"Anorexia Nervosa". Ein Symptom biopolitischer Disziplinierung?


Seminararbeit, 2017

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Magersucht im Sinne einer Disziplinartechnik
2.1 Norm
2.2 Schwere Körper
2.3 Magersucht als übertriebene Form der Disziplinartechnik
2.4 Weiblich sein

3. Disziplinierungstechniken und Medien: pro ana Bewegung
3.1 Thinspos

4. Ich selbst und der Körper, das Andere
4.1 Kontrolle

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Under the current “tyranny of slenderness” women are forbidden to become large or massive; they must take up as little space as possible.1

Das Schlankheit des Körpers als gesellschaftliches Muss ist nicht, wie oftmals angeprangert, eine neue Erscheinung innerhalb der Gesellschaft, die von medialen Strukturen à la ÄGermany’s next Topmodel“ oder Instagram Idolen befeuert wird. In Foucaults Werken zu Biopolitik wird bereits deutlich, dass der Körper gesellschaftlich konstruiert ist und Machtstrukturen unterliegt, die den schlanken Körper als eine Norm auslegen. Schlanker Körper deshalb, weil er als gesund gilt.

Schlimmstenfalls wird die Obsession über den Körper und das Dünnsein so allgegenwärtig und vereinnahmend, dass die Person daran erkrankt: anorexia nervosa, die nervlich bedingte Appetitlosigkeit, allgemein auch unter Magersucht bekannt.

Wie passt Magersucht in das theoretische Konstrukt nach Foucault? Ich möchte die These aufstellen, dass eine an Magersucht erkrankte Person den Instanzen der Kontrolle folgt und unterliegt, indem die Person ihren Körper optimiert, bis sie zur Norm passt. In der Hinsicht entspricht Magersucht einem Kontrollmechanismus im Rahmen von Biopolitik. Gleichzeitig entzieht sich der anorektische Körper dem regulierenden Maß - dem physischen Körper wird so lange Nahrungsmittel verweigert, sodass dieser im Sinne Foucaults nicht mehr an der Norm ausgerichtet ist, sondern gegen diese Strukturen rebelliert.

Existiert im Englischen das Wort anorexia und anorectic, ist die Begrifflichkeit im Deutschen vielseitiger. Ich verwende hier Anorexie und anorektisch synonym zu Magersucht und magersüchtig.

Desweiteren ist es wichtig anzumerken, dass es männliche Betroffene von Magersucht gibt. Der Großteil an Aufsätzen befasst sich jedoch mit der spezifisch weiblichen Magersüchtigen. Die von mir erwähnten, von Anorexie betroffenen Personen werden bei mir durchgehend des weiblichen Geschlechts sein.

2. Magersucht im Sinne einer Disziplinartechnik

Wenn ein Ziel der Biopolitik nach Foucault Ädie vollständige Durchsetzung des Lebens“2 ist, wird dieses auf zwei Ebenen verfolgt. Foucault unterscheidet dabei zwischen der Ädisziplinären Technologie des Körpers“ und die der Äregulatorischen Technologie des Lebens“3. Bei der ersteren zentriert sich die Technologie um den leiblichen Körper des Menschen - die Macht dressiert den Körper hinsichtlich der Steigerung von Kräften und Fähigkeiten, um den Nutzen durch dieses Individuum zu maximieren und schließlich in ein ökonomisches System einzugliedern.4 Erreicht wird diese Technologie des Körpers, auch Disziplinartechnik genannt, durch besagte Dressur, aber auch durch Überwachung. Diese Aufgabe wird von Institutionen wie der Schule übernommen.5 Die regulatorische Technologie fokussiert sich auf die Gesamtheit der menschlichen Bevölkerung als Entität, dem Bevölkerungskörper. Sie versucht, den der Wahrscheinlichkeit unterliegenden biologischen Prozessen Herr zu werden und möglichst auszugleichen. Darunter fallen beispielsweise die Lebenserwartung und deren Begleitumstände als auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung.6 Für diese Regulationsmechanismen ist der Staat zuständig7, der diese Statistiken erhebt und auswertet.

Wie kann Magersucht dann als Teil einer Disziplinartechnik fungieren, steht sie doch dem lebensfördernden Konzept Gesundheit gegenüber?

