Auswirkungen regelmäßiger Brain-Gym-Bewegungsübungen auf Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit

Ein Fallbeispiel


Bachelorarbeit, 2016

57 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt
1 EINLEITUNG...1
1.1 P
ROBLEMSTELLUNG
UND
Z
IELSETZUNG
DER
A
RBEIT
...2
1.2 G
LIEDERUNG
UND
V
ORGEHENSWEISE
DER
A
RBEIT
...2
2 BEDEUTUNG VON KONZENTRATION UND AUFMERKSAMKEIT...4
2.1 A
LLGEMEINE
D
EFINITION
DER
B
EGRIFFE
K
ONZENTRATION
UND
A
UFMERKSAMKEIT
...5
2.1.1 Kategorien und Indikatoren zur Einschätzung von Konzentration und
Aufmerksamkeit...7
2.1.2 Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Konzentration...9
2.2 A
KTUELLER
F
ORSCHUNGSSTAND
...9
2.3 B
EWEGTES
UND
GANZHEITLICHES
L
ERNEN
...11
3 INTEGRATION VON BEWEGUNG IN DEN SCHULISCHEN ALLTAG...13
3.1 W
IE
SIEHT
DIE
R
EALITÄT
AUS
?...13
3.2 B
RAIN
-G
YM
...15
4 EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG...18
4.1 Z
USAMMENFASSUNG
UND
F
RAGESTELLUNG
...18
4.2 F
ALLAUSWAHL
...19
4.3 U
NTERSUCHUNGSDESIGN
UND
U
NTERSUCHUNGSMATERIALIEN
...20
4.4 D
URCHFÜHRUNG
DER
U
NTERSUCHUNG
...21
4.4.1 Auswahl der Brain-Gym-Übungen...21
4.4.2 Datenerhebung...23
4.5 V
ORGEHENSWEISE
DER
D
ATENANALYSE
...25
5 UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE...28
5.1 I
NTERVIEWAUSWERTUNG
...29
5.2 D
IREKTE
A
USWIRKUNGEN
AUF
DIE
K
ONZENTRATIONSFÄHIGKEIT
BEI
EINMALIGER
D
URCHFÜHRUNG
DER
B
RAIN
-G
YM
-B
EWEGUNGSÜBUNGEN
­ Z
WEI
M
ESSUNGEN
IM
DIREKTEN
V
ERGLEICH
...29
5.3 V
ERLAUF
DER
A
UFMERKSAMKEIT
INNERHALB
EINER
S
TUNDE
NACH
DER
D
URCHFÜHRUNG
VON
B
RAIN
-G
YM
-B
EWEGUNGSÜBUNGEN
...33
5.4 V
ERLAUF
DER
A
UFMERKSAMKEIT
INNERHALB
MEHRERER
T
AGE
NACH
DER
D
URCHFÜHRUNG
VON
B
RAIN
-G
YM
-B
EWEGUNGSÜBUNGEN
...38
6 FAZIT UND AUSBLICK...44
6.1 F
AZIT
...44
6.2 A
USBLICK
UND
H
ANDLUNGSEMPFEHLUNG
...46
7 LITERATURVERZEICHNIS...48
ABBILDUNGSVERZEICHNIS...51
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS...52
ANHANG...5
3
ii

,,Aber Bewegungslosigkeit gefährdet auch unseren Geist: Hirnforschung und Neuro-
logie zeigen, dass Intelligenz und Einsichtsfähigkeit, dass Lernfähigkeit und Lernbe-
reitschaft, dass Kreativität und Einfallsreichtum bei Kindern, die sich nicht oder
kaum bewegen, viel schwächer sind. Wer wenig Raumerfahrung hat, hat auch weni-
ger Vorstellungsvermögen. Bewegung macht klug und neugierig, macht eben auch
geistig beweglich."
Christian Wulff (2011)
1 Einleitung
Nicht zuletzt wegen anhaltender durchschnittlicher und somit nicht zufriedengeben-
der Ergebnisse der PISA-Studie betont der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff
die Abhängigkeit zwischen Bewegungsmangel und schulischem Misserfolg (vgl.
