Das Schlankheit des Körpers als gesellschaftliches Muss ist nicht, wie oftmals angeprangert, eine neue Erscheinung innerhalb der Gesellschaft, die von medialen Strukturen à la „Germany’s Next Topmodel“ oder Instagram-Idolen befeuert wird. In Foucaults Werken zu Biopolitik wird bereits deutlich, dass der Körper gesellschaftlich konstruiert ist und Machtstrukturen unterliegt, die den schlanken Körper als eine Norm auslegen. Schlanker Körper deshalb, weil er als gesund gilt. Schlimmstenfalls wird die Obsession über den Körper und das Dünnsein so allgegenwärtig und vereinnahmend, dass die Person daran erkrankt: „anorexia nervosa“, die nervlich bedingte Appetitlosigkeit, allgemein auch unter Magersucht bekannt.
Wie passt Magersucht in das theoretische Konstrukt nach Foucault? Diese Arbeit möchte die These aufstellen, dass eine an Magersucht erkrankte Person den Instanzen der Kontrolle folgt und unterliegt, indem die Person ihren Körper optimiert, bis sie zur Norm passt. In der Hinsicht entspricht Magersucht einem Kontrollmechanismus im Rahmen von Biopolitik. Gleichzeitig entzieht sich der anorektische Körper dem regulierenden Maß – dem physischen Körper wird so lange Nahrungsmittel verweigert, bis dieser im Sinne Foucaults nicht mehr an der Norm ausgerichtet ist, sondern gegen diese Strukturen rebelliert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Magersucht im Sinne einer Disziplinartechnik
2.1 Norm
2.2 Schwere Körper
2.3 Magersucht als übertriebene Form der Disziplinartechnik
2.4 Weiblich sein
3. Disziplinierungstechniken und Medien: pro ana Bewegung
3.1 Thinspos
4. Ich selbst und der Körper, das Andere
4.1 Kontrolle
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das theoretische Konstrukt der Magersucht im Kontext der Biopolitik nach Michel Foucault, um zu analysieren, ob Anorexie als eine Form der Disziplinartechnik verstanden werden kann, die sowohl gesellschaftliche Normen widerspiegelt als auch als Rebellion gegen diese fungiert.
- Biopolitische Perspektive auf Magersucht und Disziplinierung
- Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Schönheitsidealen und dem Körperbild
- Die Rolle der "pro ana"-Bewegung und ihre medialen Darstellungen
- Spannungsfelder zwischen Kontrolle, Selbstoptimierung und Konsumgesellschaft
- Kritische Analyse der Machtstrukturen im Diskurs über den menschlichen Körper
Auszug aus dem Buch
3.1 Thinspos
Ein Bestandteil der pro ana Rhetorik besteht in der Zirkulation von sogenannten thinspos. Abgekürzt von thinspiration, beschreibt der Begriff jedes symbolische oder bildliche Objekt, welches die Essenspraxis der Anorexie fördert. Neben Bildern können Thinspos auch Gedichte, Texte oder Filme sein. Thinspos, die Stars zeigen, sind zu hohen Graden sexualisiert; sie zeigen die Frauen in meistens lasziven Posen.
Durch Thinspos reproduzieren die pro ana Anhänger das normative Modell von weiblicher Schönheit, bei der der Körper dünn und sinnlich sexuell ist. Nicht selten findet man Bilder von Models, die scheinbar dem Konsumenten pro ana Sätze nahelegen. Diese Bilder sind mit zum Abnehmen motivierenden Sprüchen versehen. Diese Praxis impliziert, dass dünne, als schön geltende Frauen ebenfalls magersüchtig sind und dieselben Gefühle verspüren, die pro ana Anhänger durch ihre Bilder ausdrücken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Magersucht als gesellschaftliches Konstrukt ein und stellt die These auf, dass diese als Kontrollmechanismus im Rahmen von Foucaults Biopolitik zu verstehen ist.
2. Magersucht im Sinne einer Disziplinartechnik: Hier wird analysiert, wie Normen von Gesundheit und Schlankheit den Körper dressieren und inwieweit Magersucht eine pathologische Übersteigerung dieser gesellschaftlich eingeforderten Disziplinierungstechniken darstellt.
3. Disziplinierungstechniken und Medien: pro ana Bewegung: Dieses Kapitel beleuchtet die Subkultur der pro ana Bewegung, die Anorexie als legitime Identität propagiert, wobei insbesondere die Rolle von Thinspos als diskursive Mittel der Identifikation hervorgehoben wird.
4. Ich selbst und der Körper, das Andere: Dieser Abschnitt untersucht das entfremdete Körperbild von Magersüchtigen, bei dem die radikale Selbstkontrolle als Versuch fungiert, Macht über den Körper auszuüben, was paradoxerweise in eine Fremdbestimmung mündet.
5. Fazit: Die abschließende Betrachtung fasst zusammen, dass Anorexie eine komplexe Ambivalenz zwischen Anpassung an gesellschaftliche Regulierungsmaßnahmen und einer unbewussten Rebellion gegen herrschende Machtstrukturen darstellt.
Schlüsselwörter
Magersucht, Anorexia nervosa, Biopolitik, Michel Foucault, Disziplinartechnik, Körperbild, Selbstoptimierung, pro ana Bewegung, Thinspos, Weiblichkeit, Kontrolle, Machtstrukturen, Konsumgesellschaft, Identität, Sozialprestige
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Krankheit Magersucht aus einer soziologischen Perspektive, speziell unter Anwendung der Machttheorien von Michel Foucault, um die zugrunde liegenden Mechanismen von Körperregulierung und Selbstdisziplin zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Feldern gehören die gesellschaftliche Konstruktion des Körpers, die Verbindung von Gesundheit und Schlankheit als soziales Muss, die Rolle medialer Darstellungen (insbesondere pro ana) sowie das paradoxe Verhältnis von Kontrolle und Selbstverlust.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob Magersucht als Disziplinartechnik fungiert, indem sie den Körper optimiert, gleichzeitig aber auch als eine Form der Kritik an ökonomischen und sozialen Normen gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Diskursanalyse, wobei Konzepte von Foucault, Susan Bordo und weiteren Autoren auf das Phänomen der Magersucht angewandt werden, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung der Magersucht als Disziplinartechnik, die Untersuchung von körperlichen Normen (schwere vs. schlanke Körper), eine medienkritische Analyse der pro ana Bewegung und die philosophische Betrachtung des Verhältnisses von "Ich" und "Körper".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Biopolitik, Disziplinartechnik, Körperkonstruktion, pro ana, Selbstoptimierung und Anorexie definiert.
Welche Rolle spielen "Thinspos" innerhalb der pro ana Bewegung?
Thinspos dienen als visuelle Rhetorik, die Anorexie als erstrebenswerte Lebensform propagieren und durch die Reproduktion von Schönheitsidealen eine Identifikationsfläche für die Anhängerschaft schaffen.
Warum wird Magersucht auch als eine Form der Rebellion gegen Strukturen gesehen?
Da sich die Magersüchtige durch radikale Nahrungsverweigerung der regulierenden Normen des Körpers und der Konsumgesellschaft entzieht, kann dies als ein Akt der Verweigerung gegen die herrschenden Macht- und ökonomischen Anforderungen interpretiert werden.
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- Bao-My Nguyen (Autor), 2017, "Anorexia Nervosa". Ein Symptom biopolitischer Disziplinierung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372535