Die Alternanz des Dativs mit "ad" und des Akkusativs in Ciceros "Epistulae ad Atticum"

Eine Korpusanalyse


Bachelorarbeit, 2016

60 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 ad mit Akkusativ statt Dativ - ein Phänomen des Spätlateins?

2 Kasus und Präposition im Vergleich
2.1 Lateinischer Dativ
2.2 Präposition ad
2.3 Fazit

3 Semasiologische Kategorisierungen
3.1 Nominales und pronominales Komplement
3.2 Finite oder infinite Verbform
3.3 Mündliche oder übertragene Lesart
3.4 Fazit

4 Theorie der Absenz oder Präsenz des Empfängers
4.1 Ausgangsposition
4.2 Hypothese
4.3 Überprüfen der Hypothese an den Belegen aus ad Atticum
4.3.1 dare
4.3.2 mittere
4.3.3 scribere
4.4 Fazit

5 Theorie der Konkretheit oder Abstraktheit der Handlung
5.1 Hypothese
5.2 Differenz zwischen Konkretheit und Abstraktheit
5.2.1 scribere
5.2.2 mittere
5.3 Differenz zwischen Belebtheit oder Unbelebtheit
5.4 Fazit

6 Theorie der Zugehörigkeit des gesendeten Objekts
6.1 Ausgangsposition und Hypothese
6.1.1 mittere
6.1.2 scribere
6.2 Fazit

7 Resümee

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Lateinische a-Deklination

Tabelle 2: Verteilung der Verben auf Dativ und Präpositionalausdruck bei Plautus

Tabelle 3: Verteilung der Verben auf Dativ und Präpositionalausdruck in Ciceros ad Atticum

Tabelle 4: Funktionen des lateinischen Dativs

Tabelle 5: Funktionen der lateinischen Präposition ad

Tabelle 6: Aufteilung der Belege nach nominalem und pronominalem Komplement bei ad

Tabelle 7: Aufteilung der Belege nach nominalem und pronominalem Komplement beim Dativ

Tabelle 8: Aufteilung der Belege nach finiter und infiniter Verbform bei ad

Tabelle 9: Aufteilung der Belege nach finiter und infiniter Verbform beim Dativ

Tabelle 10: Aufteilung der Belege nach mündlicher oder übertragener Lesart bei ad

Tabelle 11: Aufteilung der Belege nach mündlicher oder übertragener Lesart beim Dativ

Tabelle 12: Aufteilung nach Präsenz und Absenz des Empfängers bei dare

Tabelle 13: Aufteilung der verschiedenen Modi für dare

Tabelle 14: Aufteilung nach Präsenz und Absenz des Empfängers bei mittere

Tabelle 15: Aufteilung der verschiedenen Modi für mittere

Tabelle 16: Aufteilung nach Präsenz oder Absenz des Empfängers bei scribere

Tabelle 17: Aufteilung der verschiedenen Modi für scribere

Tabelle 18: Aufteilung nach konkreter und abstrakter Handlung für mittere

Tabelle 19: Aufteilung nach konkreter oder abstrakter Handlung für scribere

Tabelle 20: Aufteilung nach Haupt- und Zweitempfänger für mittere

Tabelle 21: Aufteilung nach Haupt- und Zweitempfänger für scribere

1 ad mit Akkusativ statt Dativ - ein Phänomen des Spätlateins?

Er ist der Albtraum eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin im Französischunterricht, mit dem sie dennoch bereits im ersten Lehrjahr konfrontiert werden: le complément objet indirect. Anders als im Deutschen wird dieser nicht mit einem Kasus, dem Dativ, wiedergegeben, sondern mit der Präposition à und dem darauffolgenden Objekt. Deshalb ist es nötig, bei jedem Verb dazuzulernen, wie das nachfolgende Komplement konstruiert wird. Zu dieser Kategorie gehören viele Beispiele aus dem Bereich der Kommunikation und des Transfers: donner qc à qn, demander qc à qn, dire qc à qn, envoyer qc à qn, écrire qc à qn etc. Die Liste dieser Verben ist lang und bereitet der Mehrheit der deutschen Muttersprachler zumindest zu Beginn ihrer französischen Sprachkarriere Schwierigkeiten.

