Kohlbergs moralische Ansätze und seine Bedeutung für die pädagogische und psychologische Praxis


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll Lawrence Kohlbergs Bedeutung für die pädagogische und psychologische Praxis dargestellt werden. Hierbei wird sein Stufenmodell dazu dienen, theoretische Aspekte näher zu beleuchten. Wichtige Ergebnisse zur Erklärung des Sachverhaltes, liefert Kohlbergs Theorie des bewusst moralischen Entscheidens. Dazu wird der Begriff der Moral weiter in den Vordergrund gerückt, um das moralische Handeln in Beziehung zur Autonomie zu setzen. Laut Kohlberg basiert das Stadium menschlicher Entwicklung auf der Moralphilosophie, deren erste empirische Untersuchungen von dem berühmten Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget durchgeführt worden sind. Anders als Piaget, dessen Beobachtungen zur Moralentwicklung bei etwa dreijährigen Kindern begannen und bei etwa elfjährigen endeten, geht es bei Kohlberg darum, die Entwicklung des moralischen Urteils und der moralischen Argumentation während des Jugendalters zu verfolgen. Kohlbergs Motivation besteht also im Wesentlichen in der potentiellen Bedeutung, die Untersuchungen über die moralische Entwicklung für die pädagogische und klinische Praxis erlangen können. Kohlbergs Ansatz des moralischen Urteilens gründet sich auf philosophischen und psychologischen Vorannahmen. Um deren Komlpexität besser verstehen zu können soll Kohlbergs Auffassung des kognitiven Entwicklungsmodells näher analysiert werden. Dieses Modell liefert den allgemeinen Ansatz zum psychologischen Studium der Entwicklung des Denkens. Darin anschließend wird die Beschreibung des moralischen Urteilens den Focus bilden, wobei die Betrachtung der einzelnen Stadien des Stufenmodells in den Vordergrund rückt.

Da in den folgenden Kapiteln der Begriff der Moral den Kern bildet muss man sich zunächst auf die Entwicklungstheorie der Moral konzentrieren.

2. Theorie der moralischen Entwicklung

In diesem Kapitel geht es um die systematische Schilderung der gegenwärtig bedeutsamsten Theorie der Moralentwicklung: derjenigen von Lawrence Kohlberg. Es werden einige Grundbegriffe eingeführt, die nicht allein für Kohlbergs Theorie, sondern für eine ganze entwicklungspsychologische Strömung zentral sind. Dabei werden einige Grundannahmen Kohlbergs besonders betont. Anschließend wird das auf Kohlberg zurückgehende Modell der Moralentwicklung dargestellt.

Lawrence Kohlberg griff die Grundgedanken Piagets auf und wendete diese auf den Bereich der Moral an und entwarf eine Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens.

Laut Kohlberg stellt die gesamte kognitive Entwicklung des Menschen einen immerwährenden Versuch dar, die Welt zu verstehen. Somit findet ein „Aufbau der Wirklichkeit“1 statt. Kinder konstruieren selbst ihre Sicht auf die Welt und übernehmen diese daher nicht einfach vom Erwachsenen. Kohlbergs Auffassung nach bedingt kognitives Wachstum die Veränderung in der Weltauffassung. Hierbei betrachtet er den sich entwickelten Menschen als Philosophen, der sich mit bestimmten Erfahrungswerten bezüglich der Fragen der Zeit, des Raumes, der Realität und der Vorstellung der Identität und dem Gut und Bösen auseinander setzt. Dies heißt also, dass das Kind Erfahrungen und Schlussfolgerungen in Beziehung zueinander setzt und sich somit ein Bild von der Wirklichkeit macht und sich seine eigene Weltsicht aufbaut. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Menschen als aktiv lernende Persönlichkeiten betrachtet werden, die nicht nur von ihrer Umwelt geprägt sind.2 Die Grundannahme des Konstruktivismus, die für Piaget ebenso fundamental ist, wird von Leo Montada einfach zusammengefasst:

„ Der Mensch selbst wird als Gestalter seiner Entwicklung betrachtet. […] Dieser reflexive Mensch reagiert nicht mechanisch auf äußere Reize, seine Entwicklung ist nicht nur biologische Reifung, er handelt ziel- und zukunftsorientiert und gestaltet damit seine Entwicklung mit.“3

