Die 'Neue Frau' in der Weimarer Republik. Das Streben nach Unabhängigkeit in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen"


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,7

Indra S. (Autor)


Leseprobe

2
1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit Irmgard Keuns Roman ,,Das
kunstseidene Mädchen", insbesondere mit der Protagonistin Doris. Dabei soll auf die
These eingegangen werden, ob Doris Fixierung auf Männer der zeitbedingten
Notwendigkeit
entspringt,
als
,Neue
Frau`
überleben
zu
können.
Zuerst muss dafür das Phänomen der ,Neuen Frau` in der Weimarer Republik
beschrieben und analysiert werden.
Um diese ungewohnte ,Stellung` der Frau verstehen zu können, wird zuerst der
politische Hintergrund der damaligen Zeit erläutert. Auch der Lebensstil und die neue
Mode prägten das Bild der Frau in der Weimarer Republik entscheidend neu. Die
Frauen konnten sich nun ganz anders in der Öffentlichkeit präsentieren, mussten
sich jedoch gleichzeitig neuen Aufgaben und Problemen stellen. Als einer der
,,Weimarer Prototypen des Romans der Neuen Frau"
1
wird der Roman ,,Das
kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun angesehen. Dieser bietet sich zur
genaueren Bearbeitung besonders an, da er 1932 veröffentlicht wurde und seine
Handlung ebenfalls in diesem Zeitraum spielt. Nachdem die Merkmale der Neuen
Frau bereits herausgearbeitet wurden, wird nun die Protagonistin Doris
charakterisiert, im Hinblick auf diese Merkmale. Anschließend sollen die Gründe für
Doris Fixierung auf Männer kritisch hinterfragt werden. Sie ist abhängig von den
Männern, zeigt gleichzeitig aber eine gewisse Selbstständigkeit. Zuletzt wird Doris
Bild von der Liebe analysiert, welches sich im Laufe des Romans stetig ändert und
weiterentwickelt und die Ergebnisse werden pointiert zusammengefasst.
1
Barndt, Kerstin: Sentiment und Sachlichkeit ­ Der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik.
Köln: Böhlau 2003, S.12

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2. Die Neue Frau in der Weimarer Republik
Die Weimarer Republik (1919-1933) brachte viele Umbrüche und Neuerungen mit
sich, vor allem, und für diese Arbeit besonders interessant, für die Frauen.
2.1 Die politische Situation
Durch die Abwesenheit der Männer im ersten Weltkrieg, welcher 1918 beendet
wurde, traten viele Frauen an ihrer Stelle in die Arbeitswelt und somit in das
öffentliche Leben ein. Es ergaben sich neue Aufgaben, die nun die Frauen
übernahmen. Nach Kriegsende, mit der Rückkehr der Männer, wurden die Frauen
aus dem öffentlichen Leben weitestgehend wieder verdrängt. Der Status als Mutter
und Hausfrau war nun aber nicht mehr ausreichend, sie wollten ihre neu gewonnene
Freiheit behalten und weiter berufstätig sein. ,,Der Mann hörte auf, sie zu ernähren;
zog in den Krieg; zerschlug die Kultur. Kein Mann kann heute den Rücktritt der Frau
ins Gestern fordern."
2
Viele junge Frauen forderten somit eine neue Rolle ein und
zeigten sich mit neuem Selbstbewusstsein. Durch das 1919 eingeführte
Frauenwahlrecht war eine Hauptforderung der Frauenbewegung bereits
durchgesetzt worden. Die Frau ist heute Mitbesitzer der Öffentlichkeit und der
Gesellschaft: sie ist ,,als Wählerin Subjekt geworden und nicht nur ein Objekt des
Staates."
3
Mitte der zwanziger Jahre waren ca. 35 % der Frauen berufstätig. Die
Weltwirtschaftskrise 1929 bedingt allerdings zunehmende Arbeitslosigkeit.
2.2 Neue Äußerlichkeit und Mode
,,Das lange Haar der Frau, beim Raub oder bei der Liebkosung um die Faust des
Mannes geschlungen, war zweitausend Jahre hindurch nicht nur das Sinnbild der
Sklaverei, sondern sogar ein Wesensbestandteil. Es fiel; und es fiel nicht nur ein
Bestandteil, sondern das Sinnbild der Fesselung."
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Die Neue Äußerlichkeit zeigte sich prägnant mit dem Frisurentrend der 20er Jahre,
dem Bubikopf. Die knabenhafte Kurzhaarfrisur gehörte zu den Merkmalen der Neuen
Frau.
2
Jacob, Heinrich Eduard: Haarschnitt ist noch nicht Freiheit. In: F.M. Huebner (Hrsg.): Die Frau von
morgen wie wir sie wünschen. Erste Auflage. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1990, S.111
3
Jacob, Heinrich Eduard: Haarschnitt ist noch nicht Freiheit. S.113
4
Jacob, Heinrich Eduard: Haarschnitt ist noch nicht Freiheit. S.111-112.

