Subjektformierung im 18. Jahrhundert. Das gedoppelte Subjekt in Sophie von La Roches "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim"


Hausarbeit, 2017

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine foucaultsche Funktionsmatrix: Mikrophysik-Disziplin-Selbstsorge

3. Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim als foucaultsche Funktionsmatrix
3.1. Das elterliche Landgut: das Bildungsprogramm des mikrophysikalischen Disziplinar subjektes
3.2. Der Fürstenhof in D.: Disziplinarsubjekt und absolutistische Repräsentationskultur – die Entwicklung zum gedoppelten Subjekt
3.3. Im freien Raum: das gedoppelte Subjekt in der Erprobung
3.3.1. Der Gasthof auf dem Land und in Vaels
3.3.2. Im Haus von Madam Hills
3.3.3. Das Landgut der Lady Summers in England − die ‚Bleygebürgen‘ in Schottland − Seymourhouse

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bildung ist nach Gutjahr der Schlüsselbegriff des aufgeklärten 18. Jahrhunderts[1], der sich insbesondere in diesem Zeitraum sowohl auf die Selbstbildung im Sinne einer inneren Verfeinerung als auch auf die Verbesserung von natürlicher Anlagen versteht.

Der Bildungsroman, der sich in der Epoche der Aufklärung aus der Überzeugung einer teleologischen Transformation des Subjektes mithilfe von Bildung heraus entwickelt, wurde erstmalig 1774 von Blanckenburg poetologisch beschrieben[2] und um 1820 von Morgenstern auch so benannt[3]. Er ist eng mit der Frage nach der Subjektivierung des Protagonisten verknüpft, seiner Entwicklungsgeschichte und seiner Selbstfindung. Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/1796) wird bis heute als traditionsbildendes und ebenso wirkungsmächtiges Muster für den Bildungsroman angesehen.

Überlegungen zum Subjekt im Bildungsroman auf Basis des Studienbriefs von Schödlbauer Goethes ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre‘: Aspekte des Bildungsromans [4] sowie Gutjahrs Ausführungen zum Bildungsroman bilden den Ausgangspunkt der Reflexionen, die die Verfasserin zur Frage nach der Subjektformierung im Briefroman von La Roche auf Basis foucaultscher Subjektkonzeptionen geführt haben. Zwischen Studienbrief − hier wird der Bildungsroman als symbolisches Rätselspiel entziffert − und Hausarbeit besteht jedoch keine Schnittmenge mehr.

Als methodologischen Grundlagen werden die frühen, machtanalytischen Überlegungen Foucaults zur Entwicklung der Disziplinierungsgesellschaft ab dem späten 18. Jahrhundert eingesetzt, die dieser in seiner Studie Überwachen und Strafen entfaltet. Ergänzend dazu werden als weitere methodologische Grundlagen Foucaults spätere Analysen zur Transformation des ästhetisch-existenziellen Subjektes durch eine Ethik der Selbstsorge herangezogen. Die damit einhergehenden Praktiken verortet Foucault in der griechisch-römischen Philosophie des Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit sowie in der christlichen Spiritualität des dritten und vierten Jahrhunderts. Sie werden von ihm im Seminar Technologien des Selbst − veranstaltet an der University of Vermont 1982 und begleitend aufgezeichnet – dargelegt. Aus Gründen des Umfangs dieser Hausarbeit beschränkt sich die Verfasserin weitgehend auf die griechisch-römischen Selbstpraktiken, die in dieser Hausarbeit als Dechiffrierungsmuster verwendet werden.

Als Vorgehensweise benutzt die Verfasserin die von Foucault beschriebene Organisation der Disziplin, die „[…] komplexe Räume aus Architektur, Funktionen und Hierarchien erzeugt […]“[5]. Die Analyse fokussiert daher auf die Räume, in denen sich die Protagonistin Sophie aufhält: das elterliche Landgut, der Fürstenhof in D., der Gasthof auf dem Land, das Haus von Madam Hills, das Landgut der Lady Summers, die schottischen ‚Bleygebürgen‘ und das Seymourhouse. Ebenfalls aus Platzgründen beschränkt sich die Analyse überwiegend auf die Handlungen der Protagonistin − sich selbst und anderen gegenüber.