Kohlbergs Ansatz der kognitiven Entwicklung beruht auf bestimmten Grundbegriffen und -annahmen: Strukturalismus, Phänomenalismus, Interaktionismus, kognitive Stufen, Selbst, Rollenübernahme und Gleichgewicht.4

Kohlberg versucht mit seiner Theorie die Strukturen darzustellen, die zur Lösung von sozialen und moralischen Problemen eingesetzt werden. Sein entwicklungspsychologisches System stellt somit ein Untersuchungsverfahren über kognitive Muster dar. Demnach können Aussagen über den Prozess der Problemlösung, sowie über den Aufbau und die Verwendung solcher Urteilsmuster getroffen werden. Darüber hinaus umfasst es eine Theorie über die Abfolge moralisch kognitiver Strukturen: die Stufentheorie des moralischen Urteilens.

2.1 Stufentheorie des moralischen Urteilens

Kohlberg nutzte sein Stufenmodell um Denkweisen verschiedenster Grundlagen in Bezug zu Interaktionsprozessen und zwischenmenschlichen Konfliktsituationen darzustellen. Seine Ansicht gegenüber Moralvorstellungen, welche im späteren Verlauf dieser Arbeit noch zu Geltung kommen, wird ebenfalls in seiner Stufentheorie deutlich. Die Untergliederung erfolgt in drei Hauptebenen mit insgesamt sechs unmissverständlich bestimmbaren Stufen. Jede Stufe hat ihren eigenen Standpunkt und kann somit auf die verschiedenen Konfliktsituationen angewandt werden. Der Verlauf der moralischen Ebenen gilt als universell und in der Abfolge unveränderlich, jedoch ist Tempo und der Endpunkt der Entwicklung von Person und Kultur abhängig und dadurch auch unbeständig und wechselhaft. Dabei geht es Kohlberg nicht um den Aspekt der Kultur oder dem individuellen moralischem Ermessen, seine sechs Stufen zeigen vordergründig Form oder Struktur des moralischen Urteilens auf. Auf jeder Stufe urteilen Menschen sehr unterschiedlich über Richtig und Falsch. Moralische Urteile werden auf höheren Stufen differenzierter und mit wachsender Empathie und Gerechtigkeit getroffen.

Kohlbergs drei Hauptebenen untergliedern sich in die präkonventionelle-, konventionelleund postkonventionelle Ebene. Jede Ebene wird in jeweils zwei Stufen unterteilt.

In der präkonventionellen Ebene ( Stufen 1 und 2 ) befindet sich der Mensch in einer Perspektive der Autoritätsmoral. Hierbei erfolgt sein Handeln nach „richtig“ und „falsch“, dieser Aspekt wird in Hinsicht der Regelbefolgung geleitet, um Bestrafung zu vermeiden. Wobei sich Stufe 1 immer noch darauf bezieht die Konsequenzen einer fälschlichen Handlung einseitig zu betrachten, also nur im Sinne von Lohn und Strafe, bezieht sich Stufe 2 schon auf die Wechselwirkung zwischenmenschlicher Konflikte. Es wird verstanden das Moral nun nicht mehr in einseitig, sondern gegenseitig ist und sich auf Wechselbeziehungen beläuft. Die konventionelle Ebene (Stufe 3und 4) richtet sich nach dem gesellschaftlichem Bilde, nicht in der Bedeutung, dass der Mensch sich mit seiner Gesellschaft identifiziert, aber es wird wie in Stufe 3 auf Vertrauen gebaut und Wertschätzung, Dankbarkeit gegenüber anderen Personen wird empfunden. Anders als in Stufe 2 werden in Stufe 3 nicht nur eigene Konsequenzen von „richtig“ oder „falsch“ wahr genommen, sondern dass das eigene Verhalten auf das Wohlergehen anderer ausgerichtet ist und nicht nur auf den Lohn eines selbst. Stufe 4 bezieht sich jetzt ganz und gar auf gesellschaftliche Perspektiven. Individuelle Standpunkte und Bedürfnisse werden erkannt. Einzelne Gruppen gelten als Bestandteil der Gesellschaft mit ihren jeweils eigenen Erwartungshaltungen. Wohingegen sich aber jeder an Rechte und Pflichten zu halten hat, Gesetze treten in den Vordergrund. Auf der postkonventionellen ( Stufe 5 und Stufe 6 ) oder auch Prinzipienebene geht, anders als in den vorherigen Ebenen und Stufen, das Denken des Menschen über die Gesellschaft hinaus. Die soziale Realität wird mit Hilfe von eigenen Prinzipien beurteilt. Dinge wie, Freiheit, Gleichheit, Wohltätigkeit zählen zu jenen Prinzipien, deren positive Werte, den zumeist negativen Anschein moralischer Regeln, hinter sich lassen. In Stufe 5 wird deutlich, inwiefern sich moralische Prinzipien auf allgemeine Grundrechte beziehen. Sie haben Vorrang in Konfliktsituationen und übersteigen konkrete Gesetze und kulturell bedingte Aneignungen.

