Fluide Geschlechteridentitäten in Sally Potters "Orlando"


Hausarbeit, 2017
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

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1. Einleitung
"Same person. No difference at all. Just a different sex."
Derselbe Mensch, kein Unterschied, nur ein anderes Geschlecht ­ Dieses Zitat stammt von der
Protagonistin Orlando in der Mitte des nach ihr benannten Filmes Orlando, wenn sie zum ersten
Mal als Frau erwacht und ihren Körper im Spiegel betrachtet. Der androgyne Charakter vereinigt
sowohl vor der expliziteren Wandlungsszene, als auch danach beide Geschlechter in sich und wahrt
stets einen inneren Kern. Im Rahmen dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern diese fluide
Darstellung von Geschlechteridentität binäre Unterschiede tatsächlich untergräbt und welche
gesellschaftlichen Geschlechterrollen tatsächlich doch einen Unterschied für die Lebenswelt der
Figur ausmachen.
Der Film Orlando wurde 1992 von Sally Potter in Anlehnung an Virginia Woolfs gleichnamigen
Roman aus dem Jahr 1928 realisiert. Über vier Jahrhunderte hinweg portraitiert der Film die von
Tilda Swinton dargestellte Figur Orlando und deren menschliche Existenz jenseits klassischer
Geschlechterdichotomien in der britischen Gesellschaft von 1600 bis in die Gegenwart. Kurz vor
ihrem Tod verspricht Königin Elizabeth I. (in Drag gespielt von LGBTQIA*-Aktivist und Performer
Quentin Crisp) dem jungen Orlando einen Landsitz unter der Bedingung, dass er nie altere.
Daraufhin folgen sieben zeitlich und thematisch strukturierte Kapitel mit den Titeln "Tod" (im Jahre
1600), "Liebe" (1610), "Poesie" (1650), "Politik" (1700), "Gesellschaft" (1750), "Sex" (1850) und
,,Geburt" (in der aktuellen Gegenwart des Films 1992 angesiedelt). Von ewiger Jugend gezeichnet
wandert Orlando durch die unterschiedlichen Epochen auf der Suche nach Liebe und Identität,
wandelt sich dabei vom Mann zur Frau und begegnet stets den repressiven Auswirkungen
limitierender Geschlechternormen. In Anlehnung an die feministischen Ideen Woolfs werden in der
Zusammenarbeit von Sally Potter und Tilda Swinton Geschlechterkonstruktionen und
Diskriminierungen in verschiedenen Zeiten britischer Gesellschaft aufgedeckt. Als Ikone des
Androgynen vereint Tilda Swinton auf faszinierende Weise die Widersprüchlichkeit der
Geschlechter. Bereits in zahlreichen vorherigen und darauf folgenden Verkörperungen und
Performances setzt sich Swinton mit den Freiräumen zwischen Femininem und Maskulinem
auseinander und transzendiert dabei wiederholt konventionelle Vorstellungen von
Geschlechterrollen und -identität. In der für einen Mann geschriebenen Rolle des Deputiy Minister
Mason in Bong Joon-hos Snowpiercer (2013), bei der Performance Kunstinstallation The
Maybe (1995/2013) im Museum of Modern Art in Manhattan sowie als Muse und Schauspielerin
für Derek Jarman unterläuft sie die Grenzen der Geschlechter und bringt ihre androgynen
Gesichtszüge in einer Bandbreite von Charakteren zum Ausdruck. So tritt sie auch in Orlando immer