Diese Tatsache ist der historischen Entwicklung des Romanischen zu verdanken. Denn wenn man zu dessen lateinischen Ursprüngen, der Wurzel des Französischen, zurückgeht, bildete eine Anzahl an Kasus, von denen jeder einzelne bestimmte grammatische Funktionen übernahm, einen erheblichen Teil der Syntax. Doch gab es in diesem System eine entscheidende Schwachstelle. Viele Fälle besaßen je nach Deklinationsart die gleiche Endung. Die folgende Tabelle 1 (vgl. Hofmann / Rubenbauer 1995: 30) aus dem Bereich der lateinischen a-Deklination soll das Problem verdeutlichen.

Tabelle 1: Lateinische a-Deklination

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Wie auf den ersten Blick zu erkennen ist, stimmen viele Endungen überein. Sowohl die Formen des Nominativ und des Ablativ Singular als auch die des Genitiv Singular, des Dativ Singular und des Nominativ Plural und die des Ablativ und Dativ Plural sind identisch. Ähnliche Überschneidungen gab es auch in der o-, e- und u-Deklination. Dieses Phänomen des Formensynkretismus machte es immer schwieriger, die einzelnen Kasus zu unterscheiden. So kam es, dass die Funktion von Endungen allmählich von Präpositionen übernommen wurde, um dadurch größere Klarheit zu schaffen und eventuelle Missverständnisse zu vermeiden. Beispielsweise wurde der Genitiv durch de mit Ablativ oder der Dativ durch ad mit Akkusativ ausgedrückt, wodurch bereits ganz ähnliche Verhältnisse herrschten, wie man sie von den romanischen Sprachen kennt (vgl. Müller- Lancé 2006: 140-141). Philologen haben herausgefunden, dass man bereits in der vorklassischen Zeit ab dem Komödienschreiber Plautus Ansätze der Konkurrenz zwischen synthetischem und analytischem Ausdruck der Kasus findet. Oft sind es Beispiele bei trivalenten Verben mit der Bedeutung des Übermittelns oder des Mitteilens (vgl. Iliescu 2012: 20). Allerdings wird in der Sekundärliteratur recht einheitlich davon ausgegangen, dass dieses linguistische Phänomen erst vermehrt im Spätlatein und vor allem häufig in der gesprochenen Sprache auftrat, welche sich auch in den Komödien des Plautus widerspiegelt. Doch wirft man einen Blick in exemplarische Werke der lateinischen Klassik, wie zum Beispiel in die Schriften Ciceros, so lässt sich durchaus feststellen, dass auch diesem die Ersatzalternative des Dativs durch die Präposition ad mit Akkusativ nicht unbekannt war. Cicero war einer der vielseitigsten Köpfe des römischen Altertums. Als Schriftsteller war er schon für die Antike stilistisches Vorbild und seine Werke wurden als Exempel einer vollendeten Latinität nachgeahmt. Sein umfangreicher Schriftverkehr, insbesondere die epistulae an seinen Freund Atticus, beeinflussten maßgeblich die europäische Briefkultur. In diesen findet man die zahlreiche Verwendung der Präposition ad mit Akkusativ anstelle des Dativs. Die Tatsache, dass ein solcher Autor, der beispielhaft für einen klassischen Schreibstil steht, auf diese Alternative zurückgriff, gibt Grund zum Zweifeln daran, dass es sich hierbei nur um ein Phänomen handelt, das erst beim langsamen Verfall der Sprache die Oberhand gewann. Ein erster Blick in die Komödien des Plautus und in die epistulae zeigt, dass die Häufigkeit der analytischen Ausdrucksweise von der Vorklassik zur Blütezeit der lateinischen Sprache sichtbar zugenommen hat. Dies soll an den Beispielverben dare (z.D. geben), mittere (z.D. schicken) und scribere (z.D. schreiben) verdeutlicht werden. Allen drei Tätigkeitsworten folgt laut klassischer lateinischer Grammatik der Dativ (vgl. Hofmann / Rubenbauer 1995: 138). Die Anzahl der gesammelten Daten im Gesamtwerk des Plautus verteilt sich wie folgt (s. Tabelle 2):

Tabelle 2: Verteilung der Verben auf Dativ und Präpositionalausdruck bei Plautus

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Die Verwendung des Verbs dare mit Dativ scheint Standard zu sein. Mit ad und Akkusativ tritt es nur einige wenige Male auf. Bei mittere überwiegt die Präposition. Das Verb scribere allerdings wird bei Plautus so gut wie gar nicht verwendet.

