Ort des kulturellen Gedächtnisses? Das Verlagsarchiv im Kontext kulturwissenschaftlicher Gedächtnistheorien


Bachelorarbeit, 2017

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

2
1 Einleitung
Am 7. und 8. Mai 2009 fand zu dem Thema ,,Tag der Verlage. Fragen der Erwerbung und
Erschließung von Verlagsarchiven" eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach
statt. Aus dieser ging ein Appell mit dem Titel Verlage brauchen ein Gedächtnis
1
hervor, der zur
Sicherung und Aufbewahrung der alltäglichen Verlagsunterlagen aufrief, auf die Bedeutung
von Verlagsarchiven hinwies und das Bewusstsein für den Wert der Dokumente stärken
sollte. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit genau dieser Frage nach der Bedeutung von
Verlagsarchiven für die Etablierung des kulturellen Gedächtnisses.
Verlagsarchive nehmen durch ihren hybriden Charakter eine besondere Stellung ein; sie sind
zugleich Firmen-bzw. Wirtschaftsarchiv und Kulturgut, da sie auf der Verlagsarbeit beruhen
die ebenso eine ökonomische wie kulturelle Rolle einnimmt. Der Begriff des Archivs
unterliegt einer Bedeutungsvielfalt und einem ständigen Wandel und Aktualisierung, so dass
keine allgemeingültige Definition getroffen werden kann. Der Archivbegriff ist im
Folgendem als ein Ort der Ansammlung zu verstehen, der Aufbewahrungs-, Ordnungs- und
Erschließungsfunktionen übernimmt und dadurch Wissen zur Bewertung, Interpretation
und Aufbereitung bereitstellt.
2
Da Kollektive kein Gedächtnis ,,besitzen", müssen sie,
anhand von kulturellen Überlieferungen, ein Gedächtnis entwickeln, um Erinnerungen zu
bewahren. Wie bereits aus dem Aufruf hervorgeht fehlte bislang ein gefestigtes Bewusstsein
für den angemessenen Umgang mit Verlagsarchiven und ihren Wert für die geistes- und
kulturwissenschaftliche sowie wirtschafts- und wissenschaftsgeschichtliche Forschung.
Insbesondere durch den medialen Wandel, als auch auf Grund des Umbruchs durch den
Generationswechsel, zeigt sich die Aktualität des kollektiven Gedächtnisses und den Umgang
mit Erinnerungen.
In der vorliegenden Arbeit wird die These verfolgt, dass Verlagsarchive einen
entscheidenden Einfluss auf die kultur- und buchhistorische Forschung haben und dadurch
das kollektive Gedächtnis prägen und verändern können. Ziel der Arbeit ist es, im Kontext
von drei grundlegenden kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien zur Entwicklung und
Verortung kollektiver Erinnerungen, die Bedeutung von Verlagsarchiven herauszustellen.
1
Vgl. Füssel, Stephan/ u.a.: ,,Verlage brauchen ein Gedächtnis!" Ein Aufruf. In: Website Börsenblatt. 13. November
2009. http://bit.ly/2uqI98Y [27.06.2017].
2
Vgl. Assmann, Aleida: Archive im Wandel der Mediengeschichte. In: Archivologie. Theorien des Archivs in
Philosophie, Medien und Künsten (Kaleidogramme 10). Hrsg. von Knut Ebeling und Stephan Günzel. Berlin:
Kulturverlag Kadmos 2009, S. 165­175, hier S. 173f.