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wieder aus der Rolle, um die aktuelle Situation ihrer Figur von außen zu betrachten und die sozialen
Konstruktionen der Zeit zu kommentieren.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die in Orlando repräsentierten fluiden Formen von Geschlecht und
Gender herauszuarbeiten. Zu Beginn wird daher der theoretische Forschungsstand der Queer
Studies mit Fokus auf das Androgyne und fluide Geschlechteridentitäten dargelegt. Ein Überblick
über die Stellung der Frau innerhalb der britischen Gesellschaft über mehrere Epochen hinweg bis
in die 1990er Jahre, sowie Erkenntnisse zur Darstellung von Frauen im Film dienen als Grundlage
für die Analyse der Performance Swintons. Dabei werden aktuelle Widersprüche innerhalb des
Feldes, die sich auch in Orlando wiederfinden, diskutiert und eingeordnet.
Anschließend wird
versucht ein Zusammenhang zwischen theoretischem Diskurs und narrativer, ästhetischer und
stilistischer Darstellungen im Film herzustellen. Aus Gründen des begrenzten Umfangs wird sich die
Analyse insbesondere mit der von Tilda Swinton verkörperten Figur Orlando und den von ihr
erlebten und durch sie aufgebrochenen Männlich- und Weiblichkeitsbildern beschäftigen.
2. Theorie und Analyse
Es steht außer Frage, dass unsere Vorstellungen von Geschlecht geprägt werden durch mediale
Repräsentationen sowie auch mediale Repräsentationen von Geschlecht in diesem wechselseitigen
Prozess ein Produkt unserer Vorstellungen sind (Humm, 1997). Die Beschäftigung mit Darstellungen
von Frauen im Film etablierte sich seit den 1960ern und feministische FilmtheorerikerInnen
erforschten zunächst vor allem geschlechtsspezifische Repräsentationsstrategien, die patriarchale
Bildlichkeit des populären Kinos und den objektivierenden Blick des männlich dominierten
Erzählens (Mulvey, 1975). Die Auseinandersetzung mit Geschlechterkonstruktionen im Film machte
es möglich, den menschlichen Körper im Spannungsfeld zwischen Individuum und der Gesellschaft
dessen teil er/sie ist zu begreifen. Mit der poststrukturalistischen Perspektive der 1990er, vertreten
durch Foucault, Derrida, Lacan uvm., wurden die Konstruiertheit von Bedeutungen und deren
zugrunde liegende Machtformen aufgedeckt. Sie sahen die Herstellung von Wissen stark geprägt
durch Erfahrung und Interpretation von Sprache (Salih, 2002). Daran anknüpfend übten
Feministinnen wie Butler und De Beauvoir Kritik am substantialisierenden Verständnis von
Geschlecht als naturgegebener Eigenschaft. Gesellschaftliche Strukturen und Kategorien wurden
von ihnen als weniger festgeschrieben begriffen und der Einfluss hierarchischer Ordnungen und
Herrschaftsverhältnisse reflektiert. Geschlecht wurde nunmehr nicht als eine Form des Seins,
sondern vorrangig als eine Form des Handelns verstanden (Humm, 1997). Da sich dieses Handeln
erst im Laufe der Zeit realisiert, unterliegt es einem ständig fortlaufenden Fluss und entsteht erst
und immer wieder neu im wiederholten Prozess der Herstellung (Logorrhöe & Woltersdorff, 2003).
Butler (2004) weist dabei vor allem auf den performativen Akt von Geschlecht hin und zeigt auf,

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dass Körper nicht unabhängig von kulturellen Formen existieren, sondern stets durch normative
Ideale beeinflusst werden. Sie lehnt darüber hinaus das binäre Gefüge der Geschlechter, sowie den
unmittelbaren Kausalzusammenhang von biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) ab.
Im Rahmen der Queer-Theorie wurden rigide Geschlechterbinaritäten hinterfragt und Dichotomien
von Mann/Frau, Maskulinität/Femininität, Homosexualität/Heterosexualität dekonstruiert. Im
Folgenden wird es darum gehen ein Konstrukt vorzustellen, welches sich eben diesen
Identitätsgrenzen entgegenstellt: die Androgynität.
Der Begriff des Androgynen setzt sich aus den zwei griechischen Wörtern "andro" = männlich und
"gyne" = weiblich zusammen (in Winckler, 2012, S. 173). Demnach beschreibt es keine
Geschlechtslosigkeit, sondern die vereinigende Verkörperung sowohl weiblicher als auch
männlicher Merkmale (Singer, 1976). Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher, auch
gegensätzlicher Deutungen des Androgynen, welche das Phänomen aufgrund seines transgressiven
Charakters zum einen als subversiv, aufgrund seiner Verortung in einer Zweigeschlechtlichkeit zum
anderen jedoch als affirmativ beschreiben (Winckler, 2012). Zunächst wurde Androgynität als
Balance zwischen Maskulinität und Femininität aufgefasst. Mit dem Aufkommen der Queer Studies
in den 1990er Jahren und dem Gedanken der Postgender-Bewegung wurde Androgynität jedoch
vermehrt als außerhalb jeglicher Kategorisierungen existierend verstanden. Das Androgyne
ermöglicht durch die Dekonstruktion der polarisierenden Dichotomien von ,,Mann" und ,,Frau" die
Auflösung von Fixierungen und lässt ein Spektrum verschiedener, auch widersprüchlicher
Eigenschaften zu (Heilbrun, 1973). Die Geschlechterdifferenz wird durch den fluiden Charakter der
Androgynität verwischt und schafft Raum für Diversität und die individuelle Darstellung von
Geschlecht abseits heteronormativer Geschlechterrollen (Halberstam, 1998). Hargreaves (2005)
hingegen gibt zu bedenken, dass das Konzept der Androgynie binäre Kategorien validiert, indem es
sie zwar vereint, sich jedoch eben wiederum auf diese beiden distinkten Pole der Männlichkeit und
Weiblichkeit bezieht. Demzufolge bewege sich Androgynität in eben genau dem Gefüge der
Zweigeschlechtlichkeit, welches sie zu überwinden versucht. Im Rahmen dieser Arbeit wird der
Begriff des Androgynen jedoch im Sinne der jüngsten Erkenntnisse der Queer Studies als
prozesshafte, nicht festgeschriebene Identität außerhalb von Binaritäten verwendet. Hilary
Malatino (2014, S. 138) führt in diesem Zusammenhang Gilles Deleuzes und Felix Guattaris (1987,
S. 361) Konzept von ,,nomad science" und ,,state science" an. Diese beiden Begriffe beschreiben
zwei unterschiedliche Verständnisse von körperlicher Gestalt, welche für die Analyse fluider
Geschlechteridentitäten von Interesse sind. Nomad science betont die Formbarkeit und
Malleabilität von Substanzen, wohingegen State Science deren Unveränderlichkeit und Solidität
hervorhebt. Nomad science beschreibt eine Lebensform, die sich repressiven Kräften entgegensetzt
und geprägt ist von Momenten des Werdens und der Transformation. Durch Strategien der