Richtet man nun unter diesem Gesichtspunkt seine Aufmerksamkeit auf den Briefwechsel zwischen Cicero und Atticus, so fällt schnell auf, dass der Ersatz der synthetischen durch die analytische Form stark zugenommen hat. In der folgenden Tabelle 3 soll die Verteilung des Komplements derselben Verben durch ausgewählte Belege aus den 16 Büchern ad Atticum dargestellt werden.

Tabelle 3: Verteilung der Verben auf Dativ und Präpositionalausdruck in Ciceros ad Atticum

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Die Übersicht verdeutlicht klar die Entwicklung von Plautus zu Cicero und damit von der vor- zur klassischen Zeit. Die Konstruktion mit Präposition nimmt bei mittere und scribere erkennbar überhand. Nur bei dare steht die Mehrheit der Beispiele mit Dativ. Der Wechsel zwischen dem Kasus und ad mit Akkusativ ist also durchaus kein Phänomen, was sich erst vermehrt in der nachklassischen Zeit finden lässt. Nun stellen sich die Fragen: Welchen Grund für eine solche Substitution gab es schon im klassischen Latein? Nach welchem Schema hat Cicero einmal den Dativ, einmal die Präposition gewählt? Sollte es allein dem Prinzip der variatio, des abwechslungsreichen Schreibens, dienen? Oder verbirgt sich dahinter noch eine andere Systematik? Wenn man mit diesen Überlegungen im Hinterkopf die Sekundärliteratur konsultiert, gibt es leider nur wenige Autoren, die in ihren Beschreibungen über die bloße Tatsache, dass eine solche Alternation existiert, hinausgehen.

Deshalb soll es nun in dieser Arbeit darum gehen, diese Thematik näher zu betrachten und möglicherweise eine Antwort auf die oben gestellten Fragen zu finden. Dabei dient eine Korpusanalyse der epistulae ad Atticum von Cicero als Datengrundlage. Die Verben dare, mittere und scribere stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen. Normalerweise vom Dativ gefolgt, bezeichnen sie einen Akt des Übergebens und des Transfers, ähnlich wie die Verben im Französischen, die mit dem complément objet indirect gebildet werden. Somit sind sie gut für diese Studie geeignet, denn sie repräsentieren sozusagen die Basis für die Entwicklung eines wichtigen Aspekts der französischen Grammatik.

Im Verlauf dieser Arbeit soll ein kurzer Vergleich zwischen dem Kasus und der Präposition ad gemacht werden, um herauszufinden, ob sich die beiden Konstruktionen einen gemeinsamen Aufgabenbereich teilen. Anschließend wird getestet, ob sprachliche Unterschiede einen Grund für die Alternation darstellen. Danach soll ebenfalls ein Blick auf verschiedene Theorien geworfen werden, die vereinzelt in der Sekundärliteratur zu finden sind und die ihre Aufmerksamkeit besonders auf die semantische und kontextuelle Ebene richten. Abschließend werden die gewonnen Ergebnisse nochmals zusammengefasst und ein Resümee gezogen.

2 Kasus und Präposition im Vergleich

Der erste logische Schritt bei dieser Untersuchung ist, die grammatischen Funktionen des Dativs und ad näher zu betrachten, um herauszufinden, ob sich in diesen irgendeine Ähnlichkeit in der Verwendung finden lässt, die zu einer Substitution führen könnte. Zuerst soll ein kurzer Überblick über die wichtigsten Aufgaben des Kasus gegeben werden. Danach folgen nähere Ausführungen zu der Präposition.

