Bilinguale Früherziehung. Was ist Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit und welche Wege führen dort hin?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Bilingualismus: Was ist Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit und welche Wege führen dort hin?

3) Simultane Mehrsprachigkeit

4) Sukzessive Mehrsprachigkeit

5) Spracherwerb bei Kindern und Erwachsenen

6) Vor- und Nachteile der bilingualen Früherziehung

7) Fazit

8) Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Mehrheit der Weltbevölkerung wächst zwei- oder mehrsprachig auf. Auch viele deutschsprachige Muttersprachler können sich ebenfalls als bilingual bezeichnen, denn es braucht nicht einmal die Fähigkeit, zwei unabhängige Sprachen zu sprechen. Wenn der Sprecher zusätzlich einen Dialekt beherrscht, gilt er schon als bilingual. Ich persönlich bin ebenfalls bilingual erzogen worden, da ich erst mit dem 5. Lebensjahr nach Deutschland gezogen bin und hatte im Kindergarten meinen ers­ten Kontakt zur deutschen Sprache. In der heutigen Gesellschaft wach­sen immer mehr Kinder in einer mehrsprachigen Umgebung auf und erwerben zwei Sprachen von Geburt an oder bald danach. Dafür muss man heute nicht mehr in ein anderes Land ziehen. Es gibt immer mehr staatliche Einrichtungen wie zweisprachige Kindertagesstätten und bi­linguale Schulen, die die Mehrsprachigkeit fördern. Auch Mehrsprachi­ge Tagesmütter werden immer beliebter. Dies kann als Vorteil angese­hen werden und als Chance für die Kinder, mehr als eine Mutterspra­che zu erwerben. Auf der anderen Seite gibt es auch heute noch Be­denken, Kinder zwei oder mehr Sprachen ab der Geburt auszusetzen, da sie sie sprachlich, kognitiv und emotional verwirren könnten. Eltern befürchten, dass die Sprachentwicklung ihrer Kinder verzögert werden könnte und dass die Kinder nicht in der Lage sind, ihre beiden Spra­chen auseinander zu halten. Die zunehmende sprachliche und psycho- linguistische Forschung über die Mehrsprachigkeit in den letzten 20 Jahren hat dazu beigetragen, einige Bedenken zu beseitigen und den Fall der zweisprachigen Kinder zu unterstützen. Um einen Hintergrund für die Diskussion zu schaffen, werde ich den Begriff „Bilingualismus“ bzw. die Mehrsprachigkeit versuchen zu definieren und die unterschied­lichen Formen zu beschreiben. Weiter werde ich auf die simultane - und die sukzessive Mehrsprachigkeit näher eingehen um im Anschluss den Spracherwerb bei Kindern und Erwachsenen zu unterscheiden. Zum Schluss beleuchte ich die Vor- und Nachteile der bilingualen Früherzie­hung.

Bilinqualismus: Was ist Mehrsprachigkeit, die unter­schiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit und welche Wege führen dort hin?

Fast jeder kennt den Begriff des Bilingualismus, aber was genau ist Mehrsprachigkeit? Man findet eine Vielzahl von Definitionen, Interpreta­tionen und Beschreibungen in der Fachliteratur, aber eine Standardde­finition für die Mehrsprachigkeit gibt es nicht. Es ist hier zu erwähnen, dass es 4 Arten der Mehrsprachigkeit zu beachten gibt:

1. Individuelle Mehrsprachigkeit: Dieser Begriff bezieht sich auf Personen, die sich in mehreren Sprachen verständigen können und normalerweise in einer einsprachigen Gesellschaft leben 2. Territoriale (gesellschaftliche) Mehrsprachigkeit: Dieser Begriff bezieht sich zum Beispiel auf Länder wie die Schweiz oder Ka­nada, wo mehreren Sprachen auf einem Territorium vorhanden sind. 3. Institutionelle Mehrsprachigkeit: Dieser Art ist dann gegeben, wenn eine Verwaltung einer Stadt oder eines Landes ihre Diens­te in einer zusätzlichen Sprache anbieten.1

In dieser Arbeit werde ich nur den Begriff der individuellen Mehrspra­chigkeit untersuchen. Diese Art der Mehrsprachigkeit, wird von der Lin­guistin Rosemary Tracy ganz klare und liberal definiert: wer regelmäßig mehr als eine Sprache verwendet und in der Lage ist, in allen seinen Sprachen Alltagsgespräche zu führen.2

Das bedeutet dass, man nicht in allen Sprachen, die man be­herrscht, alle lexikalischen Feinheiten können muss oder besonders stilsicher sein muss und man muss auch nicht mit den Sprachen von Geburt aus aufgewachsen sein. Mehrsprachig ist man schon, wenn man schon im Gespräch von der einen in die andere Sprache „swit- chen“ kann. Die Sprachen der Mehrsprachigen werden selten gleichermaßen entwickelt. Meistens ist eine Sprache stärker als die andere. Da spielt das Alter, die Sprachvereinbarung in der Familie, das Land, in dem die Person lebt und sein soziales Umfeld eine große Rolle. Die Abgrenzung zwischen Monolingualismus und Bilin­gualismus ist auf psycholinguistischer Ebene nicht so einfach. Mo­nolinguale Kinder müssen ebenfalls bereits zwischen verschiedenen Teilsystemen unterscheiden. In ihrem Sprachgedächtnis verarbeiten sie ,,mehrere soziale und regionale Varietäten und stilistische Regis­ter13 und suchen diese verschiedenen Subsysteme zu verwalten. Kinder die in einem Dialekt und in einer Hochsprache aufwachsen, werden meist nicht als bilingual bezeichnet, doch der Unterschied von Dialekt und Sprache ist aus linguistischer Sicht nicht gegeben.

