Die Potsdamer Garnisonkirche im Politikunterricht. Außerschulischer Lernort, Kristallisationspunkt außerschulischen Lernens und Erinnerungsort


Hausarbeit, 2015

17 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anknüpfungspunkte für historisch-politische Bildung
2.1. Die Garnisonkirche - steinerne Verschmelzung von Religion, Politik und Militär
2.2. Der ͣTag von Potsdam“ - Geschichtspolitik und Propaganda
2.3. Henning von Tresckow - Die Garnisonkirche und der militärische Widerstand
2.4. Die Debatte um den Wiederaufbau - Ein Stadt im Streit

3. Literatur- und Quellenverzeichnis
3.1. Literatur
3.2. Zeitungs- und Radioquellen:

1. Einleitung

Dem Politikunterricht wird vorgeworfen, dass es ihm häufig an Lebensweltbezug mangele und er eine einseitige Konzentration auf formales Wissen aufweise. Diese Defizite verstärkten die (vermeintlich) wachsende Tendenz zur Politikverdrossenheit unter Schülerinnen und Schüler.1 Unabhängig davon, ob dieses Verdikt zutrifft, bietet das Lernen an außerschulischen politischen Lernorten die Möglichkeit, einen Lebensweltbezug des Unterrichts herzustellen und die Reduzierung von politischem Lernen auf einen kognitiven Wissenserwerb zugunsten eines handlungs- und problemlösungsorientierten Lernens aufzulösen. Dies kann m.E. am Besten gelingen, wenn der außerschulische Lernort in Beziehung zu gegenwärtig politisch relevanten Prozessen und Debatten steht. In der Stadt Potsdam existiert mit der Garnisonkirche ein Kristallisationspunkt für solche aktuellen politischen Fragen, die sich in der Debatte um deren Wiederaufbau wiederfinden: Fragen nach dem zukünftige Städtebau, der soziale Struktur der Stadt sowie ihrem erinnerungskulturellem Selbstverständnis.2

Diese Arbeit beginnt mit einem kursorischen Überblick über den erziehungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskurs über das Lernen an außerschulischen (politischen) Lernorten. Anschließend werden die Funktionen der Garnisonkirche im Rahmen von außerschulischem Lernen problematisiert. Danach werden didaktische Potentiale der Garnisonkirche für historisch-politisches Lernen aufgezeigt.

Das Nachdenken über außerschulisches Lernen und außerschulische Lernorte erfährt seit einigen Jahren in der erziehungswissenschaftlichen Debatte eine Renaissance. Die Wertschätzung für Lernaktivitäten außerhalb des Klassenzimmers hat eine lange Tradition, die bis in die Anfänge des neuzeitlichen Nachdenkens über Erziehung und Lernen zurückreicht. Zwei große Hochphasen der Wertschätzung außerschulischen Lernens bildeten die Erziehungs- und Bildungsdiskurse der Aufklärung und der Reformpädagogik.3 In der erziehungswissenschaftlichen Literatur werden als Potentiale von außerschulischem Lernen heute insbesondere dessen besondere Eignung für den Aufbau von Handlungs- und Problemlösungskompetenzen4, für den kompensatorischen Ausgleich von (vermeintlich) rückläufigen Primärerfahrungen, für lernpsychologisch angemessenes und intrinsisch motiviertes Lernen5 und für einen Realitätsbezug des Lernens herausgestellt.

Im Gegensatz zur Geschichtsdidaktik, die sich seit Jahrzehnten intensiv mit außerschulischem Lernen im Geschichtsunterricht auseinandersetzt6, nähert sich die Politikdidaktik diesem Feld in den letzten Jahren erst allmählich.7 Die politikdidaktischen Potentiale von außerschulischem politischen Lernen hat Ingo Juchler am Eingängigsten zusammengefasst: Dieses ermögliche, die fachlichen Inhalte des Politikunterrichts anschaulich zu vertiefen und fächerübergreifendes- und fächerverbindendes Lernen zu initiieren. Die Aura des authentischen politisch-historischen Ortes ermögliche ein emotionales Lernen mit allen Sinnen. Zudem eröffne außerschulisches Lernen in hohen Maße die Möglichkeit zu einer multiperspektivischen Betrachtungsweise, welche wiederum eine Verbesserung der politischen Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler ermögliche. Außerdem könne an außerschulischen politischen Lernorten die Selbsttätigkeit der Lernenden im Rahmen von handlungsorientiertem und entdeckendem Lernen besonders angeregt werden.8 Das Projekt ͣOrtstermine“9 kam in theoretischen und praktischen Untersuchungen zum Potential politischen Lernens an historischen Lernorten zu vergleichbaren Forschungsergebnisse.10