2.1 Lateinischer Dativ

Nach Hofmann und Rubenbauer (1995: 138) wird dieser Fall wie folgt definiert:

Der Dativ steht auf die Fragen Äwem? wofür? wozu?“ und bezeichnet die Person, seltener die Sache, der eine Handlung gilt; er steht wie im Grch. und Dt. sowohl bei transitiven Verben als Kasus des entfernten Objekts wie bei intransitiven Verben und Adjektiven.

Neben der Verwendung bei bestimmten Tätigkeits- und Eigenschaftswörtern als indirektes Objekt kann dieser Kasus darüber hinaus noch weitere Funktionen haben. Beispiele dafür sollen in der unteren Tabelle 4 dargestellt werden.

Der dativus possessivus steht als eine Ergänzung zu einer Form des Verbs esse. Er gibt den sachlichen Besitz an und wird dann zumeist als Nominativ, esse als Ähaben“ oder Äbesitzen“ übersetzt. Dabei ist anzumerken, dass diese Konstruktion eher das okkasionelle Haben und nicht das eigentümliche verkörpert, welches durch den Genitiv ausgedrückt wird (vgl. Schmalz / Stolz 1928: 372-373).

Beim dativus commodi oder incommodi wird auf die Frage Äfür wen?“ geantwortet. Er bezeichnet die Person oder Sache, zu deren Vor- oder Nachteil etwas geschieht (vgl. Hofmann / Rubenbauer 1995: 142).

Der dativus finalis folgt auf die Frage Äwozu?“ zur Bezeichnung des Zwecks oder der Wirkung und ist oft mit esse und einem Dativ der Person zum sogenannten doppelten Dativ verbunden (vgl ebd. 143).

Bei der Kombination Gerundivum und esse wird derjenige, der etwas tun muss, also die handelnde Person, in den dativus auctoris gesetzt. Er steht als Vertreter von ab mit dem Ablativ zur Angabe des Urhebers (vgl. ebd. 142).

2.2 Präposition ad

Als nominales Begleitwort wurde die Präposition ad zu allen Zeiten verwendet. Ihr folgt der Akkusativ. Es wird bei Verben, die eine Richtung weisen, mit Äzu“, bei denen der Ortsruhe mit Äbei“ übersetzt. Dabei wird die direktive oder lokale Interpretation durch das

Tabelle 4: Funktionen des lateinischen Dativs

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Verb geleistet. Seit Plautus begegnen uns ferner die zeitlichen und modalen Gebrauchsweisen (vgl. Hofmann / Szantyr 1965: 220). Die folgende Tabelle 5 von Hofmann und Rubenbauer (vgl. 1995: 177) soll einen kurzen Überblick über die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten geben.

2.3 Fazit

Aus den vorausgehenden Ausführungen hat sich ergeben, dass ad neben seiner anfänglichen örtlichen Bedeutungen noch weitere Funktionsweisen, nämlich eine zeitliche und eine modale, entwickelt hat. Für den Dativ wurde gezeigt, dass die Hauptaufgabe im Lateinischen das Anzeigen des indirekten Objekts ist. Jedoch lassen sich eine Reihe weiterer Funktionen mit semantischem Gehalt feststellen. Er kann ebenfalls als Dativ des Besitzes, des Nutzens, des Zwecks und des Urhebers verwendet werden. Stellt man diese Erkenntnisse gegenüber, so lässt sich auf den ersten Blick keine Ähnlichkeit in den Gebrauchsweisen der beiden Konkurrenzkonstruktionen finden. Dies könnte eine Begründung dafür liefern, weshalb in der Sekundärliteratur nur sehr selten Vermutungen

Tabelle 5: Funktionen der lateinischen Präposition ad

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

darüber angestellt werden, worin die Ursache für die Substitution des Dativs durch ad und Akkusativ liegt. Einen dieser Versuche findet man bei Geisler (vgl. 1982: 35). Er ist der Meinung, dass durch die vielseitige Semantik des Dativs relativ leicht Ersatz durch entsprechende Präpositionen auftrete. Hinzu komme, dass das indirekte Objekt oft als Dativ des Ziels gedeutet werden könne, der zuweilen bei Verben der Bewegung als Angabe des Endpunktes stehe. Er vermutet, dass die direktive Funktion den lokalen Ausgangspunkt des Dativs darstellt, da ja auch später der Kasus durch ad ersetzt worden ist. Allerdings räumt er ein, dass eine universelle Entwicklung des indirekten Objekts aus einem Zielkasus nicht erwiesen sei. So vermutet er die Übereinstimmung von Kasus und Präposition in der örtlichen Komponente, die bei ad die Ursprungsbedeutung innehat und beim Dativ durch den Transfer von einem Ausgangs- zu einem Zielpunkt hin interpretiert werden kann.