OECD, 2013, S.5 ff.). Wulffs These ,,Bewegung macht klug" fordert eine inhaltliche
Veränderung des Lernsystems, um Unterricht zu verbessern und Bewegung zu integrie-
ren. Ein lernförderndes Bewegungshandeln ist demnach notwendig um Verstehen,
Konzentration und die allgemeine Gedächtnisentwicklung bei Schülerinnen und Schü-
lern
1
optimal zu fördern.
Körperliche Aktivität, also Bewegung, liegt in den Genen der Menschen, denn Be-
wegung treibt den Stoffwechsel an und ist somit wichtig für die Gesundheit (vgl. Gan-
ten, 2015, S. 26). Von Geburt an erschließen sich Kinder ihre Welt über ihren Körper
und ihre Körperbewegung. Sie krabbeln und robben und erfahren ihre Umwelt mit al-
len Sinnen. Darüber hinaus werden in den ersten Lebensjahren die motorischen Fähig-
keit durch die Koordination von Hand, Augen, Ohren und des ganzen Körpers stetig
erlernt (vgl. Watsen & Kelso, 2014, S.2). Kindliche Entwicklungsprozesse verlaufen
demnach immer ganzheitlich. Kognitive Funktionen werden im Kleinkindalter durch
experimentelles Bewegen und der Auseinandersetzung der Umwelt durch aktives Han-
deln erlernt und sind somit abhängig voneinander. Mittels dieses Handelns und Bewe-
gens werden bei Kleinkindern Nervenzellen verknüpft und Synapsen gebildet, welche
für den Rest des Lebens beständig sind (Greubel, 2007, S.89 ff.). Bewegung ist also
nicht nur ein ,,anthropologisches Grundbedürfnis" (Hildebrandt-Stramann, 2015,
S.176), sondern hat vielmehr einen positiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung bei
Kindern, denn diese weist im Alter von fünf bis zehn Jahren vergleichsweise die größ-
1
Dieser Begriff wird im Folgenden als SuS abgekürzt.
1

Einleitung
ten Leistungszuwächse auf (vgl. Oerter & Montada, 2002, S.500). Die kindliche Ent-
wicklung wird aus diesem Grund von Bewegung entscheidend geprägt.
Vermutlich könnte es sogar sein, dass das schulische Still-Sitzen unseren SuS scha-
det, indem der Körper nicht sein volles Potential ausschöpft. Inwieweit wirkt sich also
regelmäßige Bewegung hingegen positiv auf die Konzentration und somit den Lerner-
folg aus? Ich, als zukünftige Lehrerin im Primarbereich trage eine Verantwortung, die
Entwicklungsprozesse meiner SuS bestmöglich zu fördern. Es besteht eine Aktualität
und Wichtigkeit, denn es stellt sich die Frage, ob die mit dem Alter und dem Schulein-
tritt zunehmende Bewegungslosigkeit das Potential von SuS hemmt und ob die Tren-
nung von Kognition und Bewegung sich nachteilig auf die Entwicklung von SuS aus-
wirkt.
1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
Daraus resultierend ergibt sich die Problematik, inwieweit Bewegung und Lerner-
folg beziehungsweise Hirnleistung voneinander abhängig sind. Ein zentraler Aspekt
der vorliegenden Arbeit sind die Aufmerksamkeit und Konzentration, welche als
Grundlage allen Lernens gesehen werden können, denn ohne Aufmerksamkeit kein
Lernzuwachs (vgl. Hannaford, 2004, S.115).
Konzentration und Aufmerksamkeit sind besonders im schulischem Bereich sowie
in vielen anderen Lebensbereichen von SuS von großer Bedeutung. Das Erbringen von
Leistung, ob es nun beim Lernen, beim Musizieren oder im Sport ist, ist ein zentraler
Faktor der abhängig von der Konzentration und Aufmerksamkeit von SuS ist.