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Nicht nur mit der Frisur machten sich die Frauen typisch männliche Symbole zu
Eigen: sie fuhren Auto, trieben Sport und man fand sie provokativ rauchend auf der
Straße oder in Clubs. Ihr neues Selbstbewusstsein zeigten sie auch mit kurzen
Röcken und Kleidern, die locker und dadurch praktischer waren.
2.3 Die berufstätige Frau
Dieses ungewohnte neue Erscheinungsbild betitelte man nun als ,Neue Frau`,
welche die Neue Sachlichkeit ebenfalls verkörperte. Das Bild wurde von der
arbeitenden Frau als Angestellte, Bürokraft oder Verkäuferin geprägt. Die jungen
Frauen drangen massenhaft in die Erwerbstätigkeit, vor allem in kaufmännische
Berufe. Die freizügigere Mode gab Anlass für erotische Fantasien seitens der
Männer gegenüber ihren weiblichen Angestellten. Das führte bei den Frauen zu der
Notwendigkeit, ihren Körper und ihr Aussehen durch Sport und Kosmetik ,in Schuss`
zu halten. Um für den Arbeitsmarkt und die Männer attraktiv zu sein, musste auch
der Mode nachgegangen werden. So konnte man nicht zuletzt über geringe Bildung
oder Unwissenheit hinweg täuschen. Die Bezahlung reichte jedoch längst nicht aus,
um die ,Attraktivität` aufrecht zu erhalten und sich noch dazu ein eigenes Leben zu
finanzieren.

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3. Doris, das kunstseidene Mädchen
3.1 Doris als Neue Frau
Einige Merkmale der ,Neuen Frau` lassen sich bei Doris wiederfinden, sie entspricht
jedoch nicht vollständig diesem Bild.
Doris kommt aus einer ,,mittleren Stadt", einem ,,Rheinland mit Industrie"
5
, was nicht
näher beschrieben wird. Sie ist als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt angestellt,
jedoch ohne die nötigen Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse zu besitzen. So
versucht sie, trotz des persönlichen Widerwillens, ihre Weiblichkeit und Erotik
einzusetzen, um die ,,Hopfenstange von Rechtsanwalt"
6
von ihren Fehlern
abzulenken: ,,und bei jedem Komma, was fehlt, schmeiß ich ihm einen sinnlichen
Blick"
7
. Dies entspricht dem Bild der Erotik bei weiblichen Angestellten.
Auch sie verdient, wie die meisten Angestellten Frauen in dieser Zeit, nur wenig. Von
dem ohnehin niedrigen Gehalt von 120 Mark, muss sie 70 Mark an ihre Eltern
abgeben. ,,Man ist ja nicht mehr wert, aber man wird kaum satt von trotzdem"
8
, wie
Doris selber feststellt.
Das restliche Geld investiert sie in ihr Aussehen, ihren Körper und ihre Jugend: ,,[...]
von meinen 50 Mark hatte ich mir gleich einen Hut mit Feder gekauft- dunkelgrün-
das ist jetzt Modefarbe"
9
.
Doris legt sehr viel Wert auf ihr Äußeres und (teure) Kleidung, ,,weil man ja sonst
noch mehr ein Garnichts ist"
10
. ,,Die vollständige Übernahme von gängigen
Modeidealen folgt [...] hier nicht allein dem ,natürlichen` Wunsch nach Attraktivität.
Wenn sie richtig, zeitgemäß aussieht und gekleidet ist, gehört sie dazu, ist sie
jemand [...]"
11
. Auch sagt sie: ,,Aber ich bin jetzt komplett in Garderobe- eine große
Hauptsache für ein Mädchen, das weiter will und Ehrgeiz hat"
12
. Um ihre soziale
Herkunft möglichst zu verbergen, muss Doris versuchen sich mit teurer Kleidung
5
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. 6. erweiterte Auflage. Berlin: List 2004. S. 92
6
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S. 9
7
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S. 9
8
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S.182
9
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S. 10
10
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S. 182
11
Lorisika, Irene: Frauendarstellungen bei Irmgard Keun und Anna Seghers. Frankfurt am Main: Haag
und Herchen 1985. S. 149
12
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. S. 11
Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die 'Neue Frau' in der Weimarer Republik. Das Streben nach Unabhängigkeit in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V376056
ISBN (eBook)
9783668530744
ISBN (Buch)
9783668530751
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue Frau, Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, Unabhängigkeit, Männer
Arbeit zitieren
Indra S. (Autor), 2015, Die 'Neue Frau' in der Weimarer Republik. Das Streben nach Unabhängigkeit in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376056

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