerei.
Warum spielt das Werk "Drowning Girl" eine besondere Rolle?
Es dient als Fallbeispiel, an dem Lichtensteins ausgereifte Formsprache, die Verwendung von Textinformationen und die Dekonstruktion von Frauenbildern der 1950er Jahre exemplarisch analysiert werden kann.
Inwiefern hinterfragt Lichtenstein den Begriff der künstlerischen Originalität?
Indem Lichtenstein triviale, massenproduzierte Comic-Bilder als Vorlagen nutzt, diese isoliert und mechanisch transformiert, untergräbt er die Vorstellung eines elitären, rein schöpferischen Künstlergenies.
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- Stefanie Aha (Autor), 2017, Roy Lichtenstein und der Comic. Provokation in den Comic-Werken, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372318