Durch die Koppelung der beiden methodologischen Stränge soll im Fazit überprüft werden, ob und wie sich ein modernes Subjekt aufzeigen lässt, welches sich im Modus von Unterwerfung unter die Praktiken der Disziplin ebenso wie selbsterzeugend-frei konstituiert: das gedoppelte Subjekt.

2. Eine foucaultsche Funktionsmatrix: Mikrophysik-Disziplin-Selbstsorge

Das Subjekt ist auch in Foucaults theoretischen Analysen ein zentrales Thema, obwohl Habermas[6] kritisiert, Foucault habe die radikale Auslöschung des Subjektes verfolgt. Man kann jedoch festhalten, dass Foucault nicht die Auslöschung des Subjektes verfolgt, sondern seine Dezentrierung. Indem er die Theorie des cartesianischen Subjektes, also die des souveränen Schöpfersubjektes, infrage stellt[7], verortet er das Subjekt alternativ als ein Epiphänomen der Macht.

Als Erstes denke ich tatsächlich, dass es kein souveränes, stiftendes Subjekt, keine Universalform Subjekt gibt, die man überall wiederfinden könnte. […] Ich denke im Gegenteil, daß das Subjekt durch Praktiken der Unterwerfung oder, auf autonomere Weise durch Praktiken der Befreiung, der Freiheit konstituiert wird.[8]

Die Subjektivierung des Individuums beschreibt eine Unterwerfungsweise unter die Bedingungen von Macht, die nach Foucault auch positiv bewertet werden kann. In seiner Studie Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, in der er die humanistische Wende der Strafpraxis des ausgehenden 18. Jahrhunderts einer kritischen Revision unterzieht, fordert Foucault, Macht nicht nur als eine unterdrückende, sondern auch als eine produktive Kraft anzusehen, denn:

In Wirklichkeit ist Macht produktiv, und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnisse sind Ergebnisse dieser Produktion.[9]

Macht und Wissen sind reziprok aufeinander bezogen und bilden einen Macht-Wissen-Komplex.

Eine zentrale Aussage bei Foucault ist, dass es die Macht mit dem Absolutheitsanspruch nicht gibt. Sie ist kein „unheilvolles Fluidum“[10], das sich über den Gesellschaftskörper ausbreitet. Macht bedeutet zugleich Machtverhandlungen, da Macht und Widerstand eng miteinander verknüpft sind: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.“[11] − eine These, für die im Briefroman Geschichte des Fräuleins von Sternheim Beispiele zu finden sind.

Der Unterschied zwischen Macht- und Herrschaftsbeziehung liegt darin, dass bei der ersten Beziehungsform die Veränderbarkeit durch Machtverhandlungen gegeben ist, während bei der letzten die Handlungsmuster festgelegt sind und kaum mehr Spielräume zulassen. Kennzeichnend für Herrschaftsverhältnisse sind, dass sie:

[…] auf Dauer asymmetrisch […] und der Spielraum der Freiheit äußert beschränkt ist. […] in diesen Fällen ökonomischer, sozialer, institutioneller oder sexueller Herrschaft besteht das Problem in der Tat darin, zu wissen, wo sich Widerstand formieren kann.[12]

Auch das soll in La Roches Roman, der in einem Zeitraum noch-absolutistischer Herrschaftsverhältnisse spielt, überprüft werden.

Die Konstruktion des Subjektes als eine Art gedoppeltes Subjekt ergibt sich aus zwei Mechanismen: der Unterwerfung unter produktive Machtpraktiken als auch die Anwendung einer ästhetisch-existenziellen Selbstsorge. Letzteres zielt auf ein freies Subjekt, das in der Verpflichtung steht, sich zwecks Lebensoptimierung − zumeist introperspektivischer − Selbsttechniken zu bedienen. Dies wird von Foucault in seinen späteren Werken analysiert.

Die Verschränkung des Subjektes als unterworfenes Subjekt der frühen Disziplinargesellschaft, das im 18. Jahrhundert emergiert, mit dem Subjekt der Selbstsorge aufzuzeigen, wird der Schwerpunkt dieser Untersuchung des Romans von La Roche sein.