Vor diesem Hintergrund und um auf die Möglichkeiten, welche durch Bewegung
entstehen, aufmerksam zu machen, ergeben sich zwei zentrale Zielsetzungen: Erstens
sollen die Bedeutungszuweisungen von Bewegung auf Konzentration und Aufmerk-
samkeit anhand empirischer und theoretischer Forschungen dargestellt werden. Daraus
resultiert die zweite Zielsetzung der Ihnen vorliegenden Arbeit. Es sollen auf empiri-
scher Basis die Zuweisung der Bedeutung und Auswirkungen für Brain-Gym-Bewe-
gungsübungen in Bezug auf Konzentration und Aufmerksamkeit erfasst und konkreti-
siert werden.
1.2 Gliederung und Vorgehensweise der Arbeit
Um die oben genannten Zielsetzungen zu erreichen, und Ihnen eine deutlichere Vor-
stellung des Gegenstands der vorliegenden Arbeit zu ermöglichen, werden im Folgen-
2

Einleitung
den Aufbau und Inhalt der insgesamt sieben Kapitel, welche sich in weitere Unter-
punkte gliedern, dargestellt.
Im Anschluss an dieses einführende Kapitel setzt sich das zweite Kapitel mit den
Aspekten der Konzentration und Aufmerksamkeit sowie dem ganzheitlichen Lernen
auseinander. Kapitel 2.1 wendet sich zunächst den theoretischen Grundlagen von Kon-
zentration und Aufmerksamkeit zu. Eine Definition nach Kurt Sokolowski
2
sowie eine
gegenübergestellte Definition nach Schmidt-Atzert et al. werden hier präsentiert. Dar-
aus resultieren zwei Unterkapitel: 2.1.1 beschäftigt sich mit den Kategorien und Indi-
katoren von Konzentration und Aufmerksamkeit, um in der Auswertung der später fol-
genden empirischen Studie die Untersuchungsergebnisse danach zu richten. Kapitel
2.1.2 setzt sich mit dem Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Konzentration
auseinander.
In einem kurzen empirischen Exkurs wird in Kapitel 2.2 der aktuelle Forschungs-
stand der Bedeutung von Bewegung in Bezug auf die allgemeine Hirnleistung und spe-
ziell auf die Konzentration und Aufmerksamkeit dargelegt werden. Kapitel 2.3 greift
den Zusammenhang von Bewegung und Leistung sowie den Forschungsstand auf und
bezieht sich auf das ganzheitliche Lernen, welches durch eine Integration von Bewe-
gung geschieht.
Eine ausführliche Betrachtung des Zusammenhangs von Bewegung und Hirnleis-
tung in Bezug auf den schulischen Alltag bietet das dritte Kapitel. In einem ersten
Schritt wird Bezug auf die momentane Situation in Schulen hinsichtlich der Integrie-
rung von Bewegung genommen. Es ist erkennbar, dass der Aspekt der Bewegung in
der Realität zu kurz kommt und dass trotz der eindeutigen Forschungsergebnisse die
Zusammenführung von Schule und Bewegung häufig nicht umgesetzt wird. Im nächs-
ten Schritt wird das Brain-Gym-Konzept vorgestellt, welches das Durchführen geziel-
ter Bewegungen als Grundlage nimmt, um die Hirnleistung und Konzentration von
SuS zu verbessern.
Nach dieser theoretischen und deskriptiven Ausführung der Brain-Gym-Methode,
behandelt das vierte Kapitel den analytischen Teil dieser Arbeit. An dieser Stelle wird
empirisch untersucht, welche Auswirkungen und Möglichkeiten die zuvor theoretisch
explizierten Brain-Gym-Übungen haben können. Diesbezüglich wird die Untersu-
2
Kurt Sokolowski ist Mediziner, Psychologe, Psychiater und Philosoph mit dem Forschungsschwer-
punkt in kognitiver Neurowissenschaften und Psychiatrie.
3

Einleitung
chung sowie die Fallauswahl vorgestellt und erläutert. Fester Bestandteil der For-
schung werden hier Videoaufnahmen mit einer Schülerin sein. Nach der Darstellung
des Untersuchungsdesigns wird in Abschnitt 4.4 auf die Untersuchungsdurchführung
eingegangen. Hier werden der genaue Verlauf der Datenerhebungsphase festgehalten
und die Ereignisse strukturiert dargestellt, um eine spätere Auswertung zu ermögli-
chen. Darüber hinaus wird hier die Auswahl der Brain-Gym-Übungen erläutert (Kap.