3
Anhand der ausgewählten kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien wird der
Untersuchungsrahmen gebildet an dem das Verlagsarchiv zunächst hinsichtlich seiner
Leistung untersucht wird. Um der Bedeutung von Verlagsarchiven für das kulturelle
Gedächtnis nachzugehen wird erläutert welche Funktionen Verlagsarchive erfüllen und
welchen Nutzen, abhängig von der jeweiligen Benutzerperspektive, aus der Erschließung und
Erhaltung eines Verlagsarchivs gezogen werden kann und wo diese im Kontext des
kollektiven Gedächtnisses einzuordnen sind. Des Weiteren wird auf die Verantwortung und
die Macht von Verlagsarchiven, durch die Selektion des Archivguts, aufmerksam gemacht
und dargestellt welche Folgen dies für die Etablierung des kulturellen Gedächtnisses hat.
Im Besonderen wird dann als Fallbeispiel das historische Verlagsarchiv Gebauer-
Schwetschke hinsichtlich seiner Rolle für das kulturelle Gedächtnis untersucht. Zunächst
wird anhand der Forschungsergebnisse die sich bisher aus der Untersuchung mit dem
Archivgut ergeben haben, aufgezeigt welche Erinnerungen rekonstruiert und dargestellt
werden können. Daran zeigt sich, welche Auswirkungen das Archiv bzw. die Arbeit mit den
Archivalien auf das kulturelle Gedächtnis nehmen kann und wie dieses die gegenwärtige
Gesellschaft beeinflusst. Überdies wird das Gedächtnis des Verlages Gebauer- Schwetschke
hinsichtlich seiner Verortung untersucht. Dabei wird im Besonderen der Einfluss der
Digitalisierung auf den Ort des Gedächtnisses und damit einhergehende Veränderungen für
das kulturelle Gedächtnis herausgestellt.
Das Unternehmen Gebauer und Schwetschke zählt zu den bedeutsamsten Verlagen der
Aufklärungszeit. Das Verlagsarchiv wurde ausgewählt da davon ausgegangen wird, dass die
Beschäftigung mit dem Archivgut umfassende Forschungsmöglichkeiten von
kulturwissenschaftlicher und buchhistorischer Bedeutung ermöglicht. Das 1733 gegründete
Unternehmen zeichnete sich insbesondere durch den wissenschaftlichen Gehalt der
verlegten Werke und das Ansehen seiner Autoren aus. Bis zu seiner Enteignung und
Demontage 1945 entstand ein breites nationales wie internationales Geschäftsnetzwerk, das
Reichweite und Einfluss des Verlages dokumentiert.
3
Auf Grund der geschlossenen
Überlieferung des Archivguts und dem Erschließungs- und Digitalisierungsprojekt (2013
abgeschlossen und gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft) haben sich
vielfältige Anwendungsmöglichkeiten aufgetan. Da es sich bei dem Verlagsarchiv um ein
3
Vgl. Fulda, Daniel: Zu diesem Band. In: Merkur und Minerva. Der Hallesche Verlag Gebauer im Europa der
Aufklärung (Buchwissenschaftliche Beiträge 89). Hrsg. von Daniel Fulda und Christine Haug. Wiesbaden:
Harrassowitz 2014, S. 9­12, hier S.9.