Die Entwicklung des disziplinierten Gehorsamssubjektes verfolgt Foucault im Zeitraum ausgehendes 18. bis beginnendes 19. Jahrhundert. Indem er plakativ Marter – hier wird 1757 die öffentliche Hinrichtung des Vatermörders Robert-Francois Damiens in Paris beschrieben[13] − und Zelle[14] gegenüberstellt, wird die historische Entwicklung des Strafsystems von den absolutistischen Hinrichtungsschauspielen zu den Korrektionsanstalten des 19. Jahrhunderts aufgezeigt. Die Beschreibung eines Hauses für junge Gefangene in Paris 1838 repräsentiert die Veränderung im Strafrecht: Der Delinquent wird nunmehr einer Raumfestsetzung unterzogen und einem komplexen, minutiösen Programm- und Zeitplan unterworfen. Strafe soll sowohl bessern als auch erziehen. Die hier schon ersichtlichen Disziplinartechnologien und -mechanismen wie Raumfestsetzung, Kontrolle, Überwachung, Übung, Zeitplan und pädagogisches Programm bilden auch für andere Disziplinaranstalten wie Schulen, Fabriken, Militäreinrichtungen und Hospitäler den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Kritisch merkt Foucault an, dass die sich durchsetzende Strafmilde nicht automatisch mit der Zunahme von Menschlichkeit gleichzusetzen ist, sondern mit der Zieländerung der Gesellschaftsmacht einhergeht, deren zentrale Technologien aus dem Analysieren, dem Vermessen und Disziplinieren des Menschen bestehen; dem Scheiden in normale oder anormale Individuen zwecks vermeintlicher Verbrechensbekämpfung oder der Strafintervention.[15]

Diese neue Machttechnik vollzieht sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlich-politischen Neuordnung und der Ökonomisierung der Gesellschaft, die nur dann produktiv sein kann, wenn sie als gesamter Gesellschaftskörper diszipliniert wird.

Im Rückgriff auf die Ausführungen von Rusche/Kirchheimer in Sozialstruktur und Strafvollzug[16] beschreibt Foucault die Austauschbeziehung zwischen Straf- und Gesellschaftssystem in einem „»epistemologisch-juristischen« Formierungsprozeß“[17], in dem die Leitbilder der Moderne wie Ökonomie, Produktivität und Effizienz auf den Körper übertragen werden, um diesen nützlich und leistungsfähig auszugestalten − ein gemarterter Körper ist dies nicht.

Verweist Foucault in Überwachen und Strafen auf der einen Seite auf die großen Disziplinarinstitutionen, die durch Raumfestsetzung den Zugriff auf den Körper und zugleich auch auf die Seele ermöglichen, beobachtet er auf der anderen Seite, wie sich eine Mikrophysik der Macht innerhalb der Kleinstinstitutionen des Gesellschaftskörpers ausbreitet: durch „[…] Dispositionen, Manövern, Techniken und Funktionsweisen […].“[18]

Konzept und Funktionsweise der Mikrophysik der Macht werden konkretisiert in Der Staub und die Wolke:

Die Mikrophysik der Macht ist omnipräsent, sie äußert sich in vielen unscheinbaren, aber hochwirksamen Disziplinartechniken der Institutionen, in denen wir uns bewegen: Familie, […], Schule, Clique […], überall wirken mehr oder minder feine Disziplinierungsmechanismen auf Körperhaltung. Gestik, Mimik, Tonfall, Bewegung ein, um auf diese Weise die gesellschaftliche Funktion und das gesellschaftliche Überleben dieser Institution sicherzustellen.[19]

Dechiffriert und in ihren Wirkungszusammenhängen beschrieben werden diese Technologien im Kapitel „Disziplin“[20] in Überwachen und Strafen. In ihrer Komplexität werden sie bei La Roche noch nicht zu finden sein, aber in einigen zentralen Ansätzen: Raumfestsetzung und -ordnung, Übung, pädagogische Praxis, Zeitplanung. Unter machtanalytischen Aspekten – und ebenfalls im Roman zu überprüfen − lassen sich die Wurzeln dieser Machttechnologien auf ein jahrhundertealtes und fortgesetztes Erbe der klösterlichen Gemeinschaften zurückführen. Als extremste Ausprägung des Disziplinarsubjektes wird bei Foucault das panoptische Subjekt herausgestellt, das sich seines permanenten Sichtbarkeitszustandes durch mögliche Beobachter bewusst ist und damit allein durch eine imaginierte Vorstellung von Kontrolle in seinem Raum seine Funktion erfüllt[21], sozusagen ein ‚homo mechanicus‘.

