Die Titelfigur aus Kleists Novelle "Die Marquise von O..." befindet sich nach dem Tod ihres ersten Mannes als Witwe zunächst wieder in der Obhut des Vaters und damit in einem Zustand der Fremdbestimmung. Sobald ihre vorerst unerklärliche Schwangerschaft jedoch als tatsächlich bewiesen gilt, wird mit dem Auszug auf ihren Landsitz ein fortschreitender Selbstbestimmungsprozess in Gang gesetzt.
In dieser Arbeit soll näher auf diese Thesen eingegangen und zudem untersucht werden, ob eben diese Tendenz der aufkommenden Selbstbestimmung mit der erneuten Rückkehr in das elterliche Haus und der zweiten Ehe später wieder revidiert wird und die Marquise wieder in ihre alten Verhaltens- und Abhängigkeitsmuster zurückfällt.
Inhaltsverzeichnis
1 Patriarchalisch geprägte Kleinfamilien-Strukturen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
2 Kleists Marquise von O… und ihre Entwicklung von der Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung?
2.1 Die Marquise von O als Teil der patriarchalischen Familienstruktur
2.1.1 Beziehung zum Vater als Repräsentant der Männerwelt
2.1.2 Beziehung zur Mutter unmittelbar nach dem Vertrauensverlust
2.2 Persönliche Entwicklung nach dem elterlichen Verstoß
2.2.1 Emanzipation und Prozess der Selbstfindung am Landgut
2.2.2 Die Öffentlichmachung ihrer Situation und die Abweisung des Grafen
2.3 Rückkehr in die Enge des Elternhauses
2.3.1 Handlung nach den Vorgaben der Mutter
2.3.2 Aussöhnung mit dem Vater und seine erneute Verfügungsgewalt
2.4 Heirat mit dem Grafen, dem väterlichen „Rivalen“
2.4.1 Zweckehe ohne Rechte eines Ehemanns
2.4.2 Zweite Hochzeit unter geänderten Voraussetzungen
3 Selbständigkeit mit Einschränkungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Emanzipationsprozess der Titelfigur in Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O…“. Dabei wird analysiert, inwiefern die Marquise aus patriarchalen Abhängigkeitsverhältnissen ausbrechen kann, um zu einer Form der Selbstbestimmung zu gelangen, und welche Rolle die Rückkehr in das Elternhaus sowie die erneute Ehe für ihre persönliche Entwicklung spielen.
- Analyse der patriarchalischen Strukturen des frühen 19. Jahrhunderts
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Fremdbestimmung und Selbstfindung
- Betrachtung des elterlichen Einflusses auf die Identität der Protagonistin
- Evaluierung der Unabhängigkeit der Marquise im Verlauf der Erzählung
- Deutung der Heiratsentscheidung unter Berücksichtigung ihrer individuellen Entwicklung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Emanzipation und Prozess der Selbstfindung am Landgut
Diese Gesinnung wandelt sich jedoch bereits im Zuge der eiligen Abreise vom Elternhaus sehr schnell. Die Marquise verfügt nun wie aus heiterem Himmel, „mit dem ganzen Stolz der Unschuld gerüstet“ (MVO, S.167, Z.6f.), über das Selbstbewusstsein und die Kraft, ihre Kinder gegen den Willen des Vaters mit sich zu führen: „[…] sie lernt sich selbst als Persönlichkeit dadurch erst wirklich kennen;“. Durch ihr selbstsicheres Handeln, zu dem sie eben gerade durch den elterlichen Verstoß bewogen wird, empfindet sie trotz der prekären Situation eine „große Selbstzufriedenheit“. Diesen ersten Schritt in die vorübergehende umfassende Unabhängigkeit ohne „Schutz und moralische Unterstützung durch die Familie“ kennzeichnet Kleist als deutlichen Einschnitt, indem er der Marquise die Worte „unmenschlicher Vater“ (MVO, S.167, Z.4f.) in den Mund legt. Damit sind der Emanzipationsprozess und die – wenn auch nur vorübergehende – Loslösung von Vater und Mutter in Gang gesetzt: „Sie gerät dadurch in völlige soziale Isolation. Die räumliche und ‚mentale‘ Entfernung aus dem Bannkreis der Familie eröffnet ihr allerdings auch erst die Möglichkeit zu emanzipatorischer Selbstfindung“.