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Deterritorialisierung wird es so möglich, fixierte Systeme, Vorstellungen oder Situationen
aufzubrechen. Durch diese Herangehensweise liegt der Fokus bei der Untersuchung von
Phänomenen nicht auf festgeschriebenen Eigenschafen, welche sich eindeutig von anderen
abgrenzen lassen, sondern auf der Veränderbarkeit prozesshafter Entwicklungen. Im Einklang mit
Judith Butler wird hier also nicht vorrangig von vordefinierten Kategorien, sondern wechselhaften
Konstruktionen ausgegangen, die durch soziale Interaktionen und kulturelle Praktiken immer
wieder hergestellt werden. Filmische Darstellungen bieten dabei ein emanzipatorisches Potenzial
die etablierten Stereotype und Herrschaftsverhältnisse durch kreative Neupositionierungen zu
unterlaufen und neue Diskurse anzustoßen (Salih, 2002). Im Folgenden soll untersucht werden,
inwiefern der Film Orlando bestehende Vorstellungen und herrschende Geschlechternormen
affirmiert, in Frage stellt oder sogar mit Hilfe von subversiven Darstellungen von Geschlecht
durchbricht.
Orlando widersetzt sich dem Konstrukt der Gegensätzlichkeit männlicher und weiblicher Identität
im Laufe des Filmes auf unterschiedliche Weise und bricht damit immer wieder traditionelle
Geschlechterverhältnisse auf. Zu Beginn des Filmes sieht man den jungen Edelmann Orlando im
Jahr 1600 mit Stift und Zettel unter einem Baum sitzend. Ein Voice-over proklamiert, dass es kein
Zweifel an seinem Geschlecht geben könne. Nach einer kurzen, unerfüllten Schwärmerei für Sasha,
die Tochter des Moskowiter Botschafters, entdeckt Orlando im Jahr 1650 seine Liebe für die Poesie.
Orlando tritt in diesem Teil des Films sehr Feinfühlig und zart auf. Als sensible Gestalt widerspricht
Orlando daher der tradierten Rolle des Mannes und auch seine poetischen Schreibversuche werden
verspottet. So wendet er sich 1700 der Politik zu und reist als englischer Botschafter in den Orient,
wo er den Khan befreundet. Nach dem Ausbruch des Krieges fällt Orlando, entsetzt von der Gewalt
und Brutalität des Mordens, in einen tiefen Schlaf und wacht im Jahr 1750 als Frau wieder auf. Sich
im Spiegel beobachtend bemerkt sie "Same person. No difference at all." und führt mit einem
direkten Blick in die Kamera fort: ,,Just a different sex." Deleuzes und Guattaris Konzept der
verformbaren Materialität erscheint hier besonders für die Analyse der Transformation von
Orlando hilfreich. Orlandos Geschlecht wird demnach als nicht als endgültige Festlegung
präsentiert, sondern erscheint bis zum Ende als wiederholte Inszenierung, die durchaus anders
möglich ist. Der Protagonist setzt sich radikal den gesellschaftlichen Normen entgegen und
dekonstruiert auf diese Weise heteronormative Geschlechterbeziehungen. Durch Cross-casting,
verdrehte
Geschlechterrollen
und
androgyne
Darstellungen
werden
in
Orlando
Geschlechtergrenzen verwischt und als formbar akzeptiert. Sally Potter selbst konstatiert, dass es
in dem Film weniger um eine Identitätszuordnung, sondern vielmehr um ein Spiel mit
performativen Effekten dieser Zuordnungen gehe (MacDonald, 1996). Der Film öffnet somit den
Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Fluide Geschlechteridentitäten in Sally Potters "Orlando"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Theater, Film und Medien)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V376172
ISBN (eBook)
9783668532397
ISBN (Buch)
9783668532403
Dateigröße
1276 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
androgyny, queer, queer studies, tilda swinton, orlando, cinema, queer cinema, fluidity, gender, gender studies, geschlecht, filmwissenschaft, geschlechterrepräsentationen, filmanalyse, film analysis, sally potter, identity, sex, virginia woolf, lgbt, new queer cinema, masculinity, femininity, homosexuality
Arbeit zitieren
Vivien Cahn (Autor), 2017, Fluide Geschlechteridentitäten in Sally Potters "Orlando", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376172

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