4
historisches Archiv handelt, das zusätzlich digital gesichert ist, verändern sich die Bestände
des Archivs nicht. Interessant ist dabei, welche Archivalien wie genutzt werden, um die
Vergangenheit zu rekonstruieren und wie sich das Potenzial des Verlagsarchivs auf das
kollektive Gedächtnis auswirkt. Anhand es Archivs sollen die Möglichkeiten der
Erinnerungsbildung dargestellt werden und zusätzlich der Wert von Verlagsarchiven
hervorgehoben werden.
Wie bereits angemerkt, haben Verlagsarchive in Deutschland bislang weniger Beachtung
erfahren, obwohl sie den Verlagsalltag, die Zeitgeschichte und den kulturellen
Schöpfungsprozess dokumentieren. Grund dafür können neben fehlendem Bewusstsein für
den Wert der Unterlagen auch mangelndes Wissen der Verwaltung und Kosten-, sowie
Aufbewahrungsfaktoren umfassen.
4
Das fehlende Bewusstsein spiegelt sich auch im Umfang
der Forschungsliteratur zu Verlagsarchiven wider. Die Arbeit stützt sich entsprechend der
Forschungslage auf die Werke ,,Ungeöffnete Königsgräber" Chancen und Nutzen von Verlagsarchiven
5
und Merkur und Minerva. Der Hallesche Verlag Gebauer im Europa der Aufklärung
6
, die die
Möglichkeiten und das Untersuchungspotenzial durch die Erschließung von Verlagsarchiven
aufzeigen. Im Gegensatz dazu bezieht sich die vorliegende Forschung weitestgehend auf das
Archiv im Allgemeinen und seine Bedeutung für die kollektive Gedächtnisbildung. Hilfreiche
Werke waren dabei Kleine Theorie des Archivs
7
von Dietmar Schenk, Beiträge aus Archivologie.
Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten
8
, Einführung in die Archivkunde
9
und Archiv
und Gedächtnis
10
. Schon hier zeigt sich das weite Untersuchungsfeld und die unterschiedlichen
Ansätze, die die Untersuchung von Archiven ermöglicht. Um den theoretischen Rahmen der
Gedächtnistheorien zu bilden wurden die grundlegenden Werke Das kollektive Gedächtnis
11
4
Vgl.: Kluttig, Thekla: Verlage brauchen ein gutes Gedächtnis. Was sollte in einem Verlagsarchiv gesammelt
werden? Und: Wo ist das Material am besten aufgehoben? Fragen, die sich nicht nur im Fall Suhrkamp stellen. In:
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 176 (2009) Nr. 33, S. 22f.
5
Vgl. ,,Ungeöffnete Königsgräber" Chancen und Nutzen von Verlagsarchiven (Mainzer Studien zur Buchwissenschaft
22). Hrsg. von Stephan Füssel. Wiesbaden: Harrassowitz 2013.
6
Vgl. Merkur und Minerva. Der Hallesche Verlag Gebauer im Europa der Aufklärungszeit (Buchwissenschaftliche
Beiträge 89). Hrsg. von Daniel Fulda und Christine Haug. Wiesbaden: Harrassowitz 2014.
7
Vgl. Schenk, Dietmar: Kleine Theorie des Archivs (Geschichte). Stuttgart: Steiner 2008.
8
Vgl. Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten (Kaleidogramme 30). Hrsg. von Knut
Ebeling und Stephan Günzel. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2009.
9
Vgl. Franz, Eckhart G.: Einführung in die Archivkunde (Die Geschichtswissenschaft). 7., aktualisierte Aufl.
Darmstadt: WBG 2007.
10
Vgl. Archiv und Gedächtnis. Studien zur interkulturellen Überlieferung (Deutsch- Französische Kulturbibliothek
13). Hrsg. von Michel Espagne, Katharina Middell und Matthias Middell. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2000.
11
Vgl. Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis (Fischer Wissenschaft 7359). Frankfurt am Main: Fischer
Taschenbuch 1991.

5
von Maurice Halbwachs, Zwischen Geschichte und Gedächtnis
12
von Pierre Nora, Das kulturelle
Gedächtnis
13
von Jan Assmann und Erinnerungsräume
14
von Aleida Assmann genutzt. Die
Aktualität der Gedächtnistheorien zeichnet sich in der Umfangreichen Forschungsliteratur
ab. Auch die wechselseitige Beziehung von Archiven und Erinnerungsbildung ist Teil des
Forschungskanons.
Die Besonderheit des Verlagsarchivs erfordert jedoch eine genauere Betrachtung und
Untersuchung der Funktionen des Archivguts für das kulturelle Gedächtnis. Hier wird die
für die Buchwissenschaft deutlich: Die Forschung in diesem Feld hinsichtlich der
Verlagsgeschichtsschreibung, Buchmarkt- und Rezeptionsforschung, personengebundenen
Untersuchungen, dem Wandel der Materialität des Buches und technischen Möglichkeiten
der Herstellung stützt sich auf Archivalien. Darüber hinaus beeinflussen Verlage, und somit
auch ihre Archive, als Produzenten von Kulturgütern die einen geistigen und ökonomischen
Wert besitzen, die kulturwissenschaftliche, medienwissenschaftliche, wirtschafts-, sozial,-
und wissenschaftsgeschichtliche Forschung. Verlagsarchive ermöglichen demnach einen
interdisziplinären Forschungszugang der Einfluss nimmt auf die Etablierung des kollektiven
Gedächtnisses.
12
Vgl. Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek 16). Berlin:
Wagenbach 1990.
13
Vgl. Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen
(Beck'sche Reihe 1307). 6. Aufl. München: C. H. Beck 2009.
14
Vgl. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses (C. H. Beck
Kulturwissenschaft). 5., durchgesehene Aufl. München: C. H. Beck 2010.