Die Potsdamer Garnisonkirche erfüllt die von Juchler und dem Projekt ͣOrtstermine“ beschriebenen Dimensionen und Potentiale außerschulischer politischer Lernorte nur in eingeschränkter Form, da sie seit ihrer Sprengung im Jahr 1968 nicht mehr existiert. Dadurch sind die Aura des Authentischen und die damit verbundene Anschaulichkeit nicht mehr gegeben. In der Folge wird gezeigt, dass die Garnisonkirche dennoch als außerschulischer Lernort und als Kristallisationspunkt für andere außerschulische Lernorte fungieren kann. Darüber hinaus wird der Garnisonkirche die Funktion eines Erinnerungsortes zugesprochen. Erst in diesem Verständnis erschließt sich das didaktische Potential der beiden anderen Funktionen in vollem Maße.

Der ehemalige Standort der Garnisonkirche ist im doppelten Sinne ein außerschulischer Lernort. Schülerinnen und Schüler können den ehemaligen Standort einerseits besuchen, um die stadtarchitektonische Wirkung dieses leeren Raumes zu reflektieren. Andererseits befindet sich in einer provisorisch errichten Kapelle neben dem ehemaligen Standort der Kirche die Ausstellung ͣFragmente und Perspektiven“ der Stiftung Garnisonkirche Potsdam. Im ersten Teil der Ausstellung werden einige wenige Originalexponate ausgestellt und die die Geschichte der Garnisonkirche anhand von einigen erklärenden Texten und historischen Quellen nachgezeichnet. Der zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der gegenwärtigen architektonischen Planung für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und deren geplante zukünftige Nutzung. Dieser Ort kann dementsprechend wie ein klassischer außerschulischer Lernort genutzt werden. Insbesondere bietet es sich an, diesen Ort für einen Unterrichtsgang zu Beginn einer Lerneinheit aufzusuchen, um dort Anregungen und Fragen für die weitere Auseinandersetzung mit der Garnisonkirche zu gewinnen.11 Die Lernchancen würden sich enorm vergrößern, wenn die Garnisonkirche bzw. der Turm der Garnisonkirche tatsächlich wiederaufgebaut wird.