2.1 Norm

Wie bereits erwähnt, geht die Lebenssicherung mit Überwachungs- und Kontrollinstanzen einher. Um Abweichungen feststellen zu können, werden Subjekte um die Norm gereiht und an dieser ausgerichtet.8

Betrachtet man die Konzeption von Gesundheit der Subjekte in ihrer Geschichtlichkeit, wird eine Verlagerung des Zuständigkeitsbereiches erkennbar. Bot zunächst der Staat seinen Subjekten im Rahmen der Gesundheitsförderung gesundheitliche Dienstleistungen an, verkehrten diese aufgrund knapper finanzieller Ressourcen zu Präventionsmaßnahmen, denen eine höhere Effektivität und Effizienz nachgewiesen wurde.9 Diese Verhaltensprävention ist dann nicht nur Teil des staatlichen Regulierungsapparates, sondern konstituiert sich im gesellschaftlichen Diskurs als Norm: Weiß man um gesundheitsschädliche Handlungen, gibt es nun richtige Entscheidungen zu treffen. Das Verantwortungsbewusstsein für das gesundheitliche Handeln des Subjektes ist aktiviert. Diese Wahlmöglichkeit gehört nun zum Subjekt, das nun selber über seine Gesundheit entscheidet - Gesundheit wird zur Strategie der Selbstoptimierung.10 Nicht mehr der Staat trägt die Besorgnis um das gesunde Leben des Individuum, sondern vielmehr das Individuum selbst, das sich durch seine Selbstgestaltung auch sozial positionieren kann. Die Implementierung dieses Gedankens im gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht einen externen Erwartungsdruck.11 Nach Foucault ist das Konzept der Gesundheit sowohl Selbsttechnologie als auch Instrument der Regulierung, indem der Staat dem Individuum die scheinbare Möglichkeit der Eigenbestimmung gibt.

2.2 Schwere Körper

Aus dem Gesundheitsdiskurs ergeben sich Körper, dessen physische Erscheinung mit der Frage nach Gesundheit verbunden wird: jene Körper, die von der Norm des Gesunden abweichen, vornehmlich sehr leichte Körper und sehr schwere Körper. Sieht man den schweren Körper im Foucaultschen Sinne als ein messbares Objekt, unterliegt dieser zwei Kriterien: dem Körpergewicht als Aspekt der Materialität und dem Energieverbrauch als Indikator für Funktionalität. Schwere Körper besitzen nach dieser Konstruktion überdurchschnittlich hohe Werte. Als Referenzrahmen dienen Zahlen, die in der Vergangenheit erhoben wurden. Spitzt man dies noch weiter zu, entstehen schwere Körper letztendlich durch die Aufnahme von zu viel Energie im Vergleich zu der tatsächlich verbrauchten Energie.12

Parallel dazu stieg die Wahrnehmung des schweren Körpers als problematischen Körper. In Konzepten von Krankheit wird das Bild des schweren Körpers eingespannt und als krank stigmatisiert: Fettleibigkeit, Übergewicht und Adipositas kamen mit dem Bild des schweren Körpers als Produkt einher, für den Gegen- und Präventionsmaßnahmen vorgesehen wurden.13

Bettet man den schweren Körper in den Gesundheitsdiskurs ein, so ist dieser das Ergebnis von Entscheidungen des Subjekts, der mit gesundheitsschädlichen Handlungen diesen Körper verursacht hat. Folglich wird der schwere Körper Zeichen mangelnder Selbstdisziplin und Beherrschbarkeit, der an der Norm ausgerichtet und bearbeitet werden muss.14

Als Gegenpol hat sich hier der leichte, schlanke Körper etabliert. Dieser Körper wird durch eine gute Lebensweise, wie genügend Bewegung (die die Energiezufuhr ausgleicht) und als gesund bewertete Ernährungsweise, hervorgebracht.15 Durch diese erfolgreiche Selbstoptimierung erlangt der schlanke Körper den Status des Gesundseins16 und ist mit einer Verbesserung der sozialen Positionierung verbunden: Der Körper steht symbolisch für ÄTriebverzicht, Durchsetzungsstärke und Durchhaltevermögen“17. Allein das Konstrukt des schweren Körpers erleichtert die Durchsetzung des leichten, schlanken Körpers als Norm.

2.3 Magersucht als übertriebene Form der Disziplinartechnik

Nimmt man die gerade herausgearbeiteten Normen von Gesundheit und Schlankheit beziehungsweise die Ächtung schwerer Körper, könnte man sagen, dass Magersucht als Disziplinartechnik auf begrenzte Zeit funktioniert, indem sie (in der Anfangsphase) den Körper runter auf das Schlankheitsideal hungern lässt. Wenn man sich dann den an Magersucht erkrankten Körper rein äußerlich anschaut, erkennt man zunächst nur einen schlanken Körper, der dem Ideal der gesellschaftlichen Norm und auch dem Gesundheitsdiskurs entspricht, obwohl eine Krankheit zugrunde liegt, die im biopolitischen Sinne nicht wünschenswert ist.