6
2 Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien
2.1 Das kollektive Gedächtnis
Der Begriff des Gedächtnisses beschreibt einen Zustand, der das gesamte Wissen über die
Vergangenheit in der Gegenwart darstellt.
15
Es dient als Medium um wahrgenommene
Informationen zu speichern und wieder abzurufen und ermöglicht den Prozess des
Erinnerns. Das Gedächtnis kann in zwei Formen unterschieden werden: das individuelle
Gedächtnis, das auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen eines jeden Individuums
beruht und daher individuelle Erinnerungen schafft und das kollektive Gedächtnis. Beide
Gedächtnisformen beziehen sich jeweils aufeinander und sind daher stets in einer
wechselseitigen Beeinflussung zu verstehen.
Geprägt wurde die Bezeichnung ,,kollektives Gedächtnis" unter anderem von dem
Soziologen Maurice Halbwachs, der von dem Akt des gemeinsamen Erinnerns als Grundlage
des Zusammenhalts einer Gruppe von Menschen ausging.
16
Erinnern wird hierbei als Prozess bzw. als kommunikativer Vorgang verstanden, dessen
Resultat die Erinnerung ist. Erinnert werden kann nur, was in der Gegenwart abwesend ist.
Die dabei entstehenden Erinnerungen haben einen konstruktiven Charakter, der sich immer
auf die gegenwärtigen Umstände bezieht.
17
Zudem kann nur derjenige erinnern, der eine
bestimmte Kulturtechnik, wie beispielsweise Sprache, erlernt hat.
18
Daran zeigt sich, dass der
Vorgang des Erinnerns durch soziale und kulturelle Einflüsse geprägt ist.
Das kollektive Gedächtnis entsteht durch individuellen Erinnerungen von Mitgliedern einer
Gruppe und kann als ,,Schnittmenge einer Vielzahl individueller Gedächtnisse, die
mehrheitlich übereinstimmen"
19
beschrieben werden. Da das Individuum diversen Gruppen
angehören kann, existiert eine Vielzahl an kollektiven Gedächtnissen.
20
Demgemäß ist der
Einzelne aktiv an der Entwicklung verschiedener kollektiver Gedächtnisse, wie
15
Vgl. Berek, Matthias: Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie
der Erinnerungskulturen (Kultur- und sozialwissenschaftliche Studien 2). Wiesbaden: Harrassowitz 2009, S. 31f.
16
Vgl. Assmann: Erinnerungsräume, S. 131, und Fauser, Markus: Einführung in die Kulturwissenschaft. Darmstadt:
WBG 2014, S. 117.
17
Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. 2. Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler
2009, S. 7, und Assmann, Jan: Kollektives und kulturelles Gedächtnis. Zur Phänomologie und Funktion von Gegen-
Erinnern. In: Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum. Hrsg. von Ulrich Borsdorf und Heinrich
Theodor Grütter. Frankfurt am Main: Campus Verlag 1999, S. 13­32, hier S. 16.
18
Vgl. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft
538). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 368.
19
Schenk: Kleine Theorie des Archivs, S. 24.
20
Vgl. Assmann: Erinnerungsräume, S. 131.