Kerlouégan, Conso und Bouet (vgl. 1975: 85) greifen diesen Aspekt zwar auf, versuchen aber nicht, eine Übereinstimmung in den Verwendungsweisen zu finden. So geben sie in Bezug auf das Verb mittere an, dass der Empfänger im Dativ stehe, die Bewegungsrichtung zu etwas hin allerdings mit der Präposition ausgedrückt wird. Es existiere also ein Unterschied zwischen mittere alicui, Äjemandem etwas schicken“, und mittere ad urbem, Äetwas in Richtung Stadt schicken“.

Auch Väänänen (vgl. 1978: 32) sucht keine Gemeinsamkeit, sondern eine Differenz in der Wahl des Komplements, das das indirekte Objekt bildet. Seiner Meinung nach werde der Dativ benutzt, wenn es sich um ein Pronomen handelt, wie beispielsweise mihi, nobis, ei und illi. Ad und Akkusativ jedoch kämen zum Einsatz, sollte das Komplement ein Nomen sein. Allerdings gesteht er ein, dass sich auch Ausnahmen von dieser Regel finden lassen. Dies sind einige Vorschläge, die die Sekundärliteratur zur Substitution des Dativs vorbringt. Ob sich diese Thesen bestätigen oder wiederlegen lassen und ob es noch weitere Möglichkeiten gibt, die Gebrauchsweisen des Dativ und von ad mit Akkusativ zu analysieren, soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit geprüft werden.

3 Semasiologische Kategorisierungen

In diesem Abschnitt wird nach der Hypothese von Väänänen eine Kategorisierung der Belege aus Ciceros ad Atticum nach der Wahl des folgenden Komplements vorgenommen. Ausgehend von dieser Theorie soll ebenfalls ein näherer Blick auf die verwendete Verbform und auf die Lesart geworfen werden.

3.1 Nominales und pronominales Komplement

Die folgenden zwei Tabellen 6 und 7 sollen die Verteilung von pro- und nominalem Komplement zwischen den Verben scribere, dare und mittere unter dem Aspekt des indirekten Objekts aufzeigen.

Tabelle 6: Aufteilung der Belege nach nominalem und pronominalem Komplement bei ad

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Tabelle 7: Aufteilung der Belege nach nominalem und pronominalem Komplement beim Dativ

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Wie sich erkennen lässt, kann die Vermutung von Väänänen durch die Beispiele aus ad Atticum nicht bestätigt werden. Im Gegensatz zu seinen Überlegungen, dass beim Dativ vorzugsweise ein Nomen verwendet wird, nimmt das pronominale Komplement bei allen drei Verben überhand, sowohl bei der Verwendung des Kasus als auch bei der Substitution mit ad. Somit gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen dem Gebrauch der beiden Ergänzungsstücke. Die große Anzahl der Pronomen lässt sich dadurch erklären, dass sie bekanntlich Nomen vertreten und folglich nach deren Nennung öfters im Text vorkommen, um Wiederholungen zu vermeiden.

3.2 Finite oder infinite Verbform

Lässt sich die Theorie von Väänänen anhand der ausgewählten Belege auch nicht verifizieren, so gibt sie doch Anstoß für weitere Kategorisierungsversuche. In diesem Kapitel sollen die Beispiele nach dem verwendeten Verb sortiert werden. Es wird zwischen finiten, also konjugierten, und infiniten Formen, wie beispielsweise Infinitiven, Partizipien und Gerundien, unterschieden. Dies soll durch die Übersichten 8 und 9 veranschaulicht werden.