Anders ist es bei längeren und schwerwiegenden Verläufen von Magersucht, denen normalerweise keine aktive Entscheidung zugrunde liegt, so dünn wie möglich werden zu wollen. Aus einer gemäßigten Diät und einem relativ kleinen Gewichtsverlust entspringt ein Gefühl der Überlegenheit und Macht über die Kontrolle des Körpers, die sich rasch zum Syndrom der Magersucht herausbilden kann.

In diesen Fällen kommt der Krankheitsaspekt hervor und übernimmt den Diskurs der Gesundheit. Schlankheit als Ergebnis eines gesunden Körpers und dem Gesundheitsdiskurs wird so umgedreht, dass es zu einer übertriebenen, pervertierten Form der Disziplinartechnik kommt: der an Magersucht erkrankte Körper wird von jeglicher Nahrungsaufnahme abgeschnitten und kann erst recht nicht mehr produktiv sein, was im schlimmsten Fall mit dem Tod endet. Von den 75 Todesfällen im Jahr 2015, die von Essstörungen verursacht wurden, war bei 49 Fällen zuvor Magersucht diagnostiziert worden.18

Magersüchtige scheinen also krank zu sein, Äweil sie die in modernen Gesellschaften generell eingeforderten Disziplinierungstechniken und Selbsttechnologien in pathologisch übertriebene Weise anwenden“.19 Das impliziert jedoch auch die aktive Partizipation der an anorektischen Person an der Krankheit, ein Mitgestalten der Disziplinierungstechniken.

Magersucht kann aber auch gleichzeitig Ergebnis weiterer externer Disziplinierungstechniken gelesen werden. Individuen unterliegen nicht nur gesellschaftlichen Diskursen und den daraus folgenden sozialen Positionierungen. Auch das ökonomische System, in dem sich das magersüchtige Individuum befindet, kann als Disziplinierungstechnik wirken.

In westlichen Kulturkreisen ist das anorektische Individuum in einer Konsumgesellschaft eingebettet, die Bordo wie folgt ausführt:

On the one hand, as producers of goods and services we must sublimate, delay, repress desires for immediate gratification; we must cultivate the work ethic. On the other hand, as consumers we must display a boundless capacity to capitulate to desire and indulge in impulse; we must hunger for constant and immediate satisfaction.20

[...]


1 Bartky, Sandra Lee: Foucault, Femininity, and the Modernization of Patriarchal Power. In: Diamond, Irene; Quinby, Lee (Hrsg.): Feminism & Foucault. Boston, Mass.: Northeastern Univ. Press 1988. S. 73.

2 Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983, S. 166.

3 Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesung vom 17. März 1976. In: Folker, Andreas; Lemke, Thomas (Hrsg.): Biopolitik. Ein Reader. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 98.

4 Vgl. Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. S. 166.

5 Vgl. Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesung vom 17. März 1976. S. 99.

6 Vgl. Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. S. 166.

7 Vgl. Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesung vom 17. März 1976. S. 99.

8 Vgl. Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. S. 171f.

9 Vgl. Hanses, Andreas: Gesundheit und Biographie - eine Gradwanderung zwischen Selbstoptimierung und Selbstsorge als gesellschaftliche Kritik. In: Paul, Bettina; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Risiko Gesundheit. Über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitsgesellschaft. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaft 2010. S. 92.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Haun, Miriam: Schwere Körper. In: Filter, Dagmar; Reich, Jana (Hrsg.): ÄBei mir bist du schön…“ Kritische Reflexionen über Konzepte von Schönheit und Körperlichkeit. Freiburg: Centaurus 2012, S. 261.

13 Vgl. ebd, S. 262.

14 Vgl. ebd, S.263.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Schorb, Friedrich: Fit for fun? - Schlankheit als Sozialprestige. In: Paul, Bettina; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Risiko Gesundheit. Über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitsgesellschaft. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaft 2010. S.107.

18 Statista (Anhang).

19 Thoms, Ulrike: Hunger - ein Bedürfnis zwischen Politik, Physiologie und persönlicher Erfahrung (Deutschland, 19. und 20. Jahrhundert). In: Body Politics 3 (2015), Heft 5, S. 143.

20 Bordo, Susan: Unbearable weight: feminism, Western culture, and the body. Berkeley/Los Angeles/London 1993. S. 199.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Anorexia Nervosa". Ein Symptom biopolitischer Disziplinierung?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V372535
ISBN (eBook)
9783668505902
ISBN (Buch)
9783668505919
Dateigröße
921 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anorexie, Anorexia Nervosa, Biopolitik, Michel Foucault, Schlank, Körperkultur
Arbeit zitieren
Bao-My Nguyen (Autor), 2017, "Anorexia Nervosa". Ein Symptom biopolitischer Disziplinierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372535

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