Im Jahr 2011 war in verschiedenen Medien zu lesen, dass Deutschland das europäische Land mit der geringsten Geburtenrate ist. Bei einem Vergleich europäischer Länder stellte sich, zum Erstaunen der meisten konservativen deutschen Politiker heraus, dass eine hohe Geburtenrate mit einer hohen Rate berufstätiger Frauen korrelierte.
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich der Familienpolitik zwischen den beiden europäischen Ländern Deutschland und Schweden. Deutschland und Schweden haben einige strukturelle Gemeinsamkeiten, enthalten jedoch auch Unterschiede in ihrer jeweiligen Familienpolitik, die sie als Vergleich interessant machen: beide Staaten vertreten unterschiedliche Wohlfahrtsstaattypen und unterschiedliche Geschlechtersysteme.
Bereits im Jahre 1974 führte Schweden als erstes Land weltweit den Elternurlaub ein. Erst im Jahr 1986, über zehn Jahre später, trat das Erziehungsgeldgesetz in Deutschland in Kraft. Wieso zog Deutschland erst zehn Jahre später dem schwedischen Modell nach? Sowohl in Schweden als auch in Deutschland setzte sich der Staat immer mehr für die Kindererziehung, Kinderbetreuungseinrichtungen, finanzielle Unterstützung von Eltern und der sozial- und arbeitsrechtlichen Absicherung von Kinderbetreuungszeiten ein. Diese Maßnahmen richteten sich damit erstmals an Eltern und nicht nur an die Mütter.
Außerdem stellte sich heraus, dass mit der jeweiligen Familienpolitik von Schweden und Deutschland ganz eigene ideologische Positionen in den entsprechenden Ländern gefördert werden. Diese ideologischen Positionen erweisen sich aber nicht nur für die jeweilige Geburtenrate eines Landes als entscheidend, sondern auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wohlfahrtsstaat- zwischen Staat, Markt und Familie
2.1. Begriffsbestimmung Wohlfahrtsstaat
2.2. Familienpolitik im Wohlfahrtsstaat
3. Familienpolitik in Deutschland
3.1. Geschichtlicher Hintergrund der Familienpolitik in Deutschland
3.2. Elterngeld und Elternzeit
3.3. Erwerbstätigkeit der Mütter nach der Geburt
3.4. Kinderbetreuung in Deutschland
4. Familienpolitik in Schweden
4.1. Geschichtlicher Hintergrund der Familienpolitik in Schweden
4.2. Elterngeld und Elternzeit
4.3. Erwerbstätigkeit der Mütter nach der Geburt
4.4. Kinderbetreuung in Schweden
5. Zusammenfassender Vergleich beider Länder
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den familienpolitischen Vergleich zwischen Deutschland und Schweden, um zu analysieren, ob sich das deutsche Modell an das schwedische Doppelversorgermodell angenähert hat oder ob unterschiedliche Geschlechterrollenverständnisse diese Annäherung behindern.
- Vergleich der Wohlfahrtsstaatstypen und Familienmodelle (konservativ vs. sozialdemokratisch)
- Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Elterngeld und Elternzeit
- Untersuchung der Erwerbsbeteiligung von Müttern nach der Geburt
- Evaluierung der Qualität und Verfügbarkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen
- Reflexion über geschlechtergerechte Arbeitsteilung und kulturelle Rollenbilder
Auszug aus dem Buch
2. Wohlfahrtsstaat- zwischen Staat, Markt und Familie
Um die Familienpolitik in einem Wohlfahrtsstaat erklären zu können, muss zunächst der Begriff des Wohlfahrtsstaates bestimmt werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Wohlfahrtsstaaten zu klassifizieren und zu analysieren. Esping- Andersen ist einer der bedeutendsten Soziologen der aktuellen Wohlfahrtsstaatsforschung. Daher orientiert sich diese Arbeit als Grundlage an seiner Theorie. Eine allgemeine Lehrbuchdefinition des Wohlfahrtsstaates lautet: „Ein Wohlfahrtsstaat bezieht sich auf die Verantwortung des Staates für die Sicherung eines Mindestmaßes an Wohlfahrt für seine Bürger“ (Esping- Andersen :32). Die ersten Studien und Versuche, einen Wohlfahrtsstaat genauer zu definieren gingen davon aus, dass die Höhe der Sozialausgaben das wohlfahrtstaatliche Engagement eines Staates widerspiegelt. Die Länder wurden durch verschiedene Kriterien bewertet: Urbanisierungsgrad, Wachstumsraten und der Anteil an alten Menschen (Esping- Andersen :32). Auch weitere Soziologen wie Stephens (1979) oder Myles (1984) versuchten den Wohlfahrtsstaat zu erklären (Esping- Andersen: 33).
