Die Welt hat es geschafft, dass Tatsachen in den Hintergrund rücken und Gefühle bzw. Wissen um eine Sache wichtiger sind als die Sache selbst. Im postfaktischen Zeitalter gilt es nicht mehr rein argumentativ zu diskutieren. Verschwörungstheoretiker schaffen es, herrschende Meinungen als Lüge hinzustellen. Dazwischen nimmt der Mythos seinen Platz. Keine grundsätzliche Lüge aber auch keine reine Wahrheitsanführung. In der Geschichte sind leider nicht in Gänze alle Vorgänge aus objektiven Quellen rekonstruierbar und man hat sich auf das Wenige, was vorhanden ist, zu verlassen. Die unbefriedigende Aktensituation zur Freikorpsbewegung zwingt die Geschichtswissenschaft subjektive Darstellungen in Form von Monographien der verschiedenen Freikorpsveteranen als Quelle zu nutzen. Dieser Zugang ist problematisch, denn er ist nicht objektiv. Die Monographien sind anzuzweifeln, aber nützlich um den lang nachwirkenden Mythos der verschiedenen Freikorpsbewegungen zu analysieren.
Ziel ist es zu untersuchen, wie in Literatur von Veteranen des Baltikum-Freikorps und der Marine- Brigade Ehrhardt der eigene Mythos des heldenhaften Landsknechts konstruiert und an welche Traditionen angeknüpft wurde. Die Verklärung des wahren Wesens in den Darstellungen wird genauer Anhand der Autoren, der Darstellung der Truppe, des Feindes und des Tods untersucht. Dafür werden die Romane vom späteren NSDAP Mitglied Manfred von Killinger: „Ernstes und Heiteres aus dem Putschleben“, sowie des Freikorpsführers Rüdiger von der Goltz: „Meine Sendung in Finnland und im Baltikum“, wobei der Abschnitt im Baltikum der bedeutende ist, untersucht. Bernhard Sauer stellte bereits fest, dass die Freikorps im Baltikum „eher den Landsknechthaufen des Dreißigjährigen Krieges als einer regulären Armee“ glichen. Das allein reicht jedoch nicht aus um den Mythos zu begründen. Zuletzt befasste sich Matthias Sprenger mit der Mythosbildung über die Erinnerungsliteratur von Freikorpsveteranen. Zu den Standardwerken der Freikorpsforschung zählen „Freikorps und Republik 1918-1920“ von Hagen Schulze und „Der deutsche Bürgerkrieg“ von Hannsjoachim W. Koch. Weitere Forschungsliteratur bieten Boris Barth, Matthias Sprenger und Ingo Korzetz. Im Hinblick auf die Entstehung politisch stereotypischer Feindbilder und nachfolgend entstandener Mythen ist das Unternehmen der deutschen Freikorps im Baltikum der bedeutendste Abschnitt der Revolutionszeit.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Freikorps
2. Mythos
2.1. Allgemeine Begriffsklärung
2.2. Politischer Mythos
3. Autoren
4. Truppe
5. Tod
6. Deutschland und die deutsche Regierung
7. Feinde und Freunde
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie in der Erinnerungsliteratur von Veteranen des Baltikum-Freikorps und der Marine-Brigade Ehrhardt ein spezifischer Mythos des heldenhaften Landsknechts konstruiert wurde. Dabei analysiert der Autor die subjektive Verklärung der historischen Ereignisse durch die Darstellung der Akteure, der Truppenstruktur, der Feindbilder und der heroisierenden Todesinszenierung.
- Mythosbildung in der Veteranenliteratur der Zwischenkriegszeit
- Konstruktion des "Landsknecht"-Ideals als politisches Identitätsmerkmal
- Analyse der Selbstdarstellung von Freikorpsführern
- Verhältnis zwischen Freikorps und der Weimarer Regierung
- Rolle des Bolschewismus als zentrales Feindbild
Auszug aus dem Buch
2.2. Politischer Mythos
Der politische Mythos ist in der heutigen Forschung ein gängiger Begriff und beschreibt das Vorherrschen des politischen Gewichts innerhalb eines Mythos. Für Politik instrumentalisierte Gestalten und Bilder werden zu Teilen überhöht, andere reduziert und bekommen einen speziellen Einsatz. Unter anderem wird durch Zuspitzung von Inhalten eine Ordnungsstruktur gebildet, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe schafft und, noch entscheidender für alles politische, eine klare Abgrenzung zwischen Freund und Feind begründet.
Die reduzierte Komplexität durch den Erhalt von Ordnungsstrukturen erzeugt in Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft klarere Weltbilder und lässt politische Konfliktlösungen leichter durch Kampf erscheinen. Ein erwartetes Heilsversprechen kann das Überstehen einer Notlage und die Toten, die dann als Opfer des Kampfes emporgehoben werden, legitimieren.