4.4.2). Gegenstand des letzten Textabschnitts des Kapitels ist die Darlegung der Vorge-
hensweise der Datenanalyse (Kap. 4.5).
Eine ausführliche Betrachtung und Analyse des Materials folgt im fünften Kapitel,
in welchem die Untersuchungsergebnisse erläutert werden. In diesem Kapitel wird die
Frage vorangestellt, ob Brain-Gym-Bewegungsübungen sich nachweislich auf die Auf-
merksamkeit und Konzentration auswirken und wie dies sich äußert.
Das letzte Kapitel schließt die Ihnen vorliegende Arbeit ab, indem ein Gesamtfazit
des Theorieteils und der empirische Studie gezogen wird. Neben einer Zusammenfas-
sung der wichtigsten Erkenntnisse mitsamt kritischer Diskussion finden Sie hier einen
Ausblick des Themas sowie Handlungsempfehlungen für den schulischen Alltag mit
Brain-Gym.
2 Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit sind die Grundlage des Lernens, denn
wer beim Lernen aufmerksamer ist, der lernt mehr. Die Zuwendung der Aufmerksam-
keit auf eine bestimmte Aufgabe führt zu einer Aktivitätszunahme bestimmter Gehir-
nareale, sodass ein besseres Behalten von Informationen ermöglicht wird (vgl. Spitzer,
2003, S. 151). Aus dieser Erkenntnis der Hirnforschung lässt sich ableiten, dass die
Zunahme an Aufmerksamkeit einen wesentlichen Part beim Einspeichern von Ge-
dächtnisinhalten einnimmt.
Bei meinem Versuch, die Begriffe Konzentration und Aufmerksamkeit zu definie-
ren, werde ich mich auf die Auffassung von Kurt Sokolowski (2013, Kap. 5) stützen,
welcher Professor für Allgemeine und Differentielle Psychologie ist. Dabei ist zu be-
achten, dass beide Begriffe eng aneinander gekoppelt sind und ein Unterschied zwi-
schen ihnen nur schwer festzumachen ist. Die Allgemeine Definition der Begriffe Kon-
zentration und Aufmerksamkeit (Kap. 2.1) und die gegenseitige Abhängigkeit der Be-
4

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
griffe werden in diesem Kapitel erläutert. Des Weiteren werden hier Kategorien und
Indikatoren zur Einschätzung von Konzentration und Aufmerksamkeit (Kap. 2.1.1) so-
wie der Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Konzentration (Kap. 2.1.2) be-
schrieben. Darüber hinaus wird die Wichtigkeit und der aktuelle Forschungsstand
(Kap. 2.2) sowie ein Exkurs des Bewegten und Ganzheitlichen Lernens (Kap. 2.3.1)
dargelegt.
2.1 Allgemeine Definition der Begriffe Konzentration und
Aufmerksamkeit
Die Begriffe Konzentration und Aufmerksamkeit werden häufig synonym verwendet.
Auffällig ist, dass beide im schulischen Alltag oft zu hören sind und allem Anschein
nach die Grundlage für Lern- und somit Schulerfolg bieten. Ermahnungen wie 'Kon-
zentriere dich mehr!' oder 'Sei bitte aufmerksamer!' sind wahrscheinlich jedem aus sei-
ner eigenen Schulzeit bekannt. Nach Sokolowski (vgl. 2013, S.120) beinhaltet der Be-
griff der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsvorgang an sich die Merkmale der
Selektion, Mobilisierung und Integration.