Foucault hält es für weniger wichtig genau zu wissen, was man ist. Er hebt stattdessen in seinen späten Arbeiten den eigenständigen Transformationscharakter des Selbst hervor: „Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, das man am Anfang nicht war.“[22] Werdegang und Entwicklung werden hier als zentrale Themen markiert und verhalten sich konform im Vergleich mit dem poetologischen Katalog Blanckenburgs zum Bildungsroman, den Kosenina zusammengestellt hat[23].

Häufig wird das Konzept der Selbstsorge als eine späte ethische Wende in Foucaults Arbeit bezeichnet; Foucault spricht selbst von theoretischen Verschiebungen, von Formen des Diskurses und Manifestationen der Macht hin zu Untersuchungen zum Subjekt: „welches die Formen und die Modalitäten des Verhältnisses zu sich sind, durch die sich das Individuum als Subjekt konstituiert und erkennt.“[24] Balke merkt aber an, dass das Subjekt schon immer ein zentraler Forschungsgegenstand der foucaultschen Arbeiten war, vom Wahnsinnigen bis hin zum disziplinierten Gehorsamssubjekt.[25]

Nach Balke begegnen und überkreuzen sich Selbstsorge und Disziplin im zentralen Prinzip der Klausur, das den Disziplinarraum zellenförmig einteilt – und damit auf ein grundlegendes klösterliches Prinzip zurückgreift– sowie in der Askese. Auch die Übung ist in beiden Konzepten enthalten, was Christoph Menke im seinem Text „Zweierlei Übung. Zum Verhältnis von sozialer Disziplinierung und ästhetischer Existenz“ explizit herausarbeitet: „[…] kommt der Praxis der Übung eine zentrale Bedeutung zu, weil sie das Medium der Konstitution von Subjektivität ist.“[26]

Die Technologien des Selbst beschreibt Foucault als hochspezifische Wahrheitsspiele, die der Mensch braucht, um sich selbst zu verstehen und die es ihm ermöglichen, „[…] eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele […] und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel sich so zu verändern, daß er einen gewissen Zustand des Glücks […], der Weisheit […] erlangt.“[27] Auch diese Aussage zur Selbsttransformation des Subjektes fällt mit der Entwicklung des Protagonisten im Bildungsroman zusammen.

Im Seminar über die Technologien des Selbst zeigt Foucault die historischen Entwicklungen der Selbstsorge − einer Achtung auf und Arbeit am Selbst − auf, beginnend mit dem erstmaligen Erscheinen des Begriffes der ‚epimelesthai sautou‘ in Platons Alkibiades I. Auf Basis von Quellen aus der späthellenistischen Epoche über die römische Kaiserzeit bis zum Frühchristentum betrachtet Foucault auch die Verwerfungen und Verschiebungen der Selbstsorge in der christlichen Spiritualität des spätrömischen Reiches, die hier nicht mehr mit der christlichen Pflicht zur Nächstenliebe vereinbar zu sein scheint. ‚Erkenne dich selbst‘ steht an nun erster Stelle und setzt die Abfolge ‚Sorge um dich‘-dann-‚Erkenne dich selbst‘ außer Kraft.

Diese Hausarbeit konzentriert sich auf die Selbsttechniken, die Foucault im obigen Seminar beschreibt: auf die ‚askesis‘, in der Stoa eine Praktik der Selbstprüfung in Verbindung mit der Realität dieser Welt, im Christentum hingegen durch den Verzicht auf das Selbst und die Wirklichkeit gekennzeichnet. Das Hauptmerkmal der stoischen ‚askesis‘ ist eine Übung, die sich aus den Übungsvarianten der meditativ- theoretischen ‚melete‘ und der anwendungsorientierten ‚gymnasia‘ zusammensetzt.[28] Im Christentum wird die Askese zu einer Praktik des Verzichts auf das Selbst. Die stoische ‚gymnasia‘ zielt auf lebensweltliche Relevanz durch Handlungen. Foucault beschreibt ihre Funktion, als eine Arbeit des Subjektes, deren Ziel es ist, die „[…] Unabhängigkeit des Einzelnen von der äußeren Welt herzustellen und zu erproben.“[29] Genau diese Funktion findet sich ebenso in Blanckenburgs poetologischen Reflexionen[30] und spiegelt damit Episteme wider, die bereits in der griechischen Philosophie zentral verankert sind.