Daneben hat die Garnisonkirche eine zweite Funktion im Rahmen von außerschulischem Lernen. Dadurch, dass der geplante Wiederaufbau zu einer politisch hochgradig aufgeladenen Debatte geführt hat, die auch in den nächsten Jahren nicht abebben wird, kann die Garnisonkirche zum Anknüpfungspunk für politisches Lernen an sehr unterschiedlichen außerpolitischen Lernorten werden. In den vergangenen Jahren wurde diese Debatte Ausgangspunkt für Sitzungen der Stadtverordnetensammlung, für Demonstrationen, Kundgebungen, ein Bürgerbegehren, für einen Bürgerdialog und eine unübersichtliche Anzahl von kleineren Veranstaltungen wie Lesungen, Diskussionen.12 Da auch in Zukunft mit solchen politischen Prozessen und Veranstaltungen zu rechnen ist, können diese Anknüpfungspunkte für das Aufsuchen unterschiedlicher stadtpolitischer außerschulischer Lernorte genutzt werden: die Stadtverordnetenversammlung, die Straße als politischer Ort etc. Eine dritte Funktion der Garnisonkirche ist erklärungsbedürftiger: die Garnisonkirche als Erinnerungsort. Diese Funktion bezieht sich auf das Konzept der ͣErinnerungsorte“ des französischen Historikers Paul Nora. In seinem mehrbändigen Werk zu den Erinnerungsorten Frankreichs unternahm Nora den Versuch, das kollektive Gedächtnis Frankreichs anhand von rund 130 Orten zu systematisieren, wobei darunter nicht nur physische Orte, sondern auch Mythen, Personen etc. zählen.13 Auch wenn die Garnisonkirche nicht in das deutsche Pendant zur Noras Werk14 aufgenommen wurde, erfüllt sie die Definition für einen Erinnerungsort: ͣEs handelt sich um langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Maße verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändern.“15 So verstanden ist der Ortsbegriff eine Metapher, wodurch dieser Ort nicht als abgeschlossene räumliche Wirklichkeit, sondern als politischer, sozialer, kultureller und imaginärer Raum des kollektiven Gedächtnis aufgefasst wird: ͣWir sprechen von einem Ort, der seine Bedeutung und seinen Sinn erst durch seine Bezüge und seine Stellung inmitten sich immer neu formierender Konstellationen und Beziehungen erhält.“16 In dieser Funktion ist die Garnisonkirche kein außerschulischer Lernort im klassischen Sinne, da die Literatur darunter immer die tatsächlich vorhandenen physischen Orte versteht. Die beiden ersten Funktionen erschließen sich Schülerinnen und Schüler in ihrer Komplexität und Bedeutung erst, wenn sie jeweils die Funktion als Erinnerungsort in ihre Analysen miteinbeziehen.

2. Anknüpfungspunkte für historisch-politische Bildung

Die Potsdamer Garnisonkirche hat seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1935 eine enorme religiöse, politische und historische Sinnaufladung erfahren.17 An der Geschichte dieses Gebäudes spiegelt sich die preußisch-deutsche Geschichte: Sie ist verbunden mit dem Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht, dem preußisch-deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der Zerstörung der Weimarer Republik, der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, der deutsch-deutschen Teilung und der Wiedervereinigung. In der Hof- und Garnisonkirche, wie sie die meiste Zeit ihres Bestehens hieß, wurden Soldaten auf die preußischen Kriege des 18. und 19. Jahrhunderts eingeschworen. In ihr wurde Friedrich II. gegen seinen Willen neben seinem verhassten Vater beerdigt. Der russische Zar Alexander I. und Napoleon Bonaparte versuchten die Strahlkraft dieses Ortes für propagandistische Zwecke zu nutzen. In der Kirchen wurden die feierlich geweihten Kriegstrophäen der antinapoleonischen Befreiungskriege und der Reichseinigungskriege ausgestellt, sodass die Kirche im Laufe des 19. Jahrhunderts zu ͣeiner Art Walhalla des preußisch-deutschen Aufstiegs zur europäischen Großmacht“18 avancierte. Mit dem ͣTag von Potsdam“ ist die Kirche ein internationales Symbol für die Kooperation von preußischen Eliten und nationalsozialistischer Bewegung geworden. In der DDR wurde sie aufgrund ihrer symbolischen Wirkung gesprengt und seit der Wiedervereinigung entfacht die Initiative zu ihrem Wiederaufbau einen erinnerungspolitischen Diskurs, der internationale Aufmerksamkeit erfährt. Aufgrund dieser besonderen Verbindung des Gebäudes mit der preußisch-deutschen Geschichte bietet die Garnisonkirche mannigfaltige Anknüpfungspunkte für historisch-politisches Lernen, von denen in der Folge nur einige aufgezeigt werden.

2.1. Die Garnisonkirche - steinerne Verschmelzung von Religion, Politik und Militär

Die Architektur und Nutzung der Potsdamer Garnisonkirche bieten ein hohes Maß an Lernchancen für die politische Bildung.

[...]


1 Vgl.: Henkenborg, Peter: Demokratie lernen und leben durch kognitive Anerkennung. Eine empirische Untersuchung zur Lehrerprofessionalität im Politikunterricht in Ostdeutschland, in: kursiv. Journal für Politische Bildung (2/2007), S.39.