Selektion beschreibt zunächst die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf eine be-
stimmte Sache und die einhergehende Abschaltung anderer Dinge, die in den Hinter-
grund treten. Man kann zwar mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen, sodass eine
verteilte Aufmerksamkeitsausrichtung entsteht, dies trifft jedoch nur auf automatisierte
Aufgaben zu und ,,wenn nichts Außergewöhnliches passiert" (Sokolowski, 2013,
S.107). Das Lernen und Üben von Schulaufgaben zählt hier nicht dazu und benötigt
die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Der Aspekt der Mobilisierung entwickelte sich aus der Schreckreaktion und be-
schreibt eine Anpassung und Aktivierung der Aufmerksamkeit durch einen plötzlich
einsetzenden Reiz. Beispielsweise könnte dieser Reiz der plötzlich weinende und krei-
schende Bruder im Nebenzimmer sein, auf den die Schülerin unwillkürlich ihre Auf-
merksamkeit richtet und einen physiologischen Mobilisierungsvorgang in Gang setzt,
um ihm zu helfen. Diese Mobilisierung und das Gefühl der Spannung braucht eine ge-
wisse Zeit, um wieder herunterzufahren, damit sich dann die Aufmerksamkeit erneut
auf die Ursprungsaufgabe und Ursprungssituation fokussieren kann.
5

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
Die Funktion der Integration als Bestandteil der Aufmerksamkeit beschreibt eine
Verschmelzung von Außenreizen wie zum Beispiel das Gesehene mit dem Gehörten.
Innere Reize wie etwa bestimmte Gedankenimpulse werden ausgewählt oder gehemmt
um die Aufmerksamkeit auf eine bestimmt Sache zu fokussieren, ohne die Aufmerk-
samkeit zu verlieren.
Aufmerksamkeit kann nach Sokolowski nicht bewusst ausgerichtet werden sondern
ist abhängig von Signifikanz- und Pertinenzfilter, welche zur Ablenkung führen. Erste-
res beschreibt die Ablenkung durch einen spezifischen Reiz, welcher die ,,motivationa-
le Tendenz, ihn aufzusuchen oder zu vermeiden" (Sokolowski, 2013, S. 116) beinhal-
tet. Im später erläuterten Fallbeispiel könnte dies exemplarisch ein Bild an der Wand
sein, welches die Schülerin plötzlich sieht und worüber sie gerne reden möchte. Perti-
nenzfilter sind unspezifische Reize, wie zum Beispiel das plötzliche Staubsaugen der
Mutter im Nebenzimmer, sodass die Aufmerksamkeitsleistung zunächst auf ,,eine
plötzliche Veränderung in der Reizumwelt" (Sokolowski, 2013, S. 117) reagieren und
sich daran gewöhnen muss.
Besteht der Fall einer absoluten und unabgelenkten Fokussierung auf eine Aufgabe
indem Reize selektiert werden und Signifikanz- sowie Pertinenzfilter dasselbe Ziel
verfolgen, spricht man von Konzentration. Konzentration ist demnach der Höhepunkt
und das Ziel aller Aufmerksamkeit und wird von Sokolowski definiert als ,,Aufmerk-
samkeit ohne Abschweifungen über einen längeren Zeitraum auf eine Aufgabe oder
Tätigkeit ­ im Idealfall bis zur Erreichung eines Ziels" (2013, S. 117). Der Grad der
Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Tätigkeit wie beispielsweise das
Lernen erlebt eine Intensitätssteigerung wodurch Konzentration entsteht.
Auch Beckmann und Strang (1993) sind der Auffassung, dass Aufmerksamkeit ein
zentraler Aspekt von Konzentrationsfähigkeit ist. Die Sportpsychologen weisen auf
Mierkes Theorie hin, dass durch eine ,,auffallende Beharrlichkeit" (Beckmann &
Strang, 1993, S.16, zitiert nach Mierke, 1957, S.22) die ,,Gipfelform der Aufmerksam-
keit" (Beckmann & Strang, 1993, S.16) erreicht werden kann.
Lothar Schmidt-Atzert et al. (2004) hingegen stellen keine Verknüpfung zwischen
beiden Begriffen, sondern einen klaren Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und
Konzentration dar. In ihrer Definition betrifft die Konzentration die Art und Weise des
Arbeitens, wogegen sich die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung bezieht. Während
6

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
des Aufmerksamkeitsprozesses werden Reize selektiert, sodass nur eine Auswahl an
Informationen wahrgenommen und bearbeitet wird (vgl. Schmidt-Atzert et al., 2004,
S.5 ff.). Konzentration wird infolgedessen auf die kognitive Anstrengung beschränkt.
