Zur Begründung eines Mythos. Darstellung und Verklärung in Monographien

Literatur von Veteranen und deren Wahrheitsanspruch


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

Deckblatt

Gliederung

Einleitung

1. Freikorps

2. Mythos
2.1. Allgemeine Begriffsklärung
2.2. Politischer Mythos

3. Autoren

4. Truppe

5. Tod

6. Deutschland und die deutsche Regierung

7. Feinde und Freunde

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Welt hat es geschafft, dass Tatsachen in den Hintergrund rücken und Gefühle bzw. Wissen um eine Sache wichtiger sind als die Sache selbst. Im postfaktischen Zeitalter gilt es nicht mehr rein argumentativ zu diskutieren. Verschwörungstheoretiker schaffen es, herrschende Meinungen als Lüge hinzustellen. Dazwischen nimmt der Mythos seinen Platz. Keine grundsätzliche Lüge aber auch keine reine Wahrheitsanführung. In der Geschichte sind leider nicht in Gänze alle Vorgänge aus objektiven Quellen rekonstruierbar und man hat sich auf das Wenige, was vorhanden ist, zu verlassen. Die unbefriedigende Aktensituation zur Freikorpsbewegung zwingt die Geschichtswissenschaft subjektive Darstellungen in Form von Monographien der verschiedenen Freikorps- veteranen als Quelle zu nutzen. Dieser Zugang ist problematisch, denn er ist nicht objektiv. Die Monographien sind anzuzweifeln, aber nützlich um den lang nachwirkenden Mythos der verschiedenen Freikorpsbewegungen zu analysieren. Ziel ist es zu untersuchen, wie in Literatur von Veteranen des Baltikum-Freikorps und der Marine- Brigade Ehrhardt der eigene Mythos des heldenhaften Landsknechts konstruiert und an welche Traditionen angeknüpft wurde. Die Verklärung des wahren Wesens in den Darstellungen wird genauer Anhand der Autoren, der Darstellung der Truppe, des Feindes und des Tods untersucht. Dafür werden die Romane vom späteren NSDAP Mitglied Manfred von Killinger: „Ernstes und Heiteres aus dem Putschleben“, sowie des Freikorpsführers Rüdiger von der Goltz: „Meine Sendung in Finnland und im Baltikum“, wobei der Abschnitt im Baltikum der bedeutende ist, untersucht. Bernhard Sauer stellte bereits fest, dass die Freikorps im Baltikum „eher den Landsknechthaufen des Dreißigjährigen Krieges als einer regulären Armee“ glichen.1 Das allein reicht jedoch nicht aus um den Mythos zu begründen. Zuletzt befasste sich Matthias Sprenger mit der Mythosbildung über die Erinnerungsliteratur von Freikorpsveteranen. Zu den Standardwerken der Freikorpsforschung zählen „Freikorps und Republik 1918-1920“ von Hagen Schulze und „Der deutsche Bürgerkrieg“ von Hannsjoachim W. Koch. Weitere Forschungsliteratur bieten Boris Barth, Matthias Sprenger und Ingo Korzetz. Im Hinblick auf die Entstehung politisch stereotypischer Feindbilder und nachfolgend entstandener Mythen ist das Unternehmen der deutschen Freikorps im Baltikum der bedeutendste Abschnitt der Revolutionszeit.2 Die Marine-Brigade Ehrhardt war die stärkste von insgesamt drei Marine-Korps und wurde von der Regierung zur Niederschlagung der Münchner Räterepublik, dem versuchten Aufbau einer eigenständigen sozialistischen Republik, eingesetzt und war beteiligt am Kapp-Putsch, einem Putschversuch gegen die Weimarer Republik. Aufgrund der Agitationen der Marine-Brigade Ehrhardt und politischer Prominenz ist die Aufnahme einer Sichtweise eines Veteran aus dieser Formation zur Entlarvung des Mythos interessant.

