Entberuflichung als identitätsverändernder Übergang

Was verändert der Ruhestand im Menschen?


Studienarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Falldarstellung
1.2 Relevanz für die Soziale Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2. Theoretisches Fundament
2.1 Begriffsbestimmungen
2.1.1 Entberuflichung
2.1.2 Identität
2.2 Identitätstheorien
2.2.1 Identitätstheorie nach Mead
2.2.2 Identitätstheorie nach Goffmann

3. Life-Coaching als Interventionsmethode
3.1 Vorstellung der Methode
3.2 Lösungsansatz im Fall
3.2.1 Übergänge planen und gestalten
3.2.2 Professionelle Beziehungsarbeit
3.2.3 Gesundheitsprävention als Gesamtziel

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“ (Morgenstern, 1986)

1. Einleitung

Der Übergang in den Ruhestand[1] beziehungsweise die geheißene Entberuflichung durch Alter stellt zumeist ein einschneidendes Erlebnis für den Betroffenen[2] dar. Berufliche Verpflichtungen ermöglichen oftmals stabile soziale Kontakte und geben zudem Zeit- und Alltagsstrukturierungen vor. Der Wegfall langjähriger Arbeitskollegen sowie Arbeitszeiten kann negative Auswirkungen auf das persönliche Erleben mit sich bringen (vgl. Glinka in Schroer et al, 2013: 762). Die Verabschiedung in den Ruhestand bedeutet in den meisten Fällen, dass vertraute Gewohnheiten abgelegt werden müssen und „ der Biografieträger erlebt sich zunächst in einer Situation, die sich durch einen verschwommenen Sinnhorizont, in der die Zeit passiv verläuft und keine Handlungsoptionen erkennbar sind. “ (ebd., 2013: 763). Nach Bauer nimmt der gewählte Beruf einen enormen Stellenwert in der postmodernen Welt ein, denn daraus soll das Individuum seine individuelle Befriedigung schöpfen und Selbstverwirklichung betreiben. Der Zusammenhang zwischen Beruf und Glück wird in der Leistungsgesellschaft nicht widersprüchig etikettiert. Es ist nicht verwunderlich, dass das eigene Betätigungsfeld bereits in jungen Jahren einen hohen Beitrag zur persönlichen Identitätsfindung leistet und bis zum hohen Alter anhält (vgl. Bauer, 2015: 9-12). Dementsprechend sorgt die Entberuflichung dafür, dass der Betroffene eine identitätsirritierende Phase durchlebt. Dies tritt vor allem dann auf, wenn die Verabschiedung in den Ruhestand unfreiwillig geschieht. Genau in diesem Szenario fühlt sich der Betroffene zunächst fremdbestimmt und im intentionalen Tun gehemmt. Daher besteht die absolute Notwendigkeit der Analyse, wie die genannten Erleidensprozesse gemindert werden können (vgl. Glinka in Schroer et al, 2013: 764-765).

1.1 Falldarstellung

„Ich[3] erinnere mich an den sonnigen Tag, als ich mit Stolz mein zweites Staatsexamen abschloss. Ich feierte dieses Ereignis ausgiebig. Aufgeregt blickte ich in die Zukunft. Ich malte mir eine steile Karriereleiter aus. Ich war schon immer fleißig und das Lernen bereitete mir wenig Kummer. All das ist nun 45 Jahre her. Was ist seitdem passiert? Tatsächlich wurde ich ein gefragter Familienanwalt und übernahm nach einigen Jahren Berufserfahrung gemeinsam mit einem befreundeten und geschätzten Kollegen eine Kanzlei in Mannheim. Wir arbeiteten viel und die Anfänge waren nicht einfach. Nachdem ich mich beruflich stabilisierte, lernte ich eine tolle Frau kennen und gründete eine Familie. Wir haben vier wunderbare Kinder. Meine Frau war Grundschullehrerin, kümmerte sich zum späteren Zeitpunkt jedoch ausschließlich um die Kindererziehung. Ich war dagegen der klassische Verdiener. Ich fühlte mich sehr wohl in meiner Rolle und arbeitete meistens auch an den Wochenenden. Solch eine große Familie musste entsprechend versorgt werden. Ich mochte meinen Beruf. Es machte mir nur manchmal etwas aus in der Kanzlei zu sein, wenn sich die Arbeit schlagartig verdoppelte. Dann fühlte ich mich verantwortlich meine Arbeit trotzdem qualitativ gut zu machen. Natürlich wollte ich auch als erfolgreich angesehen werden, doch meine Frau wusste mein Engagement nicht zu schätzen. Sie ermahnte mich, dass der Beruf nicht alles sein kann. Warum erzähle meine Lebensgeschichte? Seit ich etwa ein halbes Jahr im Ruhestand bin, fühle ich mich leer. Die Kinder sind längst ausgezogen und haben ihr eigenes Leben. Sie besuchen uns zurzeit seltener, da sie sehr beschäftigt sind. Im Haus ist es still geworden. Mir fehlt tatsächlich der Stress, obwohl ich das nie gedacht hätte. Eigentlich sehnte ich mich nach Ruhe. Morgens komme ich nur schwer aus dem Bett, obwohl ich seit ich denken kann ein Frühaufsteher war. Ich habe auch bereits alle liegen gebliebenen Aufgaben aus meiner erstellten To-Do-Liste erledigt, die ich mir für den Ruhestand fest vorgenommen hatte. Der Keller wurde bereits entrümpelt, die Akten sortiert und abgearbeitet. Selbst einen Kochkurs besuchten meine Frau und ich ebenfalls. Ich fühle mich einerseits befreit von der ganzen Verantwortung, doch gerne würde ich die Zeit etwas zurückdrehen. Nun halte ich meinen Rentenbescheid in beiden Händen und weiß einfach nichts damit anzufangen.“

