Die folgende Ausarbeitung stellt ein fachwissenschaftliches Essay zu der Fragestellung „Das Kontroversitätsgebot: Intransparente Lehrersubjektivität als Risiko unreflektierter Beeinflussung Lernender?“ dar. Politische Bildung steht anhaltend in der Differenz zwischen der Förderung von Urteilskompetenz auf Basis konträrer, authentischer, partizipativer wie konfliktbehafteter Unterrichtsinhalte einerseits sowie der Gefahr von Eindimensionalität, Beeinflussung oder gar Indoktrination von Schülerinnen und Schülern andererseits. In diesem Spannungsfeld agiert die Lehrkraft, zumeist mit dem Bemühen, „unpolitisch“ zu sein. Dass Lehrkräfte jedoch niemals objektiv sein können, wird dabei zumeist aus didaktischer Sicht ausgeklammert. Das fachwissenschaftliche Essay dieser Ausarbeitung soll sich dementsprechend mit der Thematik der Lehrersubjektivität auseinandersetzen. Aufgrund der Relevanz des Kontroversitätsgebotes sowie des Prinzips der Kontroversität im Politikunterricht für die Entstehung der gegenwärtigen, zumeist „unpolitischen“ Lehrerrolle, wird diese zunächst erläutert. Daraufhin sollen die Grenzen sowie didaktischen Empfehlungen und unterrichtlichen Realitäten von Lehrersubjektivität in der politischen Bildung betrachtet werden. Anschließend wird ein Resümee für den Umgang mit Lehrersubjektivität in Didaktik wie auch Unterrichtspraxis gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fachwissenschaftliches Essay
2.1 Einführung des fachwissenschaftlichen Essays:
2.2 Die Unvermeidlichkeit von Lehrersubjektivität
2.3 Auch Lehrer können nicht nicht kommunizieren
2.4 Das Grundgesetz als diskutable Wertebasis?
2.5 Ist Lehrersubjektivität das Ende jeglicher Kontroversität?
2.6 Lehrersubjektivität als Unterrichtsgegenstand
2.7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, die Rolle der Lehrersubjektivität im Kontext der kontroversen politischen Bildung zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen, ob deren Vernachlässigung zu einer intransparenten Beeinflussung der Lernenden führt.
- Das Kontroversitätsgebot als Grundlage der politischen Bildung
- Die Unvermeidlichkeit und die Grenzen der Lehrersubjektivität
- Kommunikationsaxiome in der Lehrer-Schüler-Interaktion
- Das Grundgesetz als diskutable oder indiskutable Wertebasis
- Didaktische Ansätze zur Transparenz im Politikunterricht
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Unvermeidlichkeit von Lehrersubjektivität
Als Reaktion auf das Kontroversitätsgebot hat sich in den letzten Jahrzehnten eine grundlegende Haltung vieler Politiklehrkräfte herauskristallisiert, eigene Meinungen im Unterricht zurückzuhalten sowie eigene Subjektivität hinter professioneller Neutralität anzustellen (vgl. Weißeno 1996, 123; Ahlheim 2012, 81). Diese vorsichtige Neutralität der Lehrkräfte führt in der Unterrichtrealität häufig zur Harmonisierung kontroverser Inhalte (vgl. ebd.). Dieses Phänomen ist im fachdidaktischen Diskurs seit Jahren ein Streitthema (vgl. Ahlheim 2012, 86). Einige Fachdidaktiker, darunter Sigfried Schiele Gründervater des Beutelsbacher Konsenses (vgl. Schiele 1996, 5; Rudolf 2002) unterstützen mit Verweis auf Beeinflussung und Indoktrination die Zurückhaltung der Lehrkräfte. In ihren Augen ist die Meinung der Lehrkraft irrelevant. Eine Interpretation des Kontroversitätsgebotes, die den Politiklehrern von ihrer eigenen politischen Meinung abrät oder zumindest die Subjektivität von Lehrkräften aus dem Unterricht verbannt (vgl. Ahlheim 2012, 81), mag zwar grundsätzlich den Ansatz zur Herstellung von Kontroversität einerseits und zur Vermeidung von Indoktrination andererseits beinhalten, bringt die unterrichtliche Praxis jedoch schnell an ihre Grenzen, meinen vornehmlich moderne Didaktiker wie Grammes (2005, 129) oder Eis (2015, 3).