Tabelle 8: Aufteilung der Belege nach finiter und infiniter Verbform bei ad

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Auch hier lässt sich kein erkennbarer Unterschied feststellen. Die konjugierte Form dominiert bei allen drei Verben sowohl beim Kasus als auch beim Präpositionalausdruck. Somit können das Finitum bzw. das Infinitum keine ausschlaggebenden Indikatoren für die Substitution des Dativs sein.

3.3 Mündliche oder übertragene Lesart

Eine weitere Möglichkeit, den gesammelten Beispielen ein Muster abzugewinnen, ist die Einteilung nach mündlicher und übertragener Lesart. So ist beispielsweise die Standardübersetzung für das Verb dare die deutsche Entsprechung Ägeben“. Tritt es aber in

Tabelle 9: Aufteilung der Belege nach finiter und infiniter Verbform beim Dativ

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Kombination mit dem Komplement litteras oder epistulam auf, so wird es eher mit Äeinen Brief schreiben“ wiedergegeben. Ähnliches gilt für mittere, das normalerweise mit Äschicken“ übersetzt wird. Das Verb scribere impliziert bereits den Akt des Schreibens, dennoch treten manchmal die bereits erwähnten Objekte dazu. Die gesammelten Resultate werden in den Tabellen 10 und 11 zusammengefasst.

Tabelle 10: Aufteilung der Belege nach mündlicher oder übertragener Lesart bei ad

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Hier lassen sich unterschiedliche Ergebnisse feststellen. Wie bereits erwähnt, tritt bei scribere die übertragene Lesart nur selten auf. Für mittere findet man durchaus sowohl beim Dativ als auch bei ad einige Ergänzungen mit litterae und epistula, doch hat das mündliche Verständnis Überhand. Nur bei dare mit ad und Akkusativ überwiegt die übertragene Lesart nahezu vollständig. Daraus kann man schließen, dass diese Konstruktion in der Antike wohl als feste Kombination angesehen wurde. Da das aber nur bei diesem Verb der Fall ist, lässt sich keine Systematik für die Alternation des Kasus und des Präpositionalausdrucks erkennen, denn in allen anderen Bereichen überwiegt die mündliche Variante.

Tabelle 11: Aufteilung der Belege nach mündlicher oder übertragener Lesart beim Dativ

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

3.4 Fazit

Wie die vorausgehenden Ergebnisse gezeigt haben, ergibt sich durch semasiologisches Kategorisieren kein wirkliches Muster, das eine Substitution des Dativs durch ad mit Akkusativ erklären könnte. Folgende Beispiele aus ad Atticum sollen die Problematik nochmals verdeutlichen:

(1) Dederam equidem L. Saufeio litteras et dederam ad te unum, […] Freilich hatte ich L. Saufeius und dir ganz allein einen Brief gegeben, […] (Cic, Att. 7,1,1)

Bei diesem Beleg folgen dem zweifach verwendeten finiten Verb dederam einmal ein Nomen im Dativ und einmal ein Pronomen in Kombination mit ad und Akkusativ als Komplement. Die Ergänzung litteras wird aber nur bei einem Prädikat hinzugefügt.

(2) scripsi equidem Balbo te ad me et (de) benevolentia scripsisse et de suspicione. Freilich schrieb ich Balbus, dass du mir über Wohlwollen und Argwohn geschrieben hattest. (Cic. Att. 10,18,3)

Hier alterniert abermals die Form des indirekten Objekts. Im Vergleich zum vorigen Beispiel ist die Verbform einmal finit und einmal infinit. Es gibt keine übertragene Lesart.

(3) ad Caesarem quam misi epistulam eius exemplum fugit me tum tibi mittere.

Es entging mir, dir dann ein Exemplar von dem Brief zu schicken, den ich Caesar geschickt habe. (Cic. Att. 13,51,1)

Ad steht mit einem Nomen, der Kasus mit Pronomen. Abermals liegen Finitum und Infinitum vor. Zu misi tritt die Ergänzung epistulam, während sie bei mittere fehlt. Wie sich an den drei Beispielsätzen erkennen lässt, ergibt sich keine Einheit bzw. auch kein signifikanter Unterschied der Verwendung des Falls zu der präpositionalen Form. Der Dativ taucht sowohl mit beiden Verbformen, Komplementen als auch Lesarten auf. Gleiches gilt für ad. Ein ausschlaggebendes Merkmal nach diesen drei Gesichtspunkten kann nicht gefunden werden.