Alle Untersuchungen fixierten sich jedoch auf die Sozialausgaben des Wohlfahrtsstaates die nach Esping- Andersen „nur Begleiterscheinungen dessen, was die theoretische Substanz des Wohlfahrtstaates ausmacht“ sind (Esping- Andersen: 33). Es stellt sich hierbei die Frage, nach welchen Kriterien zu beurteilen ist, wann ein Staat ein Wohlfahrtsstaat ist. Esping- Andersen setzt einen Fokus auf die Gewährung sozialer Rechte im Wohlfahrtstaat die nach den Prinzipien der De Kommodofizierung, sozialer Stratifikation und dem Verhältnis von Markt, Staat und Familie analysiert und kategorisiert werden ( Esping- Andersen 1998: 36). Die De Kommodifizierung ist ein Kriterium für die Entkoppelung von Verteilungsfragen vom Marktmechanismus, also inwieweit der Staat Möglichkeiten des Aussteigs aus dem Arbeitsmarkt aus familiären, gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen bietet. Ein weiteres Klassifikationsprinzip ist Stratifizierung, also das Verhältnis zwischen Staatsbürgerrechten und sozialen Klassen im Wohlfahrtsstaat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik niedriger Geburtenraten ein und stellt die Forschungsfrage nach der Annäherung des deutschen Familienmodells an das schwedische Doppelversorgermodell.
2. Wohlfahrtsstaat- zwischen Staat, Markt und Familie: Dieses Kapitel definiert den Wohlfahrtsstaat theoretisch unter Einbeziehung der Regimetypologie von Gösta Esping-Andersen.
3. Familienpolitik in Deutschland: Es werden die historische Entwicklung, das Elterngeldgesetz, die Erwerbssituation von Müttern und die Kinderbetreuungssituation im konservativen deutschen System analysiert.
4. Familienpolitik in Schweden: Das Kapitel beleuchtet das schwedische sozialdemokratische Modell, die Gleichstellungspolitik und die strukturelle Unterstützung der Erwerbstätigkeit beider Elternteile.
5. Zusammenfassender Vergleich beider Länder: Dieser Abschnitt stellt die Ergebnisse beider Ländersysteme gegenüber, insbesondere hinsichtlich Erwerbsquoten, Geburtenraten und gesellschaftlicher Akzeptanz von Frauenerwerbstätigkeit.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer besseren Infrastruktur und eines kulturellen Wandels in Deutschland.
Schlüsselwörter
Familienpolitik, Deutschland, Schweden, Wohlfahrtsstaat, Doppelversorgermodell, Elterngeld, Elternzeit, Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung, Gleichstellung, Geschlechterrollen, Geburtenrate, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Erziehungsgeld, Sozialpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die familienpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Schweden, um Unterschiede in den jeweiligen Wohlfahrtsstaatsmodellen und deren Auswirkungen auf die Familienstruktur zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die staatliche Kinderbetreuung, Regelungen zu Elterngeld und Elternzeit, sowie die Auswirkungen dieser politischen Instrumente auf die Erwerbstätigkeit von Frauen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob sich das deutsche Familienmodell bereits an das schwedische Doppelversorgermodell angenähert hat oder ob traditionelle Geschlechterrollen in Deutschland dies verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, bei der soziologische Konzepte, insbesondere die Wohlfahrtsstaats-Typologie nach Gösta Esping-Andersen, herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, die detaillierte Darstellung der Familienpolitik in Deutschland und Schweden sowie einen direkten Vergleich der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Familienpolitik, Doppelversorgermodell, Gleichstellung, Erwerbsbeteiligung und Wohlfahrtsstaat geprägt.
Warum unterscheidet sich die Erwerbsquote von Müttern in beiden Ländern so deutlich?
Laut der Analyse spielt das schwedische Steuersystem und der Ausbau staatlicher Kinderbetreuung eine zentrale Rolle, während in Deutschland traditionelle Ernährermodelle und eine mangelhafte Betreuungsinfrastruktur die Erwerbsquote beeinflussen.
Welche Rolle spielen die sogenannten „Vätermonate“?
Sie sollen die gleichberechtigte Kinderbetreuung fördern, werden jedoch in Deutschland häufig nur als begrenzte Option genutzt, da die traditionelle Rollenverteilung nach der Geburt oft wieder aufgegriffen wird.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin für Deutschland?
Die Autorin schlussfolgert, dass in Deutschland ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung sowie ein kulturelles Umdenken in der Unternehmenswelt notwendig sind, um eine echte Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen.
Was ist das „Doppelversorgermodell“?
Es ist ein in Schweden verbreitetes Modell, bei dem davon ausgegangen wird, dass sowohl Männer als auch Frauen innerhalb eines Haushalts gleichermaßen erwerbstätig sind und Verantwortung für Haushalt und Kinder tragen.
- Citar trabajo
- Lena Weidemann (Autor), 2017, Frauen im Wohlfahrtsstaat. Ein Vergleich der Familienpolitik in Deutschland und Schweden, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373979