Konzentration wirkt sich auf die Verarbeitung der selektierten Reize aus, sodass ein
Leistungszuwachs ansteigt. Das Maß an Konzentration wird bei dieser Definition über
das Tempo und die Genauigkeit bestimmt (vgl. Schmidt-Atzert et al., 2004, S.8 ff.).
Die Grundlage dieser Arbeit richtet sich nach der Definition von Sokolowski: Kon-
zentration wird dementsprechend als Intensitätssteigerung von Aufmerksamkeit be-
trachtet. Nach Sokolowski ist die ,,stattfindende Aufmerksamkeitsleistung [...] de facto
das Produkt vieler darunter ablaufender Verarbeitungs- und Bewertungsprozesse, die
Selektion, Mobilisierung und Integration beinhalten" (2013, S.121). Aufmerksamkeit
wird also ständig gelenkt von diversen Einflussfaktoren. Besteht die höchste Form von
Konzentration, wird dieser Zustand in der allgemeinen Psychologie auch als ,,Flow-Er-
lebnis" (Galley, 1993, S.230) oder ,,Flusserleben" (Sokolowski, 2013, S.117) beschrie-
ben.
2.1.1 Kategorien und Indikatoren zur Einschätzung von Konzentration und
Aufmerksamkeit
Bei diesem oben beschriebenen Höchstmaß an Aufmerksamkeit, der optimalen Kon-
zentration, sind SuS komplett auf eine Sache gerichtet und andere Dinge sowie ein
Zeitgefühl treten in den Hintergrund. Wenn die Aufmerksamkeit im Flow-Erlebnis auf
etwas gerichtet ist, sind die Gedanken auf diese eine bestimmte Tätigkeit fokussiert
und eine Konzentration ,,entsteht wie von selbst" (Sokolowski, 2013, S.271). Ist dies
nicht der Fall, sind SuS unaufmerksam und eine Konzentration ist nicht vorhanden.
Um Unaufmerksamkeit und Auffälligkeiten zu erkennen und einzuschätzen, müssen
Kategorien zuvor definiert werden.
Um Kategorien zur Einschätzungen von Konzentration und Aufmerksamkeit zu bil-
den, bestehen in der Aufmerksamkeitspsychologie diverse Diagnostik- und Testverfah-
ren, welche Störungen von Aufmerksamkeit und Konzentration erfassen. Zur Diagnos-
tik von Konzentration und Aufmerksamkeit in der Schule hat Imhof (2004) Indikatoren
zu diesen Konstrukten erstellt und kategorisiert. Aufgrund der, nach Sokolowski, en-
gen Verbindung zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration gelten hier die gleichen
Merkmale für beide Systeme.
7

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
Kategorie / Indikator
Definition
Selektion und Fokussierung
Schülerinnen und Schüler müssen ein Selektionskriterium bil-
den um zu entscheiden welche Merkmale wichtig und welche
nicht wichtig sind.
Dauer
Das konzentrierte Verhalten muss über einen längeren Zeit-
raum aufrecht erhalten werden.
Vigilanz
Daueraufmerksamkeit auf selten auftretende Reize (z.B.
wenn innerhalb von Aufgabenserien Ausnahmefälle
auftreten).
Geteilte Aufmerksamkeit
Die Fähigkeit Aufmerksamkeit und Konzentration zu teilen,
wenn mehrere Anweisungen gegeben sind oder in multi-
medialen Lernumgebungen.
Integration von Information
Information die aus unterschiedlichen Quellen kommt muss
zugleich verarbeitet werden (z.B. akustische und visuelle Dar-
bietung).
Ablenkungsresistenz und
Hemmung alternativer Hand-
lungsimpulse
Äußere sowie innere Reize müssen ignoriert und der Fokus
aufrecht erhalten werden.
Fokuswechsel und kognitive
Flexibilität
Die Fähigkeit, von einer zu einer anderen Aufgabe zu wech-
seln.
Organisation und Handlungs-
planung
Strategisches Vorgehen und die Fähigkeit, sich selbst und
seine Materialien zu organisieren.