7
beispielsweise Familiengedächtnis, Gedächtnis einer Religionsgemeinschaft oder einer
Berufsgruppe beteiligt. Ebenso sind die individuellen Erinnerungen geprägt von den sozialen
Umständen der Person und dem Milieu, in dem sie sich bewegt.
Der Einzelne kann nur durch soziale Bezugsrahmen, die beeinflusst werden von den
Vorstellungen und Gegebenheiten der gegenwärtigen Gesellschaft, Erinnerungen
hervorrufen. Die sozialen Rahmen dienen als Instrumente, die die Selektion von
Erinnerungen ermöglichen. Folglich tritt die Erinnerung in den Vordergrund, die in Einklang
mit vorherrschenden Idealen und Gedanken einer Gemeinschaft stehen. Die Vergangenheit
wird daher mit Hilfe von Ansichten und Idealen einer Gruppe in der Gegenwart
rekonstruiert.
21
Dementsprechend unterliegt das kollektive Gedächtnis einem stetigen
Wandel, es verändert und entwickelt sich je nach Bedürfnislage der Gruppe und spiegelt
soziale und kulturelle Umstände wieder. Die Erinnerungen und der Umgang mit ihnen
repräsentieren danach das vorherrschende Selbstbild einer Gemeinschaft.
Darüber hinaus sind nur Erinnerungen zugänglich, die durch soziale Rahmen aufgerufen
werden können. Fallen diese Bezugsrahmen weg, beispielsweise durch Zerstreuung einer
Gruppe, können Erinnerungen nicht mehr rekonstruiert und somit Teil des sozialen
Gedächtnisses werden.
22
Die Erinnerungen, die durch das kollektive Gedächtnis rekonstruiert werden, drücken
soziale Überzeugungen, Bedürfnisse und Eigenschaften der gegenwärtigen, sich erinnernden
Gruppe aus und wirken somit identitätsstiftend und stabilisierend. Aufgrund des
Bedürfnisses nach Kontinuität, erinnert die Gesellschaft nur, was das Selbstbild der Gruppe
bestätigt und sichert. Dies kann zur Folge haben, dass Ereignisse und Erinnerungen aus der
Vergangenheit ausgeblendet oder, bewusst oder unbewusst, manipuliert werden.
23
Weiterhin unterscheidet Halbwachs das kollektive Gedächtnis in zwei Teilbereiche: das
autobiografische Gedächtnis, das auf eigenen Erfahrungen beruht und das historische
Gedächtnis, welches das Erinnern anhand von Erzählungen etc. ermöglicht.
24
Das bedeutet,
eine Gruppe kann Erinnerungen an Ereignisse in das kollektive Gedächtnis rufen, ohne aktiv
in der Vergangenheit daran beteiligt gewesen zu sein. Voraussetzungen dafür sind die
21
Vgl. Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, S. 55, und Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen
Bedingungen, S. 381.
22
Vgl. Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, S.143, 368 und 382, und Halbwachs: Das
kollektive Gedächtnis, S. 12 und Assmann: Erinnerungsräume, S. 131.
23
Vgl. Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, S. 209f, 382, 389.
24
Vgl. Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, S. 36f.

8
sozialen Rahmenbedingungen und die soziale Interaktion sowie Kommunikation. Das
kollektive Gedächtnis umfasst somit die erfahrene und nicht-erfahrene Vergangenheit einer
Gruppe.
25
Darüber hinaus grenzt Halbwachs das kollektive Gedächtnis von dem Begriff der Geschichte
ab. Während die Geschichte eine gleichbleibende, wertneutrale Ordnung von vergangenen
Ereignissen beschreibt, beschränkt sich das kollektive Gedächtnis auf die Grenzen einer
Gruppe. Geschichte stellt also dar, was passiert ist und das kollektive Gedächtnis drückt die
Erinnerungen an die Geschehnisse aus.
26
Infolgedessen ist das kollektive Gedächtnis durch
seine Träger sowohl zeitlich als auch räumlich beschränkt, orientiert sich an den Bedürfnissen
der Gruppe und ist daher stets wertend und hierarchisierend.
27
Als Mittel zur Sicherung von Erinnerungen über einen längeren Zeitraum nennt Halbwachs
die Schrift.
28
Sie dient als Medium zur Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen. Das
kollektive Gedächtnis zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass es eine Niederschrift nicht
benötigt, da die Erinnerungen präsent sind. Sobald Erinnerungen jedoch aus dem kollektiven
Gedächtnis verschwinden, wird ein Medium zur Sicherung benötigt, wenn die Erinnerung
erhalten bleiben soll.
29
Die Untersuchung eines kollektiven Gedächtnisses ist demnach nur
möglich, wenn Mitglieder der Gruppe des Gedächtnisses noch existieren oder wenn Medien
erhalten sind, die das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft festhalten. Erst durch den
Akt der Kommunikation innerhalb einer Gruppe, die ähnliche Formen der Erinnerung teilt,
werden die Erfahrungen und Begebenheiten der Vergangenheit zum Gegenstand des
kollektiven Gedächtnisses. Folglich können durch die Interaktion einer Gemeinschaft
Ereignisse der Vergangenheit in der Gegenwart erinnert werden.
25
Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 38.
26
Vgl. Ebd., S. 18, und Halbwachs: das kollektive Gedächtnis, S. 68, und Berek: Kollektives Gedächtnis und die
gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 41.
27
Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 18f., und Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, S. 73.
28
Vgl. Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, S. 66.
29
Vgl. Fauser: Einführung in die Kulturwissenschaft, S. 118.