Nachdem die semasiologische Kategorisierung nach hauptsächlich sprachlichen Variablen keine Ergebnisse erbringen konnte, soll im Folgenden nun ein Blick auf eine Theorie aus der Sekundärliteratur geworfen werden, die sich vor allem auf einen semantischen und kontextuellen Aspekt der Alternation des Dativs mit ad und Akkusativ konzentriert.

4 Theorie der Absenz oder Präsenz des Empfängers

Bei der Recherche in der Sekundärliteratur ist eine englische Arbeit aufgefallen, die sich an die Theorien von Geisler und Kerlouégan, Conso und Bouet anlehnt, in denen die örtliche Komponente eine wichtige Rolle spielt. Jedoch haben diese Autoren ihre Vermutungen nur vorsichtig und fast rein hypothetisch formuliert, ohne eine genauere Korpusanalyse durchzuführen. In Exploring a diachronic (re)cycle of roles von Chiara Fedriani und Michele Prandi jedoch wird eine interessante Hypothese zur Substitution des Dativs durch ad präsentiert und ausführlich mit verschiedenen Daten untersucht. Ihre Ausführungen sollen hier nun kurz resümiert werden.

4.1 Ausgangsposition

Fedriani und Prandi (vgl. 2014: 567-568) beginnen damit, eine gemeinsame Basis in den verschiedenen Weisen, das indirekte Objekt auszudrücken, festzulegen. Die Form ad mit Akkusativ, bei der die Präposition eine allative, also eine richtungsweisende Bedeutung hat, tritt häufig als Verkörperung des Ziels bei Verben der Bewegung oder des Ortswechsels auf. Durch einen metaphorischen Transfer können die Komplemente, die normalerweise im Dativ stehen, und im Besonderen den Adressaten eines Kommunikationsakts oder den Rezipienten einer Übergabe bezeichnen, als das Ziel einer Bewegung interpretiert werden. Dabei ist zu betonen, dass der Dativ ein multifunktionaler Fall ist, wie vorher in dieser Arbeit schon gezeigt wurde, der nicht immer zwingend mit der Bewegung zu einem Ziel hin in Verbindung gebracht werden muss, wohingegen der Ersatz genau durch diese Komponente motiviert wird. Dieser Prozess der Alternation und letztendlich auch Substitution beginnt mit Verben, die explizit eine Bewegungsrichtung ausdrücken, wie beispielsweise mittere. Was bei diesem die innovative Form ad mit Akkusativ rechtfertigt, ist die Umkategorisierung des Adressaten zu einem metaphorischen Ziel, welche durch die Verbindung des Empfängers und seines Aufenthaltspunktes, der den eigentlichen Bestimmungsort der Bewegung darstellt, motiviert sein könnte. Im Gegensatz dazu wird mit dem Verb scribere, das normalerweise einen kommunikativen Sinn hat, nicht unbedingt ein Bewegungsprozess impliziert. Trotzdem kann ein solcher Transfer auf eine metonymisch übertragene Weise gedeutet werden. Eine komplexe Wortkette wie Äeine Nachricht auf ein Medium schreiben und es zu dem Ort schicken, an dem der Adressat lebt“ kann dadurch zu der Aussage Äjemandem eine Nachricht schreiben“ kondensiert werden. Diese Verkürzung überträgt scribere das gleiche Valenzschema wie

[...]

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Alternanz des Dativs mit "ad" und des Akkusativs in Ciceros "Epistulae ad Atticum"
Untertitel
Eine Korpusanalyse
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
60
Katalognummer
V372429
ISBN (eBook)
9783668506121
ISBN (Buch)
9783668506138
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alternanz, dativs, akkusativs, ciceros, epistulae, atticum, eine, korpusanalyse
Arbeit zitieren
Hanna Schellhorn (Autor), 2016, Die Alternanz des Dativs mit "ad" und des Akkusativs in Ciceros "Epistulae ad Atticum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372429

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