Motorische Koordination
SuS müssen Bewegungsimpulse steuern und die motori-
schen Aspekte einer Handlungsplanung anpassen können.
Abbildung 1: Tabelle zur Darstellung von Kategorien und Indikatoren zur Einschätzung von
Aufmerksamkeit und Konzentration. (Eigene Darstellung nach Imhof 2004, S.234 f.)
Der Tabelle sind die relevanten Komponenten zur Einschätzung von Konzentration
und Aufmerksamkeit zu entnehmen. Anhand dieser Indikatoren kann der Grad an Auf-
merksamkeit auf etwas erfasst werden und Konzentrationsfähigkeit beschrieben wer-
den. Können z.B. SuS äußere Reize nicht ignorieren sind sie nicht ablenkungsresistent,
welches ein Indikator für eine geringe Aufmerksamkeit ist. Die Aufmerksamkeitslen-
kung liegt dann auf Dingen die außerhalb des aktuellen Aufgabenfeldes sind. Eine
spontane Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf etwas Anderes als die aktuelle Tätigkeit
geschieht, indem die Aufmerksamkeit von etwas Bestimmten im Umfeld angezogen
wird oder von Gedanken und Eingebungen gelenkt wird. Dies kann willkürlich wie un-
willkürlich geschehen (vgl. Sokolowksi, 2013, S.108).
Ein hoher Grad an Aufmerksamkeit und Konzentration besteht, wenn möglichst
viele der oben genannten Kategorien von SuS erfüllt werden.
8

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
2.1.2 Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Konzentration
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten sind alltägliche Probleme,
die viele SuS aber auch Erwachsene aus eigener Erfahrung kennen. Eingeschränkte
Handlungs- und Bewegungsmöglichkeiten in der Schule sind häufig eine Ursache da-
für. Aufmerksamkeit und Konzentration haben einen hohen Energieverbrauch, auf-
grund dessen filtert das limbische System sämtliche Informationen, wodurch Aufmerk-
samkeit entweder eingeschränkt oder gefördert wird, um Energie für die wichtigsten
Informationen zu sparen. Bewegung und körperliche Aktivität fördert die Versorgung
des Gehirns mit neuer Energie, indem eine erhöhte Sauerstoffkonzentration im Blut
entsteht und Stress vermindert wird. Folglich kann Aufmerksamkeit und Konzentration
wiederhergestellt werden (vgl. Witting & Dörken, 2009, S.10). Darüber hinaus erklä-
ren Witting und Dörken, dass besonders bei Kindern die notwendige Energie zur Kon-
zentration nach circa
3
15-20 Minuten erschöpft ist (2009, S.11). Die Bedeutung von
Bewegung in Bezug auf die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit wird deut-
lich, denn das Eine ist vom Anderen abhängig. Die einzelnen Bereiche sind eng mit-
einander verknüpft und müssen gemeinsam betrachtet werden.
Die entstehende Bewegung im Gehirn aktiviert die Hirnregionen, die für die Ver-
knüpfung von Synapsen zuständig sind, um ein hohes Aktivitätsniveau der geistigen
Leistungsfähigkeit zu ermöglichen (vgl. Fischer, Dickreiter, Mosmann, 1998, S.134).
Folglich steigt die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an. Eine Optimie-
rung der Hirnleistung von SuS durch Bewegung wirkt Konzentrationsproblemen ent-
gegen. Aufgrund dessen ist körperliche Aktivität sinnvoll, um die Hirnaktivität zu in-
tensivieren und höhere Lernchancen zu bilden.
2.2 Aktueller Forschungsstand
Dass Bewegung und Hirnleistung extrem eng beieinander liegen und voneinander ab-
hängig sind bestätigen diverse Studien. Der Zusammenhang zwischen körperlicher Ak-
tivität und geistiger Leistung zeigen, dass Lernen und Denken nicht nur ein Ablauf der
Synapsen im Gehirn ist. Vielmehr ist Bewegung die Voraussetzung für das Denken,
denn ,,Bewegung erweckt und aktiviert [...] geistige Fähigkeiten [sowie] integriert und
verankert neue Informationen und Erfahrungen" (Hannaford, 2004, S. 115) in unseren
3
Dieser Begriff wird im Folgenden als ca. abgekürzt.