1. Freikorps

Ein Freikorps ist eine in Deutschland Ende des Jahres 1918 entstandene Formation, die parallel zum traditionellen Heer gebildet worden ist.3 Es sind freiwillige Militärverbände4, die in der Zeit der neu gebildeten Weimarer Republik zur Bewahrung der inneren Ordnung dienlich sein sollten.5 Hierbei ist zu erwähnen, dass Truppen, die freiwillig neben dem regulären Heer für eine jeweilige Seite oder Sache bereits unter Friedrich dem Großen im siebenjährigen Krieg und während der Befreiungskriege eine wichtige Rolle spielten und eingesetzt worden sind.6 Die Hauptgründe der Entstehung zum Beginn des 20. Jahrhunderts liegen der Demontage des Gros des im ersten Weltkrieg aktiv gewesenen Heeres nach ihrer Heimkehr und dem Unvermögen der neuen Republik, ein Heer zu bilden, was treu ergeben und loyal gewesen ist, zugrunde. Diese neu entstandene Formationen sind nicht einheitlich aufgetreten und es muss, je nach ihrem Wirken und ihren Zielen sowie in ihrer Motivation, genauer differenziert und betrachtet werden. In der Forschung wird an mehreren stellen auf diese Eigenarten jener Formationen genauer eingegangen. Hagen Schulzes Ansicht ist, dass beim es sich beim Begriff des Freikorps nicht von einem „homogenen, strukturell und in Bezug auf seine Zielsetzung einheitlichen Körper gehandelt hätte.“7 Eine genaue Zahl, wie viele Freikorpsverbände sich innerhalb der Zeit gebildet haben, lässt sich nicht einheitlich beantworten. Es wird angenommen, dass es etwa 150 bis 200 Formationen gegeben hat.8 Schulze schätzt die Anzahl auf etwa 120 Verbände.9 Eine Gemeinsamkeit besteht in ihrer Aushebung und Führung. Stets waren es charismatische Führer, die keine Probleme hatten, in kürzester Zeit Mannschaften mit ihrem Namen aufzustellen und deren Führung sie dann ebenfalls übernahmen.10 Auf Wirken der damaligen Regierung hin bestanden die Freikorps offiziell nicht einmal zwei Jahre. Es wurde durch Verordnung der Regierung vom 29. Mai 1920 verboten sich zu einer Freikorpsformationen zusammenzuschließen, die Auflösung der Freikorps vollzog sich aber erst im Juni 1920.11 Offiziell verboten, bestanden Freikorps illegal oder halblegal weiter. Partiell in die Reichswehr oder in die Polizei übernommen, vernetzten sich andere in Arbeitsgemeinschaften, damit sich für eine Sache schnell wieder zusammengeschlossen werden konnte.12 Als französische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzten begann das endgültige Ableben der Freikorps.13 Es gab nicht das „eine“ Freikorps. Ihr Auftreten und Zusammensetzung war vielfältig und durchzog sämtliche Schichten. Den Abbau des rückgeführten Heeres nach dem ersten Weltkrieg kompensierte die Weimarer Regierung durch die Einsetzung von Freiwilligen. Diese waren jedoch schwer zu kontrollieren, waren sie nicht der Regierung, sondern einzelnen Führern ergeben. Der Kampf für ihr Land war weniger bedeutend.14 Die Rate der Kriminellen, die hauptsächlich ins Baltikum kamen um sich der Gerichtsbarkeit in Deutschland zu entziehen, war innerhalb der Einheiten sehr hoch.15 Der Umgang mit Banditen, Räubern und Plünderern war brutal. Zur Eindämmung von Straftaten war bei Missachtung eines von Freikorpseinheiten erlassenen Gesetzes das Strafmaß der Tod und wurde durch eine standgerichtliche Erschießung durchgeführt.16 Ebenfalls ist nicht außer Acht zu lassen, dass im Gegensatz zu der eigentlichen Armee die Besoldung im Baltikum relativ hoch ausfiel.17 Die Mischung aus Offizieren, anderen ehemals militärisch Aktiven, Menschen, die siedeln wollten oder nur ihr Glück im Ausland suchten und den Kriminellen, ließ die Freikorps im Baltikum wie eine Ansammlung von Landsknechte des Dreißigjährigen Kriegs erscheinen.18 Das Landsknechtwesen entwickelte sich im späten Mittelalter nach Schweizer Vorbild und war geprägt vom Söldnertum und einer eigenen Verwaltung.19 Das Söldnertum fand im Dreißigjährigen Krieg seine stärkste Ausprägung, im großen Stil fanden Anwerbungen statt. Das angesprochene bunte Bild der Landsknechte ergab sich durch ihre Kleidung, Bewaffnung, sowie ihrer Herkunft. Nur die wenigstens Einheiten waren uniformiert, die Großteil trug das, was einem gefiel und sich geleistet werden konnte, bei Waffen war es ähnlich.20 Landsknechte kamen aus allen Schichten. Es begaben sich freie, sowie unfreie Stadtbürger, Ausgebildete und Unausgebildete, als auch Adlige in den Dienst als Landsknecht.21 Adlige trieb es häufig aus Abenteuerlust in den Dienst, niederer Adel fand einen wirtschaftlichen Erwerb.22