Seinen Mut unter Beweis zu stellen, das Leben im Krieg zu verlieren, sich selbst für sein Land zu opfern erschafft das Bild des Märtyrers, somit kann der Tod eines Kämpfers für eine ganze Gruppe oder gar ganze Bewegung stehen und macht den Verlust des Menschen annehmbarer. Es ist von keiner Bedeutung, ob der Gefallene oder die Gefallenen fehlerhaft waren oder fehlerhafte Entscheidungen trafen, da diese nicht feige für ein höheres Gut ihr Leben gaben und so mystisch zu Helden verklärt werden können.
Ein politischer Mythos verfolgt das Ziel, durch über- und untertriebene Inhalte Gegebenheiten in Raum und Zeit umzuwichten und so das für die Erzählenden optimalste Geschehen darzustellen. Diese Verklärung gilt es anzugehen. Neben der Enthüllung der politischen Mythen als eben solche, liegt es in der Analyse von Inhalt, Entwicklung und Funktion der Mythen. Neben der Auflösung der Mythen muss darüber hinaus auf die Urheber der Mythen geachtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Mythenbildung in Freikorps-Monographien und Erläuterung der methodischen Herausforderungen durch subjektive Quellen.
1. Freikorps: Definition der Freikorps als freiwillige Militärverbände und Einordnung ihrer Rolle in der Weimarer Republik.
2. Mythos: Theoretische Grundlagen der Mythosforschung und Spezifizierung des Begriffs "Politischer Mythos" für den historischen Kontext.
3. Autoren: Vergleich der unterschiedlichen Selbstdarstellungen und literarischen Inszenierungen von Rüdiger von der Goltz und Manfred von Killinger.
4. Truppe: Untersuchung der internen Truppenstruktur, der Motivation der Kämpfer und der Anlehnung an das historische Landsknechtswesen.
5. Tod: Analyse der heroisierenden Stilisierung des soldatischen Todes in den untersuchten Werken.
6. Deutschland und die deutsche Regierung: Betrachtung des distanzierten und feindseligen Verhältnisses der Freikorpsveteranen zur Weimarer Regierung.
7. Feinde und Freunde: Untersuchung der dualistischen Weltsicht und der zentralen Feindbilder, insbesondere des Bolschewismus.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Mythenbildung und Erkenntnis, dass die Autoren ihre Truppen trotz unterschiedlicher Nuancen als "Landsknechte" für den Kampf gegen den Bolschewismus verklärten.
Schlüsselwörter
Freikorps, Mythos, Zwischenkriegszeit, Landsknechte, Baltikum, Marine-Brigade Ehrhardt, Rüdiger von der Goltz, Manfred von Killinger, Bolschewismus, Erinnerungsliteratur, Politischer Mythos, Weimarer Republik, Heldenverehrung, Soldatentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mythenbildung innerhalb von Monographien ehemaliger Freikorpsmitglieder in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Konstruktion eines "Landsknecht"-Mythos, die Darstellung des Gegners, das Verhältnis zur Weimarer Regierung und die Heroisierung des Kampfes und des Todes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, wie Veteranen des Baltikum-Freikorps und der Marine-Brigade Ehrhardt ihr eigenes Handeln als heroischen Landsknecht-Mythos konstruierten und an welche historischen Traditionen sie dabei anknüpften.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse von Erinnerungsliteratur (Monographien von von der Goltz und von Killinger), um die subjektiven Verzerrungen und politischen Mythenbildungen offenzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Themenkomplexe wie die Definition der Freikorps, die psychologische Funktion politischer Mythen, die Rolle der Autoren, die Truppendarstellung sowie die Feindbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Freikorps, Landsknechte, politischer Mythos, Baltikum und Bolschewismus.
Wie wird das Verhältnis der Autoren zur Weimarer Regierung beschrieben?
Beide Autoren hegen eine tiefe Ablehnung gegenüber der Regierung in Weimar, die sie als unfähig und als Verräter an den "ehrenhaften" Zielen ihrer Truppen darstellen.
Warum ist der Begriff "Landsknecht" für diese Untersuchung so wichtig?
Er dient als zentrales Identitätsmerkmal, mit dem die Autoren ihre Einheiten von regulären Soldaten abgrenzen und den Bruch mit staatlichen Strukturen sowie die bewusste Gewaltanwendung rechtfertigen.
- Quote paper
- Rick Stockrahm (Author), 2017, Zur Begründung eines Mythos. Darstellung und Verklärung in Monographien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377997