Der letzte Schwerpunkt, nämlich die Selbstsorge, die sich durch den Akt des Schreibens als Selbsterfahrungsprozess[31] manifestiert, umschließt − insbesondere bezogen auf den Untersuchungsgegenstand Briefroman – die vorher genannten Techniken der Selbstsorge wie eine große Klammer.

Als problematisch erachtet Foucault in seiner Untersuchung zu den Techniken der Selbstsorge, dass sich „[…] diese Hermeneutik über zahlreiche Kanäle in der gesamten Kultur ausgebreitet […]“[32] hat, dabei komplexe Verbindungen eingegangen ist, die es schwer machen, sie von eigenen Erfahrungen zu trennen.

Erschwerend für die Untersuchung der Praktiken kommt aus Sicht der Verfasserin hinzu, dass sich die philosophischen Überlegungen und Ratschläge an Bürger richten: also an männliche, erwachsene, abstimmungsberechtigte Vollbürger – wozu Frauen sowie weibliche und männliche Sklaven zur damaligen Zeit nicht gehörten. Hilfreich ist hier Foucaults vorheriges Problembewusstsein: Die Praktiken der Selbstsorge sollen dennoch in dem Sinne auf den Text angewendet werden, als es sich zwar um historisch mehrfach transformiertes, aber durchaus bekanntes, genealogisch-kulturelles Wissen handelt. Die Perspektive, dass sich die Praktiken am Personenkreis politisch Handelnder ausrichten und damit beschränken, soll als erweiterungsfähig aufgefasst werden: als Praktiken der Selbstsorge handelnder Personen.

Wenn Foucaults historisch-philosophische Überlegungen zutreffend sind, so könnte als Vorbote der Moderne die Entfaltung der Disziplinierung des Subjektes und folglich der Gesellschaft in der Narration Geschichte des Fräuleins von Sternheim sichtbar werden und die Verschränkung mit der Praxis der Selbstsorge als Transformationsprozess herausgearbeitet werden.

3. Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim als foucaultsche Funktionsmatrix

3.1. Das elterliche Landgut: das Bildungsprogramm des mikrophysikalischen Disziplinarsubjektes

Der Briefroman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim ist in zwei Teile gegliedert. Der erste umfasst die Schilderung des Lebens und das Zusammenfinden von Sophies Eltern, des Weiteren Sophies Erlebnisse am Fürstenhof in D., die Scheinheirat von Sophie und Lord Derby, die in Flucht mündet, sowie deren vorübergehendes Ende in einem dörflichen Gasthof.

Verfasst ist der Briefroman zunächst als Ich-Erzählung von Rosina, der Kammerzofe von Sophie. In diese Rahmenerzählung sind zwei Briefe eingebunden, die das Leben der Eheleute Sternheim anschaulich wiedergeben. Der erste ist verfasst von Sophies Mutter[33], der zweite von Sophies Bruder, wodurch erste Ansätze einer multiperspektivischen Wiedergabe aufscheinen.

Berichtet wird, dass der Vater des Obersten von Sternheim, ein Professor, der Bildung einen hohen Stellenwert eingeräumt hat und zwar sowohl im Sinne von Wissensbildung als auch von moralischer Bildung. Als weitere Leitbilder werden Fleiß und ökonomisches Wirtschaften verfolgt[34]. Eine Universitätsausbildung und die erfolgreiche Teilnahme am Krieg bringen Sternheim jr. sowohl den Rang eines Oberst ein, als auch die Erhebung in den Adelsstand. Man kann ihn als gesellschaftlichen Aufsteiger bezeichnen. Allerdings bleibt er trotz seiner anerkannten Tugenden und Leistungen mit dem Makel versehen, nicht von „edler Geburt“[35] zu sein, wie seine künftige Schwiegermutter bemängeln wird. Dennoch erlangt Oberst von Sternheim aufgrund seiner Verdienste und Tugenden später die Genehmigung zur Heirat mit Sophie, der Schwester eines adligen Kommilitonen und Freundes, des Barons von P.