9
2.2 Konzept der ,,lieux de mémoire"
Das Konzept der ,,lieux de mémoire", im Folgendem auch ,,Erinnerungsorte"
30
genannt,
geht auf den französischen Historiker Pierre Nora zurück und dient der Verortung von
Erinnerungen des kollektiven Gedächtnisses. Erinnerungsorte sind Träger des kollektiven
Gedächtnisses und entstehen da, wo Erinnerungen aus dem kollektiven Bewusstsein
verschwinden. Das Gedächtnis der Gesellschaft verlagert sich von menschlichen Trägern
und der verbalen Kommunikation in bestimmte Orte. Die Verlagerung wiederum ist ein
Anzeichen für das Vergessen; wäre die Vergangenheit präsent, wären keine Orte der
Erinnerung notwendig.
31
Dies bedeutet, dass nach Nora kein Gedächtnis im ursprünglichem
Sinne existiert und das, was als Gedächtnis bezeichnet wird bereits Geschichte ist. Hierbei
ist zu beachten, dass es sich bei den Erinnerungsorten um Träger des Gedächtnisses handelt;
die Orte ermöglichen die Konstruktion von Erinnerungen, da in ihnen ein Gedächtnis
lokalisiert ist. Die ist zu unterscheiden von einem Gedächtnis, das sich an einen bestimmten
Ort erinnert.
32
Der Begriff des ,,Ortes" ist dabei als Metapher zu verstehen und umfasst ,,alle kulturellen
Phänomene (ob material, sozial oder mental), die auf kollektiver Ebene bewusst oder
unbewusst in Zusammenhang mit Vergangenheit oder nationaler Identität gebracht
werden."
33
Neben geografischen Orten können folglich materielle Gegenstände und auch
Ereignisse wie Rituale und Bräuche als Gedächtnisort fungieren und erschweren daher eine
einheitliche Definition der ,,lieux de mémoire".
Dennoch haben Orte des Gedächtnisses stets eine materielle, symbolische und funktionale
Dimension. Die materielle Ebene umfasst dabei fassbare Gegenstände ebenso wie
immaterielle, beispielsweise den Ausschnitt der Zeiteinheit einer Schweigeminute. Die
funktionale Bedeutung ist auf den Nutzen der Orte für die Gesellschaft zurückzuführen und
die symbolische Ebene bezieht sich auf die symbolische Aufladung der Orte.
34
Das Archiv,
das sowohl eine materielle als auch funktionale Dimension umfasst, ist nach Nora nur als
30
In der deutschen Übersetzung des Begriffs ,,lieu de mémoire" ist sowohl ,,Gedächtnisort" als auch
,,Erinnerungsort" eine zutreffende Bezeichnung. In Bezug auf die verwendete Forschungsliteratur wird hier der
Begriff ,,Erinnerungsort" verwendet.
31
Vgl. Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S. 129.
32
Vgl. Assmann: Erinnerungsräume, S. 298­300, und Assmann, Aleida: Das Gedächtnis der Orte. In: Orte der
Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum. Hrsg. von Ulrich Borsdorf und Heinrich Theodor Grütter. Frankfurt
am Main: Campus Verlag 1999, S. 59­77, hier S. 59.
33
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 27.
34
Vgl. Ebd., S. 26, und Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S. 26.
Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Ort des kulturellen Gedächtnisses? Das Verlagsarchiv im Kontext kulturwissenschaftlicher Gedächtnistheorien
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
40
Katalognummer
V376384
ISBN (eBook)
9783668536265
ISBN (Buch)
9783668536272
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gedächtnisses, verlagsarchiv, kontext, gedächtnistheorien
Arbeit zitieren
Isabelle Noé (Autor), 2017, Ort des kulturellen Gedächtnisses? Das Verlagsarchiv im Kontext kulturwissenschaftlicher Gedächtnistheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376384

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