Im Folgenden legt Kleist in raffenden Zügen dar, dass sich die Marquise in sehr kurzer Zeit trösten und mit den neuen Umständen anfreunden kann (MVO, S.167, Z.10-26). Doch auch wenn sie sich hier „endlich nicht mehr als ‚Tochter‘ definiert“, sondern eigene Entscheidungen trifft, muss bereits an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass der Aktionismus vor allem in ihrem Inneren und in der sicheren Idylle ihres geschützten Landsitzes stattfindet: „Sie beschloß, sich ganz in ihr Innerstes zurückzuziehen […]. Sie machte Anstalten, […] ihren schönen […] Landsitz wieder herzustellen;“ (MVO, S.167). Bereits zu diesem Zeitpunkt deutet Kleist an, dass ihre Unabhängigkeit nur unter bestimmten Voraussetzungen besteht und unter Umständen lediglich von eingeschränkter Dauer sein wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Patriarchalisch geprägte Kleinfamilien-Strukturen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel skizziert das gesellschaftliche Umfeld und die Rolle des Vaters als unangefochtenes Familienoberhaupt, dem die Tochter zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet ist.
Kleists Marquise von O… und ihre Entwicklung von der Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung?: Hier wird die Ausgangslage der Witwe in der Obhut des Vaters beschrieben und die These aufgestellt, dass ihr Auszug den Prozess zur Selbstbestimmung einleitet.
Die Marquise von O als Teil der patriarchalischen Familienstruktur: Das Kapitel untersucht die tief verwurzelten Abhängigkeiten der Protagonistin von Vater und Mutter, die ihre Selbstbestimmung massiv einschränken.
Persönliche Entwicklung nach dem elterlichen Verstoß: Hier wird der Prozess der Emanzipation am Landgut beleuchtet und die bewusste Entscheidung der Marquise zur Öffentlichmachung ihres Schicksals analysiert.
Rückkehr in die Enge des Elternhauses: Das Kapitel beschreibt den Rückfall der Marquise in alte Abhängigkeitsmuster nach ihrer Versöhnung mit den Eltern.
Heirat mit dem Grafen, dem väterlichen „Rivalen“: Hier wird die Eheschließung als zweifelhafte Zweckgemeinschaft interpretiert, die trotz eines Heiratskontrakts die patriarchale Ordnung erneut festigt.
Selbständigkeit mit Einschränkungen: Das Fazit fasst zusammen, dass die Marquise zwar eine innere Reifung durchlaufen hat, ihre Unabhängigkeit jedoch durch gesellschaftliche und familiäre Zwänge begrenzt bleibt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Marquise von O…, Patriarchat, Fremdbestimmung, Selbstbestimmung, Emanzipation, Familienstruktur, Vaterfigur, Geschlechterrollen, Unabhängigkeit, 19. Jahrhundert, Literarische Analyse, Novelle, Aufklärung, Geschlechterdifferenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung der Titelfigur in Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O…“ unter dem Aspekt der Emanzipation gegenüber patriarchalen Strukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtverhältnisse innerhalb der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts, die Spannung zwischen elterlicher Autorität und individueller Freiheit sowie die psychologische Entwicklung der Marquise.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es zu untersuchen, ob der Emanzipationsprozess der Marquise, der mit ihrem Auszug auf den Landsitz beginnt, nachhaltig ist oder durch ihre Rückkehr in das Elternhaus und die erneute Eheschließung revidiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Textanalyse der Novelle unter Einbeziehung relevanter literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur zu Kleists Familienmodellen und zeitgenössischen gesellschaftlichen Normen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der familiären Abhängigkeitsverhältnisse, den Emanzipationsversuch am Landsitz, die Öffentlichmachung der Schwangerschaft und die abschließende Rückkehr in die familiäre Vormundschaft durch die Heirat.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Patriarchat, Fremdbestimmung, Selbstbestimmung, Emanzipation und das Rollenverständnis der Frau in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts.
Warum wird die Heirat mit dem Grafen als „Zweckehe“ bezeichnet?
Die Arbeit argumentiert, dass die Heirat durch den Vater initiiert wurde und unter Bedingungen (Heiratskontrakt) zustande kam, die eher dem Schutz der familiären Ehre als einem emanzipatorischen Akt entsprechen.
Welche Rolle spielt die „Gartenszene“ für die These der Arbeit?
Die Szene dient als Beleg für die neu gewonnene Selbstsicherheit der Marquise, da sie hier erstmals ein Aufbegehren gegenüber dem Grafen zeigt, das in ihrer früheren, unterwürfigen Rolle undenkbar gewesen wäre.
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- Raphaela Maier (Autor), 2014, Kleists "Marquise von O…" zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378985