Das Aufbrechen einer ‚Ordnung durch Ungleichheit‘ wird hier schon evident. Anstelle der ständischen Zuschreibung beginnt der Arbeits- und Leistungsgedanke des Bürgertums hervorzutreten. Die Verbindung aus dem Disziplinarraum Militär mit dem Disziplinarraum Universität, erzeugt einen für Oberst von Sternheim produktiven Macht-Wissen-Komplex.

Über das Leben von Sophies Mutter, Sophie von Sternheim sen., wird wenig berichtet: Sie stammt aus der ersten Ehe des Barons von P. sen. mit einer adligen Engländerin namens Watson, ist musikalisch gebildet im Lautenspiel und Gesang. Abweichend von ihrer typisch weiblichen Erziehung im 18. Jahrhundert ist Sophie sen. eine gute Wirtschafterin im Haushalt ihrer Stiefmutter und versteht sich darauf, gründlich Buch zu führen. Anerkennend hält ihr Ehemann, Oberst von Sternheim, fest:

Ich weiß, daß Sie seit vielen Jahren bei Ihrer Frau Mutter die Stelle einer Hauswirtin versehen haben. Ich werde Sie bitten, dieses Amt, mit allem was dazugehört, auch in diesem Haus zu führen.[36],

um darauf aufbauend eine Utopie ihrer zukünftigen Lebensgemeinschaft vorzustellen. Obwohl zuvor das Modell einer romantischen Liebe zwischen beiden geschildert wird, sind die wesentlichen Aspekte dieser Gemeinschaft das gegenseitige Wertschätzen des Wissens und die Begegnung auf gleicher Augenhöhe − was schließlich in gemeinsamer ökonomische Produktivität mündet. Sternheim plant in Zusammenarbeit mit seiner Frau, Verbesserungen an seinem Landgut vorzunehmen und die Lebensumstände der Untertanen positiv-produktiv umzugestalten − zuvor wurden bereits die ökonomischen Bedingungen des Landguterwerbs, dass er es gegen Bezahlung und nicht als Geschenk seines adligen Freundes Baron von P. erhalten hat, betont.[37]

Obwohl Oberst von Sternheim der Kirche gegenüber kritisch eingestellt ist und „Zweifel in die Lehrart“[38] für den „geringen Mann“[39] äußert, beabsichtigt er, mithilfe eines Seelsorgers den Verstand der Gläubigen in der Pfarrgemeinde weiterzuentwickeln, sowohl mit Betrachtungen über die physikalische als auch über die moralische Welt. Dabei bedient sich Sternheim der Institution Kirche und ihrer Vertreter als Disziplinareinrichtung, um seine inhaltlich ganz konkrete formulierte Utopie umzusetzen.

In einem Brief des Barons von P. an seine Mutter lobt dieser rückblickend die Erfolge, die das Ehepaar Sternheim erzielt hat; er beschreibt darüber hinaus die Einrichtung eines idealtypisch gestalteten Armenhauses, unterworfen einer hierarchischen Ordnung sowie Raum- und Zeitplanung. Die Struktur entspricht dem, was Foucault als altes Erbe klösterlicher Gemeinschaften bezeichnet, und u. a. aus Raumfestsetzung, Tätigkeitsvorschriften und Wiederholungszyklen besteht.[40] Die Erzählerstimme Rosina ergänzt die Beschreibung der Ausbildung junger Adliger, die Sternheim aufgrund seines ebenso tugendhaften als auch erfolgreichen Handelns übernommen hat. Sie werden sowohl praktisch, in der idealen Landwirtschaft − in Handlungen, nicht in Vorträgen − geschult, als auch im Lesen und mit moralische Geschichten.[41] Sternheim folgt mit Unterstützung seiner Frau einem umfassenden, selbstentworfenen Bildungsprogramm, das auch Ideen von Aufklärung und Humanismus enthält, jedoch keine Standesgleichheit propagiert. Er entwirft eine auf mikrophysikalischen Wirkungen beruhende und sich zunehmend institutionalisierende Pädagogik, die auf ökonomische Produktivität ausgerichtet ist. In ihrer Breitenwirkung reicht sie über das Landgut hinaus, und alle Gesellschaftsschichten werden davon erfasst, vom Armen bis zum Adligen. Elliptisch wird auf Seite 47 die Figur des inzwischen neunjährigen Fräuleins von Sternheim eingeführt, und innerhalb des gleichen Satzes wird der Tod der Mutter sowie des männlichen Säuglings im Wochenbettes knapp festgehalten. Annähernd zeitgleich stirbt Sophies Onkel, Baron v. P., und Sophie wird gemeinsam mit ihrer Tante Charlotte, jetzt Gräfin Löbau, Miterbin.