2. Mythos

2.1. Allgemeine Begriffsklärung

In Anlehnung zum Altgriechischen finden sich für das Wort „Mythos“ Synonyme wie Überlieferung oder Erzählung.23 Eine einheitliche und geltende Definition zu „Mythos“ gibt es nicht.24 In der Forschung gelingt der Zugang zum Mythos sowohl über die Religions-, Bibel- und Kulturwissenschaft. Die wissenschaftliche Erforschung der Überlieferungen und Sagen ist die Mythologie. Aber auch die klassische Philologie, Archäologie und Philosophie haben eigene Methoden bei der Beschäftigung mit dem Mythos.25 Ein besonders wichtiger Faktor des Mythos liegt in seiner Erzählung. Eine Sache kann nicht von sich selbst aus zu einem Mythos werden. Mythen werden „von außen“ erschaffen. Einzig durch die Narration schafft es ein Mythos, dass sein Inhalt transportiert wird.26 Der Mythos ist eine sinngebende Narration, wobei das Bekannte das Unbekannte zu erklären versucht.27

2.2. Politischer Mythos

Der politische Mythos ist in der heutigen Forschung ein gängiger Begriff und beschreibt das Vorherrschen des politischen Gewichts innerhalb eines Mythos.28 Für Politik instrumentalisierte Gestalten und Bilder werden zu Teilen überhöht, andere reduziert und bekommen einen speziellen Einsatz.29 Unter anderem wird durch Zuspitzung von Inhalten eine Ordnungsstruktur gebildet, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe schafft und, noch entscheidender für alles politische, eine klare Abgrenzung zwischen Freund und Feind begründet.30 Die reduzierte Komplexität durch den Erhalt von Ordnungsstrukturen erzeugt in Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft klarere Weltbilder31 und lässt politische Konflikt- lösungen leichter durch Kampf erscheinen.32 Ein erwartetes Heilsversprechen kann das Überstehen einer Notlage und die Toten, die dann als Opfer des Kampfes emporgehoben werden, legitimieren.33 Seinen Mut unter Beweis zu stellen, das Leben im Krieg zu verlieren, sich selbst für sein Land zu opfern erschafft das Bild des Märtyrers, somit kann der Tod eines Kämpfers für eine ganze Gruppe oder gar ganze Bewegung stehen und macht den Verlust des Menschen annehmbarer.34 Es ist von keiner Bedeutung, ob der Gefallene oder die Gefallenen fehlerhaft waren oder fehlerhafte Entscheidungen trafen, da diese nicht feige für ein höheres Gut ihr Leben gaben und so mystisch zu Helden verklärt werden können.35 Ein politischer Mythos verfolgt das Ziel, durch über- und untertriebene Inhalte Gegebenheiten in Raum und Zeit umzuwichten und so das für die Erzählenden optimalste Geschehen darzustellen. Diese Verklärung gilt es anzugehen. Neben der Enthüllung der politischen Mythen als eben solche, liegt es in der Analyse von Inhalt, Entwicklung und Funktion der Mythen.36 Neben der Auflösung der Mythen muss darüber hinaus auf die Urheber der Mythen geachtet werden.

[...]


1 Sauer, Mythos, S. 875.

2 Barth, Dolchstoßlegenden, S. 255.

3 Schulze,Freikorps, S.22.

4 Koch, Bürgerkrieg, S. 40.

5 Sprenger, Landsknechte, S. 39.

6 Koch, Bürgerkrieg, S. 45.

7 Schulze, Freikorps, S. 34.

8 Korzetz, Freikorps, S. 45.

9 Schulze, Freikorps, S. 36.

10 Schulze, Freikorps, S. 37.

11 Ebd., S. 324 f.

12 Sprenger, Landsknechte, S. 45.

13 Ebd., S. 48.

14 Koch, Bürgerkrieg, S. 145.

15 Schulze, Freikorps, S. 136.

16 Goltz, S. 214.

17 Koch, Bürgerkrieg, S. 148.

18 Schulze, Freikorps, S. 137.

19 Baumann, Landsknechte, S. 37.

20 Ebd., S. 40 f.

21 Ebd., S. 65.

22 Ebd., S. 66.

23 „Mythos“ auf Duden online.

24 Hölkeskamp, Mythos, S.7.

25 Ebd., S.7.

26 Sprenger, Landsknechte, S. 32.

27 Hein, Mythosforschung, S. 3.

28 Sprenger, Landsknechte, S. 35.

29 Hein, Mythosforschung, S. 3.

30 Sprenger, Landsknechte, S. 35 f.

31 Hein, Mythosforschung, S. 4.

32 Sprenger, Landsknechte, S. 36.

33 Ebd., S. 36.

34 Ebd., S. 37.

35 Ebd., S. 37.

36 Hein, Mythosforschung, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zur Begründung eines Mythos. Darstellung und Verklärung in Monographien
Untertitel
Literatur von Veteranen und deren Wahrheitsanspruch
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V377997
ISBN (eBook)
9783668552340
ISBN (Buch)
9783668552357
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Begründung, Verschwörung, Monographien, Darstellung, Verklärung, Roman, Zweiter Weltkrieg, Veteranen, Killinger
Arbeit zitieren
Rick Stockrahm (Autor), 2017, Zur Begründung eines Mythos. Darstellung und Verklärung in Monographien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377997

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