Eine Person kann demnach auf verschiedenen Wegen mehrspra­chig werden. Ich beschäftige mich im nächsten Absatz mit der simul­tanen Mehrsprachigkeit und der sukzessiven Mehrsprachigkeit

Simultane Mehrsprachigkeit

Simultane („gleichzeitig“)4 Mehrsprachigkeit oder „bilingualer Erst- spracherwerb“ bezeichnet den gleichzeitigen und natürlichen Erwerb mehrerer Sprachen, entweder von Geburt an oder spätestens vor dem 3. Lebensjahr. 5 Also wenn L1 gleichzeitig mit L2 erworben wird. Das wird damit begründet, dass der Mensch bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres die Erstsprache noch nicht vollständig erlernt hat und somit der Erwerb des L2 noch parallel verläuft.6 Dabei wird vor­zugsweise die Methode des „One Person - One Language" verwen­det. Hierbei spricht jeder Elternteil konsequent nur eine der beiden Sprachen mit dem Kind. Zum Beispiel könnte die Mutter des Kindes mit ihm Deutsch sprechen, während der Vater ausschließlich Franzö- 3 4 5 6 sisch spricht.7 Diese Methode hat den Vorteil, dass durch die konse­quente Einhaltung einer Sprache und die Gebundenheit an eine be­stimmte Person pro Sprache, das Vermischen beider Sprachen ge­ringer ist. Der Nachteil entsteht, wenn ein Elternteil Einsprachig ist und somit vom Familiengespräch ausgeschlossen wird.8 Der häufigs­te Umstand ist jedoch, wenn im Haushalt von Familien mit Migrati­onshintergrund, nur eine Sprache gesprochen wird und das Kind erst außerhalb des Zuhauses, beispielsweise in der Kindertagesstätte, mit der zweiten Sprache in Berührung kommt. Ob eine simultane Mehr­sprachigkeit im Allgemeinen, zur Verzögerung der Sprachproduktion bei Kindern führt, ist umstritten. Forscher gehen davon aus, dass die­ses Defizit sich aber sehr schnell ausgleicht und, dass beiden Spra­chen in ihrer ganzen Vollständigkeit erworben werden können. 9 Kin­der, die mit der simultanen Mehrsprachigkeit aufwachsen, haben zu­nächst ein gemischtes Lexikon. Die Trennung erfolgt erst mit 2 1/5 bis 3 Jahren.10 Das macht sich besonders bei Synonymen bemerk­bar. „Kinder lernen das Wort Baum und das Wort tree in einem ande­ren. Somit haben sie zwei pragmatisch-semantische Bereiche und müssen lernen zu generalisieren. Wenn sie das geschafft haben, er­kennen sie, dass sie es mit zwei verschiedenen Sprachen zu tun ha­ben.“11 Das kann zur Folge haben, dass Kinder zunächst Situations­bedingt eine Buche als als „Baum“ und eine Fichte als „tree“ bezeich­nen. Des Weiteren reden die Kinder häufig in gemischten Systemen, in dem sie Wörter der einen Sprache in die Satzstrukturen der zwei­ten Sprache reinbringen. Diese Mischung wird durch das unzu­reichende Vokabular verursacht und nicht dadurch, dass sich die Kinder der zwei verschiedenen Sprachen nicht bewusst sind. 12 Mehrsprachige Kinder können zwar genau so viele Begriffe bezeich­nen wie einsprachige Kinder, nur nicht in einer Sprache. Diese Mi­schung lässt aber meistens nach, sobald das Kind sich ein ausrei­ chendes Vokabular angeeignet hat und nicht zwischen den Sprachen wechseln muss, um sich zu Verständigen.13