Ausgezeichnet durch eine „große Anlage von Verstand“[42] wird Sophie unterrichtet in Philosophie, Geschichte und Sprachen − Englisch beherrscht sie anschließend vollkommen.[43] Sophies Bildungskatalog umfasst des Weiteren Musik, mit Laute und Gesang; sowie Tanz. In allem hat sie sich täglichen Übungen zu unterziehen − die Übung ist Teilprogramm der Disziplin, die nach Foucault eine positive Ökonomie erzeugt.[44] Mit sechzehn Jahren erhält sie die Führung über das ganze Haus, wozu das Wirtschaften mithilfe der musterhaft angelegten Tag- und Rechnungsbüchern der Mutter gehört.[45] Diese vorgeschriebenen Muster haben eine zweifache Funktion, als Wissensweitergabe, aber auch als auch Ratgeber. Die Mutter wirkt damit über ihren Tod hinaus an Sophies Bildungsprogramm mit. Sophie ist an die Spitze des hierarchisch geordneten Disziplinartableaus des Vaters aufgestiegen und steht ihm damit im Umfeld des häuslichen Bereiches annähernd gleichberechtigt zur Seite. Alle aufgezählten Tätigkeiten gehen weit über die damals übliche Mädchenbildung hinaus, die nach Gutjahr in der Ausbildung von Pflegewissen, Erziehung und dem Dienen im häuslichen Bereich besteht.[46] Nicht nur der Tugendkanon − der bei den Sternheims insbesondere aus der „ Gewißheit des Wiedervergeltungsrechts “ und dem „Lehrsatz der Wohltätigkeit unseres Beispiels[47] besteht − wird vermittelt, sondern ebenso Gelehrsamkeit und kritisches Denken – was Gutjahr als typisch männliche Bildung beschreibt.[48] Der Machtraum von Mutter und Vater erzeugt bei Sophie umfassendes Wissen und wirkt damit produktiv. Damit sind auch die mikrophysikalischen Wirkungen der Disziplinarmacht innerhalb der Kleinstinstitution Familie mit ihren zahlreichen Leitbildern beschrieben, denen Sophie als Tochter unterworfen wird.

Noch während seiner schweren Erkrankung attestiert Sternheim gegenüber seinem Vertrauten, dem Pfarrer zu S**, ein Manko Sophies, dass sie Scheintugend und Tugend nicht auseinanderhalten könne, was ihn besorgt.[49] Der Tod des Vaters der neunzehnjährigen Sophie ändert ihren Status auf zweierlei Weise: Sie wird zum einen zur Erbin, erhält also eine ökonomische Unabhängigkeit. Zum anderen werden der Pfarrer sowie der Graf Löbau, der Ehemann ihrer Tante, zu ihren Vormündern bestellt, wodurch ein neues Abhängigkeitsverhältnis entsteht.

Nimmt sich Goethes Wilhelm Meister im sogenannten Bildungsbrief zunächst scheinbar alle Freiheit „[…] mich selbst auszubilden[…]“[50] und erhält für das gelungene Durchlaufen von Lebensstationen zum Abschluss einen Lehrbrief, indem erst hier die Turmgesellschaft offenlegt, Leitung und Führung von Wilhelms Ausbildungszeit übernommen zu haben[51], so entfaltet la Roche in der Narration ein Bildungsprogramm für Sophie, ein Gerüst, dem sie in der Lebenspraxis folgen, mit dem sie sich auseinandersetzen und Erfahrungen sammeln kann. Es basiert unter anderem auf den Ideen von Aufklärung und Humanismus, sowie der Notwendigkeit ökonomischer Produktivität. Sophie wird nicht als typische Frau, als Dienerin erzogen, sondern als aktiv handelndes, denkendes und produktives Subjekt.