1.2 Relevanz für die Soziale Arbeit

Der Bedarf an psychosozialen Fachkräften nimmt kontinuierlich zu. Laut neuester Erkenntnisse der Lebenslaufforschung verarbeiten Individuen typische Lebensübergänge auf unterschiedliche Weise. Die Verabschiedung in den Ruhestand ist ein vorhersehbares Ereignis und bedarf bereits einer vorherigen Planung am Arbeitsplatz, da sie mit vielen Problemlöse- und Entscheidungsprozessen einhergeht. Nicht selten löst die Phase der Entberuflichung eine defizitorientierte Haltung beim Betroffenen aus. Die zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit besteht darin, dass personale und soziale Ressourcen gestärkt und wieder in den Vordergrund gerückt werden. Durch ressourcenorientierte[4] Beratungssettings können im Allgemeinen Übergänge aktiv gestaltet werden. Der Betroffene erfährt durch sozialarbeiterische Einflüsse neuartige Denk- und Handlungsweisen. Eine vielversprechende Interventionsmöglichkeit psychosozialer Fachkräfte ist das Life-Coaching[5] ganz im Sinne des lebensweltorientierten[6] Ansatzes nach Thiersch. Entscheidend ist nicht nur der vorgefundene Sachverhalt, sondern wie die eigene Lebensführung erlebt und wahrgenommen wird. Die Bewusstmachung ist ein relevanter Schritt, damit Reflexionsprozesse angeregt werden können. Übergänge im Lebenslauf bieten demnach Möglichkeiten zur Neuorientierung (vgl. Gahleitner & Hahn, 2012: 9-13). Weiterhin fließen Identitätskonzepte mit ein, die in der Sozialen Arbeit einen hohen Stellenwert einnehmen konnten. Die frühe Vorbereitung der Entberuflichung kann eine spürbare Lebenskrise verhindern. Psychosoziale Fachkräfte verfolgen dabei diverse Ziele, die auf den nachfolgenden Seiten ausführlich erläutert werden. Nachdem die eigene Reflexionsfähigkeit der Führungskraft bezüglich eigener Verhaltensweisen gesteigert wird, erfolgt die Reduzierung individueller Stressoren (vgl. Schneider, 2012: 108).

1.3 Aufbau der Arbeit

Zuallererst verdeutlicht die Ausarbeitung, dass die Thematik der Entberuflichung nicht vernachlässigt und vor allem nicht unerwähnt bleiben darf. Im Alter sind Aspekte wie Gesundheit und Wohlbefinden gefährdet. Gerade in dieser klassischen Übergangsphase der Entberuflichung nehmen nicht nur körperliche Beschwerden zu, sondern auch psychische Unruhezustände bis hin zu Symptomen einer klinischen Depression nach ICD-10[7], die durch individuelle Verlusterfahrungen und einen hohen Stresspegel ausgelöst werden. Der hohe Stresspegel entsteht durch die neugewonnene Freiheit, die allerdings einem Zwangscharakter gleicht und neue Lebensstrukturen zur Überforderung beitragen. Die Lebensbewältigung im Alter bedarf deshalb einer professionellen Unterstützung, die die Ausarbeitung in aller Deutlichkeit thematisieren möchte. Eine vorzeitige Pathologisierung[8] der Falldarstellung wird allerdings vermieden, da die Autorin ein salutogenetisches[9] Verständnis einnimmt, jedoch auf die psychosozialen Folgen der sozialen Isolation[10] älterer Menschen verweisen möchte. Eine qualitativ hochwertige Beratung ist eine anerkannte Maßnahme der individuellen Gesundheitsförderung (vgl. Filipp & Schmidt in Oerter & Montada, 1998: 481). Die Soziale Arbeit ist eine professionelle Handlungsdisziplin, die multiperspektivische Sichtweisen erlaubt. Der theoretische Teil dient vor allem dazu, dass sich Leser den Begriffsbestimmungen in aller Ausführlichkeit nähern. Danach finden die Identitätstheorien nach Mead und Goffmann ihre Berücksichtigung. Erst dann erfolgt der praktische Teil der Ausarbeitung. Hauptsächlich werden hierbei das konkrete Fallbeispiel aufgearbeitet und Lösungsschritte aufgezeigt. Hierbei finden wissenschaftlich fundierte Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit ihre Anwendung. Zudem erfolgt eine kritische Schlussbetrachtung der Autorin. Im Anhang erzählt Herr Krause seine individuelle Erfahrung mit Life-Coaching und wie es ihm danach ergangen ist.