Sukzessive Mehrsprachigkeit

Sukzessive („allmählich, nach und nach, schrittweise [eintretend, er­folgend]“)12 Mehrsprachigkeit bezeichnet den Erwerb der zweiten Sprache nach dem 3. Lebensjahr. Das Kind ist mittlerweile in der Lage, in einer Sprache zu kommunizieren, bevor es mit der zweiten Sprache beginnt. Zu dieser Zeit zeigt das Kind eine gute sprachliche Entwicklung und kann Vier-Wort-Äußerungen aufbauen.13 Die häu­figste Ursache für sukzessive Mehrsprachigkeit ist der Fall, wenn das Kind beispielsweise mit der Familie in ein anderes Land zieht. Erfahrungen haben immer wieder gezeigt, dass Kinder in dieser Si­tuation eine zweite Sprache mit erstaunlicher Schnelligkeit lernen, wenn sie ihr ausgesetzt sind. Ein weiterer Grund kann sein, dass die Eltern später entscheiden, dass es für das Kind vorteilhaft wäre, mehr als eine Sprache zu kennen und es zu einem zweisprachigen Kindergarten schicken, wo das Kind nach dem 3. Lebensjahr mit ei­ner zweiten Sprache in Kontakt kommt. Die häufigste Ursache in Deutschland ist jedoch, wenn das Kind aus einer Familie mit Migra­tionshintergrund kommt und erst im Kindergarten die Deutsche Sprache lernt.14 Obwohl in dieser Phase die erste Sprache schon ausgereift ist, besteht die Möglichkeit die zweite Sprache in ihrer Vollständigkeit zu erwerben. Die Voraussetzungen dafür sind:

“Je früher ein Kind eine zweite Sprache lernt, je öfter es diese in ei­ner guten Qualität (von muttersprachig deutschen Menschen) hört, je attraktiver die Sprache für das Kind gestaltet wird (Sprachlernmo- tivation) und je mehr die Zweisprachigkeit von den Bezugspersonen des Kindes (Familie und Erzieherinnen) geschätzt wird, desto bes­ser lernt das Kind die Zweitsprache.“15

Das bedeutet, wenn ein Kind in eine Schule kommt und gezwungen wird die neue Sprache zu sprechen, da weder die Lehrer noch die Mitschüler seine Muttersprache sprechen, wird das Kind rasch die Zweitsprache aufnehmen und sich in wenigen Jahren sprachlich kaum oder gar nicht von den Mitschülern differenzieren. Beim suk­zessiven Spracherwerb spielt ferner das Alter eine große Rolle. Es ist ein Unterschied ob das Kind mit der Zweitsprache mit 4 Jahren, mit 6 oder mit 10 Jahren erlernt. Die Pubertät ist für einige Linguis­ten ein kritischer Punkt, bis zu dem die Zweitsprache erworben sein muss. Nach dem Eintreten der Pubertät, kann die Sprache nicht mehr Fehlerlos erworben werden und zeichnet sich durch Schwach­stellen in Aussprache oder Wort- und Satzbau aus.16 Desweiteren wird in der Forschung darüber debattiert, wo genau die Grenze zwi­schen bilingualen Erstspracherwerb und dem sukzessiven Zweit- spracherwerb verläuft.17 Eine Antwort darauf ist bis nicht gegeben.

Spracherwerb bei Kindern und Erwachsenen

Da nun die Begriffe „simultane Mehrsprachigkeit“ und „sukzessive Mehrsprachigkeit“ erklärt und differenziert worden sind, möchte ich im Bezug auf den Spracherwerb den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen beleuchten. Ein wichtiger Aspekt ist das Alter in dem die Zweitsprache erworben wird. Begründet wird. Man unter­scheidet den Erstspracherwerb von Kindern bis 10 Jahren und den Zweitspracherwerb ab 10 Jahren.

[...]


1 Vgl.: Riehl, 2014, S.52

2 Prof. Dr. Rosemarie Tracy: Anglistische Linguistik, Universität Mannheim : https://www.mehrsprachigkeit.uni-konstanz.de/informationen/was-ist-mehrsprachigkeit/ (zuletzt eingese­hen am 15.03.2017)

3 Tracy, 1996 S.74

4 Duden: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/simultan (zuletzt eingesehen am 30.03.2017)

5 Vgl.: Chilla, Rothweiler, Barbur, 2013 S. 23

6 Vgl.: Chilla, Rothweiler, Barbur, 2010 S.23 ff.

7 Vgl.: Riehl, 2014S.68

8 Vgl.:Riehl, 2014S. 68

9 Vgl.: Saadaoui-el Amin, 2013 S. 103

10 Vgl.: Riehl, 2014S. 68

11 Riehl, 2014S.68 Duden: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/sukzessiv (zuletzt eingesehen am 30.03.2017)

12 Ebd.

13 Vgl.: Saadaoui-el Amin, 2013 S.103

14 Bielefelder Institut für frühkindliche Erziehung: https://www.bielefelder-institut.de/fruehkindliche- zweisprachigkeit.html (zuletzt eingesehen am 30.03.2017)

15 Bielefelder Institut für frühkindliche Erziehung: https://www.bielefelder-institut.de/fruehkindliche- zweisprachigkeit.html (zuletzt eingesehen am 30.03.2017

16 Müller 2006 S. 14

17 KiTaFachtexte, Montanari: http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT Montanari 2011.pdf, S 9 (zuletzt eingesehen am (15.03.2017)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Bilinguale Früherziehung. Was ist Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit und welche Wege führen dort hin?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V372361
ISBN (eBook)
9783668501157
ISBN (Buch)
9783668501164
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mehrsprachigkeit, Bilinguale Früherziehung, Bilingualismus, bilingual
Arbeit zitieren
Olga Fritzler (Autor), 2017, Bilinguale Früherziehung. Was ist Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit und welche Wege führen dort hin?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372361

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