9

Bedeutung von Konzentration und Aufmerksamkeit
Gehirnareale. Neurowissenschaftler haben 1994 herausgefunden, dass eine direkte
neuronale Verbindung zwischen dem Basalganglion
4
und dem präfrontalen Kortex
5
be-
steht. Offensichtlich ist der Einfluss des Basalganglion auf das Verhalten wesentlich
umfangreicher als bis dahin angenommen wurde, denn dieser Gehirnbereich der Bewe-
gung ist demnach auch für die Koordination des Denkens und somit für die Konzentra-
tion und Aufmerksamkeit ausschlaggebend (vgl. Middelton & Strick, 1994).
Gemäß Jean Piaget steht Kognition in Abhängigkeit von aktivem Handeln. Bezie-
hungen und Strukturen stellen für Piaget den Kern jedes Wissens dar. Austauschpro-
zesse und Bewegung zwischen Mensch und Umwelt scheinen demnach wichtiger für
kognitive Entwicklung zu sein, als die geistige Aktivität (vgl. Piaget, 1976, S. 14 f.).
Ein Lernen durch Erfahrung, Bewegung und Tätigkeit sind nach Piaget also Grundlage
für Wissen und Können. In Anlehnungen an Piaget wird im Folgenden eine Auswahl
verschiedener Studien zum Zusammenhang von motorischer und kognitiver Leistung
vorgestellt.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer
6
konnte anhand einer Laborstudie mit Stu-
denten beweisen, dass körperliche Bewegung zu mehr Hirnaktivität führt und somit
den Denkvorgang verbessert (vgl. Spitzer, 2012, S. 39). Die Studenten sollten 64 frei
erfundene Objekte auswendig lernen, mit dazugehöriger frei erfundener Kategorie. Da-
bei waren die Studenten in zwei Gruppen aufgeteilt: die eine Gruppe lernte die Objekte
nur mit Namen, die andere Gruppe lernte für jedes Objekt eine bestimmte Bewegung
mit. Dabei wurde verifiziert, dass das Benennen und Kategorisieren der Objekte
schneller verlief, wenn eine motorische Bewegung mit gelernt wurde. Dieses Ergebnis
zeigt, dass bei der Gruppe die motorisch gelernt hat, mehr Hirnleistung vorhanden ist
und somit eine höhere Aufmerksamkeit besteht.
Aus der Untersuchung von Eggert und Schuck (1970) geht ähnliches hervor. Hier
wurde der Zusammenhang zwischen Intelligenz, Motorik und Sozialstatus bei 140 zu-
fällig gewählten Kindern im Alter von 4 bis 6 ½ Jahren untersucht. Im Zuge der For-
schung fand man heraus, dass Motorik und Intelligenz eng miteinander gekoppelt sind.
Die signifikanten Unterschiede der Motoriktestwerte korrelierten mit den Testwerten
4
Gehirnbereich, der für die Bewegung und die Steuerung von Muskeln verantwortlich ist.
5
Stirnlappen, die für Kognition und zukünftiges Verhalten verantwortlich sind.
6
Mediziner, Psychologe, Psychiater und Philosoph mit dem Forschungsschwerpunkt in kognitiver
Neurowissenschaften und Psychiatrie.
10
Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen regelmäßiger Brain-Gym-Bewegungsübungen auf Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit
Untertitel
Ein Fallbeispiel
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
57
Katalognummer
V376098
ISBN (eBook)
9783668533158
ISBN (Buch)
9783668533165
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, brain-gym-bewegungsübungen, konzentrationsfähigkeit, aufmerksamkeit, fallbeispiel, grundschule, bewegung, konzentration, konzentration fördern, brain gym, bewegungsübungen, leistung, hirnleistung, lernen, kinder, schüler, sus
Arbeit zitieren
Lara Luisa Schöber (Autor:in), 2016, Auswirkungen regelmäßiger Brain-Gym-Bewegungsübungen auf Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376098

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