[...]


[1] Vgl. Ortrud Gutjahr, Einführung in den Bildungsroman, S. 10.

[2] Vgl. Alexander Kosenina, Literarische Anthropologie, S. 71ff.

[3] Vgl. Ortrud Gutjahr, Einführung in den Bildungsroman, S. 16.

[4] Siehe Annex im Literaturverzeichnis.

[5] Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 190.

[6] Vgl. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 136.

[7] Vgl. Michel Foucault, Gespräch mit Ducio Trombadori. In: Schriften. In vier Bänden. 1980-1988 (Bd. 4). Hg. von Daniel Defert, S. 66.

[8] Michel Foucault, Die Wahrheit und die juristische Formung. In: Schriften. In vier Bänden. 1970-1975 (Bd. 2). Hg. von Daniel Defert, S. 776.

[9] Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 250.

[10] Michel Foucault, Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit. In: Schriften. In vier Bänden. 1980-1988 (Bd. 4). Hg. von Daniel Defert, S. 929.

[11] Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 116.

[12] Michel Foucault, Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit. In: Schriften. In vier Bänden. 1980-1988 (Bd. 4). Hg. von Daniel Defert, S. 891.

[13] Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 9-12.

[14] Vgl. ebd., S. 12-14.

[15] Vgl. ebd., S. 25-31.

[16] Vgl. ebd., Fußnote, S. 35.

[17] Ebd., S. 34.

[18] Ebd., S. 38.

[19] Michel Foucault, Der Staub und die Wolke, S. 1.

[20] Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 173-292.

[21] Vgl. ebd., S. 251-260.

[22] Michel Foucault, Irrenanstalten. Sexualität. Gefängnisse. In: Schriften. In vier Bänden. 1980-1988 (Bd. 4). Hg. von Daniel Defert, S. 960.

[23] Alexander Kosenina, Literarische Anthropologie, S. 73.

[24] Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste, S. 12.

[25] Vgl. Friedrich Balke, Selbstsorge. In: Foucault Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, S. 286.

[26] Christoph Menke: Zweierlei Übung. In: Michel Foucault. Hg. von Axel Honneth/ Martin Saar, S. 284.

[27] Michel Foucault, Technologien des Selbst. In: Technologien des Selbst. Hg. von Luther H. Martin, S. 26.

[28] Vgl. ebd., S. 46f.

[29] Ebd., S. 48.

[30] Vgl. Alexander Kosenina, Literarische Anthropologie, S. 71-73.

[31] Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 38.

[32] Ebd., S. 26.

[33] Anmerkung: Mutter, Tochter und Autorin heißen Sophie, ein zur damaligen Zeit beliebter Frauenname, wie Becker-Cantarino im Nachwort zum Roman bemerkt (S.390).

[34] Vgl. Sophie von La Roche, Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim. S. 36f., S. 17.

[35] Ebd., S. 32.

[36] Ebd., S. 36.

[37] Ebd., S. 20 f.

[38] Ebd., S. 39.

[39] Ebd., S. 39.

[40] Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 192.

[41] Vgl. ebd., S. 42-47.

[42] Sophie von La Roche, Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, S. 48.

[43] Vgl. ebd., S. 48.

[44] Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 198.

[45] Vgl. ebd., S. 48.

[46] Vgl. Ortrud Gutjahr, Einführung in den Bildungsroman, S. 31.

[47] Sophie von La Roche, Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, S.50.

[48] Vgl. ebd., S. 31.

[49] Sophie von La Roche, Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, S. 50.

[50] Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Goethes Werke. Romane und Novellen II. (Bd. 7), S. 290.

[51] Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Goethes Werke. Romane und Novellen II. (Bd. 7), S. 492-497.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Subjektformierung im 18. Jahrhundert. Das gedoppelte Subjekt in Sophie von La Roches "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V374977
ISBN (eBook)
9783668520080
ISBN (Buch)
9783668520097
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foucault, 18.Jahrhundert, Diziplin, Selbstsorge, Übung, Subjekt, Disziplinargesellschaft, Bildung, Briefroman, Mikrophysik der Macht
Arbeit zitieren
Sabine Gesinn (Autor), 2017, Subjektformierung im 18. Jahrhundert. Das gedoppelte Subjekt in Sophie von La Roches "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374977

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