2. Theoretisches Fundament

2.1 Begriffsbestimmungen

Da die Begriffsbestimmungen Entberuflichung und Identität relevant für den fachlichen Terminus sind, werden sie nun einleitend näher bestimmt. Die Begriffe werden in der gesamten Arbeit erwähnt.

[...]


[1] Der demographische Wandel geht mit steigenden Zahlen älterer Menschen einher. Laut Hübner werden in den kommenden Jahren immer mehr Menschen den Übergang in den Ruhestand erleben, der einer aktiven Gestaltung bedarf. Dauerhafte präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen sind erforderlich, damit ältere Generationen auch in der Nacherwerbsphase eine qualitativ hochwertige Zeit verspüren. Das subjektive Wohlbefinden im Alter nimmt somit einen hohen Stellenwert ein als jemals zuvor (vgl. Hübner, 2016: 2).

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der gesamten schriftlichen Ausführung auf den Gebrauch der weiblichen Sprachform verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

[3] Es handelt sich hierbei um die subjektive Erzählung eines fiktiven Charakters- Herrn Krause. Sämtliche Passagen wurden frei erfunden und dienen lediglich zur Veranschaulichung einer Problemdarstellung aus dem sozialarbeiterischen Tätigkeitsfeld. Persönliche Rechte werden in der Ausarbeitung nicht verletzt.

[4] Eigene Ressourcen müssen vom Betroffenen zunächst erkannt werden. Erst dann können diese gezielt genutzt werden. Im letzten Schritt der Beratung können vorhandene Ressourcen zusätzlich gestärkt werden. Die Fokussierung dient dazu, dass Betroffene ein verbessertes Selbstmanagement betreiben können. Die Autonomie der Führungskraft soll erhalten bleiben. Das Gesundheitsmanagament sieht vor, gesundheitsgefährdete Verhaltensmuster zu reduzieren (vgl. Schneider, 2012: 108).

[5] Life-Coaching wird zunehmend von Fach- und Führungskräften im Rahmen der Personal- und Organisationsentwicklung in Anspruch genommen. Die professionelle Beratung befasst sich mit existenziellen beziehungsweise philosophischen Fragestellungen zur Lebensführung (vgl. Buer & Schmidt-Lellek, 2008: 20-23).

[6] Die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch berücksichtigt das subjektive Wohlbefinden eines Menschen und ermöglicht somit eine phänomenologische Sichtweise. Der Ansatz berücksichtigt die Alltagswelt des Adressaten und analysiert soziale Beziehungsgefüge, kulturelle Traditionen sowie vorhandene Identitätskonzepte (vgl. Thiersch in Thole, 2012: 185-186).

[7] ICD-10 stellt die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme dar. F43 wird zwar den psychischen Verhaltensstörungen zugeordnet, doch betont wird die individuelle Vulnerabilität. Diese hat Einfluss darauf, wie psychosoziale Belastungen verkraftet werden (vgl. Deutsches Institut für medizinische Dokumentation in Graubner, 2014: 193)

[8] Eine Pathologisierung erfolgt, wenn „ eine Verhaltensweise oder eine Empfindung als krankhaft bewertet “ wird (Duden Online, 2017).

[9] Nach dem salutogenesischen Modell sind neue Anforderungen als positiv betrachtete Herausforderungen zu sehen. Weiterhin gibt es nach dem Verständnis vorhandene Ressourcen, um Anforderungen im Leben zu bewerkstelligen. Weiterhin sind gewisse Lebensereignisse wie die eigene Entberuflichung vorhersehbar. Eine vorherige Strukturierung ist somit möglich (vgl. Schneider, 2012: 29).

[10] Die soziale Isolation ist „ ein Zustand des Alleinseins, den ein Mensch als vom anderen auferlegt empfindet und als negativ oder bedrohlich erlebt “ (Gansch et al in Weissenbacher & Horvath, 2008: 208).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Entberuflichung als identitätsverändernder Übergang
Untertitel
Was verändert der Ruhestand im Menschen?
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg  (Fakultät für Sozial- und Rechtswissenschaft)
Note
1,2
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V378574
ISBN (eBook)
9783668557673
ISBN (Buch)
9783668557680
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entberuflichung, Identität, Übergang, Ruheszustand, Rente, Alter
Arbeit zitieren
M.A Nadja Ksiazek (Autor:in), 2017, Entberuflichung als identitätsverändernder Übergang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378574

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