Eine Grenze, welche in diesem Sinne hohe Aktualität aufweist, ist die Überforderung, die sich bei vielen Lehrenden hinsichtlich der notwendigen, didaktischen Reduktion während der Planung von Bildungsprozessen ergibt (vgl. Pohl 2015). Die aktuelle Gesellschaft ist geprägt durch Massenmedien, Globalisierung und ansteigendem Pluralismus. Innerhalb einer solchen Gesellschaft werden Lehrende wie Lernende tagtäglich über verschiedenste Kanäle mit unterschiedlichsten Meinungen, Informationen und Perspektiven konfrontiert, teilweise ohne die Quelle besagter Informationen einschätzen zu können. Zudem kann kein Unterricht sämtliche herrschenden Meinungen oder Perspektiven zu einer Thematik berücksichtigen. Im Rahmen solch pluralistischer Gesellschaftsstrukturen (vgl. Grammes 1999, 81) erscheint es sehr schwierig für Lehrkräfte, zu entscheiden, welche Perspektiven und Argumente einen ganzheitlichen, kontroversen sowie hinsichtlich der Bildungsziele angemessenen Unterricht fördern und welche weniger relevant sind (vgl. Loerwald 2012, 48ff.; Sutor, 1996, 74).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung vor, inwieweit die Lehrersubjektivität ein Risiko für eine unreflektierte Beeinflussung im Politikunterricht darstellt.
2. Fachwissenschaftliches Essay: Das Hauptkapitel erörtert das Kontroversitätsgebot und die Unvermeidlichkeit von Lehrersubjektivität.
2.1 Einführung des fachwissenschaftlichen Essays:: Dieser Abschnitt erläutert den Ursprung des Kontroversitätsgebots und den Beutelsbacher Konsens als Rahmen der politischen Bildung.
2.2 Die Unvermeidlichkeit von Lehrersubjektivität: Hier wird dargelegt, warum Lehrkräfte trotz des Neutralitätsanspruchs nie vollkommen objektiv agieren können.
2.3 Auch Lehrer können nicht nicht kommunizieren: Es wird die Rolle der Lehrkraft als Moderator thematisiert und aufgezeigt, dass auch nonverbale Kommunikation oder das Weglassen von Fakten eine Form der Beeinflussung darstellt.
2.4 Das Grundgesetz als diskutable Wertebasis?: Dieses Kapitel diskutiert das Spannungsfeld zwischen dem Grundgesetz als notwendigem Ordnungsprinzip und der Notwendigkeit, dieses kritisch zu hinterfragen.
2.5 Ist Lehrersubjektivität das Ende jeglicher Kontroversität?: Hier wird untersucht, ob das Einbringen der Lehrersubjektivität die Kontroversität gefährdet oder diese erst ermöglicht.
2.6 Lehrersubjektivität als Unterrichtsgegenstand: Die Autorin argumentiert, dass Lehrersubjektivität explizit thematisiert werden muss, anstatt sie hinter einer Maske der Neutralität zu verstecken.
2.7 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert einen transparenten, reflektierten Umgang mit Lehrersubjektivität im Politikunterricht.
Schlüsselwörter
Politikdidaktik, Kontroversitätsgebot, Beutelsbacher Konsens, Lehrersubjektivität, Neutralität, politische Bildung, Indoktrination, Mündigkeit, Urteilskompetenz, Didaktik, Politikunterricht, Wertanschauung, Partizipation, Manipulation, Lehrkraftrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem Neutralitätsgebot der politischen Bildung und der unvermeidlichen Subjektivität der Lehrkraft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Beutelsbacher Konsens, die Rolle der Lehrkraft als Moderator und die Problematik der Beeinflussung von Lernenden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass eine Vernachlässigung der Lehrersubjektivität unreflektierte Beeinflussung riskiert, und Wege für einen transparenten Umgang damit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um ein fachwissenschaftliches Essay, das auf einer Analyse didaktischer Diskurse und einschlägiger Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Grenzen der Lehrerobjektivität, die Unvermeidbarkeit von Kommunikation im Unterricht und die Rolle des Grundgesetzes als Wertebasis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kontroversitätsgebot, Lehrersubjektivität, politische Bildung und Urteilsfähigkeit charakterisiert.
Warum wird das Grundgesetz als "diskutabel" bezeichnet?
Die Autorin argumentiert, dass auch das Grundgesetz in einer pluralistischen Gesellschaft kritisch hinterfragt werden muss, anstatt es als dogmatisch unantastbar zu behandeln.
Warum ist das Verschweigen der eigenen Subjektivität laut der Autorin gefährlich?
Weil eine scheinbare Neutralität verhindert, dass Lernende die Einflüsse durch die Lehrkraft erkennen und kritisch reflektieren können.
- Citar trabajo
- Annika Hartwig (Autor), 2016, Das Kontroversitätsgebot. Intransparente Lehrersubjektivität als Risiko unreflektierter Beeinflussung Lernender?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373658