Die Bedeutung von Gesetzen und Gebräuchen werden durch allgemeine moralische Prinzipien betrachtet.

Kohlberg führt in seinen Ausführungen 6 Stufen des moralischen Urteilens auf. Durch das Auftreten neuer empirisch verbesserter Beschreibungen der einzelnen Stufen trat im Laufe der Zeit die Stufe 6 immer mehr in den Hintergrund. Inhaltlich basiert diese Stufe auf der Theorie, dass jeder Mensch seinen Zweck in sich selbst trägt und entsprechend behandelt werden muss.5 Stufe 6 bildet den Endpunkt auf Kohlbergs Entwicklungsleiter, wohingegen jedoch ihre genaue Definition und ihr empirischer Status unsicher geblieben sind. Trotz allem blieb für Kohlberg der Sinngegenstand des charakteristischen Urteilens ein Hauptgegenstand seines Interesses. Stufe 6 definiert für ihn vom theoretischen und philosophischen Ansatz her, das „reine Wesen“ der Gerechtigkeit.6

2.2 Die Beziehung von moralischem Urteil und moralischem Handeln

Nach vielen Studien und Untersuchungen, welchen Kohlberg nachgegangen ist, wie zum Beispiel auch dem Experiment von Hartshorne, May und Mitarbeitern (1928 - 30), sieht Kohlberg, entgegen deren Meinungen, dass es einen festen Zusammenhang zwischen Urteil und Handeln gibt.7 Moralische Handlungen hängen ihm nach von der Konformität mit einer Norm, der Intention oder auch von Konsequenzen, die über Interesse oder Gefühl bestimmt werden, ab. Der Mensch handelt nicht moralisch indem er Konsequenzen oder Folgen voraus sieht, sondern er geht nach seiner Intention, so Kohlberg. Es ist moralischer Natur, wenn ein prinzipiengeleiteter Konsens besteht. Sein Verständnis für moralisches Urteilen liegt in der Unterscheidung von deontischen Urteilen, das bestimmt was richtig ist, und dem Urteilen der Verantwortlichkeit.

[...]


1 Oser/Althof: Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Stuttgart 1994, S. 42.

2 Vgl. Kuhmerker/Gielen/Hayes: Kohlberg. Seine Bedeutung für die pädagogische und psychologische Praxis. München 1996, S. 35f.

3 Montada: Themen, Traditionen, Trends. In R. Oerter & L. Montada, Entwicklungspsychologie. München, Weinheim: Psychologie Verlags Union (2., erw. Aufl.), München 1987, S. 3-86.

4 Weiterführend bei Kuhmerker, siehe Anm. 2, hier S. 35 fff.

5 Siehe Tabelle 2.2: Sechs Stufen des moralischen Urteilens. In: Oser/Althof, Anm. 1, hier S.64f.

6 Vgl. Kuhmerker: siehe Anm. 2, hier S .48f.

7 Vgl. Oser/Althof: siehe Anm. 1,hier S. 228f.

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Details

Titel
Kohlbergs moralische Ansätze und seine Bedeutung für die pädagogische und psychologische Praxis
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V378833
ISBN (eBook)
9783668559936
ISBN (Buch)
9783668559943
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kohlbergs, ansätze, bedeutung, praxis
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Kohlbergs moralische Ansätze und seine Bedeutung für die pädagogische und psychologische Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378833

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