2 Vgl.: Dieckmann, Christoph: Der Turmbau zu Potsdam, in: DIE ZEIT vom 7.08.2015.

3 Vgl.: Karpa, Dietrich/ Lübbecke, Gwendolin/ Adam, Bastian: Außerschulische Lernorte - Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele, in: Schulpädagogik heute 11/2005, S.1f.

4 Vgl.: Sauerborn, Petra/ Brühne, Thomas: Didaktik des außerschulischen Lernens, Baltmannsweiler 2014, S.10f.

5 Vgl.: Brühne, Thomas: Zur Didaktik des außerschulischen Lernens. Lernen zwischen Primärerfahrung und Handlungsorientierung, in: Praxis Schule 2/2011, S.4.

6 Für einen Überblick vgl.: Pleitner, Berit: Außerschulische historische Lernorte, in: Michelle Baricelli/ Martin Lücke (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, Bd.2, Schwalbach/Ts. 2012, S.290-308; Schreiber, Waltraud: Geschichte lernen an historischen Stätten: die historische Exkursion, in: Waltraud Schreiber (Hrsg.): Erste Begegnungen mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens, Bd.1, Neuried 1999, S.589-606 und Mayer, Ulrich: Historische Orte als Lernorte, in: Ulrich Mayer/ Hans-Jürgen Pandel/ Gerhard Schneider (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2007, S.389-407.

7 Vgl.: Juchler, Ingo: Außerschulische politische Lernorte in interdisziplinären Projekten am Beispiel des Bundesfinanzministerium, in: Ingo Juchler (Hrsg.): Projekte in der politischen Bildung, Bonn 2013, S.217-231 und Grillmeyer, Siegfried: 'Ortstermine'. Rahmenbedingungen eines Konzepts, in: Siegfried Grillmeyer/ Peter Wirtz (Hrsg.): Ortstermine 1, Schwalbach/Ts. 2006, S.9-22.

8 Vgl.: Juchler, a.a.O., S.218ff.

9 Vgl.: Grillmeyer/ Wirtz (2006) a.a.O.

10 Vgl.: Grillmeyer, Siegfried: 'Ortstermine'. Rahmenbedingungen eines Konzepts, in: Siegfried Grillmeyer, Peter Wirtz (Hrsg.): Ortstermine 1, Schwalbach/Ts. 2006, S.16ff.

11 Vgl.: Burk, Karlheinz/ Claussen, Claus: zur Methodik des Lernens außerhalb des Klassenzimmers, in: Karlheinz Burk/ Claus Claussen (Hrsg.): Lernorte außerhalb des Klassenzimmers II. Methoden - Praxisberichte - Hintergründe, Frankfurt(Main) 1981, S.23.

12 Vgl. z.B..: Röd, Ildiko: Kein Bürgerentscheid zur Garnisonkirche, in: MAZ vom 31.07.2014.

13 Vgl.: Nora, Pierre: Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005.

14 Vgl.: Francois, Etienne/ Schulze, Hagen (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd.1-3, München 2009.

15 Francois, Etienne/ Schulze, Hagen: Einleitung, in: Francois/Schulze, a.a.O., S.18.

16 Ebd.

17 Vgl.: Sabrow, Martin: Die Garnisonkirche in der deutschen Geschichtskultur, in: Michael Epkenhans/ Carmen Winkel (Hrsg.): Die Garnisonkirche Potsdam. Zwischen Mythos und Erinnerung, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien 2013, S.133.

18 Ebd. S.140.

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Details

Titel
Die Potsdamer Garnisonkirche im Politikunterricht. Außerschulischer Lernort, Kristallisationspunkt außerschulischen Lernens und Erinnerungsort
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V377666
ISBN (eBook)
9783668562721
ISBN (Buch)
9783668562738
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
potsdamer, garnisonkirche, politikunterricht, außerschulischer, lernort, kristallisationspunkt, lernens, erinnerungsort
Arbeit zitieren
Steffen Brumme (Autor), 2015, Die Potsdamer Garnisonkirche im Politikunterricht. Außerschulischer Lernort, Kristallisationspunkt außerschulischen Lernens und Erinnerungsort, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377666

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